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Full text of "Ein jahrhundert kunstarchäologischer entdeckungen"

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THE GETTY RESEARCH INSTITUTE LIBRARY 
Halsted VanderPoel Campanian Collection 



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EIN JAHRHUNDERT 

KUNSTARCHÄOLOOISCHER 

ENTDECKUNGEN 




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ADOLF MICHAELIS 



EIN JAHRHUNDERT 

KUNSTARCHÄOLOOISCHER 

ENTDECKUNGEN 



ZWEITE AUFLAGE 

MIT EINEM BILDE C. T. NEWTONS 




VERLAG VON E. A. SEEMANN IN LEIPZIG 
1908 



Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten 



Druck von Ernst Hedrich Nachf., O. m. b. H., Leipzie 



THE GETTY CENTER 
LIBRARY 



MEINEN LIEBEN JUGENDFREUNDEN 
UND STUDIENGENOSSEN 

ALEXANDER CONZE 

(BERLIN - ITALIEN - GRIECHENLAND) 
UND 

EUGEN PETERSEN 

(KIEL — BONN — ROM) 

IN LIEBE UND TREUE 
GEWIDMET 



AUGUST 1905 



VORWORT 




] ies Büchlein gab, als es zuerst vor zwei Jahren unter 
dem Titel »Die archäologischen Entdeckungen des neun- 
zehnten Jahrhunderts« erschien, im wesentlichen den In- 
halt einer Vorlesung wieder, die ich im Winter 1904/5 gehalten 
hatte. Dabei hatte ich die Grenzen des vorigen Jahrhunderts 
gelegentlich überschritten. Dies gilt auch für die neue ergänzende 
und berichtigende Auflage, deren veränderter Titel diesem Über- 
greifen in das zwanzigste Jahrhundert gerecht werden soll. Aller- 
dings muß ich bemerken, daß die Durchsicht des Buches schon 
im Mai 1907 abgeschlossen war und der Druck demnächst er- 
folgte. Eine langwierige Erkrankung hat die Ausgabe des Buches 
so lange verzögert und die Berücksichtigung dessen, was seitdem 
entdeckt und erforscht worden ist, unmöglich gemacht. 

Die »Archäologie des Spatens« und ihre Ergebnisse bilden 
den Gegenstand der Darstellung. Dabei ist »Archäologie« durch- 
weg im Sinne von »Kunstarchäologie« gefaßt; Kulturerzeugnisse 
ohne ausgesprochenen Kunstcharakter werden nur gelegentlich 
herangezogen. Aus dem gleichen Grunde blieb die Epigraphik 
ausgeschlossen, Münzen und Gemmen dagegen nur deshalb, weil 
sie sich nicht wohl unter den Gesichtspunkt der Entdeckungen 
bringen lassen. Eine andere Einschränkung beruht darauf, daß 
meine eigenen Studien sich nur auf die Kunst der klassischen 
Völker erstrecken und ich die übrigen Gebiete meist nur aus 
zweiter Hand kenne. Daher die Verschiedenheit der Behandlung. 
Für mich war die Hauptsache, das Aufkommen und die Aus- 
breitung und Vertiefung unserer Kenntnis der griechischen 
Kunst zu schildern. 



VIII Vorwort 

Die Blätter zu veröffentlichen hat mich vor allem der auf- 
fallende Umstand veranlaßt, daß der anziehende Gegenstand noch 
keine zusammenfassende Schilderung gefunden hat. In diese 
Lücke einzutreten schien mir die Aufgabe eines Archäologen zu 
sein, der an den Ausgrabungen keinen eigenen Anteil hat nehmen 
können, aber seit einem halben Jahrhundert diesen Unternehmungen 
mit Interesse gefolgt ist und auch darüber hinaus noch einige 
unmittelbare Kunde hat gewinnen können. Hinter den Schnittern 
muß auch der Garbenbinder seines bescheidenen Amtes walten. 
Sollten die deutschen Ausgrabungen und Forschungen in der 
Darstellung bevorzugt erscheinen, so liegt der Grund nur darin, 
daß mir hier die Quellen reichlicher flössen. 

Als Leser habe ich mir nicht sowohl die Archäologen von 
Beruf, denen ich kaum Neues zu bieten habe, gedacht, sondern 
teils Studenten der Altertumswissenschaft, vor allem aber den 
größeren Kreis derer, die sich ein Interesse für antike Kunst 
bewahrt haben. Hauptsächlich aus diesem Grunde ist in der 
neuen Auflage die der ersten beigegebene »Quellenangabe« als 
entbehrlich fortgeblieben. Andrerseits sind diesen Lesern zu- 
liebe behufs bequemer Orientierung am Rande kurze Hinweise 
auf Abbildungen hinzugefügt worden, soweit diese entweder in 
dem von mir umgearbeiteten »Handbuch der Kunstgeschichte des 
Altertums« von Anton Springer (8. Auflage, 1907) oder in Franz 
Winters »Kunstgeschichte in Bildern« (Band I, 1900) bequem zur 
Hand sind. Auf die Abbildungen des ersten verweisen die Zahlen 
am rechten, auf die Tafeln der letzteren die Zahlen am linken 
Rand; eine vergleichende Tabelle am Schlüsse des Bandes soll 
den Besitzern älterer Auflagen des »Handbuches« deren Benutzung 
ermöglichen. 

Bei der neuen Auflage habe ich viele Winke und Ratschläge 
von Freunden und Kritikern mit Dank benutzt; besonders bin 
ich den Herren Sal. Reinach, Dr. Borchardt und Dr. Messerschmidt 
für wertvolle Mitteilungen (zu S. 204 ff. 254 ff. 261 ff.) zu Dank 
verbunden. Einen besonderen Schmuck erhält die neue Auflage 
durch das schöne Bildnis C. T. Newtons, das dem Buche hat 
vorgesetzt werden können. Die Zeichnung ist von Newtons 



Vorwort IX 

kunstfertiger Gattin bald nach seiner Rückkehr aus dem Süden 
angefertigt worden. Gern spreche ich auch hier der Besitzerin 
der Originalzeichnung, Frau Furneaux in Oxford, einer Schwester 
Frau Newtons, für die gütigst gewährte Erlaubnis zur Veröffent- 
lichung, sowie dem freundlichen Vermittler, meinem Freunde 
Herrn Sidney Colvin in London, meinen herzlichen Dank aus. 
Es möge gestattet sein, einige Worte aus Newtons Schreiben 
vom 2. Februar 1877, mit dem er der Straßburger Philosophischen 
Fakultät für den ihm verliehenen Doktorgrad dankte, mitzuteilen: 
»/^ isfrom Germany that I always sought that sound and thorough 
information on every branch of archaeological and philological study 
which no other coantry has produced in this generation; it is to 
Germany that I have always looked for encouragement and for 
appreciation of laboar which has occupied me for many years and 
which I now feel not to have been in vain.« 

Straßburg, Februar 1908. AD. MICHAELIS 



In neugriechischen Namen ist e (y)) und ei wie i, b wie w aus- 
zusprechen. 



INHALT 

Seite 

I. Unsere Kenntnis antiker Kunstwerke bis zum Schlüsse 
des 18. Jahrhunderts 1 

Kunstwerke im mittelalterlichen Rom. — Die Samm- 
lungen im 16., 17. und 18. Jahrhundert. — Zerstreuung 
römischer Antiken. — Das Kapitolinische Museum. — 
Winckelmann. — Herculaneum. Pästum. — Die Society 
of Dilettanti. Stuart und Revett. — Das Pioclemen- 
tinische Museum. 

II. Die napoleonische Zeit 13 

Die Entdeckung Ägyptens. — Pompeji. — Das Mus^e 
Napoldon. 

III. Die Wiedergewinnung Griechenlands 26 

Lord Elgin und britische Reisende. — Ägina und 
Bassä. — Das Britische Museum. — Sicilien. — Die 
Aphrodite von Melos. — Das befreite Griechenland. 

IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 54 

Die römischen Hyperboreer. Eduard Gerhard. — Wand- 
gemälde etruskischer Gräber. — Griechische Vasen. — 
Das Alexandermosaik und andere Einzelfunde. — Die 
Sammlung Campana. — Das Archäologische Institut. — 
Die Katakomben. 

V. Entdeckungen im Osten 82 

Ägypten. — Assyrien. — Lykien. — Charles Newton: 
Mausoleum, Knidos, Branchidä. Ephesos. — Napo- 
leon III.: Kleinasiatische Felsreliefs, Makedonien, Thasos. 

— SüdruBland. 

VI. Griechische Heiligtümer 106 

Rückblick. Neue Ziele. — Samothrake, Kabirion. — 
Delos. — Olympia. — Dodona, Asklepieion, Amphiara- 
eion, Eleusis, Epidauros. — Kos, Tenos, Heräon, Ägina. 

— PtoTon, Delphi. — Ergebnisse. 



Inhalt XI 

V». Antike Städte 153 

Pompeji. — Pergamon. — Ägä, Assos, Neandreia, 
Lesbos, Smintheion, Myrina. — Magnesia, Priene, Milet, 
Samos. — Lykien, Pamphylien, Pisidien. — Ephesos. 

— Thera, Lindos. — Ergebnisse. 

VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 200 

Geometrischer Stil. — Prähistorische Forschung. — 
Heinrich Schliemann : Troja, Mykenä, Tiryns. — Home- 
rische Kunst. — Kreta. 

IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern . . 228 

Griechenland: Ionische Vasen. — Tanagra. — Die 
Archäologische Gesellschaft in Athen. — Die Auf- 
deckung der Akropolis. — Andere griechische Fund- 
stätten. — Italien: Griechische Tempel. Altionische 
Skulpturen. — Altitalische Tempel. — Römische Funde. 

— Pompeji, Boscoreale, Berthouville, Lauersfort, 
Hildesheim. 

X. Einzelentdeckungen in den Außenländern .... 254 

Ägypten, Abessinien. — Babylonien, Sendschirli, Palästina. 

— Persien. — Gräber: Kypros, Sidon, Petra, Nemrud 
Dagh, Sardes, Gordion. — Baalbek. — Nordafrika, 
Spanien. — Die nördlichen Provinzen. 

XI. Entdeckungen und Wissenschaft 288 

Die ältere Archäologie. — Bedingungen einer neuen 
Betrachtungsweise. — Stilistische Analyse. — Beispiele 
neuer Ergebnisse: Skulptur, Malerei, Baukunst. — 
Schlu ßbetrachtung. 

Chronologische Übersicht 334 

Register 344 

Vergleichung der Abbildungen in der 8. Auflage von 
Springer-Michaelis »Handbuch« mit denen der 
7. und 6. Auflage 362 



I 

UNSERE KENNTNIS ANTIKER KUNSTWERKE 

BIS ZUM SCHLÜSSE DES ACHTZEHNTEN 

JAHRHUNDERTS 



enn sich auch am Schlüsse des vergangenen Jahrhunderts 
die Gunst des weiteren Pubhkums, wenigstens in Deutsch- 
land, mehr und mehr den Altertumsstudien entfremdet 
hat, so trifft doch dieser Wandel des Interesses in geringerem 
Maße die Archäologie, da auf dem Gebiete der antiken Kunst 
Jahrzehnte hindurch eine bedeutende Entdeckung der anderen ge- 
folgt ist und auch weitere Kreise zu fesseln vermocht hat. In der 
Tat darf man die Archäologie zu den Eroberungswissenschaften 
des 19. Jahrhunderts zählen, denn nie vorher ist mit solchem 
Eifer und so zielbewußt dahin gestrebt worden der Erde ihre 
Schätze alter Kunst wieder abzugewinnen, und nie vorher hat ein 
so reicher und so mannigfacher Ertrag die Arbeit des Spatens 
belohnt. Die letzten Phasen dieser Tätigkeit stehen dem heutigen 
Geschlechte noch in lebendiger Erinnerung, aber es wäre unrecht 
darüber die Mühen und Erfolge früherer Generationen zu ver- 
gessen, die bis an den Anfang des Jahrhunderts zurückreichen. 
Diese ganze Forscherarbeit den Lesern vor Augen zu stellen ist 
der Zweck der folgenden Blätter. Es sollen darin wenn auch 
nicht alle, so doch alle erheblichen Entdeckungen des 19. Jahr- 
hunderts auf diesem Gebiet an ihren Platz gestellt werden. Aber 
nicht auf die Einzelentdeckungen soll das Hauptgewicht fallen, 
sondern es gilt den an ihrer Hand gemachten Fortschritt in unserer 
Kenntnis der gesamten antiken Kunst aufzuzeigen und klar zu 
machen, wie jede Entdeckung die Wissenschaft nicht bloß mit 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Fnideckungen. 1 



2 I. Unsere Antikenkenntnis vor 1800 

neuen Kenntnissen bereichert und gefördert, sondern auch ihr 
beständig neue Probleme gestellt hat. 

Um den ebenso dem Umfang wie der Art des Stoffes nach 
völlig veränderten Zustand unserer Kenntnisse und Anschauungen, 
wie sie sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts entwickelt haben, 
deutlich zu machen, wird es am geeignetsten sein kurz zu schildern, 
wie es damit bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts bestellt war. 
Wir müssen bis in die ersten Zeiten der Wiederentdeckung der 
antiken Kunst, bis in die Zeit der Renaissance zurückgehen. 
Dabei liegt es in den gegebenen Verhältnissen, daß zunächst Rom 
im Mittelpunkte der Betrachtung stehi 



Aus den Überresten einer alten Beschreibung der Stadt Rom, 
die bis in Kaiser Konstantins Zeit zurückreicht, erfahren wir, daß 
bald nach Beginn des 4. Jahrhunderts, ehe Rom zugunsten Kon- 
stantinopels geplündert und in den Wirren und Nachwehen der 
Völkerwanderung wieder und wieder verwüstet ward, die Stadt 
noch eine schier unglaubliche Masse öffentlich aufgestellter Statuen 
besaß. Zwei Kolosse von ungewöhnlicher Größe (der eine maß 
34 Meter) und 22 große Reiterstatuen werden aufgezählt, femer 
80 vergoldete und 73 goldelfenbeinerne Götterbilder, dazu 3785 
eherne Bildnisstatuen (die marmornen werden gar nicht einmal 
genannt) — wo bleiben da unsere Siegesalleen und unsere denk- 
malfreudigsten Städte! Wenn wir nun aber am Ausgange des 
Mittelalters, um die Mitte des 15. Jahrhunderts, einen Hauptver- 
treter der Renaissance, Poggio Bracciolini, befragen, so vernehmen 
wir die laute Klage, daß von allen den zahllosen Herrlichkeiten 
nur noch fünf Marmorstatuen, vier auf dem Monte Cavallo und 
85 eine am Forum, und die eine eherne Reiterstatue übrig seien, in 853 
der man damals meistens Konstantin, der gelehrte Poggio da- 
gegen richtig einen älteren römischen Kaiser (mit Unrecht freilich 
Septimius Severus statt Marcaureis) erblickte. Dazu kamen die 
gewahigen Baureste, die für die Renaissance vorbildlich werden 
29 f. sollten, vor allem das Pantheon, das Colosseum und das Mar- 839 

823 

26 cellustheater, die mächtigen Gewölbe der Thermen Caracallas, 76i 



Antiken im mittelalterlichen Rom 3 

31 Diocletians und Konstantins, Reste von Tempeln, Säulen, Ehren- sss 
bögen usw. 

In seinen Bauwerken zeigte sich das alte Rom noch immer 
von seiner großartigen Seite. Aber auch auf dem Gebiete der 
Plastik stand es nicht ganz so schlimm, wie wir nach Poggios 
etwas rhetorisch zugespitzten Klagen erwarten sollten. Gab es 
doch damals drei Orte in Rom, an denen sich antike Bildwerke 
angesammelt hatten, zum Teil Werke, die nie unter die dichte 
mittelalterliche Schuttdecke geraten waren. 

Auf dem Quirinal standen noch auf ihrer spätantiken Basis 
die großen Marmorbilder der Dioskuren neben ihren Pferden, die 
dem Berge den Namen Monte Cavallo gaben. An sie und ihre 
inschriftlich bezeugten Urheber Phidias und Praxiteles hatte sich 
mittelalterliches Sagengespinst angesetzt, das auch einen Brunnen 
und eine von einer großen Schlange umwundene Frauenstatue 
mit umwob. An die Basis der beiden Kolosse aber war eine 

86 Halle angeklebt, mit drei Statuen Konstantins und seiner Söhne 
geschmückt, die wahrscheinlich aus den benachbarten Thermen 
Konstantins stammten. Die Halle diente zum Rechtsprechen; hier 
wie anderswo brachte der Aberglaube Werke der Vorzeit, die 
man mit einer gewissen unheimlichen Scheu betrachtete, in Ver- 
bindung mit Gerichtsgebräuchen. Endlich gehörten auch zwei 
kolossale liegende Flußgötter, vermutlich Reste vom Schmuck einer 
großen Brunnenanlage Trajans (heutzutage schmücken sie die 
Treppe des Kapitolspalastes), zu dem Antikenbestande des Monte 
Cavallo; zugleich mit den Dioskuren zählten sie zu den Wahr- 
zeichen Roms, deren Andeutung auf den alten Stadtbildern oder 
Stadtplänen nicht leicht fehlt. 

Eine Sammlung ganz anderer Art umgab den päpstlichen 
Palast am Lateran. Hier stand auf dem weiten, freien Platze 

85 jenes eherne Reiterstandbild Marcaureis, in dem bald die Volks- 353 
sage den Ritter oder den großen Bauer erblickte, der einst vor 
dem benachbarten Tor einen orientalischen Fürsten durch List 
gefangen genommen und dadurch Rom gerettet habe, bald deutete 
man den Reiter auf Konstantin, den Begründer des staatlichen 
Christentums. Auch dies Bildwerk war im 10. Jahrhundert Zeuge 



'4 J« Unsere Antikenkenntnis vor 1800 

gerichtlicher Vorgänge gewesen; einmal hatte man einen rebelli- 
schen Stadtobersten vor dem Pferd aufgehängt, ein andermal die 
Leiche eines Gegenpapstes daneben hingeworfen. Ebenso er- 
fahren wir, daß ein anderes lateranisches Erzwerk, die berühmte 
Wölfin, außen an einem Turm des Palastes aufgestellt, im Mittel- 339 
alter eine gewöhnliche Gerichtsstätte bezeichnete; eine alte Ab- 
bildung stellt daher die Wölfin umgeben von zwei abgehauenen 
39 Händen dar. Der Dornauszieher, der Opferdiener (Camillus), ein 
Kolossalkopf und eine Weltkugel vervollständigten die lateranische 
Sammlung von Erzwerken; vermutlich hatten sie alle, ohne unter 
die Erde zu geraten, die Zerstörungen des Mittelalters überdauert. 

Auch das Kapitol besaß schon im Mittelalter seine Antiken- 
sammlung. Auf dem Kapitolsplatze, der damals der Stadt als 
Marktplatz diente, standen die Grabsteine der Gemahlin und eines 
Sohnes des Germanicus, die, aus dem Mausoleum Augusts her- 
vorgeholt, nunmehr mit ihrer Höhlung als städtische Normal- 
maße für Korn und Salz dienten. Auf der Treppe zum Kapitols- 
palast mit seinem großen Gerichtssaale bot die von Michelangelo 
bewunderte Gruppe des ein Pferd zerreißenden Löwen (heute im 
oberen Hofe des neuen kapitolinischen Museums aufgestellt) ein 
Symbol strafender Gerechtigkeit. Hier wurden die Todesurteile 
verkündet, die meistens auf dem nahen tarpejischen Felsen voll- 
streckt wurden; Cola di Rienzi fand 1354 seinen Tod unmittelbar 
an der Löwengruppe. Sarkophagreliefs säumten die große Treppe 
zur Kirche Araceli. Neben ihrem Seiteneingange stand ein Obe- 
lisk; unten am Forum lag der Flußgott, der als Marforio zu- 
sammen mit Pasquino später seine Rolle im römischen Volksleben 
spielen sollte. 

So erinnerten diese drei hochgelegenen Plätze an die antike 
Skulptur. Einzelne Werke gab es auch sonst noch hie und da 
öffentlich aufgestellt oder in Kirchen geborgen; manche Straßen- 
namen erinnern noch heute an Antiken, denen sie ihren Ursprung 
verdanken. Aber freilich, was wollte das alles heißen gegenüber 
der ehemaligen Fülle! 

Erst in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts erwachte 
in Rom der Sammeleifer, der in Florenz schon etwas früher,^ 



Roms Antiken im Mittelalter und im Cinquecento 5 

wenn auch mit geringerem Erfolg, aufgekommen war. Die Über- 
weisung der lateranischen Erzwerke an das Kapitol durch Papst 
Sixtus IV. legte 1471 den Grund zu der dortigen Sammlung, die 
allmählich wuchs und namentlich den öffentlichen historischen 
Bildwerken des alten Rom Unterkunft bot, 1506 richtete Sixtus 
Neffe, Julius II., den Statuenhof im belvederischen Lusthause des 
58 vatikanischen Palastes ein; die berühmten Meisterwerke, der Apoll, 520 

71 der Laokoon, die Ariadne, wenig später Nil und Tiber, der Torso, 694 
75 rückten hier den künstlerischen Gesichtspunkt in den Vordergrund. 

Dem Beispiele der Päpste folgten zunächst die Kardinäle (Valle, 
Cesi, Grimani, Carpi usw.), später auch andere Große. Um den 
kostbaren Besitz zu mehren, wurden vielfach eigene Ausgrabungen 
angestellt; in den Caracallathermen traten zur Zeit Pauls III. die 

72 große Stiergruppe und der kolossale ausruhende Herakles ans 693 
Licht und kamen in den Besitz der päpstlichen Familie Farnese. 
Julius III. war der letzte Papst, der seinen humanistisch-antiquarischen 
Neigungen in der Villa Papagiulio ein Denkmal setzte. Dann 
trat die kirchliche Reaktion ein. Der belvederische Statuenhof ward 
geschlossen. Seltener fanden sich Kardinäle, die, wie Ferdinando 
de' Medici, Ippolito d'Este, der Kardinal Montalto (Sixtus V.), ihre 
Villen zu Schatzkästen antiker Kunst ausgestalteten (der Mediceer 

60 erwarb unter anderem die Niobegruppe). Dafür erwachte in bürger- sis 
liehen Kreisen der Wetteifer; verschiedene Mitglieder der Familie 
Mattei ragen darunter hervor. Aber nicht bloß in großen Samm- 
lungen fanden sich die Antiken zusammen, sondern ein großer 
Teil der immer frischen Ausbeute des Bodens verteilte sich in 
dekorativer Verwendung durch die Stadt: Fassaden, Höfe, Treppen, 
Galerien, Säle, Brunnen schmückten sich mit Statuen, Büsten, 
Reliefs, Sarkophagen, die durch die Art, wie sie angebracht waren, 
sich der zeitgenössischen Kunst anschmiegten und so erneutes 
Leben gewannen. 

Auch das 17. Jahrhundert ist noch eine Zeit eifrigen Suchens 
und Sammeins. Bleibt auch der belvederische Statuenhof nach 
wie vor in einen Dornröschenschlaf versunken, seine kostbaren 
Statuen hinter hölzernen Stalltüren verborgen, so entbehrt doch 
keine Papstregierung der Sammellust eines Kardinalnepoten, und 



6 I. Unsere Antikenkenntnis vor 1800 

in ununterbrochener Folge füllen sich die Paläste und Villen der 
Aldobrandini, Borghese, Ludovisi, Barberini, Pamfili, Chigi usw. 
mit Antiken. Über welche Einflüsse ein Kardinalnepot verfügte, 
davon gibt Kardinal Ludovico Ludovisi ein erstaunliches Beispiel, 
indem er binnen Jahresfrist (1622/23) eine Sammlung von mehr 
als 300 Antiken zu bilden wußte — und was für eine Samm- 
lung! Vielleicht die vornehmste, die Rom je gesehen hat, die 
70 griechische Originalwerke wie den sterbenden Gallier und die 677 
zugehörige Galliergruppe umfaßte! Es war schwer, mit den all- 678 
mächtigen Papstfamilien zu wetteifern, und doch gelang es bei- 
spielsweise den Giustiniani aus Genua, binnen kurzer Zeit drei 
bedeutende Sammlungen anzulegen, in ihrem städtischen Palaste 
beim Pantheon und in ihren beiden Villen am Lateran und vor 
Porta del Popolo. Auch gründete Papst Innocenz X., dessen 
Züge Velasquez in seinem meisterhaften Bilde festgehalten hat, 
um die Mitte des Jahrhunderts das neue kapitolinische Museum, 
und der gelehrte Jesuitenpater Athanasius Kircher aus Fulda legte 
den Grund zu der kostbaren Sammlung italischer Altertümer im 
Palaste seines Ordens, dem Collegium Romanum. 

So hatten sich zwei Jahrhunderte lang ungezähhe Antiken 
in Rom angesammelt, während von Funden außerhalb Roms 
wenig verlautet. Im Gegenteil hatte Rom schon früh angefangen 
von seinen Schätzen nach auswärts zu spenden. Venedig, Paris 
und Madrid, München und Prag waren in den Besitz römischer 
Antiken gelangt; auch hatte Florenz bereits damit begonnen die 
berühmtesten Statuen der Villa Medici an den Arno herüberzuholen. 
Aber mit ganz neuem Nachdruck setzte diese zentrifugale Bewegung 
im 18. Jahrhundert ein. Die römischen Familien verarmten mehr 
und mehr und schätzten die ererbten Antiken als ein Mittel ihre 
Finanzen zu verbessern. Die Giustiniani begannen, Chigi und 
Albani folgten. Zunächst bildeten die Höfe von Madrid und 
Dresden die Käufer, bald aber traten vor allen reiche Engländer 
auf den Plan und legten durch Vermittelung von Kunsthändlern 
den Grund zu größeren oder kleineren Sammlungen, die auf den 
Landsitzen Großbritanniens sich der Kenntnis und Benutzung der 
Kunstfreunde entzogen. Andere Schätze folgten ihren Besitzern 



Roms Antiken im Iß. und 17. Jahrhundert. Winckelmann 7 

ins Ausland; die farnesischen Antiken siedelten nach Neapel, die 
Masse der mediceischen nach Florenz über. So ward freilich 
die Anschauung antiker Bildwerke über den Bereich Roms hinaus 
verbreitet, Rom selbst aber lief Gefahr seine alte Alleinherrschaft 
auf diesem Gebiete zu verlieren. Dieser Gefahr vorzubeugen 
sollte die neue Ausgestaltung und Bereicherung des kapitolinischen 
Museums dienen, das im Jahre 1734 neueröffnet ward, vorzugs- 
weise das Werk zweier Päpste, Clemens XII. und Benedicts XIV., 
und ihrer energischen Ratgeber. Ihm schloß sich ein Menschen- 
alter später die einzige private Neuschöpfung dieses Jahrhunderts 
an, die Villa des Kardinals Albani, mit ihren ebenso auserlesenen 
wie geschmackvoll über alle Räume verteilten antiken Bildwerken. 
Das war im großen ganzen der Antikenbesitz, über den 
Winckelmann verfügte, als er um die Mitte des 18. Jahrhunderts 
nach Rom kam und den bisher ungeordneten Stoff zu seiner 
Kunstgeschichte zusammenfügte. Die römischen Sammlungen 
boten ihm fast das ganze Material. Aber was war es, das sie 
enthielten? Einige wenige Originalwerke aus spätgriechischer Zeit, 

70 wie die Galliergruppen und den Laokoon; eine Reihe charak- 677 
teristischer Reliefs, Statuen und Büsten aus der römischen Kaiser- 
zeit — alles andere waren keine Originale, sondern römische 
Kopien griechischer Werke aus den verschiedensten Epochen, 
zum großen Teil Arbeiten geringer Kunsthandwerker, aus denen 
Charakter und Reiz der zugrunde liegenden Originale nur schwer 
zu entnehmen waren. Selbst so berühmte Werke wie der bel- 

58 vederische Apollon hoben sich doch nur durch den Grad der 520 
Güte der Nachbildung aus der Masse hervor. Und all das war 
zerstreut über die verschiedenartigsten Aufbewahrungsorte, oft in 
wahren Schlupfwinkeln verborgen, so daß eine vergleichende 
Betrachtung überaus erschwert war. Auch die Nachrichten der 
alten Schriftsteller über antike Kunst lagen nirgend geordnet vor, 
sondern mußten ebenfalls erst aus allen Ecken zusammengesucht 
werden; nur für die Künstler selbst gab es einen Künstlerkatalog 
von Junius. Bedenkt man dies alles, so treten alle Unvollkommen- 
heiten in Winckelmanns Kunstgeschichte zurück vor der staunen- 
den Bewunderung, daß es dem Feuereifer, dem eindringenden 



8 I. Unsere Antikenkenntnis -vor 1800 

Kunstverständnis und der aus dem bunten Schein und aller 
Entstellung zum inneren Sein und zu dessen geschichtlichem 
Zusammenhange hindurchdringenden Sehergabe des märkischen 
Schustersohnes binnen weniger Jahre gelang, seinen Bau aus 
solchem Material haltbar und auf längere Zeit ausreichend auf- 
zuführen. 



Indessen an zwei Stellen hatte doch Winckelmann über den 
römischen Gesichtskreis hinausblicken können. Im königlichen 
Palaste zu Portici wurden in ängstlicher und eifersüchtiger Hut 
die Schätze aufbewahrt, die der Boden von Herculaneum ge- 
spendet hatte. Bekanntlich war den ersten Nachgrabungen im 

81 Jahre 1711, denen die »Herculanerinnen« in Dresden entstammen, 804 
bald ein Verbot gefolgt diesen Spuren weiter nachzugehen. Erst 
im Jahre 1738 nahm die Regierung selbst die Ausgrabungen 
wieder auf und setzte sie nun über ein Viertel Jahrhundert, bis 
1766, fort. Den Glanzpunkt bezeichnete um 1753 die Aufdeckung 
der Villa dei papiri, in der nicht bloß die Bibliothek des für 
epikureische Philosophie interessierten Besitzers, sondern auch etwa 
hundert Werke der Plastik zum Vorschein kamen, neben Marmor- 
werken namentlich eherne Statuen und Büsten. Handelte es sich 
auch hier wiederum nur um Kopien älterer Werke, so bot doch 
die bisher nirgends geschaute Menge von Erzbildem einen ganz 
neuen Eindruck und wies nachdrücklich darauf hin, wie unvoll- 
kommen das Erz der Originale in den üblichen Marmorkopien 
zu seinem Rechte kommt. Außerdem aber eröffnete die Fülle 
antiken Erzgerätes einen Einblick in die reiche Formenschönheit, 
mit der das antike Kunsthandwerk das ganze Leben einer alten 
Stadt, selbst einer Provinzialstadt zweiten oder dritten Ranges, ge- 
schmückt hatte. Nicht minder erschlossen die Malereien der 
Wände, die rein dekorativen sowohl wie die größeren Gemälde, 
der Forschung ein ganz neues Feld. Denn wie weniges der Art 
bot Rom: einige verloschene Reste in den sogenannten Titus- 8i6ii7 
thermen (richtiger dem Goldenen Hause Neros) und die soge- 

95 nannte aldobrandinische Hochzeit! Somit gewährten die Alter- ix 



Herculaneum. Pästum. Griechenland 9 

tümer von Herculaneum nach verschiedenen Seiten Eindrücke und 
Aufschlüsse, welche den engen Kreis römischer Anschauungen 
ganz wesentlich erweiterten. Ein großes Kupferwerk machte diese 
neue Welt bald weiten Kreisen zugänglich. Eines freilich hatte 
Herculaneum nicht bieten können, das zusammenhängende Bild 
einer antiken Stadt. Dazu war die zu Stein verhärtete Aschen- 
decke zu dicht; sie erlaubte nur hie und da ein einzelnes Stück 
der alten Stadt in der Tiefe zu untersuchen und seine Schätze 
wie aus einem Bergwerk ans Licht zu fördern. 

Über Neapel hinaus hatte Winckelmann noch einen Schritt 
12 weiter gen Süden getan, nach Pästum mit seinen alten Tempeln, 250/51 

331 

das erst kurz zuvor entdeckt worden war, so offen es auch vor 
Aller Augen lag. Hier hatte er sich das erste und einzige Mal 
in seinem Leben auf griechischem Boden befunden, griechische 
Architektur geschaut Mit der Klarheit seines Blickes und der 
Wärme seines Empfindens hatte er die Orundverschiedenheit 
griechischer und römischer Baukunst alsbald erfaßt, und was er 
hier auf einem Gebiete griechischer Kunst erkannt hatte, das hellte 
ihm auch andere Seiten derselben Kunst auf. Zum erstenmale 
hielten die ernsten, einfach großen Gebilde der älteren griechischen 
Kunst ihren Einzug in den Bereich geschichtlicher Kunstbetrach- 
tung. Wir erkennen in Goethes italienischer Reise, wo er Pästum 
besucht, den gleichen überwältigenden Eindruck einer Erscheinung 
wie aus einer anderen, bisher nur geahnten Welt; vollends in 
Sicilien, das Winckelmann nicht besucht hat, fühlte sich Goethe 
ganz griechisch, ganz homerisch angeregt. 

Indessen war die griechische Kunstwelt schon damals nicht 
ganz unerschlossen. Eben um die Mitte des Jahrhunderts be- 
gannen Kleinasien und Griechenland in den Gesichtskreis der 
gebildeten Welt zu treten. Beidemale war es England, von wo die 
Erkundung ausging. Dort hatte schon zur Zeit Karls L Lord 
Arundel seinen Blick auf Griechenland gerichtet, und findige 
Agenten waren für ihn tätig gewesen um griechische Skulpturen 
für seine Sammlung zu erwerben, die dann ungünstige Schick- 
sale erlebte, bis sie schließlich zum größten Teil sich in Oxford 
wieder zusammenfand. Etwa hundert Jahre später ward 1733 in 



10 I. Unsere Antikenkenntnis vor 1800 

London von vornehmen Herren die Society of dilettanti ge- 
gründet, zunächst um gemeinsame Erinnerungen an Italien und 
die übrigen Länder des üblichen grand tour zu pflegen, bald 
aber auch um ihre Unterstützung ernsteren Unternehmungen zu- 
zuwenden. Zu den Kreisen der Dilettanti gehörten fast alle jene 
Sammler, die in Rom einen großen Teil der antiken Kunstwerke 
aufkauften um ihre englischen Landsitze damit zu schmücken. 
Zu den Dilettanti gehörten aber auch James Dawkins und Robert 
Wood, die um die Mitte des Jahrhunderts zuerst die Ruinen 
von Palmyra und Baalbek, jene großartigen Schöpfungen sss/s 
orientalisch-römischer Baukunst im 2. und 3. Jahrhundert nach 
Christo, der kunstsinnigen und wissenschaftlichen Welt zugänglich 
machten. 

Wichtiger noch ward eine andere Expedition, die um die 
gleiche Zeit von England ausging um Athen wiederzugewinnen. 
Athen war während des ganzen Mittelalters fast verschollen ge- 
wesen. Der Besuch des Marquis de Nointel, des französischen 
Botschafters bei der Hohen Pforte, im Jahre 1674, dem wir die 
44 fälschlich unter dem Namen Carreys bekannten Zeichnungen ver- 399 
danken, und die Reise des Lyoner Arztes Jakob Spon und seines 
Gefährten George Wheler im Jahre 1676 hatten gerade noch 
rechtzeitig stattgefunden, um uns manche Kunde aufzubewahren, 
die sonst mit dem unglückseligen Bombardement der Akropolis 
durch Morosinis Truppen im Jahre 1687 ganz verloren gegangen 
wäre. Wieder war Athen ganz in das Dunkel zurückgetreten, 
bis 1751 der Maler James Stuart und der Architekt Nicholas 
Revett dorthin kamen um die bisher nie ordentlich erforschten 
Reste der Baukunst und Skulptur in dreijähriger Arbeit zu ver- 
messen und abzuzeichnen. Damals stand noch manches aufrecht, 
was seitdem verschwunden ist (z. B. der ionische Tempel am 220 
Ilissos, das Monument des Thrasyllos an der Akropolis); anderes 
war besser erhalten als heute. Stuarts und Revetts athenische 
Unternehmung war der ergebnisreichste und wichtigste aller bis- 
herigen Entdeckungszüge; sie würde aber ganz anders gewirkt 
haben, hätte sich nicht die Herausgabe des großen Werkes der 
Antiquities of Athens so überaus lange hinausgezögert: von den 



Athen und lonien. Das vatikanische Museum 1 1 

beiden Athen behandelnden Bänden erschien der eine erst 1790, 
der andere gar erst 1816. Kein Wunder, wenn die Dilettanti, 
die die Herausgabe unterstützten, ungeduldig wurden und 1764 
auf ihre Kosten eine »ionische« Expedition entsandten, der außer 
Revett der Gelehrte Richard Chandler und der vortreffliche Zeichner 
William Pars angehörten. Ihr verdanken wir außer einer athe- 
nischen Nachlese die erstai Aufnahmen von Tempelresten an der 
ionischen Küste Kleinasiens (in Samos, Priene, bei Milet), eine 
bedeutente Erweiterung unserer Kenntnis der ionischen Baukunst. 
Auch die dorischen Tempelruinen auf Ägina und auf Kap Sunion 
traten ans Licht. So ergänzten die Anüquities of lonia in er- 
wünschtester Weise das ältere Werk, und indem ihre beiden 
Bände verhältnismäßig rasch erschienen (1769 und 1797), ver- 
dunkelten sie fast das Interesse an jenem. 



Winckelmann, dem früh Geschiedenen, war es nicht vergönnt 
gewesen einen Blick in das gelobte Land griechischer Kunst, 
wie es sich hier durch englische Tatkraft aufgetan hatte, zu werfen. 
Aber sein Ansehen war so überwältigend, daß die nächsten Gene- 
rationen lieber bei ihm stehen blieben, als daß sie sich die neu 
gewonnenen Anschauungen zunutze gemacht hätten. Winckel- 
manns Kunstgeschichte blieb auf lange Zeit der Kanon für die 
Kenntnis und die Beurteilung der griechischen Kunst, so deutlich 
das Werk auch seinen Ursprung auf italienischem Boden, seine 
Beschränkung infolge des benutzten, fast ausschließlich römischen 
Materials zu erkennen gab. Aber wie viele waren es denn, deren 
Blick damals weiter reichte? Vollends gewann der römische Geist 
noch einmal völliges Übergewicht in der Bildung des vati- 
kanischen Museums durch die beiden Päpste Clemens XIV. 
und Pius VI. Das »pioclementinische« Museum war eine glän- 
zende Erweiterung des alten belvederischen Statuenhofes. Das 
beste, was sich in Rom und Umgebung durch Kauf, Schenkung, 
Ausgrabungen erwerben ließ, sammelte sich in den Prachtsälen, 
deren Bau mit der Bereicherung des Inhalts gleichen Schritt hielt. 
1770 begonnen, erreichte das Museum seinen Abschluß im Jahre 



12 I- Unsere Antikenkenntnis vor 1800 

1792, wo der erste Katalog erschien. Der bedeutendste Archäolog 
Italiens, Ennio Quirino Visconti, besorgte das Prachtwerk, das mit 
päpstlicher Munifizenz hergestellt ward. Es nahm für die Er- 
klärung der antiken Skulpturen etwa dieselbe Stelle ein, wie 
Winckelmanns Lebenswerk für die Kunstgeschichte. So schien 
das vatikanische Museum den glänzenden Abschluß der auf 
italienische Quellen gegründeten Archäologie bilden zu sollen. 
Diesen Platz behauptet es bis auf den heutigen Tag; wenn es 
beim weiteren Publikum vielfach auch jetzt noch als das vor- 
nehmste aller Antikenmuseen gilt, so beweist das nur, wie zähe 
noch immer die Winckelmannsche Tradition im stillen nachwirkt. 



%■ 



II 

DIE NAPOLEONISCHE ZEIT 




m die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts gewann der 
Mann, der jenen Jahrzehnten überhaupt seinen Stempel auf- 
drückte, auch bedeutenden Einfluß auf die Archäologie, so 
daß wir auch hier von einer napoleonischen Zeit sprechen können. 
Der Einfluß äußerte sich in drei Richtungen, durch die wissen- 
schaftliche Aufschließung Ägyptens, durch Ausgrabungen in Pom- 
peji und durch die Gründung des Musee Napoleon. 



Ägypten war in früherer Zeit nur von wenigen Reisenden 
aufgesucht worden, unter denen Richard Pococke (1737 — 38) 
hervorragt. Was man von ägyptischer Kunst kannte, das waren 
einzelne Statuen, die namentlich in Rom zum Vorschein gekommen 
waren und auf dem Kapitol ihr Unterkommen gefunden hatten: 
die prächtigen Löwen, die ältere Besucher Roms noch als Schmuck 
der Kapitolstreppe gekannt haben, einige Ptolemäer, aber auch 
eine Statue der Mutter Ramses IL, aus der Glanzzeit des Neuen 
Reiches. Dazu eine Anzahl Reliefs, zahlreiche Skarabäen, endlich 
einige Obelisken mit ihren Hieroglyphen — das waren etwa die 
Materialien, aus denen Winckelmann seine Würdigung der Kunst 
der Ägypter hatte schöpfen können. Die Obelisken fanden dem- 
nächst ihren kundigen Bearbeiter in dem tiefgründigsten Gelehrten 
der nachwinckelmannschen Generation, Georg Zoega, einem 
gleich Winckelmann nach Rom verschlagenen Sohne des Nordens. 
Sein schwergelehrtes Buch über die Obelisken bot zum erstenmal 
eine stilistisch genaue Wiedergabe der Hieroglyphen, die es er- 



14 n. Die napoleonische Zeit 

laubte bedeutende zeitliche Unterschiede festzustellen; so gelang 
Zoega der Nachweis, daß die Hieroglyphenschrift nicht, wie man 
bis dahin glaubte, mit der persischen Eroberung Ägyptens auf- 
gehört habe. Ferner unterschied Zoega bildliche und lautliche 
Zeichen und stellte damit eine der Haupteigentümlichkeiten ägyp- 
tischer Schrift fest. Endlich bestätigte er die Beobachtung Bar- 
thelemys, daß die sogenannten Kartuschen, eine Art linearer 
Umrahmung von oblonger Form, Königsnamen umschlössen — 
bekanntlich der Ausgangspunkt für Champollions Entzifferung 
der Hieroglyphenschrift. Die Ägyptologie war hierdurch und 
durch Zoegas Untersuchungen über das Koptische, die jüngste 
Entwickelungsstufe der altägyptischen Sprache, so weit gefördert 
worden, wie es ohne eine ausgedehntere Kenntnis der Monumente 
selbst erreichbar schien. 

Zoegas Werk erschien 1797, um dieselbe Zeit, wo der acht- 
undzwanzigjährige Bonaparte seinen Siegeszug durch Oberitalien 
mit dem Frieden von Campo Formio beendigte, um dann in 
aller Heimlichkeit seinen Zug nach Ägypten vorzubereiten, der 
gegen Englands indisches Reich gerichtet war. Bekanntlich ge- 
sellte der junge General seiner kriegerischen Expedition eine 
Anzahl von Männern der Wissenschaft bei, die das Wunderland 
des Nils nach allen Seiten, Natur, Kunst und Leben umfassend, 
erforschen sollte. Zum erstenmale seit Alexander dem Großen 
ward hier ein Feldzug zugleich zu einem Eroberungszuge für die 
Wissenschaft gemacht. Am 19. Mai 1798 brach Bonaparte von 
Toulon auf. Von Civitavecchia stieß der nur wenig ältere Desaix 
zu ihm. Am 1. Juli gelang es ihnen, den Nachstellungen der 
englischen Flotte zum Trotz, in Alexandrien zu landen, und die 
Armee drang nunmehr in raschem Zug am Rande der Wüste 
bis Gise vor, wo sie am 21. Juli unter Bonapartes Führung den 
berühmten Sieg über die Mameluken am Fuße der Pyramiden 
erfochi Am folgenden Tage zog die Armee in Kairo ein; zehn 
Tage später sah sie sich durch Nelsons Vernichtung der fran- 
zösischen Flotte bei Abukir (1. August) von der Heimat abge- 
schnitten. Nichtsdestoweniger ward in Kairo alsbald das Ägyp- 
tische Institut gegründet, das die wissenschaftliche Erforschung 



Der Zug nach Ägypten 15 

des Landes in die Hand nehmen sollte. Zu seinen bedeutendsten 
Mitgliedern zählten Dolomieu, der Mineraloge, und Denon. 

Dominique Vivant Denon, damals 51 Jahre alt und daher 
den Leitern des Feldzuges an Alter erheblich überlegen, stand 
ihnen an Unermüdlichkeit und Energie nicht nach. Er war kein 
Gelehrter, sondern ein Künstler. Ein bewegtes Leben hatte ihn, 
zum Teil in diplomatischer Tätigkeit, zu Friedrich dem Großen, 
zu Voltaire in Ferney, zu Katharina IL und an den Hof von 
Neapel geführt; der ehemalige Günstling der Frau von Pompadour 
war schließlich zu Robespierre, sodann zu Bonapartes Gemahlin 
Josephine in Beziehung getreten. Er war ganz der geeignete 
Mann für einen künstlerischen Streifzug im Gefolge des Heeres. 
Kaum in Kairo angelangt, treibt es ihn hinaus zu den Pyramiden. 
Die Nacht bringt er in Gise zu; am anderen Morgen eilt er zur 
Pyramide des Cheops und dringt in ihr Inneres ein. Der nahe 43 
große Sphinx regt ihn sofort zur Stilbetrachtung an. Als ge- 43 
wandter Zeichner bringt er alle Eindrücke hier wie auf der ganzen 
Reise flugs aufs Papier. 

Bonaparte wies Denon der Armee von Desaix zu, bei dem 
Denon einem lebhaften Kunstinteresse begegnete. Desaix erhielt 
die Aufgabe Murad Bey und seine Truppen den Nil hinauf zu 
verfolgen, Denons Reisebeschreibung gewährt uns ein lebendiges 
Bild des abenteuerlichen Zuges. Denon, immer zu Pferd, be- 
währt sich als unermüdlichen Zeichner. Bald unterbrechen ihn 
Scharmützel mit den Mameluken, bald studiert er die alten Bau- 
reste; bald reizt das Stimmungsvolle der Landschaft seinen Griffel, 
bald fesseln ihn die fremdartigen Szenen des Volkslebens; dann 
wieder vertieft er sich in das Studium der Hieroglyphen. In 
Sakkära bietet die in Stufen ansteigende Pyramide etwas Neues. 41 
Ein etwas längerer Halt in Dendera gibt die Möglichkeit die 
dortigen bedeutenden Reste aus der Spätzeit etwas genauer zu 
betrachten. Der kleine Hathortempel , wohlerhalten, aber halb 65 
verschüttet; der größere Tempel, stärker zerstört, aber reich an 
Schmuck; der berühmte Tierkreis — alle diese Herrlichkeiten er- 
schlossen sich zuerst Denons künstlerischem Blick. Die aus- 
gedehnte Ruinenstätte Thebens konnte nur flüchtig in Augenschein 



15 n. Die napoleonische Zeit 

genommen werden, weil ernsthaftere Kämpfe den Aufenthalt 
störten; doch zogen die Reste eines Ramseskolosses, drei Meter 
hoch, Denons Aufmerksamkeit auf sich. In Edfu gewährte der 
Horostempel den ersten Einblick in eine vollständige Tempelanlage, 648 
wenn auch wiederum erst aus ptolemäischer Zeit. So ging der 
Zug flußaufwärts bis nach Assuan (Syene) und dem ersten Katarakt. 
In Elephantine stand noch die mit Pfeilern umgebene reizvolle 
Kapelle Amenophis III.; ihre Kenntnis verdanken wir, da sie 1822 n 
abgebrochen worden ist, ausschließlich der französischen Expedition. 
Ihren äußersten Punkt erreichte diese an der Nilinsel Philä, 878 
die ebenso durch ihre Lage wie durch ihre Baureste einen glän- 
zenden Abschluß des Zuges darbot Eine Inschrift vom 3. März 
1799 verewigte das Ereignis. Dann ging die Rückfahrt auf dem 
Nil abwärts, auch jetzt noch immer von Gefechten unterbrochen. 
Nur im hunderttorigen Theben ward ein längerer Halt gemacht, 
und die weitzerstreuten Reste der alten Hauptstadt konnten ein 
wenig eingehender gemustert werden. Natürlich bildeten die 
schon im Altertum berühmten Memnonskolosse, in denen Denon ss 
die Bilder ägyptischer Prinzessinnen erkennen wollte, einen Haupt- 
gegenstand des Interesses. 

So verlief dieser erste wissenschaftliche Vorstoß in das Innere 
des Pharaonenreiches. In Kairo entfaltete das Institut mehrere 
Jahre hindurch eine rege Tätigkeit, bei der Gelehrte, Offiziere, 
Ingenieure zusammen arbeiteten um reichen Stoff zu sammeln. 
Auch von Altertümern ward zur Stelle gebracht was sich ohne 
große Schwierigkeit erwerben ließ. Denn Ausgrabungen wurden 
überhaupt nicht angestellt; Beobachtung und Sammeltätigkeit 
mußten sich also auf diesem Gebiete an das halten, was offen 
dalag oder was durch Zufall ans Licht gebracht ward, wie z. B. 
die bei Befestigungsarbeiten aufgedeckte dreisprachige Inschrift 
von Rosette, die durch die Wiedergabe des gleichen Textes in 
hieroglyphischer, demotischer und griechischer Schrift so wesent- 
lich zur Entzifferung der ägyptischen Sprachdenkmäler beitragen 
sollte. Sonst umfaßte die Altertümersammlung siebenundzwanzig 
Bildwerke, meistens Bruchstücke von Statuen, aber auch einige 
Sarkophage. Das Schicksal der Sammlung war eigentümlich. 



Ergebnisse des Zuges nach Ägypten 17 

Nachdem Bonaparte schon im Oktober 1799 nach Frankreich 
zurückgekehrt und sein Nachfolger Kleber am 14. Juni 1800 
durch Meuchelmord gefallen war, sahen sich die Franzosen im 
Jahre 1801 gezwungen Ägypten zu räumen. Zu den nur mit 
großem Widerstreben zugestandenen Kapitulationsbedingungen 
gehörte auch die Auslieferung der gesammelten Altertümer an 
England; statt in Paris fanden sie also im Britischen Museum 
ihren Platz. Aber die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschungen 
verblieben den Franzosen. Eine Redaktionskommission in Paris 
besorgte in langjähriger Arbeit die Abfassung und Herausgabe 
der bändereichen Description de l'Egypte, des auf lange hinaus 
grundlegenden Werkes für die Kunde des Nillandes. In den 
dem Altertum gewidmeten Bänden trat zuerst die bisher unbe- 
kannte ägyptische Architektur in ihrer Großartigkeit und Ein- 
fachheit ans Licht; die Skulptur und die Malerei erschienen als 
ergänzende Künste im Dienste der Baukunst. Die Perioden der 
ägyptischen Kunst waren noch nicht geschieden; was die Ab- 
bildungen brachten, gehörte fast ausnahmslos der Spätzeit an. 
Indessen hatte doch Denon beispielsweise drei Arten von Hiero- 
glyphen (vertieft, flach erhaben, en creux) richtig unterschieden, 
wenn er sie auch chronologisch falsch anordnete. Das Haupt- 
ergebnis der dreijährigen Expedition war und blieb die An- 
schauung ägyptischer Kunst auf dem Grunde ägyptischer Natur; 
eine wirklich geschichtliche Auffassung blieb späteren Zeiten 
vorbehalten. 



Das zweite Verdienst erwarb sich die napoleonische Zeit um 
die Aufdeckung Pompejis. Hier war es nicht Napoleon selbst, 
der den Anstoß gab, sondern andere Mitglieder seiner Familie, 
besonders seine Lieblingsschwester, die ebenso schöne und ge- 
scheite wie herrschsüchtige Caroline. 

Die Ausgrabungen in Herculaneum (S. 8), die wegen der 
Dicke und Härte der bedeckenden Bimstein- und Aschenschicht 
fast unübersteiglichen Hindernissen begegnet waren, hatte man 
seit 1766 eingestellt. An Herculaneums Stelle war Pompeji ge- 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 2 



13 n. Die napoleonische Zeit 

treten, auf dessen Trümmer man im Jahre 1748 durch Zufall 
gestoßen war. Bekanntlich ist die Schuttdecke in Pompeji viel 
weniger tief. Zuerst freilich waren es nur lässig betriebene Ver- 
suchsgrabungen gewesen, im Südosten beim Amphitheater und 
im Nordwesten in den Resten einer Villa, die natürlich für die 
Villa Ciceros erklärt ward, da man aus dessen Briefen wußte, 
daß er in Pompeji einen Landsitz besessen hat Erst in den 
sechziger Jahren, nach endgültiger Aufgabe HercularLeums, war 
etwas mehr Ernst gemacht worden. Damals^ ward der Spaten 
im Südwesten der Stadt angesetzt und das Theaterviertel frei- 
21 gelegt: die beiden Theater und das dreieckige Forum mit seinem 
altertümlichen Tempelrest, die Kapellen der Isis und des ver- 
meintlichen Äsculap (Zeus Milichios). Dazu kam neben der 
»Villa Ciceros« die zweite große Villa zum Vorschein, die auf 
den Namen des Arrius Diomedes getauft ward, ein vorbildliches 
Beispiel einer städtischen Villa oder Oartenwohnung. So ging 
es langsam und bedächtig dreißig Jahre lang; vier, acht, höchstens 
dreißig Arbeiter waren dabei angestellt. Als Kaiser Joseph II. 
im Jahre 1769 die Ausgrabungen besuchte, äußerte er sich sehr 
unverhohlen über die neapolitanische Lässigkeit, ohne daß dieser 
Tadel eine Wirkung gehabt hätte. Dazu kam die üble Gewohn- 
heit, daß man anfangs alle ausgegrabenen Häuser, wenn man sie 
ihres wegnehmbaren Schmuckes beraubt hatte, wieder verschüttete. 
Aber auch als dies aufhörte, hatten die Grabungen doch wesent- 
lich das Gepräge des Raubbaues. Gegen die Architektur, gegen 
das Ganze des Gefundenen, war man gleichgültig; nur was für 
das Museum brauchbar war, fand Interesse. So wurden die 
Gemälde ausgesägt, die Erzgeräte und kleineren Fundstücke 
fortgeschafft, die leeren Wände und ihre Dekoration dagegen 
dem Verfall überlassen. Im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts 
brachten vollends die politischen Verhältnisse alle Arbeiten ins 
Stocken. 

So stand es in Pompeji, als am Schluß des Jahres 1798 
der König von Neapel nach Palermo übersiedelte und in Neapel 
alsbald die parthenopäische Republik gegründet ward, unter 
Leitung des französischen Generals Championnet. Dieser in- 



Ausgrabungen in Pompeji 19 

teressierte sich persönlich für die pompejanischen Ausgrabungen; 
ein paar damals aufgedeckte Häuser am Südrand in der Theater- 
gegend, die in mehreren Stockwerken den steilen Südabhang 
Pompejis überragen, tragen noch heute seinen Namen. Die 
Rückkehr der Borbonen brachte freilich eine kurze Unterbrechung, 
aber 1806 setzte Napoleon seinen ältesten Bruder Joseph, den 
unbedeutendsten und gleichgültigsten der Brüder, als König von 
Neapel ein. , Dem König selbst lagen wissenschaftliche Interessen 
fern, reger waren ^sie bei seinem Minister Miot. Dieser veran- 
laßte denn auch 1807 den tüchtigen neapolitanischen Gelehrten 
Michele Arditi einen neuen Plan für die Ausgrabungen zu ent- 
werfen. Danach sollte zunächst das ganze Stadtgebiet Pompejis 
vom Staat erworben, sodann die Aufdeckung von zwei Punkten 
im Nordwesten aus nach einheitlichem Plane, nicht mehr wie 
bisher sprungweise, bald hier bald da, durchgeführt werden. 
Endlich sollten größere Mittel bereitgestellt werden, 500 Dukaten 
im Monat (jährlich 18000 Mark), damit eine größere Zahl 
von Arbeitern, 150, regelmäßig angestellt werden könnte. Mit 
diesem Plan war eine feste Grundlage für die weitere Arbeit 
gewonnen. 

Eine bedeutende Förderung erfuhren diese Pläne, als im 
Jahre 1808 dem auf Spaniens Thron versetzten Joseph Bonaparte 
sein Schwager Joachim Murat als König von Neapel folgte und 
dessen Gemahlin, Königin Caroline, ein reges Interesse für die 
pompejanischen Ausgrabungen faßte. Sie bewährte dies durch 
häufiges persönliches Erscheinen in Pompeji, das anspornend auf 
den Gang der Arbeiten wirkte; oft brachte sie ganze Tage im 
vollen Sonnenbrande bei den Ausgrabungen zu, feuerte mit Wort 
und Wink die trägen Arbeiter an und sparte bei günstigem Er- 
folge nicht mit Belohnungen. Ferner wurden die Mittel derart 
gesteigert, daß bis mehr als 600 Arbeiter zugleich tätig sein 
konnten. So ward zunächst die Gräberstraße fast vollständig 
freigelegt: ein geschlossenes ernstes Bild, das noch heute seines 
tiefen Eindruckes auf jeden Besucher sicher ist. Nicht minder 
bedeutsam war die Aufdeckung des Forums. Zum erstenmal trat 
hier die Gesamtanlage eines antiken Stadtmarktes in erkennbaren 



20 H- Die napoleonische Zeit 

Umrissen zutage: der Markt geschlossen, für Wagenverkehr 
unzugänglich, von Säulenhallen rings umgeben, mit Denkmälern 
24 angefüllt; der große Tempel im Hintergrunde; hinter den Hallen 
24 allerseits andere Tempel oder öffentliche Gebäude, unter denen 
die überaus stattliche Basilika hervorragte. So belohnten be- sog 
deutende Ergebnisse die größeren Anstrengungen. Die Königin 
hielt auch mit eigenen Zuschüssen nicht zurück; den französischen 
Architekten Fr. Mazois, der in jenen Jahren sein großes grund- 
legendes Werk über Pompeji vorbereitete, unterstützte sie mit 
15000 Francs. Für die Besuche der hohen Herrschaften wurden 
schon damals bestimmte Ausgrabungen im voraus sorgsam vor- 
bereitet. Noch im Herbst 1814, als schon der Kongreß in Wien 
tagte, ward der Besuch der Königin erwartet, freilich vergebens. 
Im April 1815 erschien noch der Prinz Achille mit dem mittler- 
weile bereits entthronten Könige von Westfalen; im Juni zog 
König Ferdinand wieder in Neapel ein. Die borbonische Regierung 
setzte zunächst das Werk fort, und das greifbare Ergebnis war 
die Verbindung zwischen den beiden Ausgrabungsgruppen an 
der Gräberstraße und dem Forum. Der hübsche Tempel der 
Fortuna Augusta und die Bäderanlage unweit des Forums, eine 
lebendige Illustration unserer Kunde vom antiken Badewesen, 
boten Glanzpunkte dieser Bemühungen. Aber nur allzubald riß 
der natürliche neapolitanische Schlendrian wieder ein und Pom- 
peji versank von neuem in tiefen Schlaf. 

Was in der französischen Zeit gewonnen war, ist immerhin 
erheblich genug: der Einblick in eine römische Provinzialstadt 
mit einigen Mittelpunkten ihres Verkehrs und mit dem geschmack- 
vollen Reichtum ihrer künstlerischen Ausstattung. Hatte sich auch 
Herculaneum im ganzen als wohlhabender, in der Qualität seiner 
künstlerischen Habe feiner erwiesen, so erlaubte doch erst Pompeji 
das ganze Stadtbild zu erfassen. Dies erschien zunächst als ein 
einheitliches, gleichmäßiges Ganze, und man ahnte noch nicht, 
daß, was man pompejanisch nannte, meist der Charakter der letzten, 
der Verfallzeit Pompejis war. Eine solche geschichtliche Be- 
trachtung sollte erst später eintreten; einstweilen sorgten die 
Prachtwerke von Mazois -Gau, Zahn, Ternite sowie populäre 



Gründung des Antikenmuseums in Paris 21 

Werke von William Gell und anderen dafür, daß Bulwers Roman 
The last days of Pompei (1834) ein gut vorbereitetes Publikum 
vorfand. 



Persönlicher als in Pompeji war Napoleons Anteil an der 
Begründung eines großen Museums in Paris, ja die Anfänge 
dieses Unternehmens reichen noch bis über die ägyptische Ex- 
pedition zurück. 

Schon in den Zeiten der Renaissance hatte die Hauptstadt 
Frankreichs und ihre Umgebung begonnen sich mit Antiken zu 
schmücken. Um nur ein paar hervorragende Stücke zu nennen, 
so besaß schon Franz I. außer Erznachgüssen berühmter Antiken 
die Diana mit der Hirschkuh, für die Heinrich IV. die Salle des 
antiques im Louvre herrichten ließ. Ludwig XIV. erwarb den 
79 »Germanicus« und den »lason« aus der Villa Montalto (S. 5). 

66 

Aber die Antiken waren zerstreut, um den königlichen Schlössern 
zum Schmucke zu dienen; Fontainebleau, St. Cloud, Versailles, 
dazu die Stadtpaläste des Louvre und der Tuilerien hatten je ihr 
Teil, und Schlösser wie das Palais Cardinal (Richelieu) in Paris 
oder das Chäteau d'Ecouen der Montmorency wetteiferten mit jenen. 
Freilich ward dieser ganze Besitz an Skulpturen weit überstrahlt 
von dem Pariser Cabinetdes medailles mit seinen Münzen, Gemmen, 
Bronzen, einer Sammlung allerersten Ranges. 

Den antiken Skulpturen einen neuen Mittelpunkt in Paris 
geschaffen zu haben ist das Werk Napoleons. Wie er bei der 
wissenschaftlichen Zugabe seines ägyptischen Zuges dem trefflichen 
Beispiel Alexanders des Großen gefolgt war, so griff er hinsicht- 
lich der Kunstwerke auf die minder löbliche Sitte der römischen 
Feldherren zurück, die die eroberten Länder zu plündern und die 
erbeuteten Kunstschätze nach Rom zu bringen pflegten. Dies 
Beispiel schwebte dem jugendlichen Sieger schon im Jahre 1796 
vor, als er am 23. Juni in die Bedingungen des Waffenstillstandes 
von Bologna den Artikel VIII aufnahm: Le Pape livrem ä la 
Republique frangaise cent tableaux, bustes, vases ou statues, au 
choix des commissaires qui seront envoyes ä Rome, parmi lesquels 



22 !'• Die napoleonische Zeit 

objets seront notamment compris le buste en bronze de Junius 773 
Brutus et celui en marbre de Marcus Brutus, tous les deux places 
au Capitole, et cinq cents manuscrits au choix desdits commissaires. 
Die Hervorhebung der Büsten des Vertreibers der Könige und 
des Mörders Cäsars ist für den Republikaner bezeichnend. Ver- 
gebens widerstrebte der Papst; die harte Bestimmung ging im 
Februar 1797 in den Vertrag von Tolentino über. Unter den 
Antiken traf die Auswahl die berühmtesten Hauptstücke des vati- 
kanischen Belvedere und des dortigen Musensaales; das Kapitol 
büßte etwa ein Dutzend seiner besten Statuen ein, darunter den 

70 >sterbenden Fechter« und den Dornauszieher. Es blieb aber 677 
39 

nicht dabei; unter mehr oder weniger fadenscheinigen Vorwänden 

wurden auch Privatsammlungen in Mitleidenschaft gezogen, die 
des Herzogs von Braschi, eines Verwandten des Papstes, und 
vor allem die reiche Villa des Kardinals Albani (S. 7). Ihr gesamter 
Antikenbesitz ward konfisziert, und 517 Stück, in 288 Kisten 
verpackt, warteten am Tiber um nach Paris verladen zu werden. 
Infolge von Verhandlungen traf dies Schicksal schließlich nur 
70 Antiken, natürlich nicht gerade die schlechtesten. 

Im November 1801 — am 18. Brumaire des Jahres IX, 
genau zwei Jahre nach dem Staatsstreich — ward das Musee 
central im Louvre mit 117 Stücken eröffnet. Zwei Jahre vorher 
war Visconti, der inzwischen einer der Konsuln der römischen 
Republik gewesen war, nach Paris übergesiedelt und lieh für fast 
zwei Jahrzehnte den dortigen Museen und der französischen Ar- 
chäologie überhaupt den Glanz seines wissenschaftlichen Namens. 
Er verfaßte auch die Kataloge des rasch sich vergrößernden 
Museums. Aber der eigentlich treibende Geist war hier wie in 
Ägypten Denon. Er begleitete die Armeen und traf die Auswahl 
77 der fortzuführenden Kunstwerke. Florenz mußte seine mediceische 
Venus, Venedig seine vier Erzrosse von der Markuskirche, Mantua 
seine berühmten Büsten des Euripides und des »Virgil«, Verona 
seinen Augustus Bevilacqua, Modena und Turin andere Stücke 
hergeben. Wie einst bei der Erweiterung des Belvedere zum 
pioclementinischen Museum, so reihte jetzt sich im Louvre ein 
Antikensaal an den anderen. 1806 ward die ganze borghesische 



Erweiterangen des Musde Napolion 23 

Antikensammlung einverleibt, die Napoleon seinem Schwager, 
dem Fürsten Camillo Borghese, abgekauft hatte. Bald gesellte 
66 sich auch deutsche Beute hinzu, der betende Knabe aus Berlin, 547 
der der Victoria vom Brandenburger Tore das Geleite gab, eine 
Athena aus Kassel, der vermeintliche Sarkophag Karls des Großen 
aus dem Dome zu Aachen und andere Werke, im ganzen 20 
bis 30 Stück. In Wien wählte Denon 1809 aus dem Antiken- 
kabinett 24 Gegenstände aus, unter denen nur der angeblich 
ephesische Amazonensarkophag von Wert war; die kostbaren 
Cammeen des Kaiserhauses waren rechtzeitig nach Ungarn in 
Sicherheit gebracht worden. Oft sich erneuernde Kataloge gaben 
von der Erweiterung der Räume des Museums und von der Be- 
reicherung ihres erlesenen Inhaltes Kunde. Im Jahre 1815 waren 
384 Nummern erreicht. Der freie Zutritt für das Publikum, die 
Einrichtung einer Gießerei zur Herstellung von Abgüssen nach 
den Bildwerken des Museums, die Vorbereitung und Herausgabe 
großer Kupferwerke, das alles trug dazu bei, den Nutzen und 
den Glanz des Musee Napoleon zu erhöhen und die Stimmen 
derer zu übertönen, die an der Art, wie das Museum großenteils 
zusammengebracht war, Anstoß nahmen. Wie würde sich wohl 
1871 die gebildete Welt empört haben, wenn in die Bedingungen 
des Frankfurter Friedens die Herausgabe der Aphrodite von 
Melos und einiger Hauptbilder des Salon carre aufgenommen 
worden wäre. 

Die Antikenabteilung des Musee Napoleon trug ganz und 
gar römisches Gepräge. Die vornehmsten Stücke der römischen 
Sammlungen mit Ausnahme der Sammlung Ludovisi waren hier 
vereinigt, aber die Fülle der Anschauung, wie sie Rom mit seinem 
ganzen antiken Charakter geboten hatte, war doch nicht erreicht. 
Daß Neapels eigenartige Schätze fehlten, beraubte das Museum 
eines Vorzugs, den es im Besitz jener Gemälde und Bronzen 
vor Rom gehabt haben würde. Immerhin waren die klassischen 
Zeiten der griechischen Kunst in so vielen mehr oder weniger 
guten Kopien, die Zeiten des Hellenismus, zum Teil auch die 
römische Kunst in so vortrefflichen Originalwerken vertreten, 
daß Viscontis Ansicht begreiflich wird, die antike Kunst habe 



24 II- Die napoleonische Zeit 

sich von Phidias bis Hadrian auf gleicher Höhe gehalten. Es 
war der erste Versuch die Gesamtanschauung Winckelmanns 
und seiner Nachfolger durch eine andere zu ersetzen. Daß diese 
eine historische Unmöglichkeit in sich schloß — man denke nur: 
sechs Jahrhunderte voll des größten Wechsels der Völker, der 
Örtlichkeiten, aller politischen und Kulturverhältnisse, und dabei 
die Kunst stets in gleicher Höhe wie über den Wolken wandelnd! — 
darüber täuschte der große Name Viscontis hinweg. Das Musee 
Napoleon war die Bildungsanstalt der damaligen Archäologen; 
für diese war Visconti, der Hofarchäologe Napoleons, das Orakel. 
In Deutschland ward Friedrich Thiersch, der um jene Zeit die An- 
tiken in Paris studierte, zum Verkündiger jener unhistorischen Lehre. 
Mit dem Sturze Napoleons im Jahre 1815 brach auch seine 
stolze Schöpfung zusammen. Es war nur gerecht, daß das, was 
durch Kriegsrecht zusammengebracht war, nun auch nach Kriegs- 
recht seinen ursprünglichen Besitzern zurückgegeben ward. Der 
Kardinal-Staatssekretär Consalvi vertrat die Rechte Roms; Wilhelm 
von Humboldt und der Herzog von Wellington bemühten sich mit 
Erfolg den begreiflichen Widerstand der französischen Kommissäre, 
vor allem Denons, zu brechen. Der Vatikan erhielt sein Eigen- 
tum fast vollständig zurück; daß die Tiberstatue ihren alten Ge- 

75 nossen, den Nil, allein an den Tiberstrand zurückwandern lassen 663 
mußte, war ein kleinlicher Zug. Übrigens waren die Kosten 
des Rücktransportes so groß, daß die päpstliche Regierung sie 
nur mit einer kräftigen Beihilfe Englands erschwingen konnte. 
Aus demselben Grunde begnügten sich die Erben Kardinal 
Albanis von den siebzig entführten Stücken nur vier zurückzu- 
schaffen, die übrigen wurden in Paris versteigert und kamen 
meistens entweder wieder in den Louvre oder in die Münchener 
Glyptothek. Im kapitolinischen Museum ward den heimgekehrten 
Marmoren ein eigener Saal eingeräumt, wo sie sich um den 

70 »sterbenden Fechter« scharten. Nur die Sammlung Borghese 677 
blieb als käuflich erworbener Besitz in Paris zurück und bildete 
den Kern des nunmehrigen Musee royal, dessen erster Katalog 
im Jahre 1817 als letzte Arbeit Viscontis (er starb im folgenden 
Jahre) erschien. 



Ende des Musie Napoleon 25 

Das Musee Napoleon ist das letzte großartige Beispiel eines 
Museums römischen Stils. Es bezeichnet das Ende des ganzen 
bisherigen Museumswesens. Das napoleonische Kaisertum hatte 
sich als Erben der römischen Cäsaren dargestellt. Auch die 
Philologie und die alte Geschichte hatten jahrhundertelang Rom 
und die römische Literatur einseitig gepflegt; eben jetzt erfuhr 
die Geschichte Roms ihre großartige Erneuerung durch Barthold 
Georg Niebuhr. Aber am Horizont zeigte sich schon das Auf- 
leuchten einer anderen Zeit. Gleichzeitig mit dem römischen 
Musee Napoleon entwickelte sich in London das Britische Museum 
zum vornehmsten Mittelpunkte griechischer Kunst. 



III 

DIE WIEDERGEWINNUNG GRIECHENLANDS 



s liegt in der alten Stammverwandtschaft und der geistigen 
Veranlagung begründet, daß den Italienern und den Fran- 
zosen das römische Altertum mit allen seinen Kulturäuße- 
rungen näher steht als das griechische. Während die griechische 
Literatur jenen Nationen lange Zeit wesentlich in römischer Über- 
setzung oder Umbildung zugänglich war und auch die Sprache 
der Kirche das Übergewicht des Lateinischen förderte, hielten die 
deutschen Schulen und Universitäten, zum Teil unter dem Einflüsse 
der protestantischen Theologie, am Studium des Griechischen fest. 
So kam es, daß, als die Zeit erfüllet war und gegen Ende des 
18. Jahrhunderts die geistige Magnetnadel immer stärker nach 
Griechenland als dem Mittelpunkte des Altertums wies, Deutsch- 
land den hervorragendsten Anteil an der Neugestaltung der Alter- 
tumswissenschaft im griechisch -humanistischen Geiste gewann. 
Friedrich August Wolf und August Böckh, Gottfried Hermann 
und Immanuel Bekker waren die Führer in Deutschland; ihnen 
zur Seite standen in England Richard Porson und Peter Paul 
Dobree; Frankreich war durch Jean Fran^ois Boissonade und 
den dort angesiedelten Griechen Adamantios Koraes vertreten. 
Wie in Deutschland, so gehörte auch in England das Griechische 
zur allgemeinen Bildung und bildete wenigstens teilweise die 
Grundlage des Interesses, das zahlreiche britische Reisende nun- 
mehr statt nach Italien nach Griechenland führte, wobei freilich 
bald auch die politischen Verhältnisse und die Schwierigkeiten, 
denen Briten im französischen Italien ausgesetzt waren, ein Wort 
mitsprachen. Von den Reisenden am Schlüsse des 18. Jahr- 



Lord Elgins Unternehmungen in Athen 27 

hunderts mögen Richard Worsley und Edward Daniel Clarke, 
beide zugleich Sammler, genannt werden; in der archäologischen 
Literatur ward die gleiche Zeit in England durch das Erscheinen 
des zweiten Bandes der Antiquities of Athens (1790), der Athen 
und die Akropolis behandelte, des Museum Worsleianum (1794) 
und des Schlußbandes der Antiquities of lonia (1797) bezeichnet. 
Auf dem Boden der so neu angeregten Interessen erwuchs 
das Unternehmen, das dem Beginn des neuen Jahrhunderts seine 
bedeutendste Signatur geben sollte. Im Jahre 1799 ward der erst 
33 Jahre alte Lord Elgin, aus einer alten schottischen Familie, 
als britischer Botschafter nach Konstantinopel entsandt. Der ihm 
nahestehende Architekt Thomas Harrison, durch das Studium der 
obigen Werke angeregt, bat den Lord für den Abguß eines 
16 ionischen Eckkapitells (bekanntlich einer etwas irrationalen Bildung) 237 
und einiger Skulpturen Sorge zu tragen. Bei dem jugendlichen 
Earl fiel dies bescheidene Samenkorn auf einen fruchtbaren Boden 
und reifte in ihm den Plan durch Abgüsse und Zeichnungen 
in großem Umfange der britischen Kunst einen Dienst zu leisten. 
Der Versuch Staatsgelder dafür flüssig zu machen scheiterte an 
Pitts bei den kriegerischen Zeitverhältnissen begreiflicher Ab- 
lehnung. Somit sah sich Lord Elgin auf sich selbst angewiesen. 
Durch Vermittelung seines überaus tätigen Sekretärs W. R. Hamilton, 
des späteren Präsidenten der öeographical Society, gelang es in 
Italien einen ganzen Stab von Künstlern zusammenzubringen, 
den Maler Tita Lusieri, den Zeichner Fedor, einen Kalmücken, 
die Architekten Balestra und Ittar und zwei Oipsformer. Im 
Mai 1800 trafen die Künstler, während der Botschafter gerades- 
wegs nach Konstantinopel gegangen war, in Athen ein, wurden 
aber durch allerlei Schwierigkeiten der türkischen Lokalbehörden 
am Arbeiten gehindert. Nur Zeichnen ward ihnen auf der Akro- 
polis erlaubt, auch dies bloß gegen ein tägliches Eintrittsgeld 
von 5 Pfund; die Burg war ja damals noch eine Festung. So 
verloren die Künstler volle neun Monate, bis Klebers Tod und 
die erfolgreichen Verhandlungen der Engländer in Ägypten, die 
schließlich den Abzug der Franzosen zur Folge hatten (S. 17), 
dem britischen Botschafter größeren Einfluß auf die Hohe Pforte 



28 m» Die Wiedergewinnung Griechenlands 

verstatteten. Lord Elgin nutzte die günstigere Lage der Dinge 
dahin aus, daß er zunächst im Mai 1801 seinen Leuten freien 
Eintritt in die Burg und die Erlaubnis Gerüste zu errichten und 
Abgüsse zu nehmen verschaffte. Aber die Plackereien der geld- 
gierigen Türken hörten deshalb nicht auf. Lord Elgin über- 
zeugte sich selbst hiervon bei einem Besuch Athens und lernte 
zugleich sowohl die hohe Schönheit der Denkmäler wie die Ge- 
fahren kennen, die ihnen durch mutwillige Zerstörung, durch 
Zerstreuung, durch Verschleuderung an Fremde beständig drohten. 
Beim Niederreißen zweier Häuser am Parthenon, die Lord Elgin 
gekauft hatte, ergab sich bei dem ersten eine reiche Ausbeute 
von Fragmenten der Giebelfiguren, bei dem anderen nichts, well 
alles, was dort einst gelegen hatte, in den Kalkofen gewandert 
war. Diese Erfahrungen und die ähnlichen Beobachtungen des 
Gesandtschaftspredigers Phil. Hunt, der sich mehr in Athen als 
in Konstantinopel aufhielt, veranlaßten Lord Elgin sich einen 
neuen Firman zu verschaffen, der seinen Leuten außer Gerüsten 
und Abformungen auch Messungen und Graben nach Funda- 
menten und Inschriften gestattete; ferner »sollte niemand sie hin- 
dern, wenn sie einige Steinblöcke mit Inschriften oder Figuren 
darauf wegzunehmen wünschten«. 

Die letztere Bestimmung war es, die den Unternehmungen 
eine neue Wendung gab. Hunt verstand sich darauf in diese 
Worte den gehörigen Sinn hineinzuinterpretieren. Mit Hülfe 
eines Bakschisch in Gestalt von englischen Waren erlangte er 
vom Gouverneur die Erlaubnis eine Metope vom Parthenon herab- 
zuholen, eine Erlaubnis, die übrigens vor mehr als zehn Jahren 
schon einmal zugunsten des französischen Botschafters, des Grafen 
Choiseul-Gouffier, mit Bezug auf eine Platte des Frieses erteilt 
worden war. Dieser erste Erfolg bewog Lord Elgin den früheren 
Firman erweitern zu lassen durch die Erlaubnis noch andere 
Skulpturen vom Tempel herabzunehmen. Nun begann jene viel- 
berufene Tätigkeit auf der Burg, wo 3 — 400 Arbeiter etwa ein 
Jahr lang beschäftigt waren den bildlichen Schmuck des Parthenon 
fortzuschaffen. Ein Dutzend Giebelfiguren, 15 Metopen, 56 Fries- 
platten waren die Beute. Die letzteren wurden zum größten Teil 



Lord Elgins Unternehmungen in Athen 29 

rings um den Tempel auf dem Boden oder unter Häusern auf- 
gesammelt, die Statuen aus den Giebelfeldern herabgeholt, ohne 
daß die Architektur deshalb geschädigt zu werden brauchte; die 
Metopen dagegen konnten aus ihrem Gefüge nur durch Zer- 
störung des darüberliegenden Kranzgesimses entfernt werden — 
ein schwerer Vorwurf gegen die Leiter des Unternehmens. Daß 
16 am Erechtheion außer einer Säule der Osthalle eine der Jung- 441 
frauen von der Korenhalle weggenommen und durch einen 
plumpen Pfeiler ersetzt ward, war ebenfalls nicht ohne Barbarei 
durchzuführen (guod non fecemnt Gothi, fecemnt Scott hieß es); 
die Friesstücke des Niketempels dagegen und einzelne Skulpturen 
der Unterstadt Athen wurden durch die Wegnahme lediglich der 
Zerstörung oder Verschleuderung entzogen. Eine bedeutende Zahl 
von Abgüssen, z. B. von den Friesen des sogenannten Theseus- 
tempels, und ein reicher Schatz von Zeichnungen vervollständigten 
die Ausbeute. 

Das alles war erreicht, als Lord Elgin 1803 von seinem 
Posten abberufen ward und seine Heimreise über Athen antrat. 
Lusieri, den er als seinen Agenten dort zurückließ, konnte bald 
200 Kisten mit der kostbaren Ladung auf verschiedenen Schiffen 
abschicken. Eines der Schiffe, die Brigg Mentor, scheiterte und 
sank mit zwölf Kisten am stürmereichen Kap Malea; es bedurfte 
dreijähriger Bemühungen durch geübte Taucher von den klein- 
asiatischen Inseln, um alle Kisten glücklich zu bergen. Was noch 
in Athen unter Lusieris Obhut verblieben war, ward 1807, als 
die Pforte England den Krieg erklärte, von den Franzosen mit 
Beschlag belegt und nach dem Piräeus verbracht; der Mangel 
einer Schiffsgelegenheit, Englands Herrschaft zur See, der rasche 
Friedensschluß bewahrten die Skulpturen vor dem Schicksal, das 
einst die französische Beute in Ägypten betroffen hatte, dem Feind 
in die Hände zu fallen (S. 17). Erst im Jahre 1812 konnte 
Lusieri die letzten achtzig Kisten nach England absenden. 

Wir dürfen hier von den Fragen absehen, ob Lord Elgin 
recht tat seine offizielle Stellung zugunsten seiner Privatunter- 
nehmungen auszunutzen, ob Hunts Interpretation des groß- 
herrlichen Firman sinngemäß war, ob die Arbeiter immer mit der 



30 HI. Die Wiedergewinnung Griechenlands 

gebotenen Vorsicht und Schonung verfuhren; wir dürfen auch 
die Erwägung beiseite lassen, daß die kostbaren Skulpturen in 
der Tat vor der Gefahr der Zersplitterung und der Vernichtung 
gerettet, daß sie den Beschädigungen entzogen wurden, die un- 
gefähr zwanzig Jahre später zwei neue Bombardements der Akro- 
polis und insbesondere der Westseite des Parthenon zufügten. 
Wir haben hier nur zu fragen, ob durch Lord Elgins Vorgehen 
die Wissenschaft benachteiligt oder gefördert worden ist, und da 
kann die Antwort nicht zweifelhaft sein. Erst durch die Bergung 
der durch die Gleichgültigkeit und die Habgier der türkischen 
Besitzer schwer gefährdeten Reste und durch ihre Ausstellung 
an einem leicht zugänglichen Orte haben die Marmorwerke aus 
der Schule des Phidias den Einfluß auf die Entwickelung der 
Archäologie, auf die Gewinnung eines festen Mittelpunktes und 
Maßstabes für die Betrachtung der griechischen Kunstgeschichte 
gewonnen, den sie in dem damals weltfremden Athen, im Bereich 
einer türkischen Festung, in der unerreichbaren Höhe der Giebel- 
felder oder zerstreut über mehr oder weniger unzugängliche 
Schlupfwinkel, niemals hätten ausüben können. Die griechische 
Kunstgeschichte würde noch ein halbes Jahrhundert oder mehr 
der mächtigen Förderung entbehrt haben, die sie durch die Elgin 
marbles in London erhalten hat So hat die Wissenschaft also 
allen Grund Lord Elgin dankbar zu sein. 



Während in Athen daran gearbeitet ward, wie es einst von 
Lord Arundel (S. 9) geheißen hatte, to transplant old Greece 
into England, und zugleich der Architekt William Wilkins die 
athenische Architektur studierte, rüsteten sich andere britische 
Reisende das ganze Griechenland wissenschaftlich zu er- 
forschen. Der bedeutendste von ihnen war der damalige Haupt- 
mann William Martin Leake. Er hatte den Schiffbruch des 
Mentor (S. 29) mitgemacht und dabei alle Papiere verloren, die 
er von einer Bereisung Kleinasiens mitgebracht hatte. 1804 kam 
er von neuem nach Athen, um im Auftrage der britischen Re- 
gierung das griechische Festland zu bereisen. So ist er der 



Griechische Entdeckungen 31 

Begründer der wissenschaftlichen Geographie Griechenlands ge- 
worden. Zugleich durchwanderten der redselige Edward Daniel 
Clarke, Edward Dodwell, ein sinniger Altertumsfreund, von dem 
italienischen Zeichner Pomardi begleitet, und der trockene, aber 
unermüdliche William Gell die griechischen Landschaften. Pau- 
sanias, der Beschreiber Griechenlands aus der Zeit der Antonine, 
war ihr Führer, wie er es einst für Spon und für Chandler ge- 
wesen war, allein der Blick der jetzigen Reisenden war offener 
und freier, sowohl für die Zustände der Gegenwart wie für die 
Überbleibsel der Vergangenheit, die ihnen in überraschender 
Fülle und Neuheit entgegentraten. Am meisten packten sie die 
Reste uralter Baukunst in der Argolis. Tiryns ward entdeckt, 
mit seinen gewaltigen Kyklopenmauern, aus kolossalen Blöcken 191 
9 aufgetürmt, und mit seinen unterirdischen Galerien, Gewölben 193 
von zunächst rätselhafter Bestimmung. Mykenä, die Burg der 

7 Atriden, erschien mit ihrem Löwentor und mit dem berühmten 206 

8 unterirdischen Kuppelgrabe, dem »Schatzhause des Atreus«, in 203 
dem Lord Elgins Vertreter eine Versuchsgrabung angestellt hatten; 
Ausgrabungen lagen den Reisenden selbst fem. So traten zuerst 
die durch die homerische Poesie und uralte Sagen geheiligten 
Stätten in greifbaren Überresten aus dem Dunkel der Vorzeit 
ans Licht. Von den alten Burgmauern von Mykenä und Tiryns 
ging das Interesse über zu den zahllosen, zum Teil trefflich er- 
haltenen Städtemauern späterer Zeiten, die durch ganz Griechen- 

12 land zerstreut sind. Dazu kamen die schönen Tempelruinen in 205 
15 Korinth, in Ägina, in Bassä bei Phigalia, die bisher nur mangel- 436 
haft erforscht waren. Gerade diese Überreste vollendeter Baukunst 
veranlaßten die Gesellschaft der Dilettanti in den Jahren 1812 
und 1813, um die Zeit von Napoleons Zug nach Rußland, eine 
•neue Expedition nach Kleinasien und Attika auszurüsten; an ihrer 
Spitze stand Gell, ihm zur Seite die Architekten John P. Gandy und 
Francis Bedford. Ihre Unedited Antiquities ofAttica, die schon 1817 
dem letzten Bande der Antiquities of Athens auf dem Fuße folgten, 
darin die Aufnahme der Mysterienheiligtümer von Eleusis und der 4i6 
Tempelgruppe von Rhamnus, bezeichneten einen bedeutenden Fort- 219 
schritt in unserer Kenntnis der griechischen Architektur. 



32 m« Die Wiedergewinnung Griechenlands 

In ähnlicher Richtung bewegten sich die Studien anderer 
britischer Architekten, C. R. Cockerell und J. Fester, in Athen, 
wo sie um 1810 mit Lord Byron zusammentrafen. Technische 
Fragen beschäftigten sie begreiflicherweise angesichts der beispiel- 
losen technischen Vollendung, die in den Bauten der Akropolis 
ihnen entgegentrat. So maß z. B. Cockerell die vor ihm schon 
von Wilkins beobachtete Entasis der dorischen Säulen, jene leichte 
Anspannung des Umrisses, die am Parthenon, bei einem unteren 
Säulendurchmesser von 1,90 Metern, jederseits nur um 17 Milli- 
meter aus der graden Linie vorspringt und doch so wesentlich zur 
Belebung des Eindruckes beiträgt. Zu den beiden englischen Archi- 
tekten, die noch im Anfange der zwanziger Jahre standen, stieß 
im September 1810 eine Gruppe etwas älterer Männer, die sich 
in Rom zusammengefunden hatten und nun nach Griechenland 
übersiedelten. Es waren zwei dänische Gelehrte, Peter Oluf 
Bröndstedt und sein Schwager Koes, der estländische Baron Otto 
Magnus von Stackeiberg, ein feinsinniger Kunst- und Altertums- 
freund mit schöner künstlerischer Begabung, der Nürnberger 
Architekt Freiherr Haller von Hallerstein und der schwäbische 
Kunstliebhaber Linkh, ein Wirtssohn aus Cannstatt. Bald schlössen 
sich alle in engem Freundesbunde zusammen, der nach der 
schwärmerischen Weise jener Zeit auch seiner Symbole und Ab- 
zeichen nicht entbehrte; ein besonders nahes Verhältnis entspann 
sich zwischen den beiden Architekten Haller und Cockerell. 

Der ganze Verein strebte nach denselben Zielen, aber die 
Freunde suchten es auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Während 
Stackeiberg mit den beiden dänischen Gelehrten Kleinasien auf- 
suchte, begaben sich die beiden Deutschen und die beiden Eng- 
länder im April 1811 nach der Insel Ägina, um die Ruinen 
12 des vermeintlichen Zeustempels genauer zu untersuchen. In einer' 
Höhle am Tempel schlugen sie ihr Quartier auf. Indem die 
Architekten ihre Vermessungen vornahmen, stießen sie an einer 
der Giebelseiten auf einen behelmten Kopf. Dieser Spur be- 
schlossen sie nachzugehen. Dreißig Arbeiter wurden angeworben, 
und in sechzehntägiger Arbeit ward eine Menge von Bruchstücken 
zutage gefördert, aus denen sich später fünfzehn Statuen, fünf vom 



Ägina 33 

östlichen und zehn vom westlichen Giebel, haben wieder zu- 
sammensetzen lassen. Die glücklichen Finder erwarben den ganzen 
Schatz von der Stadt Ägina als Besitzerin des Bodens um eine 
geringe Summe, 6 — 800 Mark; dieÄgineten werden die Marmor- 
fragmente wohl vorzugsweise nach ihrem Werte für die Kalk- 
bereitung abgeschätzt haben. Die kostbaren Bruchstücke wurden 
dann über Athen nach Zante, dem damaligen Mittelpunkte des 
Handelsverkehrs in jenen Gegenden, geschafft, aber bald, weil sie 
hier bei den unsicheren Kriegsläuften gefährdet erschienen, nach 
Malta in englische Obhut verbracht. Der öffentliche Verkauf war 
jedoch schon vorher für den November 1812 nach Zante ausge- 
schrieben worden, Frankreich und England bewarben sich, letz- 
teres mit unbeschränkter Vollmacht für seinen Abgesandten, der sich 
aber irrtümlicherweise nach Malta als dem Aufbewahrungsorte der 
Marmore begab. So gelang es dem Kronprinzen Ludwig von 
Bayern diese in Zante für den verhältnismäßig niedrigen Preis 
von 120000 Mark zu erwerben und damit seiner geplanten 
Glyptothek den festesten Grundstein zu sichern. Die Zusammen- 
setzung und Ergänzung der Bruchstücke ward der Leitung Thor- 
valdsens übergeben. So großen und nicht unverdienten Ruf 
auch diese Restauration lange genossen hat, so hat geschärfte 
Beobachtung und vertiefte Stilkritik doch auch hier das Mißliche 
eines solchen Unternehmens, zumal ohne wissenschaftlichen Beirat, 
klargemacht. Über die ergänzenden Ausgrabungen, die neuerdings 
unter Furtwänglers Leitung an Ort und Stelle stattgefunden haben, 
soll unten (Kap. VI) berichtet werden. 

Damals, als diese Bildwerke gefunden wurden, boten die Er- 
gebnisse namentlich nach zwei Richtungen Neues. Erstens zeigte 
sich, daß die einzigen bis dahin bekannten Giebelgruppen, die 
des Parthenon, kein so ausschließlicher Schmuck der größten 
Tempel waren, wie man bis dahin wohl angenommen hatte; auch 
kleinere Tempel hatten die gleiche Zierde ihrer Stirnseiten besessen. 
Der Gegenstand der neugefundenen Gruppen wies auf die home- 
37 rische Poesie, die Kämpfe vor Troja. Die Komposition der 349 
Gruppen aber erschien von unerwarteter Strenge, ihr Stil — und 
das war das zweite Neue — ein Beispiel einer älteren und merk- 

Michaelis, Ein lahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 3 



34 ni. Die Wiedergewinnung Griechenlands 

lieh von der attischen abweichenden Plastik. Es war die dorische 
Kunst, die hier zum erstenmal in den Gesichtskreis trat Sie 
wirkte so befremdlich, daß der feinsinnige Bildhauer Martin 
Wagner, der den glücklichen Kauf für seinen Kronprinzen 
abgeschlossen hatte, sich an die ägyptische Kunst erinnert 
fühlte — eine Erscheinung, die sich auch weiter noch viel- 
fach beim Auftreten neuer Werke der altertümlichen griechischen 
Kunst wiederholte. 

Das Glück war aber den Reisenden, den beiden Engländern 
und den beiden Deutschen, noch weiter hold. Von Ägina be- 
gaben sie sich hinüber nach dem Peloponnes. Im Juli 1811 
kamen sie im südwestlichen Winkel Arkadiens zu dem Apollon- 
tempel von Bassä, im Gebiete der Stadt Phigalia, im Volks- 
munde »zu den Säulen« Cq 'vobq oxüXout;) genannt Der Tempel 
ist durch seine herrliche Lage ausgezeichnet, hoch im Gebirge, 
mit freiem Ausblick nach Süden über das reiche messenische Land 
mit seinem Bergmittelpunkt Ithome, fern bis zum weiten Meer. 
15 Dazu kamen die mannigfachen Besonderheiten des Baues, im 436 
Grundplan, in der Verwendung ionischer Halbsäulen inmitten eines 233 
dorischen Tempels usw. Für die Architekten, Haller, Cockerell 
und Foster, gab es also reiche Arbeit Beim Durchstöbern 
der übereinandergehäuften Blöcke gerieten sie auf den Unter- 
schlupf eines Fuchses, und als sie diesem nachspürten, trat ihnen 
eine Friesplatte entgegen, die dem Tiere zum Lager gedient 
hatte. Also wiederum Skulptur am Tempel! Ausgrabungen waren 
nicht gestattet, aber natürlich gaben die Freunde nach dem Er- 
folg in Ägina die Hoffnung nicht auf auch hier zum Ziele zu 
gelangen. Der preußische Maler Georg Gropius, der als öster- 
reichischer Vizekonsul in Athen lebte und jenem Freundeskreise 
nähergetreten war, führte die Verhandlungen mit dem damaligen 
Machthaber in Morea, Veli Pascha in Tripolitza, und es gelang 
ihm gegen Zusicherung der Hälfte der Ausbeute die Erlaubnis 
zu Ausgrabungen zu erreichen. 

Mit dieser Botschaft stieß Gropius im Juli 1812 in An- 
drltzena zu den schon früher von Athen aufgebrochenen Freunden. 
Diesmal fehlte Cockerell, der nach Sicilien abgereist war; dafür 



Bassä 35 

hatte sich Stackeiberg den drei Mitgliedern der früheren Reise- 
gesellschaft, Haller, Foster und Linkh, angeschlossen. So zogen 
sie, insgesamt 14 Personen, auf die luftige Berghöhe und 
schlugen dort in Zelten und Laubhütten ihr Lager auf; »Fran- 
kenstadt« ((^parpiouTzoliq) ward die Niederlassung getauft. Die 
Zahl der Arbeiter schwankte zwischen 60 und 120. Hallerstand 
als Leiter der Ausgrabungen an der Spitze, ihm zur Seite Stackel- 
berg als Zeichner. Ein lebhaftes Treiben entfaltete sich auf der 
entlegenen Höhe. Besuche, Spielleute, Feste unterbrachen die 
emsige Arbeit; auch eine Bekanntschaft mit Räubern fehlte nicht. 
Vergebens spürte man Resten von Giebelgruppen nach; der 
Tempel hatte offenbar keine besessen. Außer ein paar Bruch- 

53 stücken von Metopen waren etwa 30 Meter Fries, die sich all- 456 
mählich zu 23 Platten zusammensetzen ließen, der Lohn zwei- 
monatiger Mühen. Nun aber galt es sich mit Veli Pascha abzu- 
finden. Zu ihm war der Ruf von gefundenen Silberschätzen 
gedrungen; dazu hatten die frischen Brüche des grobkörnigen 
Marmors den Anlaß gegeben. Wie groß war seine Enttäuschung, 
als ihm eine der Platten zur Ansicht geschickt ward! Es blieb 
ihm nichts übrig, als den Kunstkenner zu spielen und die schöne 
Ausführung der Schildkröten — dafür hielt er die großen runden 
Schilde der Krieger — zu loben. Unter diesen Umständen, und 
da überdies seine Abberufung unmittelbar bevorstand, war es 
nicht schwer dem Pascha seine Hälfte und die Erlaubnis zur 
Mitnahme der Marmore für mäßigen Entgelt (8000 Mark) abzu- 
kaufen. In mühsamem Transport durch das unwegsame Gebirge 
und trotz der Schwierigkeiten, die von den Lokalbehörden aus- 
gingen, zogen die schweren Blöcke und die zahllosen Fragmente 
hinab zum Strande, um gleich den Ägineten nach dem gegen- 
überliegenden Zante verbracht zu werden. Alles bis auf ein 

17 sehr merkwürdiges korinthisches Kapitell, das einzige im Tempel, 437 
war glücklich verladen, als die Soldaten des neuen Pascha am 
Ufer eintrafen um die Abfahrt zu hindern. Dies gelang ihnen 
freilich nicht, die Reisenden mußten aber mit ansehen, wie die 
Türken in blinder Wut das Kapitell in Stücke schlugen, das 
wir daher nur aus Zeichnungen kennen! In Zante sah Martin 



36 in. Die Wiedergewinnung Griechenlands 

Wagner, als er den Ankauf der äginetischen Statuen besorgte, 
die Skulpturen und machte danach Zeichnungen, die er dem- 
nächst zum Mißfallen der Entdecker veröffentlichte. Der Verkauf 
fand 1814 statt. Diesmal war der britische Abgesandte zur 
Stelle und erstand den Fries für 300000 Mark, die drittehalb- 
fache Summe des für die Ägineten gezahlten Preises. 

Die Wissenschaft erhielt durch die Entdeckungen in Bassä 
15 eine neue Bereicherung. Die komplizierte Anlage des Tempels, 436 

bei der auf eine ältere kleine Kapelle hatte Rücksicht genommen 
15 werden müssen, die fremdartigen Einzelformen der ionischen 233 
17 Säulen, zu denen sich auch jenes korinthische Kapitell, das älteste 437 
von allen bekannten, gesellte, die Verbindung aller drei Baustile 
an demselben Tempel, alles das erregte die Aufmerksamkeit um 
so lebhafter, als der Baumeister dieses Tempels, Iktinos, derselbe 
Athener war, der den kanonischen Musterbau, den Parthenon, er- 
richtet hatte. Andere Probleme stellte der Fries. Er hatte sich im 
Innern des größten Tempelraumes über den ionischen Säulen 
hingezogen; wie hatte er sein Licht bekommen? Die Frage der 
Beleuchtung der Tempel, die Beschaffenheit der sogenannten 
Hypäthraltempel, war damit auf die Tagesordnung gesetzt, von 
der sie für viele Jahrzehnte nicht verschwinden sollte. Alle mög- 
lichen und unmöglichen technischen Lösungen wurden vorge- 
schlagen und eifrig darüber gestritten, bis endlich dank einer 
Untersuchung Dörpfelds (1891) die Überzeugung durchgedrungen 
istj daß Beleuchtung eines geschlossenen Raumes durch blen- 
dendes Oberlicht den griechischen Tempeln fremd war; auch in 
Bassä handelte es sich um keinen gedeckten, sondern um einen 
hofartigen, oben offenen Raum, wie er sich noch in manchen 
anderen Tempeln, z. B. dem Didymäon bei Milet, hat nach- 
weisen lassen. Aber auch der Fries selbst, seine häufig an 
Attisches anklingenden Motive, und andererseits der abweichende 
Stil der derberen Ausführung heischten eine Erklärung, über die 
bis zum heutigen Tage keine volle Einigkeit erzielt worden ist. 
Stackeiberg, der dem Friese die größte Aufmerksamkeit schenkte 
und ein großes Werk über ihn allmählich reifen ließ, glaubte 
ihn dem begabtesten Schüler des Phidias, Alkamenes, zuschreiben 



Bassä. Hypäthraltempel. Die E^in marbles 37 

zu dürfen; wenige haben darin die Lösung des Rätsels zu er- 
blicken vermocht. 



Die Funde von Ägina und Bassä waren glücklich in München 
und London geborgen, aber wie sah es inzwischen mit Lord 
Elgins Erwerbungen aus? 

Lord Elgin war im Jahre 1803 von seinem Posten abbe- 
rufen worden. Auf der Rückreise suchte er in Rom Canova auf, 
legte ihm Zeichnungen seiner Skulpturen vor und trug ihm deren 
Ergänzung an. Aber Canova erwarb sich den Ruhm höchster 
Einsicht, indem er den Antrag ablehnte und erklärte, Werke von 
solchem Range dürften überhaupt nicht ergänzt werden. Damit 
war von der damals angesehensten Kunstautorität eine neue 
Richtschnur bezeichnet, ganz abweichend von dem in Italien 
üblichen Verfahren; der Rat war zu neu um gleich überall be- 
folgt zu werden, aber der Zukunft sicher. Die Archäologen 
werden darüber Canova viele süßliche Umbildungen antiken 
Geistes verzeihen. 

Lord Elgin ward auf seiner Weiterreise wider alles Völker- 
recht von den Franzosen gefangen genommen und drei Jahre 
in Festungshaft gehalten. Er bot sofort aus der Haft der eng- 
lischen Regierung seine Sammlung an, aber ohne Erfolg. Wo 
waren überhaupt seine Kisten? Als Elgin 1806 ins Vaterland 
zurückkehrte, mußte er sie in den verschiedenen Häfen, wohin 
die einzelnen Fahrzeuge sie gebracht hatten, zusammensuchen und 
mühsam ein Unterkommen für sie beschaffen. Ehe die Kisten 
aber auch nur geöffnet waren, fand ihr noch unbekannter Inhalt 
die erbittertste Befehdung von selten Richard Payne Knights, des 
damals anerkanntesten Kunstorakels in England, der die Bildwerke 
vom Parthenon für Handwerkerarbeiten, zum Teil aus römischer 
Zeit, erklärte. Hinter Payne Knight stand die ganze vornehme 
und einflußreiche Gesellschaft der Dilettant! (S. 10). Solch ge- 
hässigem Unverstände gegenüber schlug Lord Elgin den Weg 
der öffentlichen Ausstellung seiner Schätze ein. Nur wenige er- 
faßten die Offenbarung, unter ihnen niemand mit tieferer Über- 



38 HI- Die Wiedergewinnung Griechenlands 

Zeugung und glühenderem Enthusiasmus, als der junge Maler 
Benjamin Robert Haydon. Welche Revolution in seinen An- 
schauungen durch die athenischen Marmore erregt ward, mag 
eine Stelle aus seiner Selbstbiographie zeigen. Sie fällt in das 
Jahr 1808. Haydons Freund, der Maler David Wilkie, hatte 
eine Entrittskarte zur Sammlung bekommen und holte ihn 
dahin ab. 

»Wir gingen nach Park Lane, Durch die Eingangshalle gelangten 
wir in einen offenen Hof und betraten einen feuchten, schmutzigen 
Schuppen, in dem die Skulpturen für Auge und Hand erreichbar auf- 
gestellt waren. Das erste, worauf mein Blick fiel, war der Unterarm 
einer Figur in einer der Frauengruppen, an dem die beiden Knochen 
des Unterarmes, obwohl in weiblicher Form, doch deutlich sichtbar 
waren. Ich war erstaunt, denn ich hatte nie eine Andeutung davon in 
einem antiken weiblichen Arme gesehen. Ich warf einen Blick auf den 
Ellenbogen und sah dessen äußeren Knorren deutlich auf den Umriß 
einwirken, wie es in der Natur der Fall ist. Ich sah, daß der Arm in 
Ruhe und die weichen Teile abgespannt waren. Jene Vereinigung von 
Natur und Ideal, deren Notwendigkeit für die erhabene Kunst ich so 
tief gefühlt hatte, hier lag sie greifbar vor aller Augen. Mir klopfte 
das Herz! Hätte ich nichts weiter gesehen, ich würde genug geschaut 
haben um mich für mein ganzes Leben an die Natur zu halten. Aber 

45 als ich mich nun zum »Theseus« wandte und gewahr ward, wie jede 
Form durch Ruhe oder Bewegung sich änderte — als mein Blick auf 

46 den >Ilissos« fiel und ich sah, wie der Bauch sich vorwärts wölbte, 402 
weil die Gestalt auf dieser Seite lag — und weiter, als ich in der 

44 kämpfenden Figur einer Metope bemerkte, wie bei der momentanen 395 
Bewegung des Auslegens der Muskel unter der einen Achselhöhle 
sichtbar ward, während er in der anderen ohne solchen Anlaß fehlte — 
kurz als ich den heroischsten Stil mit allem wesentlichen Detail des 
wirklichen Lebens vereinigt sah, da war es aus, ein für allemal! Nie 

46 werde ich die Pferdeköpfe vergessen, die Füße in den Metopen! Ich 404 
hatte ein Gefühl, als ob mir tief im Herzen eine göttliche Offenbarung 
aufgegangen wäre, und ich wußte, diese Werke würden endlich die 
Kunst Europas aus ihrem Schlummer in finsterer Nacht erwecken.« 

Drei Monate brachte Haydon damit zu nach den Skulpturen zu 
zeichnen, um dann sein Urteil in den Worten zusammenzufassen: 
»Ich sah, daß in diesen Werken alles Wesentliche ausgewählt, 
alles Überflüssige beiseitegelassen war; daß zuerst alle Ursachen der 
Bewegung erkannt und dann gerade die erlesen waren, die für irgend 
eine Handlung erfordert wurden; daß sodann Haut das Ganze bedeckte 



Schicksale der Elgin marbles in London 39 

und daß die Wirkungen der Bewegung und der Abspannung, des 
Strebens und des Gleichgewichts in der Haut sichtbar wurden. Ich 
glaube zuversichtlich, daß die Überführung dieser Werke hierher der 
größte Segen ist, der je diesem Lande widerfuhr.« 

So dachten freilich die anderen nicht. Die Mißstimmung in 
den maßgebenden Kreisen blieb bestehen, und die griechischen 
Götter hausten in den Nebeln der Themsestadt ziemlich unbe- 
achtet. Dennoch blieb Lord Elgin Anerbietungen gegenüber, die 
ihm zugunsten dos Musee Napoleon gemacht wurden, fest. 1811 
knüpfte er dagegen Verhandlungen mit dem Unterhause an; sie 
zerschlugen sich. Da trat ein neuer Gegner auf, einer der ge- 
fährlichsten. Im Frühjahr 1811 erschien Lord Byrons »Fluch 
Minervas«, eine Frucht seines athenischen Aufenthaltes (S. 32), 
und im Sommer des nächsten Jahres entlud gar Childe Harold 
die ganze Schale seines Zornes gegen den Schotten, den Pikten, 
den Tempelräuber. Alles verschwor sich gegen die athenischen 
Fremdlinge, die von einem Orte zum anderen wandern und sich 
eine Unterkunft erbetteln mußten. Als 1814 der Fries von Bassä 
nach London gelangte, erhob Payne Knight von neuem seine 
Stimme zu parteiischem Lobe dieser Reliefs gegenüber den Skulp- 
turen vom Parthenon. 

Die rechte Anerkennung der letzteren kam — von Haydon 
und seinen wenigen Gesinnungsgenossen abgesehen — zuerst von 
Fremden. Von den Friedensverhandlungen in Paris aus begab 
sich Kronprinz Ludwig von Bayern im Sommer 1814 nach London 
und war von der Schönheit der athenischen Marmore so ergriffen, 
daß er für den Fall, daß die Stimmung in England nicht um- 
schlagen sollte, eine bedeutende Summe für den Ankauf bei 
seinem Bankier anwies. Ihm folgte Visconti, der damals führende 
Archäologe, zugleich der erste, der auf die Sammlung ein ernstes 
fachmännisches Studium verwandte. Sein uneingeschränktes Lob 
war den Gegnern höchst unbequem. So hielt Lord Elgin, der 
mittlerweile in finanzielle Verlegenheit geraten war, den Zeitpunkt 
für gekommen seine Schätze dem englischen Volke, in dessen 
Interesse er sie von Anfang an gesammelt hatte, zum Kauf an- 
zubieten. Napoleons Rückkehr von Elba, die hundert Tage, die 



40 II'' I^ic Wiedergewinnung Griechenlands 

Schlacht von Waterloo, die Vertagung des Parlaments brachten 
einen Aufschub — zu Lord Elgins Gunsten, denn nicht bloß 
hatte Visconti inzwischen zwei Vorträge in der Pariser Akademie 
gehalten, die Lord Elgin sogleich drucken ließ, sondern im No- 
vember 1815 traf auch Canova, der in Paris für die Rückgabe 
der entführten Kunstwerke (S. 24) tätig war, in London ein. 
Seine rückhaltlose Anerkennung der athenischen Kunstwerke 
brachte auch die Feinde und Neider zum Verstummen. So be- 
gannen im Februar 1816 die denkwürdigen Verhandlungen, in 
denen eine Parlamentskommission als Kunstareopag unter An- 
hörung von Zeugen und Sachverständigen vierzehn Tage lang 
über Phidias Meisterwerke zu Gericht saß. Payne Knight schätzte 
die Giebelstatuen auch jetzt noch ebenso gering wie den Fries, 
während die Bildhauer (z. B. Flaxman) und die Maler die Werke 
weit über alle oder fast alle anderen Antiken stellten; Haydon 
hatte man aus Rücksicht auf Payne Knight und seine vornehmen 
Gönner nicht zugezogen. Am 7. Juni 1816 bestätigte das nur 
noch spärlich besetzte Parlament gegen den matten Widerspruch 
der Liberalen (denn auch dies war zur Parteifrage geworden) 
den Ankauf der ganzen Sammlung für 35000 Pfund. Lord 
Elgin hatte auf jede bestimmte Forderung verzichtet. Die ziem- 
lich obenhin festgestellte Schätzungssumme deckte nicht einmal 
seine baren Auslagen; rechnet man die Zinsverluste hinzu, so 
ward ihm noch nicht die Hälfte seiner Ausgaben ersetzt Seine 
Ernennung zum Verwaltungsrat {Trustee) des Britischen Museums 
war eine Art Ehrenerklärung gegenüber den Anfeindungen, 
denen er so lange ausgesetzt gewesen war. Ehrenvoller war noch, 
daß sein Name unlöslich mit den Elgin marbles verbunden ist 
Für das Britische Museum waren diese Schätze gewonnen. 
Dieses war seit 1 753 aus höchst bescheidenen Anfängen erwachsen, 
aber nicht als höfisches Kabinett, wie fast alle anderen größeren 
Antikensammlungen, sondern als Nationalmuseum. Die Erwer- 
bung einer bedeutenden Sammlung griechischer bemalter Vasen 
aus Unteritalien, die der britische Gesandte in Neapel, William 
Hamilton, gebildet hatte (1772), die ägyptische Beute von 1801 
(S. 17), die Übernahme einer bedeutenden Sammlung römischen 



Die Erwerbung der Elgin marbles für das Britische Museum 4 1 

Stils von Charles Townley (1805), endlich der Ankauf des Frieses 
von Bassä (1814) bezeichnen die Stufen des allmählichen Auf- 
schwunges. Jetzt, mit der Einverleibung der Elgin Marbles, stieg 
das Museum mit einem Schlag auf die höchste Stufe. Durch die 
Qualität dieser Erwerbung hatte es sowohl das eben in der Auf- 
lösung begriffene Musee Napoleon wie die römischen Museen 
derart überflügelt, daß es nicht zu befürchten brauchte diesen 
Rang jemals zu verlieren. 

Als die athenischen Skulpturen, von Minervens Fluch erlöst, 
endlich im Nationalmuseum ihren festen Platz gefunden hatten, 
47 wurden sie rasch populär, namentlich der Fries. Die Kühe der 
athenischen Hekatombe erregten das Entzücken der englischen 
46f. Viehzüchter; die Reiter bewogen einen Reitlehrer, seine Schüler 397 
statt einer Reitstunde lieber für eine Stunde auf deren Betrachtung 
zu verweisen, so meisterlich schienen sie ihm auf den sattellosen 
Pferden zu sitzen. Schnell verbreitete sich der Ruf der neuen 
Schätze auch über den Kanal. Von Paris eilte 1818 Quatremere 
de Quincy herbei, ein hochangesehener Veteran der Archäologie, 
der kurz vorher eingehende Studien über Phidias und die Oold- 
elfenbeinkunst herausgegeben hatte. In seinen Briefen an Canova, 
dem beredtesten Zeugnis der beginnenden Geschmackswandlung, 
äußert sich eben wie bei Haydon immer von neuem der Eindruck 
einer ganz neuen Offenbarung. Er vergleicht die einzelnen Statuen 
mit den berühmtesten Antiken; stets schlägt der Vergleich zu- 
gunsten jener aus. Aber noch höher steht ihm das hier allein 
vorliegende Ganze von Originalwerken ersten Ranges — wie ein- 
heitlich und wie reich! In manchen Beobachtungen berührt er 
sich unmittelbar mit Haydon. Den Körpern, sagt er, liege, 
wie nirgends sonst, die vollendetste Einsicht in den Knochenbau 
zugrunde. Daher die Mischung von sicherer Leichtigkeit und ge- 
diegener Kraft: »diese Körper können sich bewegen, sie scheinen 
sich zu bewegen«. Dazu das bald feste bald weiche Fleisch, die 
bald angespannten bald ruhenden Muskeln, die elastische, überall 
sich anschmiegende Haut, jenes in Worten unfaßbare, aber dem 
Gefühl unmittelbar zugängliche Spiel unendlicher feinster Be- 
wegungen der Oberfläche, bis in jede Einzelheit wahr und von 



42 IIl- Die Wiedergewinnung Griechenlands 

Leben erfüllt! »Ich habe nichts in seiner Art so Lebendiges ge- 
46 sehen wie den Pferdekopf. Das ist nicht mehr eine Skulptur; 404 

das Maul wiehert, der Marmor lebt, man glaubt ihn sich bewegen 
46 zu sehen . . . Und der Flußgott — man meint, er werde sich 402 

erheben; man meint, er erhebe sich schon; man wundert sich, 

daß er immer noch da liegt.« 

Ebenso groß erscheint Quatremere die Gewandung, Nichts 

von jener vermeintlichen Steifheit, von jener etwas herben Hoheit, 

sondern auch hier der unbegreiflichste Reichtum spielender Phan- 

45 tasie und natürlichsten Lebens. Bald schmiegen sich die Falten 401 

46 leicht und fein den Körpern an, bald wehen sie, vom Wind auf- 
gebauscht, in mächtigem Schwünge zurück, bald umhüllen sie den 
Körper in großen Massen, die wieder eine unendliche Fülle 
reichster Einzelmotive umschließen. »Der Reiz dieser Gewand- 
statuen ist wie der der Grazie. Er ist die Verzweiflung derer, die 
überall nach dem Warum fragen. E bella perche e bella, das ist 
in solchen Dingen der beste Grund; hiervon wird der Kenner 
nie mehr verstehen als der Laie.« 

So wirkten die Originale auf den feinen Kunstkritiker. Der 
Bildhauer Joh. Heinr. Dannecker konnte nur nach einigen durch 
Haydon vermittelten Abgüssen urteilen, wenn er schrieb: »Für 
mich ist es das höchste, was ich je in der ganzen Kunst gesehen 
habe; sie sind wie auf Natur geformt, und doch habe ich nie 
das Glück gehabt solche Naturen zu sehen.« Der Altmeister in 
Weimar mußte sich vollends nur mit Zeichnungen begnügen; 
diese aber wirkten auf ihn mit solcher Gewalt, daß er nach 
London statt nach Italien zu ziehen wünschte (denn da »sei doch 
allein Gesetz und Evangelium beisammen«) und daß er den Plan 
zu einem Verein deutscher Bildhauer entwarf, der das Britische 
Museum zum regelmäßigen Studienplatz für diese machen sollte. 
Es hat etwas Rührendes, wenn der Siebzigjährige, in dessen 
Geistesentwickelung Italien eine so entscheidende Rolle gespielt 
hatte, nunmehr sich »glücklich preist auch dies noch erlebt zu 
haben«. Eine vollkommene Revolution des Geschmackes vollzog 
sich; das Land der Griechen, das einst Winckelmann mit der 
Seele gesucht hatte, lag jetzt offen da vor den Blicken aller, die 



Wirkung der Elgin marbles. Die Münchener Glyptothek 43 

Augen hatten zu sehen. »Die Kunstgeschichte«, urteilte Welcker, 
»hat einen neuen Mittelpunkt und für immer den richtigen Maß- 
stab für die Hauptverhältnisse gefunden.« Wäre es so bald dazu 
gekommen, wenn die Elgin marbles auf der türkischen Festung 
in Athen verblieben wären? 

Das einzige Museum, das sich, wenn auch in weitem Ab- 
stände, mit dem Britischen Museum vergleichen konnte, war die 
Münchener Glyptothek, die König Ludwig im Jahre 1830 er- 
öffnete. Denn auch hier waren es die Originalwerke griechischer 
Kunst, die der Sammlung ihren Stempel aufdrückten. Dadurch 
aber, daß der königliche Sammler von Anfang an den historischen 
Gesichtspunkt festgehalten hatte und diesen die ganze Anlage 
der Glyptothek hatte bestimmen lassen, betonte die Münchener 
Sammlung noch stärker als das Britische Museum das Moment, 
das die Zukunft der Museen beherrschen sollte: anschauliche 
Darstellung der Entwickelung der antiken Kunst. 



Von Athen aus ward auch eine genauere Erkundung des 
griechischen Westens, der in den älteren Zeiten das Mutterland 
an Reichtum und Bedeutung überflügelt hatte, angebahnt. Die 
griechischen Überbleibsel Unteritaliens, an der langgestreckten 
Küste weithin zerstreut, hatten bisher mit Ausnahme Pästums 
(S. 9) wenig Aufmerksamkeit erregt. Da begab sich zu Anfang 
des Jahrhunderts der schon aus Athen uns bekannte Architekt 
William Wilkins (S. 30) dorthin und legte 1807 das Ergebnis 
seiner Untersuchungen in dem großen Kupferwerke der Anti- 
quities of Magna Graecia nieder. Ihm folgte 1812 Cockerell, 
der sich Sicilien für seine Studien ausersehen hatte (S. 34). 
Sicilien ist bekanntlich von allen griechischen Ländern das an 
Tempelruinen reichste. Am augenfälligsten treten diese in Gir- 
genti, dem alten Akragas, dem Beschauer entgegen, wo nicht 
weniger als sieben Tempel, freilich in sehr verschiedenen Er- 
haltungszuständen, den Architekten zur Erforschung einladen. 
Hier setzte Cockerell ein. Namentlich die Ruinen des mächtigen 
Zeustempels reizten zum Entwurf einer Wiederherstellung. Die 364/65 



44 I^I- Die Wiedergewinnung Oriechenlands 

rings geschlossene Mauer mit Halbsäulen anstatt des üblichen 
offenen Säulenkranzes, die ebenfalls abweichende Anlage der 
Cellamauer mit ihren vorspringenden Pilastern, die Reste kolos- 
saler Giganten als Gebälkträger, deren ursprünglicher Platz schwer 
zu bestimmen war, das alles bot neue Tatsachen und neue Pro- 
bleme. Cockerell suchte sich später (1830) im Ergänzungsbande 
einer neuen Auflage der Antlquities of Athens mit diesen Fragen 
auseinanderzusetzen. 

Viel unscheinbarer als in Girgenti liegen die Ruinen in 
Selinunt, der westlichsten Griechenstadt an der Südküste Siciliens, 
zutage, da die karthagische Zerstörung von 409 hier gründlicher 
aufgeräumt hat. Nichtsdestoweniger haben sich auch hier auf 
den beiden Höhen, die den einstigen Hafen umgeben, Reste von 
mindestens sieben Tempeln erhalten, unter denen namentlich zwei 

12 (gewöhnlich mit B und C bezeichnet) in sehr alte Zeit — man 248/49 
glaubte zuerst, bis ins Ende des 7. Jahrhunderts — hinaufreichen. 
Hier gruben im Winter 1822/23 die englischen Architekten 
Samuel Angell und William Harris; letzterer erlag als Opfer seiner 
Arbeit dem tückischen Fieber. Am dankbarsten erwies sich der 
Tempel C. Alles an ihm zeigte eine vom Gewöhnlichen ab- 248 
weichende, altertümliche Anlage; die große Länge von 17 Säulen 
auf 6 Frontsäulen, nach Osten eine doppelte Querreihe von Säulen 
statt der üblichen einfachen, dafür ein Pronaos ohne Säulenstellung, 
endlich ein besonderes Hintergemach hinter der Cella, lauter 
Dinge, die die attische und ostgriechische Architektur bisher nicht 
aufgewiesen hatte. BesonderesAufsehen erregten aber die zahlreichen 

40 Bruchstücke hochaltertümlicher Metopenreliefs, von denen sich drei 288 
(Perseus und Medusa, Herakles und die Kerkopen, ein Viergespann) 
aus 32, 48, 45 Fragmenten wieder zusammensetzen ließen. 

Mehr noch als .der plumpe hochaltertümliche Stil der Skulptur 
zogen die vielen Spuren ursprünglicher Bemal ung die Auf- 
merksamkeit auf sich und regten die Frage der Bemalung der 
Skulptur an. Diese erweiterte sich aber zu der anderen Frage 
nach der Bemalung der Architektur, die zunächst ganz in den 
Vordergrund trat. Sie ward schon im nächsten Winter von dem 
in Köln geborenen, in Paris wirkenden Architekten Jacques Ignace 



Girgenti und Selinunt. Polychromie 45 

Hittorff auf einer Reise durch Sicilien, wo er von seinem Schüler 
Ludwig Zanth und von Wilhelm Stier begleitet ward, eifrig ver- 
folgt. Die farbige Architektur der normannischen Bauten Siciliens 
mag mitgewirkt haben; genug, Hittorff kam zu dem Ergebnis, 
daß die griechische Architektur ganz und gar farbig gewesen sei, 
eine Überzeugung, die er alsbald in der Architecture antique de 
la Sicile (1826/30), später (1851) in erweiterter Gestalt in der 
Architecture polychrome chez les Grecs darlegte. Inzwischen hatte 
auch Gottfried Semper, der in den Jahren 1830/32 den Süden 
bereiste, aus der Untersuchung der Reste die gleiche Überzeugung 
von einer durchgängigen Bemalung der antiken Architektur ge- 
wonnen und sich in diesem Sinne ausgesprochen. Das lief 
durchaus den hergebrachten Ansichten zuwider und begegnete 
daher lebhaftem Widerspruch. In der Tat haben manche Be- 
obachtungen Hittorffs und Sempers vor einer genaueren Prüfung 
nicht standgehalten, und die aprioristische ästhetische Forderung, 
daß, wenn überhaupt Farbe angewandt worden sei, alles farbig 
gewesen sein müsse, ist durch sichere Tatsachen widerlegt worden; 
in solchen geschichtlichen Fragen entscheidet eben nicht die 
Theorie, sondern das Faktum. Aber trotzdem waren Hittorffs 
und Sempers Anregungen äußerst dankenswert und ihre Behaup- 
tungen bedurften nur einer Einschränkung. Diese haben die 
nachfolgenden Untersuchungen gebracht, und heutzutage besteht vi 
so wenig ein Zweifel darüber, daß die griechische Architektur 
der Bemalung nicht entbehrte, wie über deren Grenzen, wobei 
immer noch Material, landschaftlicher Brauch und Zeitgeschmack 
mitberücksichtigt sein wollen. Für Sicilien kommt dabei auch 
die später (1881) von Dörpfeld und Borrmann nebst Genossen 
gemachte Beobachtung in Betracht, daß gewisse Teile des Ober- 
baues mit farbigen Tonplatten und Tonkasten verkleidet waren. 256 
Auf dem Ton sind die eingebrannten Farben nahezu unver- 
gänglich, und so hat sich hier jene ernste Färbung (gelblich, 
schwarz und rot) erhahen, der die übrige Farbenstimmung des 
Baues entsprochen haben wird, gegenüber dem lichteren Blau 
und Rot auf dem leuchtenden Marmorgrunde der attischen 
Bauten. 



46 ^^I- Die Wiedergewinnung Griechenlands 

Die von Fremden begonnene Untersuchung der griechischen 
Bauwerke Siciliens ward mit Glück von Einheimischen fortgeführt. 
Namentlich erwies sich der Herzog von Serradlfalco, dem der 
junge Architekt Saverio Cavallari zur Seite stand, als einsichtiger 
Mäcen. Am bedeutendsten unter den neuen Funden waren zwei 
halbe und vier ganze Metopen, beide von Tempeln des östlichen 
40 Stadthügels von Selinunt. Indem an den vier Metopen vom 366 
Heräon die nackten Teile der weiblichen Figuren aus Marmor, 
alles übrige aus Tuff (mit mancherlei Farbspuren) hergestellt war, 
ergab sich eine neue Technik farbiger Skulptur, die sich mit dem 
Gebrauche der Tonmalerei nahe berührte. 

Etwa gleichzeitig (1828) erforschte der junge Herzog von 
Luynes mit Hülfe des Architekten F. J. Debacq die altertümlichen 
Tempelreste von Metapont, der alten Achäerstadt am Meer- 
busen von Tarent, die sich ernst aus der sumpfigen Umgebung, 
der fieberbrütenden anticamem del diavolo, herausheben. Für 
die oben erwähnten Fragen hatte ein Stück von einer tönernen 
Rinnleiste mit ausdrucksvollem Löwenkopf wegen seiner wohl- vi 
erhaltenen Farben besonderes Interesse. 

Alle diese eifrigen Forschungen im griechischen Westen lieferten 
die wertvollste Ergänzung der Untersuchungen in Attika und dem 
Peloponnes. Namentlich die Baukunst in ihren älteren Perioden 
lag bedeutend klarer vor Augen, und zwar ebenso der im all- 
gemeinen parallele Entwickelungsgang des Dorismus im Westen 
und Osten, wie die zahlreichen Besonderheiten, die man zunächst 
leicht geneigt war in ihrer Bedeutung zu verallgemeinern. Wie 
vielgestaltig die griechische Kunst sogar bei einer so gleichförmigen 
Schöpfung, wie es der dorische Tempel zu sein scheint, auftreten 
kann, dafür mußte sich der Blick erst allmählich schärfen. Auch 
hier galt es, nicht vorzeitig Theorien und Systeme aufzustellen 
und sich dadurch die Einsicht in die Mannigfaltigkeit der Er- 
scheinungen zu versperren, sondern ruhig das Tatsächliche zu 
beachten und den Blick für die wirkliche geschichtliche Ent- 
wickelung offen zu halten. 



Selinunt. Metapont. Die Aphrodite von Melos 47 

Inzwischen war Griechenland in seine türkische Stille zurück- 
versunken. Die Mitglieder jenes internationalen Freundeskreises, 
dem die Aufdeckung und Bergung der Skulpturen von Ägina und 
Bassä verdankt ward, hatten Athen verlassen. Cockerell und Fester 
waren nach England zurückgekehrt, wo jener eine bedeutende 
praktische und wissenschaftliche Tätigkeit entfaltete, dieser in be- 
scheidenerer Weise in Liverpool wirkte. Stackeiberg war 1813 
in die Hände von Piraten gefallen, aus denen ihn sein Freund 
Haller von Hallerstein mit Aufopferung befreite. Haller selbst, 
fiel 1817 in Thessalien dem Fieber zum Opfer. Stackeiberg und 
Linkh waren inzwischen nach Rom übergesiedelt, wo sich etwas 
später auch Bröndsted niederließ. In Griechenland unterbrach ein 
einziges Begegnis archäologischer Art die allgemeine Ruhe, die 
73 Entdeckung der Aphrodite von Melos. es 

Es handelt sich hier um einen zufälligen Fund, dessen 
romantische Einzelheiten in ein gewisses Dunkel gehüllt sind. 
Trotz eifrigen Nachstöberns in Berichten aller Art ist es bis auf 
den heutigen Tag, zumal da wichtige Beweisstücke verschwunden 
sind, nicht gelungen volle Klarheit über die Tatsachen zu erzielen. 
Folgendes scheint der Sachverhalt zu sein. In den ersten Monaten 
des Jahres 1820 fand der Bauer Georgios in Melos die Statue 
der Aphrodite in mehreren Stücken. Französische Seeoffiziere, 
darunter der später berühmte Weltumsegler Dumont d'Urville, be- 
trachteten sie; der französische Agent Brest meldete den Fund an 
den französischen Konsul David in Smyrna. Dieser berichtete 
darüber an den Botschafter in Konstantinopel, den Marquis de 
la Riviere, der bereit war das ihm gepriesene Stück zu kaufen. 
Inzwischen aber hatte bereits ein griechischer Priester die Statue 
von der Gemeinde Melos gekauft, um sie einer einflußreichen 
Persönlichkeit in Konstantinopel zu schenken; gekauft, aber noch 
nicht bezahlt, als im Mai der Sekretär der französischen Bot- 
schaft, de Marcellus, in Melos eintraf und die Statue von der- 
selben Gemeinde für eine geringe Summe, 550 oder 750 Francs, 
erwarb, um sie alsbald fortzuführen. Der Priester klagte in 
Konstantinopel, aber die Strafe von 7000 Piastern, zu der die 
Gemeinde verurteilt wurde, ward auf Betreiben des Botschafters 



48 in. Die Wiedergewinnung Griechenlands 

niedergeschlagen. Dieser selbst sammelte im November einige 
weitere Bruchstücke in Melos auf und schenkte dann den ganzen 
Fund dem Könige Ludwig XVIII., der ihn dem Museum des 
Louvre überwies. Hier ward die Statue im Mai 1821 aufgestellt 
Sie ist, wohl um das kostbare Material des parischen Marmors 
zu schonen, wie das bei Werken späterer Zeit öfters vorkommt, 
in verschiedenen Stücken gearbeitet worden, deren Anschlußflächen 
in der üblichen Weise hergerichtet sind. Der Körper selbst ist 
in zwei Hälften zerlegt, deren Fuge auffälligerweise nicht mit der 
Grenze des Nackten und der Gewandung zusammenfällt, sondern 
unschön die Falten des Mantels quer durchschneidet; ein be- 
sonderes Stück ist an der rechten Hüfte eingefügt. Die Arme 
waren angestückt, aber nur vom linken waren ein Teil des Ober- 
armes und die Hand mit einem Apfel aufgelesen worden; deren 
Arbeit schien der Schönheit des Körpers so wenig zu entsprechen, 
daß der Verdacht einer späteren Ergänzung auftauchte. Unten 
neben dem linken Fuß zeigte die Basis in ihrer ganzen Tiefe 
eine abgeschrägte Anschlußfläche, an die nach dem völlig unver- 
dächtigen Zeugnis des damaligen Direktors des Louvre, des Grafen 
Clarac, ein Marmorblock von leicht abweichendem Korn genau 
anschloß. Dieser reichte grade bis unter den etwas erhöhten 
Fuß der Statue, trug auf seiner vorderen Fläche die Inschrift des 
Künstlers Alexandros (die ersten drei Buchstaben fehlten, lassen 
sich aber sicher ergänzen) aus Antiocheia am Mäandros, einer 
in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts gegründeten Stadt: 
die Inschrift selbst wies durch ihren Schriftcharakter etwa um 
100 vor Christo. Der Block hatte auf seiner Oberfläche ein vier- 
eckiges Zapfloch, in das nach einer in Melos selbst genommenen 
Skizze eines Dilettanten eine jugendliche Herme von mäßiger 
Arbeit paßte, die in der Tat mit der Statue von Melos nach Paris 
gekommen ist. Leider ist der wichtige Inschriftblock im Louvre 
früh verschwunden — seit Clarac (1821) hat ihn niemand mehr 
gesehen — und dadurch ist den verschiedensten Vermutungen 
und Kombinationen Tür und Tor geöffnet worden, so daß der 
Streit noch heute nicht geschlichtet ist. Doch scheint kaum ein 
ernster Zweifel bestehen zu können, daß die Statue wirklich das 



Die Aphrodite von Melos. Der griechische Aufstand. Olympia 49 

Werk jenes Alexandros ist. Ihm fällt der geschmacklose Zusatz 
der Herme (eine ergänzende Kopie des französischen Bildhauers 
Claude Tarral macht das deutlich) und wohl auch der Apfel 
(griechisch ^fikov) als redendes Symbol der Insel Melos zur Last; 
andererseits aber verdanken wir ihm auch die vorzügliche Wieder- 
gabe des Körpers und des Kopfes nach dem Originale, einer 
Schöpfung hoher Kunst, etwa aus der Epoche eines Skopas. 
Die hier durchleuchtende Schönheit der ursprünglichen Erfindung 
und die in den Hauptsachen vortreffliche Arbeit am Körper (die 
Gewandung ist viel geringer, die Rückseite ganz unfertig) hat 
der »hohen Frau von Milo« schnell ihren hervorragenden Platz 
erworben und mit Recht gesichert; es wird, vielleicht neben dem 
Hermes von Olympia, kaum eine antike Statue geben, welche 
so rasch und so bleibend populär geworden wäre. 

Kurz bevor die Melierin ihren Platz im Louvre fand, war 
der griechische Aufstand ausgebrochen. Seine Wechselfälle 
brachten zunächst der Akropolis von Athen eine doppelte Be- 
schießung, im Winter 1821/22 durch Voutier und die Phil- 
hellenen, fünf Jahre später durch die Türken unter Reschid Pascha. 
Die Westfront des Parthenon litt stark unter den Schüssen der 
Kanonen, das Erechtheion ward durch Bomben zusammenge- 
48 schössen und verlor von neuem eine der Korenstatuen. In ui 
Morea hauste seit 1825 Ibrahim Pascha, bis der überraschende 
Seesieg von Navarino einen Umschwung vorbereitete. So rückte 
1828 ein französisches Heer unter Maison ein, wiederum wie 
einst in Ägypten von einem wissenschaftlichen Stabe begleitet. Die 
erste Karte der Halbinsel ward durch Vermessungen vorbereitet, 
daneben alles, die natürlichen Verhältnisse wie die Überreste der 
Kunst und Kultur, untersucht. 

Besonders ergiebig gestaltete sich eine Schürfung, die im Mai 
und Juni 1829 am Zeustempel in Olympia vorgenommen ward. 
Seine spärlichen Überreste waren schon 1787 von dem fran- 
zösischen Konsul Fauvel, 1801 aufs neue von dem englischen 
Geographen Leake erkannt worden. Jetzt suchten der Architekt 
Abel Blouet und der Archäologe J. J. Dubois in sechswöchiger 
Arbeit die beiden Fronten des Tempels ab; fanden sie auch keine 

Michaelis, Ein jahrliundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 4 



50 JJI« Die Wiedergewinnung Griechenlands 

Spur der Giebelstatuen, so stießen sie doch auf Reste der Herakles- 
40 metopen, vor allen auf die Prachtmetope, die den Helden im Kampfe 355 
mit dem kretischen Stiere darstellt. Teils die Hitze, mehr aber 
noch ein Verbot des tyrannischen Präsidenten Kapodistria, bei 
dem ein patriotischer Grieche die Fremden denunziert hatte, setzten 
den Ausgrabungen ein frühes Ziel. Immerhin ward das Museum 
des Louvre um ein paar Reliefs bereichert, die wiederum einen 
neuen Stil, abweichend vom attischen und äginetischen wie vom 
selinuntischen, ans Licht stellten und von neuem die reiche Mannig- 
faltigkeit der griechischen Plastik bezeugten. Die lebhaften Reste 
von Bemalung, die sich an den Reliefs erhalten hatten, bereicherten 
die in Sicilien gemachten Beobachtungen über die Farbigkeit 
der griechischen Skulptur. 

Im Februar 1833 traf der neue König des befreiten Hellas, 
der bayrische Prinz Otto, in Nauplia ein, und alsbald räumten 
die Türken die Akropolis von Athen, um einer bayrischen Be- 
satzung Platz zu machen. Die Burg sollte aufhören als Festung 
zu dienen und ganz den archäologischen Studien übergeben 
werden. Freilich zunächst bedrohten sie die Künstler; der 
bayrische Architekt Leo von Klenze »restaurierte« einige Säulen 
14 des Parthenon mit traurigem Flickwerk und der preußische 390 
Architekt Karl Friedrich Schinkel ersah sich gar den Felsen 
Athenas zum Sitz eines feenhaften Königspalastes, dessen Hof 
der Parthenon schmücken sollte! Nützlicher war die Reinigung 
der Burgfläche von Häusern und Schutt und die Aufräumung 
des Aufganges zu den Propyläen, Arbeiten, die unter Leitung 
des überaus tätigen holsteinischen Gelehrten Ludwig Roß als 
Konservators der Altertümer ausgeführt wurden. Dabei gelang 
ihm und seinen architektonischen Beiständen, Eduard Schaubert 
aus Schlesien und Christian Hansen aus Kopenhagen, eine wirk- 
liche Wiederherstellung: Block für Block wurden aus der türkischen 
Bastion, die einst gegen Morosini errichtet worden war (S. 10), 
16 die Bestandteile des kleinen Tempels der Athena Nike heraus- 410 
geschält und daraus der Tempel auf seiner turmartigen Warte 
über dem Burgeingange neuaufgebaut (1835). Auch sonst 
brachten die Aufräumungen viel Verborgenes zutage, zahlreiche 



Die Akropolis. Die Archäologische Gesellschaft 51 

Inschriftblöcke, die die Kunstgeschichte bereicherten und berich- 
tigten, und viele Bruchstücke von Skulpturen, besonders vom 
Friese des Parthenon, darunter namentlich eine ungewöhnlich 

46 gut erhaltene Platte aus der Oöttergruppe des Ostfrieses. 398 

Zum Schaden der archäologischen Interessen sah sich Roß 
schon im Jahre 1836 genötigt seine Stelle niederzulegen. Sie 
ging auf Kyriakös Pittäkes über, einen fleißigen und wachsamen, 
aber ungebildeten und kleinlichen Hüter der ihm anvertrauten 
Schätze. Er setzte die Aufräumung der Burg fort und barg die 
Skulpturen übereinandergeschüttet in den türkischen Zisternen; 
aus den zerstreuten Blöcken des Erechtheion richtete er dessen 
Mauern wieder auf und stellte die Korenhalle wieder her; unter- ui 
halb der Propyläen sorgte er für eine plumpe Aufgangstreppe. 
Im übrigen erschöpfte sich sein Interesse in der Herausgabe 
neugefundener Inschriften. Die epigraphischen Interessen standen 
zunächst auch ganz im Vordergrunde für die Archäologische 
Gesellschaft, die im April 1837, fast gleichzeitig mit der 
Gründung der Universität, im Parthenon eröffnet ward; fast drei 
Jahrzehnte dauerte es, ehe sie archäologische Aufgaben in Angriff 
nahm. So ward der bemerkenswerteste Skulpturfund dieser Zeit 
(1846) dem Zufall verdankt, und seine Ausbeute, der hoch- 

38 archaische sogenannte Apoll on von Tenea, gelangte alsbald 292 
in den Besitz des österreichischen Gesandten Prokesch von Osten, 
der die Statue sieben Jahre später der Münchener Glyptothek 
überließ. Inzwischen waren es ebenfalls Fremde, die sich archäo- 
logischen Arbeiten widmeten. Der englische Architekt F. C. 
Penrose nahm 1846/47 in Verbindung mit G. Knowles mit un- 
übertrefflicher Genauigkeit den Parthenon und die Propyläen 
auf; besonderes Aufsehen erregte Penroses minutiöse Feststellung 
der Horizontal kurven an den Stufen und dem Gebälke des Par- 
thenon, die sein Landsmann J. Pennethorne 1837 zuerst bemerkt 
hatte. Ungefähr zu gleicher Zeit war der französische Architekt 
A. Paccard mit einer Restauration des Parthenon beschäftigt, die 
dem groß angelegten, aber leider im Beginn stecken gebliebenen 
Werke des Grafen Leon de Laborde über diesen Tempel und 
seine Skulpturen zugute kommen sollte. Um das Erechtheion 

4* 



52 in. Die Wiedergewinnung Griechenlands 

bemühte sich bald darauf in gleicher Weise der Architekt J. 
M. Tetaz, ohne doch das Lösungswort für den Rätselbau zu 
finden. 

Während so auf der Burg Engländer und Franzosen an der 
Arbeit waren und aus Deutschland stammende Universitätslehrer, 
der schon genannte L. Roß und H. N. Ulrichs, eifrig die 
griechischen Länder in weitem Umfange bereisten, Roß nament- 
lich die griechische Inselwelt bis nach Rhodos, ja bis nach Kypros, 
der Wissenschaft neu erschloß, spielte hinter den Kulissen ein 
reges diplomatisches Getriebe zwischen den Schutzmächten Rußland, 
England und Frankreich. Dem Gesandten der letzteren Macht, 
dem alten Philhellenen Piscatory, gelang es endlich im September 1 846 
die Gründung einer Französischen Schule durchzusetzen, mit 
dem Sitz in Athen und mit der Aufgabe die Sprache, die Ge- 
schichte, die Altertümer Griechenlands an Ort und Stelle zu 
erforschen. Es vergingen einige Jahre, ehe bemerkenswerte Re- 
sultate sich zeigen konnten. Die Leitung war zunächst nicht 
zielbewußt genug; die vielen Reisen der Mitglieder brachten mehr 
allgemeine Orientierungen. Großes Aufsehen erregten die Auf- 
deckungsarbeiten, die ein Zögling der Schule, der spätere Minister 
des Inneren Emest Beule, im Winter 1852/53 unterhalb des 
Propyläenaufganges vornahm. Sie führten, nachdem schon der 
Architekt Titeux die Reste einer späten Treppe ermittelt hatte, zur 
Entdeckung des unteren Abschlusses durch die »porte Beule<e^, 389 
die man zunächst nicht abgeneigt war der perikleischen Periode 
zuzuschreiben; fortgeschrittene Untersuchung hat darin einen 
Flickbau etwa antoninischer Zeit zwischen zwei älteren Türmen 
erkannt. Neben Beule, dessen Buch über die Akropolis (1853) 
zwischen Wissenschaft und Popularisierung die Mitte hält, traten 
früh Leon Heuzey und Georges Perrot als hervorragende Be- 
obachter und Forscher hervor; Heuzeys Buch über den Olymp 
und Akarnanien (1860) war die erste wissenschaftliche Leistung 
von Bedeutung, die von der französischen Schule ausging. 
Beiden Männern werden wir später wieder begegnen. 



Die Französische Schule in Athen 53 

Die erste Hälfte des Jahrhunderts hatte die griechischen 
Länder Europas der Wissenschaft erschlossen, die Grundlagen 
neuer Erforschung waren gewonnen. In der damals eingetretenen 
Pause neuer Ausgrabungen hatte die zünftige Archäologie Zeit 
das bisher Gewonnene zu bearbeiten und die Bruchstücke einst- 
weilen, so gut es gehen wollte, zu einem Ganzen zusammen- 
zufügen. 



IV 

DIE GRABSTÄTTEN ETRURIENS UND 
DIE ANTIKE MALEREI 




n den vorigen beiden Kapiteln war fast ausschließlich 
von Architektur und Skulptur die Rede; die Malerei 
war nur in den Wandgemälden Herculaneums und Pom- 
pejis gelegentlich hervorgetreten (S. 8). In diesen erblickte man 
damals im wesentlichen Belege der Kunst der römischen Kaiser- 
zeit, der sie ja in der Tat meistens ihre Entstehung verdanken. 
Drüber hinaus zum Griechischen führte nur die Betrachtung des 
Inhaltes, bekanntlich zum größten Teil griechischer Mythen; nur 
in einzelnen Fällen wurden die Gemälde an literarisch bekannte 
Werke der griechischen Malerei angeknüpft, wie beispielsweise 
eine kleine reliefartig komponierte Darstellung der Marsyasfabel 
an ein Gemälde des Zeuxis. Was von den Malereien auf 
griechischen Tongefäßen, meist unteritalischen Fundortes, in den 
ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts veröffentlicht vorlag, war nicht 
eben viel, überdies stilistisch ungetreu abgebildet William 
Hamiltons in Neapel erworbene, dann 1772 an das Britische 
Museum verkaufte Vasensammlung (S. 40) hatte wohl auf Wedg- 
woods Geschirrfabrikation Einfluß gewinnen können, so daß 
»griechische«, »etruskische« oder gar »pompejanische« Vasen ein 
beliebter Modeartikel wurden, aber die wissenschaftliche Ver- 
wertung für die griechische Malerei und ihre Entwickelungs- 
geschichte ward verschüttet unter einem Wüste dilettantischer 
und phantastischer Traumgebilde, die lediglich dem Inhalte der 
Darstellungen galten und darin mystische Geheimnisse verborgen 
wähnten, wie sie der damals herrschenden Vorliebe für Creu- 



Überreste antiker Malerei. Die Römischen Hyperboreer 55 

zersche Religionsmischerei und pseudowissenschaftliche Romantik 
entsprachen. 

Eine Änderung sollte von einer Seite kommen, von der man 
sie am wenigsten erwarten konnte. Nicht auf griechischem, sondern 
auf dem »barbarischen« Boden Etruriens sollte die griechische 
Malerei ihre Auferstehung feiern, und Rom war der Ort, von wo 
diese neue Wendung beobachtet werden sollte. 

In Rom hatte sich 1816 Stackeiberg niedergelassen, um bei 
reicheren Hilfsmitteln und in angeregter Umgebung sein Werk 
über den Apollontempel von Bassä und andere Früchte seines 
griechischen Aufenthaltes ausreifen zu lassen. Bald schloß er innige 
Freundschaft mit seinem »Pylades« August Kestner, dem vierten 
Sohn von »Goethes Lotte«, der in Rom als hannoverscher Diplomat 
lebte und starke künstlerische Neigungen hatte, auch ein eifriger 
Sammler war. Zu ihnen gesellte sich einige Jahre später der 
bedeutend jüngere Eduard Gerhard aus Posen, ein tüchtiger 
Schüler Böckhs, daneben von Creuzer beeinflußt. Ein Augen- 
leiden hatte ihn zuerst 1820 nach Italien geführt und ihm die 
brennende Sehnsucht der Rückkehr hinterlassen. Diese fand 
1822 statt. Damals war noch der Neubegründer der römischen 
Geschichte, Niebuhr, preußischer Gesandter am päpstlichen Stuhle, 
der zweite jener stattlichen Reihe (Humboldt, Niebuhr, Bunsen), 
durch die nach einem geistreichen Worte Amperes nicht Preußen 
bei der Kurie, sondern die Wissenschaft bei dem alten Rom 
vertreten war. So ward denn auch Gerhard für die von Niebuhr 
geplante »Beschreibung der Stadt Rom« gewonnen. Aber be- 
deutendere Früchte sollte die Freundschaft Gerhards mit Stackel- 
berg und Kestner zeitigen; sie ward durch Bröndsted, Stackeibergs 
griechischen Genossen, vermittelt, der damals einige Jahre als 
dänischer Geschäftsträger in Rom lebte. Als dann 1823 noch 
der Schlesier Theodor Panofka, ein ebenso begabter und an- 
regender wie methodeloser Gelehrter, hinzukam, schlössen sich 
die vier Freunde zu einem Vereine »Römischer Hyperboreer« 
zusammen, die gemeinsam bald Pausanias oder Sophokles lasen, 
bald die weitzerstreuten Antiken Roms und der Umgegend er- 
forschten. 



56 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Die vier Hyperboreer waren gar ungleiche Genossen. Kestner 
stand den wissenschaftlichen Studien am fernsten, ließ sich aber 
gern für alles Schöne und Erhabene begeistern. Stackeiberg war 
die künstlerischste Natur, mit einem starken Zusätze grübelnder 
Mystik, ein feiner, oft allzu eleganter Zeichner. Panofka wußte 
durch die Lebhaftigkeit seiner Einfälle anzuregen und gewann 
leicht Einfluß auf weitere Kreise, namentlich auf Franzosen, die 
an seinen jeux d'esprit Gefallen fanden. Die gründlichste wissen- 
schaftliche Kraft unter den Vieren war Gerhard. Mochte auch 
die Unbefangenheit seiner wissenschaftlichen Forschung durch 
ein frühzeitig festgestelltes System beeinträchtigt werden: was ihm 
seine große Bedeutung gab, war die klare Einsicht in die Be- 
dürfnisse der Wissenschaft und das mit zäher Energie gepaarte 
Organisationsgeschick, mit dem er Personen und Mittel für seine 
Ziele zu gewinnen und zu verwenden verstand. Gerhard war 
es vor allen, der mit Staunen den ungeheuren Reichtum noch 
vorhandener bildlicher Zeugnisse des Altertums wahrnahm, die vor 
ihm vielleicht nur Zoega allseitig erkundet hatte; vollends als zu 
den römischen Antiken bald die noch so wenig bekannten Schätze 
Neapels, Großgriechenlands, Siciliens traten. Was wollten dieser 
Fülle gegenüber die wenigen Denkmäler bedeuten, die entweder 
in den populären Bilderbüchern Millins und Hirts oder selbst 
in der noch leicht übersehbaren wissenschaftlichen Literatur, zu- 
letzt den Werken Viscontis und Zoegas, abgebildet vorlagen! 
So gestaltete sich die neugewonnene Einsicht in »die grenzenlose 
Erweiterungsfähigkeit des archäologischen Materials« nach Gerhards 
epigrammatischer Weise zu dem Spruche: monumentomm artis 
qui unum vidit nullum vidit, qui milia vidit unum vidit Hier 
galt es vor allem Abhilfe zu schaffen. 

Dies geschah in zwiefacher Weise. Einmal kam es darauf 
an, den Antikenbesitz der Museen durch zuverlässige und sach- 
kundige Kataloge festzustellen, eine Aufgabe, deren sich Gerhard 
allein für den Vatikan, zusammen mit Panofka für das wenig be- 
kannte Neapler Museum unterzog. Die zweite und, weil sie 
zeichnerischer Kräfte bedurfte, schwierigere Aufgabe bestand im 
Zusammenbringen und Veröffentlichen von Abbildungen, die den 



Gerhard. Aufnahme des Materials. Etrurien 57 

Kreis der Anschauungen über den bisher vorhandenen Rahmen 
hinaus erweitern sollten. Gerhard wußte teils in Berlin, wo 
eben an der Vollendung des Museums gearbeitet ward, Mittel 
zur Beschaffung eines Apparates von unedierten Zeichnungen 
flüssig zu machen, teils gewann er den Cottaschen Verlag zur 
Herausgabe eines großen, auf 500 Foliotafeln berechneten Werkes 
»Antike Bildwerke«, das leider, nicht durch Gerhards Schuld, 
abgebrochen ward, ehe es ein Drittel des geplanten Umfanges 
erreicht hatte. Dabei traten wohl manche Schwächen von Gerhards 
wissenschaftlicher Richtung hervor, das ausschließliche Interesse 
für den Inhalt der Kunstwerke, besonders den mythologischen, und 
die Vorliebe für manche entlegene Gattungen, wie z. B. oft recht 
formlose Tonfiguren, denen man wenigstens den Vorwurf »nur 
schön zu sein« nicht machen konnte. Aber darüber darf der 
Grundgedanke nicht übersehen werden: es galt der Archäologie 
eine neue, breitere Grundlage zu schaffen. 



Während solche Pläne in Gerhards Sinne keimten und all- 
mählich reiften, lernte er 1824 zuerst Etrurien kennen. Das 
Land der alten Etrusker war seit fast hundert Jahren bei den 
Altertumsforschern in Verruf gekommen durch die überschweng- 
lichen Bemühungen einer lokalpatriotisch beschränkten Clique, 
der sogenannten Etmscheria, ihre Heimat als ein Musterland 
aller Vollkommenheiten in alter Zeit hinzustellen. Die Hochflut 
dieser Bewegung war längst vorbei; zwei achtbare Gelehrte, 
Giuseppe Micali und Francesco Inghirami, bemühten sich eben 
jetzt die antiken Denkmäler Etruriens zusammenzustellen und in 
angemessenere Beleuchtung zu rücken. Gerhard war aber doch 
erstaunt über den unerwarteten Reichtum des Landes an Kunst- 
werken im öffentlichen und im Privatbesitz. Besonders waren 
es zwei dem alten Etrurien eigentümliche Gattungen von Kunst- 
werken, die, so unscheinbar und künstlerisch meistens unerfreulich 
sie auch waren, doch durch ihren Inhalt sein Interesse erregten: 
die Metallspiegel mit eingeritzten Zeichnungen auf der Rückseite 736/37 
und die mehr oder weniger kubischen Aschenkisten {urne) mit 746 



58 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

meistens mythologischen Reliefs, nicht selten in vollem Farben- 
schmuck. Von beiden Gattungen sammelte er Zeichnungen, 
von jenen auch sehr viele Originale, die sich jetzt im Berliner 
Museum befinden. 

Zu diesen beiden, bisher wenn auch nicht ganz unbekannten, 
so doch wenig beachteten Denkmälerklassen gesellte sich nun 
im Jahre 1827 etwas ganz Neues. In Corneto, dem alten Tar- 
quinii, traten in mehreren neu geöffneten Grabkammern farben- 
reiche Wandgemälde zutage. Die Kunde gelangte schnell nach 
Rom. Gerhard war in Deutschland, aber Stackeiberg und Kestner, 
denen sich der bayrische Architekt Jos. Th. Thürmer anschloß, 
eilten hinaus und verwandten mehrere Wochen darauf die ganzen 
figurenreichen Wände von vier Grabkammern in farbigen Zeich- 
nungen zu kopieren; die größte der Kammern, die sogenannte 
grotta dal corso delle bighe, fiel Stackeiberg als dem geübtesten 727 
Zeichner zu. Leider scheiterte die alsbald in Angriff genommene 
Herausgabe der 44 großen Tafeln, nachdem sie bereits auf Stein 
gezeichnet waren, an der gleichen Nachlässigkeit, wie die Voll- 
endung von Gerhards antiken Bildwerken. Die farbigen Original- 
blätter sind auf allerlei Umwegen in den Besitz des Kunstarchäo- 
logischen Instituts der Universität Straßburg gelangt; nur ganz 
unzulängliche Abbildungen sind erschienen. Die Gemälde selbst 
aber sollten nicht lange allein bleiben. Bald traten in Corneto 
93 neue Grotten mit Wandmalereien hinzu; dann öffneten sich ahn- 725/26 
93 liehe Gräber in Chiusi, in Veji, später in Cerveteri und Orvieto. 721/22 

728/29 

So fand sich allmählich eine lange Reihe von Wandmalereien 
zusammen, die in leidlicher Vollständigkeit die Entwickelung 
dieses Zweiges der etruskischen Kunst etwa von dem Anfang 
des 6. bis zum 4. Jahrhundert vor Augen stellten. Allerlei 
Einzelheiten und Roheiten, dazu der oftmals stark hervortretende 
Naturalismus, der an den verismo der toskanischen Kunst des 
Quattrocento erinnerte und als bodenständig erscheinen durfte, 
ließen zunächst in diesen Malereien nur das etruskische Element 
hervortreten, zumal da die beliebten Szenen des täglichen Lebens 
den Gedanken an die mythischen Stoffe der griechischen Kunst 
fern hielten. Aber in allerlei Abstufungen brach sich mehr und 



Etruskische Grabgemälde. Das Archäologische Instihit 59 

mehr die Überzeugung Bahn, daß den etruskischen Bildern 
fast durchweg griechische Vorbilder und griechische Anregungen 
zugrunde lagen. Diese Erkenntnis war um so wichtiger, als uns 
von rein griechischen Wandmalereien so gut wie nichts erhalten 
ist. Es eröffnete sich also hier ein Einblick in die Entwicklung 
der griechischen Malerei, wenn auch sozusagen in einem etrus- 
kischen Spiegel gebrochen. Aber je mehr die Nachrichten über 
die griechische Malerei erforscht, je mehr auch noch auf anderen 
Wegen eine Anschauung ihrer Werke eröffnet ward, desto deut- 
licher stellte sich heraus, daß die Hauptstadien ihrer Entwickelung 
während ungefähr zwei Jahrhunderten sich in der Tat in jenem 
etruskischen Seitenzweige wiederholten. So warfen die etruskischen 
Gräber Licht in eine dunkle Partie der griechischen Kunst. Das 
Licht sollte bald noch heller leuchten. 



Während der Erdboden sich den Römischen Hyperboreern 
günstig erwies, plante Gerhard im Einverständnis mit dem ebenso 
kunstsinnigen wie freigebigen Herzog von Luynes, als dieser auf 
einer italienischen Reise (1825) jenem Kreise näher getreten war, 
eine neue wissenschaftliche Organisation. Es galt nichts geringeres, 
als einen internationalen Verein aller Archäologen zu gründen, 
mit wissenschaftlicher Zeitschrift und großer Veröffentlichung von 
Denkmälern. Paris sollte der Mittelpunkt sein. Allein der Plan 
scheiterte an allerlei Hindernissen und schien aufgegeben. Ger- 
hard war jedoch nicht der Mann etwas als richtig und nützlich 
Erkanntes so leicht fallen zu lassen. Allen Schwierigkeiten zum 
Trotz hielt er, der seit Stackeibergs Fortgang (1828) allein mit 
Kestner in Rom zurückgeblieben war, an dem Grundgedanken 
fest und wußte die italienische Reise des Kronprinzen Friedrich 
Wilhelm von Preußen im Jahre 1828 dazu zu benutzen, daß 
unter dessen Protektorat und unter Bunsens Mitwirkung an 
Winckelmanns Geburtstage (9. Dezember) 1828 in Rom die 
Gründung des »Institutes für archäologische Korrespon- 
denz« beschlossen ward. Bunsen, damals preußischer Gesandter, 
Gerhard und Kestner, Carlo Fea (dessen Knabenzeit noch in 



60 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Winckelmanns Zeit zurückreichte) und Thorvaldsen, einst der 
Zögling Zoegas, waren die fünf Begründer, die am 21. April 
(dem »Geburtstage Roms«) 1829 die erste Sitzung des neuen 
Institutes zusammenberiefen. Es ist nicht dieses Ortes, die Ge- 
schichte dieser Anstalt zu verfolgen, die etwa dreißig Jahre hin- 
durch als bloß privater Verein durch ihre regelmäßigen Publi- 
kationen, durch ihre Sitzungen, durch eine Fülle ausgestreuter 
Anregungen den größten Einfluß auf die archäologische Wissen- 
schaft ausgeübt hat. Die besten Kräfte aller Länder gehörten 
dem Institut an, aber seine Seele war Eduard Gerhard, der von 
nun an allgemein als der rechte Organisator der Archäologie 
angesehen ward. Auch als Konservator seiner Anstalt bewährte 
er sich in mancherlei auftauchenden Gefahren. 

Es war ein freundliches Geschick, das dem neugeborenen 
Institut alsbald ein überaus wertvolles Angebinde in die Wiege 
legte. Wiederum öffneten sich die Gräberfelder des südlichen 
Etruriens und spendeten, außer neuen Wandmalereien, eine Unzahl 
bemalter Tongefäße, die wir gewohnt sind mit italienischem 
Namen als Vasen zu benennen. Bemalte Vasen, zum Teil mit 
griechischen Inschriften, waren schon seit lange nichts Unbekanntes. 
Hauptsächlich Unteritalien hatte aus seinen Gräbern viele zu- 
tage gefördert (vgl. S. 40). Namentlich war Apulien mit seinen 
92 großen Prachtvasen aus Canosa, Ruvo und anderen Fundorten 524/25 
hervorgetreten. Im Jahre 1828 nun, zu derselben Zeit, wo in 
Corneto die ersten Wandgemälde ans Licht traten, waren in dem 
benachbarten Vulci, auf einem Gute Lucian Bonapartes, des 
Fürsten von Canino, zum erstenmale Gräber mit bemalten Vasen 
zum Vorschein gekommen. Die ersten Ergebnisse waren heim- 
lich beiseite geschafft worden, aber bald ward in der weitaus- 
gedehnten Nekropole der alten Stadt Vulci von den glücklichen 
Besitzern des Bodens nach Vasen geschürft. Der Erfolg grenzte 
ans Unglaubliche. Gerhard war sofort zur Stelle. Ein Bericht, 
den er im Mai 1829 an den Preußischen Staatsanzeiger sandte, 
bietet eine anschauliche Schilderung. 

»Eine verödete, zwischen den kleinen Städten Canino und Montalto 
gelegene Strecke von fast sechs Miglien Weges hat sich erst im Verfolg 



Die Vasenfunde von Vulci 61 

der besprochenen heimlichen Funde als ein großer etruskischer Gräber- 
platz, vielleicht einer alten Stadt Vulci, bekundet, dessen unscheinbare, 
mehr oder weniger dicht unter der Oberfläche befindliche Grotten von 
den schönsten griechischen Vasen und Vasenbildern erfüllt sind. An 
allen Punkten dieser ausgedehnten Strecke, an der außer dem Prinzen 
von Canino noch zwei Besitzer, die Herren Candellori und Feoli, be- 
teiligt sind, ist bisher unablässig und mit glücklichstem Erfolge nach- 
gegraben worden; mit größtem Aufwand und reichster Ausbeute von 
dem Prinzen, der den größten Teil jener Grundstücke besitzt. Außer 
den Hirten der ganzen Gegend waren seit dem November vorigen 
Jahres täglich hundert Arbeiter mit regelmäßigen Ausgrabungen be- 
schäftigt, die unter seiner persönlichen Leitung geführt wurden. Eine 
bedeutende Anzahl bemalter Gefäße und Schalen war die tägliche Frucht 
dieser Ausgrabungen; viele fanden sich heil, die Mehrzahl der übrigen 
ward unverzüglich an Ort und Stelle zusammengesetzt. Der Bericht- 
erstatter, der als Augenzeuge spricht, kann des wunderbaren Schauspiels 
nicht vergessen, das ihm zuerst auf der Höhe von Campomorto (dem 
Ausgrabungsorte des Herrn Feoli) aus dem Anblick der in der nahen 
Ebene vom mächtigen Grabhügel in ihrer Mitte [la Cucumella] nach 
jeder Seite hin vielfach zerstreuten Ausgrabungen erwuchs und bei 
näherer Betrachtung auf die überraschendste Weise gesteigert wurde. 
Zwischen den einzelnen Scharen fern her gekommener Arbeiter, meistens 
Abbruzzesen und Romagnolen, die unter verschiedene Befehlshaber 
ihrer Provinz verteilt blieben, bildeten drei Zelte den Mittelpunkt für 
den unablässigen Zufluß frisch gefundener, noch von der Erde be- 
deckter und befeuchteter Vasen und Vasenscherben. In dem Zelte, 
das dem Prinzen und seiner Familie tagtäglich diente, wurden sofort 
Versuche der Zusammensetzung angestellt, die vereinten Stücke gesondert 
nach Musignano, dem Landhause des Prinzen, geschickt und mehreren, 
nach längerer Übung bereits wohlerfahrenen Restauratoren übergeben. 
Deren Arbeit schritt Tag und Nacht vorwärts; der Referent sah mit 
Staunen eines Morgens zwei große und schöne Vasen zusammengesetzt, 
deren Scherben er am Nachmittag vorher auf dem Ausgrabungsplatz 
erblickt hatte. Der Prinz gab sich diese ganze Zeit hindurch einzig 
den merkwürdigen Entdeckungen seines Bodens hin, der ihm innerhalb 
wenig Monaten eine der auserlesensten Vasensammlungen lieferte, die 
wir überhaupt kennen, und die Betrachtung jener wunderbaren Er- 
scheinungen und Denkmäler fesselte ihn hinlänglich, um sich auch in 
das Gebiet ihres erklärenden Verständnisses zu begeben.« 

Die leise Ironie dieser letzten Wendung würdigt, wer weiß, 
daß der Fürst von Canino, von seinem Hauskaplan Padre Maurizio 
inspiriert, beispielsweise in dem Dionysos einer Schale, der im 



62 IV. Die Orabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Schiffe mit rebenumsponnenem Mast übers Meer fährt, den Wein- 
erfinder Noah erkannte, den Namen des Töpfers Exekias für 
hebräisch (Ezechiel) erklärte und in den Sprüngen, die der Firnis 
am Rande der Schale beim zu scharfen Brennen des Tons erlitten 
hat, hieroglyphische Zeichen, vermutlich aus der Zeit der Sintflut, 
erblickte. 

Der Generalbericht, den Gerhard 1831 über diese ganzen 
Funde in den Schriften des Instituts erstattete, der als Muster 
ebenso knapper wie vollständiger und klarer Berichterstattung be- 
rühmt gewordene Rapporto volcente, legte einen neuen festen 
Grund für die Wissenschaft von den antiken bemalten Vasen. 
Diese neue Klasse von Denkmälern aber trat für längere Zeit 
in der Archäologie so stark in den Vordergrund, daß der Spott 
über das Istituto dei vasi und die science des pots casses nicht 
wohl ausbleiben konnte; vielleicht ist er noch heutzutage nicht 
ganz verstummt oder wieder aufgelebt. Was war es denn, das 
diesen unscheinbaren Erzeugnissen des Kunsthandwerkes einen 
so großen Wert verlieh? 

Zunächst eben der erneute Einblick in die Vollendung des 
antiken Kunsthandwerks, die schon bei der Entdeckung von 
Herculaneum überrascht hatte (S. 8). Wenn es sich aber dort um 
das verfeinerte Erzgerät der hellenistischen Zeit gehandelt hatte, 
so kam hier attisches Tongerät in seiner vornehmen Einfachheit 
zum Vorschein. Eine große Mannigfaltigkeit herrscht in den 
Formen, die je nach dem Zwecke der Gefäße — zum Aufbe- 
wahren, zum Mischen, zum Schöpfen, zum Trinken des Weines — 
in große Klassen geteilt werden können, darin aber bedeutende Ver- 
schiedenheit im einzelnen aufweisen und die zeitliche Entwickelung 
der einzelnen Gattungen deutlich verfolgen lassen. Was aber 
allen diesen Gefäßen ihren besonderen Stempel aufdrückt, das 
ist die unlösliche Verbindung größter Zweckmäßigkeit mit mög- 
lichst einfacher, möglichst dem Zwecke sich anschmiegender Form. 
Wie der Natur abgelauscht, ohne eine Spur jener Willkür in der 
Formgebung, die dem modernen Kunsthandwerk so leicht an- 
haftet, stellt sich eine solche griechische Vase als ein harmonischer 
Organismus dar, und wenn irgendwo, so ist hier das Wort an 



Die Bedeutung der griechischen Vasen 63 

seiner Stelle: »Des Körpers Form ist seines Wesens Spiegel; 
durchdringst du sie, löst sich des Rätsels Siegel«. 

Mehr noch als die Form, bot der Inhalt der bildlichen 
Darstellungen, die die Gefäße zu schmücken pflegen, den Archäo- 
logen aller Nationen reichen Stoff für wissenschaftliche Erforschung, 
ja diese Seite trat, der gesamten damaligen Richtung der Wissen- 
schaft gemäß, zunächst stark in den Vordergrund. Und in der 
Tat war die Bereicherung der mythologischen Darstellungen außer- 
ordentlich groß. Nicht bloß erschienen bereits geläufige Mythen 
in neuen Wendungen, so daß ihre allmähliche Entwickelung oder 
ihre älteren verschollenen Formen sich verfolgen ließen, sondern 
es traten auch nicht wenige Mythen, von denen die literarische 
Überlieferung keine oder nur eine blasse oder irreführende Spur 
darbot, unerwartet als überaus populäre Sagen ans Licht. So er- 
hielt die Disziplin, die man als Kunstmythologie zu bezeichnen 
pflegt, völlig neuen Umfang und neue Bedeutung. Auf Mytho- 
logie war ja die damalige Wissenschaft, nicht bloß Gerhard (S. 57), 
vorzugsweise gestellt. Erst allmählich, zunächst nur von einzelnen, 
wurden auch die zahlreichen Darstellungen näher gewürdigt, die 
uns einen reichen und vielfach höchst anziehenden Einblick in 
das tägliche Leben der Athener gewähren. 

Einen dritten Gesichtspunkt stellte alsbald Gerhards Rapporto 
volcente ins Klare, indem er die Wichtigkeit des neuen Materials 
für die Geschichte der antiken Malerei hervorhob. Die Geschichte 
der älteren Malerei ist für uns wesentlich Geschichte der Ton- 
malerei; bemalte Tonplatten, wie sie als Wandverkleidung in ein 722 
paar altertümlichen Grabkammern Cerveteris zum Vorschein ge- 
kommen sind, vertreten die ältesten Tafelbilder. Vor Gerhards 
kritischem Blicke schieden sich die Vasenmalereien deutlich in 
vier zeitlich aufeinander folgende Hauptgruppen: eine älteste 
88 »orientalisierende« Gattung; einen Silhouettenstil mit schwarzen 275 

Vf. 3 

88|9o Schattenrissen auf rotem Grunde; rote Figuren auf schwarzem 319 f. 
Grunde in mancherlei Abstufungen; dazu kommt, in Etrurien 332/35 
92 nicht vertreten, desto häufiger in Unteritalien (Apulien und Lu- 524/25 
canien), eine malerische, mit zahlreicheren und bunteren Farben 
auf der Grundlage des rotfigurigen Stiles sich entwickelnde 



54 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Gattung. Diese Einteilung gilt, so vieles auch im einzelnen 
genauer erkannt worden ist und so sehr sich auch unsere 
Kenntnis der älteren Stile erweitert hat, bis auf den heutigen Tag. 
Aber noch eine vierte wichtige Frage heischte Antwort: 
durfte man denn die in etruskischen Gräbern gefundenen Vasen- 
gemälde für Erzeugnisse der griechischen Malerei halten und sie 
für deren Entwickelungsgeschichte verwerten? Trotz dem griechi- 
schen Stil, dem griechischen Inhalt, den griechischen Inschriften 
ward dies keineswegs sogleich allgemein anerkannt. In Griechen- 
land selbst waren damals erst vereinzelte Vasenfunde gemacht 
worden; das meiste davon ward erst 1837 aus Stackeibergs Nach- 
laß von Gerhard veröffentlicht. Freilich für etruskischen Ursprung 
erklärte sich nur der Lokalpatriotismus einzelner italienischer Ge- 
lehrten: aber waren es etwa griechische Ansiedler in Etrurien, 
von denen diese Gefäße herrührten? Oder waren sie auf dem 
Wege des Imports von Griechenland (an Athen dachte zuerst, 
wenn auch schwankend, Karl Otfried Müller) dorthin eingeführt 
worden? Diese und ähnliche Fragen wurden eifrig erörtert und 
in gar verschiedenen Schattierungen beantwortet. Das klärende 
Wort kam von philologischer Seite, von Gustav Kramer (1837), 
der wegen seiner Strabonstudien sich längere Zeit in Rom auf- 
gehalten und mit dem Archäologischen Institut Fühlung gewonnen 
hatte. Von dem paläographischen Charakter der Inschriften aus- 
gehend sprach er die »orientalisierenden« Vasen größtenteils den 
Korinthern, die schwarz- und rotfigurigen den Athenern zu, ja 
auch die Herkunft der sogenannten unteritalischen Vasen male- 
rischen Stils suchte er in Athen. Kramer fand vielfachen Wider- 
spruch; den Archäologen galt er nicht als zünftiger Beurteiler. 
Seinen Ansichten verschaffte erst siebzehn Jahre später Otto Jahn 
allgemeine Geltung durch die ausführliche Nachprüfung in der 
Einleitung zu seiner »Beschreibung der Münchener Vasensamm- 
lung« (1854), nur daß Jahn mit den meisten Fachgenossen die 
Heimat der malerischen Vasengattung von Athen nach Unter- 
italien verlegte. Für die Chronologie der Vasen glaubte Jahn 
nach dem damaligen Stande unserer Kenntnis von griechischer 
Paläographie annehmen zu dürfen, daß die schwarzfigurige Klasse 



Die Vasenklassen. Das pompejanische Alexandermosaik 65 

einer Periode angehöre, deren untere Grenze, nach der Schrift 
zu schließen, bis etwa zum Beginne des peloponnesischen Krieges 
reiche, daß die rotfigurige Art aber lange nebenher gegangen sei. 
Ihre Anfänge sollten danach schon vor die Perserzeit (480) fallen ; 
der »strenge« Stil beherrsche im ganzen das 5. Jahrhundert, der 
»schöne« Stil komme etwa mit dem Ende dieses Jahrhunderts auf 
und herrsche im vierten. 

Diese Andeutungen werden genügen das Interesse zu erklären, 
dem die Vulcenter Funde und was sich daran anschloß überall 
in der archäologischen Welt begegneten. Aber bei alledem blieb 
es doch nur bescheidenes Kunsthandwerk und konnte die Sehn- 
sucht nach einer Anschauung der großen griechischen Malerei 
nicht stillen. Auch diesem Wunsche ward seine Befriedigung 
94 durch die Entdeckung des großen Mosaiks der Alexander- 559 
Schlacht in der casa del Fauno (oder wie man damals sagte, 
der casa di Qoethe) in Pompeji. Die Aufdeckung fiel in das 
gleiche Jahr 1831, in dem Gerhards Rapporto volcente erschien. 
Freilich war es kein eigentliches Gemälde, sondern nur die ver- 
mutlich alexandrinische Kopie eines solchen in Mosaik, aber die 
Komposition bot das Muster eines Schlachtbildes dar, insofern 
nicht ein Überblick über die Bewegungen großer Massen (die 
niemals ein deutliches Bild gewähren können) angestrebt, sondern 
der entscheidende Moment des Zusammenpralls zwischen Alexander 
und dem Großkönig gewählt und zu deutlichstem Ausdruck ge- 
bracht worden ist; die folgende Niederlage kann keinem Beschauer 
zweifelhaft sein. Es ist ein Bild großen Stils, dessen Eindruck 
in Goethes Worten, kurz vor seinem Tode niedergeschrieben, 
zu treffendem Ausdruck kommt: »Mit- und Nachwelt werden 
nicht hinreichen solches Wunder der Kunst richtig zu kommen- 
tieren, und wir genötigt sein nach aufklärender Betrachtung und 
Untersuchung immer wieder zur einfachen reinen Bewunderung 
zurückzukehren. « 



Während um die Wende des 3. und des 4. Jahrzehnts Italien 
der Archäologie so bedeutenden neuen Stoff bescherte, boten die 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 5 



66 IV. Die Grabsiätten Etniriens und die antike Malerei 

nächsten Jahrzehnte dort nur Einzelfunde. Zu den Männern, 
die in Toscana seit lange mit dem größten Eifer und mit gün- 
stigstem Erfolg Ausgrabungen betrieben, gehörte Alessandro 
Frangois (1796/1857). In zahlreichen Nekropolen Etruriens hatte 
er seinen Spaten angesetzt; zehn Jahre lang untersuchte er für 
Noel des Vergers, den Schwiegersohn des bedeutenden Pariser 
Verlegers Firmin Didot, die alten Orte der Maremmenküste; mit 
ungewöhnlichem Geschick und sicherer Methode wußte er die 
richtigen Plätze zu bestimmen oder überhaupt zuerst die Lage der 
Nekropolen (z. B. in Pisa und in Volterra) aufzufinden. Seine 
beiden glücklichsten Entdeckungen lagen auf dem zuletzt be- 
trachteten Gebiet antiker Malerei. Im Jahre 1844 fand er in 
einem Grabe bei Chiusi, der altetruskischen Hauptstadt Clusium, 
in zahllose Stücke und Stückchen zersplittert und durch das 
ganze große Grab verstreut, ein Prachtstück antiker Töpferkunst 
88 und Tonmalerei, die nach ihm benannte Fran^oisvase, die 316/17 
einen Hauptschmuck des Etruskischen Museums in Florenz aus- 
macht und auch aus der Zertrümmerung, die ihr kürzlich bar- 
barische Roheit bereitete, fast vollständig wieder hervorgegangen 
ist Man muß den Bericht des trefflichen Mannes lesen, um der 
Mühen, der Leiden und Freuden inne zu werden, unter denen 
der Fund gewonnen und gesichert ward. Das große, Vs Meter 
hohe Gefäß ist das Hauptbeispiel einer bis dahin kaum bekannten 
altattischen Vasengattung, etwa aus solonischer Zeit, und bildet 
den Übergang von der korinthischen zur schwarzfigurigen Klasse 
(S. 63). Füllte es somit eine Lücke in der Geschichte der Vasen- 
kunst aus, so boten auch die vielen Streifen, mit denen der 
Bauch des Gefäßes umzogen ist, eine überraschende Fülle aus- 
führlicher mythologischer Schilderungen in sorgfältigster Aus- 
führung dar. Sie warfen Licht auf verlorene wichtige Kunst- 
werke der gleichen Periode, die sogenannte Lade des Kypselos 
und den Thron des Apollon von Amyklä bei Sparta, die wir 
beide nur aus der Beschreibung bei Pausanias kennen. Indem 
nun zu der korinthischen hölzernen Lade und dem ionischen 
Steinbildwerk in Lakonien auch ein attisches malerisches Hand- 
werkserzeugnis ähnlicher Art trat, zeigte sich auf das deutlichste^ 



Alessandro Frangois. Odysseebilder 67 

wie in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts durch ganz Griechen- 
land und durch alle Kunstarten hindurch das Bedürfnis sich 
geltend machte die gestaltenreiche Fülle des Mythenschatzes in 
fester künstlerischer Form auszuprägen und über die Darstellung 
mythischer Einzelszenen hinaus diese, ebenso wie das Epos 
Einzelgedichte zu größeren Epen zusammenfaßte, in größeren 
Szenenreihen auszugestalten. 

Der andere Fund gelang Frangois gegen das Ende seines 
Lebens, indem er 1857 gemeinsam mit Noel des Vergers in Vulci 
eine Grabkammer mit reichem und mannigfachem Gemäldeschmuck 731/32 
entdeckte; er hatte die Stelle nach einer Gruppe von Eichen ver- 
mutet, deren Nährboden, im Gegensatz zu dem rings anstehenden 
Felsboden, auf eine alte Kulturstätte schließen ließ. Die Bilder 
dieser grotta Frangois sind dadurch so berühmt geworden, daß 
sie in durchgeführtem Parallel ismus blutigen Szenen aus der 
griechischen Heldensage ähnliche Szenen aus etruskischen Sagen 
gegenüberstellen. Diese Bedeutung ward freilich erst erkannt, 
als Otto Jahn die etruskischen Inschriften der letzteren Hälfte las 
und deutete. So trat Macstrna (Mastarna), der Servius Tullius 
der Römer, mit seinen Genossen Caile und Avle Vipinas (Vi- 
benna) ans Tageslicht, und auch die aus römischer Königslegende 
wohlbekannten Namen Tanchvil (Tanaquil) und Cneve Tarchnu 
Rumach (Gnäus Tarquinius aus Rom) fehlten nicht. Durch die 
Anknüpfung an etruskische Sage standen diese Bilder zunächst 
ganz vereinzelt da; erst später haben sich einige ähnliche Dar- 
stellungen gefunden. 

Einen anderen Beitrag zur Anschauung griechischer Malerei 
lieferte die Hauptstadt Rom, indem 1848 beim Abbruch eines 
ärmlichen Häuschens in der Via Graziosa am Esquilin eine lange 
bemalte Wand zum Vorschein kam, die etwa 1900 Jahre lang 
ihren Farbenschmuck frisch bewahrt hatte. Rote, perspektivisch 
gemalte Pfeiler bildeten eine Art Galerie, von der aus sich zwischen 
den Pfeilern der Blick in eine weite, zusammenhängende, mit 
95 Szenen der Odyssee belebte Landschaft öffnete; die Szenen 763 
reichten von dem Lästrygonenabenteuer bis zur Hadesfahrt. Eine 
landschaftliche Komposition von solcher Ausdehnung, ihre illu- 



68 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

sionistische Verwendung als Durchblick aus einer nur gemalten 
Galerie, das Wandelbild der von Feld zu Feld sich weiter ent- 
wickelnden Irrfahrten des Odysseus — all das war neu und 
harrte einstweilen der Einordnung in einen Zusammenhang, der 
sich erst später infolge weiterer Entdeckungen und eindringender 
Forschungen aufhellen sollte (s. u. Kap. VII). 

In ganz anderer Richtung, weit zurück ins graue Altertum, 
führte eine Entdeckung, die schon im April 1836 bei Cerveteri, 
dem alten etruskischen Cäre, gemacht ward. Der Erzpriester 
Regulini und der General Galassi hatten das Glück auf ein Grab 
von ebenso eigentümlicher Anlage wie ungewöhnlichem Inhalt 
zu stoßen. Ein langer Gang, nach dem System vorkragender 
horizontaler Steinlagen eingewölbt, gab sich schon hierdurch als 
sehr altertümlich kund, noch mehr aber trug das reiche Metall- 
gerät, das ihn füllte, Erz, Silber und Gold, ein solches Gepräge. 
In Formen und Ornamenten wies es auf orientalischen Ursprung 
oder orientalische Vorbilder. Man dachte an die alte Handels- 
tätigkeit der Phönizier, wie sie uns die homerischen Gedichte 
schildern, und da manche Einzelheit geeignet war homerisches 
Gerät zu erklären, so gewann das Grab Regulini-Galassi 
eine bedeutende Wichtigkeit bei den Bemühungen uns von der 
homerischen Kunst ein bestimmteres Bild zu machen, ein Bild, 
das erst durch die an Schliemanns Namen geknüpften Entdeckungen 
(Kap. VIII) berichtigt und erweitert worden ist. Der ganze In- 
halt des Grabes gelangte in das Etruskische Museum, das eben 
in jenem Jahre Papst Gregor XVI. im Vatikan eröffnete, um einen 
großen Teil der Ausbeute Etruriens aus dem letzten Jahrzehnt 
darin zu vereinigen. 

Auch die Skulptur entbehrte in dieser Zeit nicht ganz be- 
deutsamen Zuwachses. In den dreißiger Jahren fand sich auf 
einem Besitztum der Familie Antonelli bei Terracina eine wohl- 
erhaltene Porträtstatue, die die Besitzer 1839 dem Papste Gregor XVI. 
62 schenkten. In ihr ward alsbald Sophokles erkannt. Es ist die 521 
vornehmste Bildnisstatue, die aus dem Altertum auf uns gekommen 
ist, ein vollendetes Charakterbild des Lieblingstragikers des peri- 
kleischen Athen, die Mitte haltend zwischen der idealen Wieder- 



Grab Regulini-Galassi. Sophokles. Apoxyomenos. Campana 69 

42 gäbe eines Periklesbildnisses und der naturalistischen Durchbil- 422 

62 düng einer Demosthenesstatue. Der Sophokles war für den Papst 555 
der würdige Anlaß zur Gründung eines neuen großen Antiken- 
museums im lateranischen Palaste; einen weiteren Anstoß dazu 
gab ein kolossales Athletenmosaik, das schon 1 824 in den Cara- 857 
Callathermen aufgedeckt worden war. Kaum minder bedeutend 
war die 1849 im Trastevere gemachte Entdeckung einer Athleten- 

63 Statue, in der nach kurzem Schwanken der Apoxyomenos Lysipps 536 
erkannt ward. Die gute Kopie bot uns die erste sichere An- 
schauung lysippischer Kunst und bildete so für lange die feste 
Grundlage für ein genaueres Studium des letzten großen Meisters 
und Gesetzgebers griechischer Plastik. Sie erhielt einen hervor- 
ragenden Platz als Abschluß des vatikanischen Braccio nuovo. 

Während so neue päpstliche Museen entstanden oder alte 
bedeutenden neuen Zuwachs erhielten, erblickte Rom gleichzeitig 
die Bildung einer neuen Privatsammlung, vielleicht der reich- 
haltigsten, die im 19. Jahrhundert entstanden ist. Die Erschei- 
nung bietet Interesse genug um hier verfolgt zu werden, wenn 
es sich auch nur zu kleinem Teil um neue Entdeckungen handelt 
Giovanni Pietro Campana gehörte einer wohlhabenden römischen 
Bürgerfamilie an, die seit der Mitte des 1 8. Jahrhunderts die Lei- 
tung des römischen Leihhauses, des Monte di pietä, in Händen 
gehabt hatte. Giampietro war der Dritte in dieser Reihe. 
Gregor XVI. berief 1832 den erst Fünfundzwanzigjährigen, der 
kaum seine Studien beendet hatte, auf jenen Posten und fand 
sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht, da es dem ener- 
gischen Jüngling binnen kurzem gelang das durch die Zeitver- 
hältnisse herabgekommene und verschuldete Pfandinstitut zur be- 
deutendsten Depositenbank Roms auszugestalten. 

Campana hatte schon in jungen Jahren an einer kleinen, 
vom Großvater Giampietro (einem Günstlinge des Papstes Pius VI.) 
ererbten Antikensammlung und an einer Münzsammlung seines 
Vaters Prospero seine Neigung für die antike Kunst und für das 
Sammeln genährt. Ein nicht unbedeutendes väterliches Vermögen 
erlaubte ihm dieser Neigung zu fröhnen; eine kleine Villa in 
der Nähe des Laterans beherbergte seine Schätze. In seiner neuen 



70 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Stellung begann aber Campana das Sammeln in rasch steigendem 
Maße. Schon in den dreißiger Jahren genossen seine wenig zu- 
gänglichen Sammlungen einiges Ansehen. Bald ging er vom 
bloßen Sammeln zu eigenen Ausgrabungen über. In Ostia er- 
wiesen sich diese 1834 wenig ergiebig, dagegen gelang 1840 
die Aufdeckung eines großen Massengrabes (Columbarium) aus 786 
früher Kaiserzeit in der Vigna Codini, nahe beim Grabmal der 
Scipionen. Im Winter 1842/43 grub Campana inVeji eine hoch- 
altertümliche Grabkammer mit den ältesten aller bekannten etrus- 
kischen Wandmalereien aus, 1845 ein geringeres Grab auf dem 721 
Monte Abatone bei Cerveteri, dem alten Caere. An diesem Ort 
erzielte er bald seine größten Erfolge. Das Jahr 1 850 brachte so- 
23 wohl die grotta dei rilievi zu Tage (eine große Grabkammer, die mit 
ihrem gemalten Reliefschmuck das getreue Abbild einer Wohnung 
des Lebenden, mit naturalistisch durchgeführter Nachahmung des 
gesamten Mobiliars und Hausgerätes, wiedergab) wie das soge- 
nannte »lydische Grabmal«, einen großen bemalten Tonsarko- 740 
phag, die Nachbildung eines Bettes, auf dem das hochaltertüm- 
liche Paar gelagert ist. Dies lange geheim gehaltene Prachtstück 
etruskischer Tonbildnerei erhielt 1856 ein Seitenstück an den 
ebenfalls sehr altertümlichen bemalten Tonplatten, mit denen ein 
anderes Grab in Cerveteri geschmückt war (vgl. S. 63); der ge- 722 
brannte Ton hatte die Malereien vor den Zerstörungen geschützt, 
denen Wandgemälde durch die Einflüsse der Feuchtigkeit und 
Luft ausgesetzt zu sein pflegen. Cerveteri bot Campana auch 
reiche Vasenschätze, darunter die bisher einzigen Beispiele einer 
merkwürdigen Klasse (»Cäretaner Vasen«), deren ionischer Ur- 312 
Sprung erst spät erkannt worden ist (vgl. Kap. IX). Zu dem 
Ertrage der eigenen Ausgrabungen kamen sodann Ankäufe in 
allen Teilen Italiens; z. B. kaufte Campana dem Grafen von Syra- 
kus, dem liberalen Bruder des neapolitanischen »av? Bomba«, den 
Ertrag seiner Ausgrabungen in Cumä ab, darunter die »Königin 
der Vasen«, eine Hydria mit einer Darstellung der eleusinischen 
Gottheiten in bemaltem und vergoldetem Relief. Sogar Griechen- 
land soll Campana in den Bereich seiner Erwerbungen gezogen 
haben. 



Sammlung Campana 71 

So entstand im Lauf eines Vierteljahrhunderts ein Museum 
von wunderbarer Vielseitigkeit. Die Marmorabteilung (über 500 
Stück) enthielt freilich meistens gewöhnliche römische Ware, aber 
auch einzelne gute Stücke; am höchsten stand wohl ein schönes 
Niobidenrelief. Leider hatte Campana nach römischer Unsitte 
die zerbrochenen Statuen und Reliefs durch den Bildhauer Filippo 
Onaccarini (denselben, der die gleiche verwüstende Tätigkeit später 
im Museum Torlonia ausgeübt hat) willkürlich ergänzen und 
schließlich alles mit einem stumpfen weißen Brei, der »Gnac- 
carinischen Brühe«, überziehen lassen, so daß die Marmore ihren 
künstlerischen Reiz und ihre wissenschaftliche Verwertbarkeit 
großenteils eingebüßt haben. Besondere Popularität genoß die 
Sammlung römischer Tonreliefs, die Campana selbst herausgab 
und die dieser ganzen Gattung den Namen »Campanareliefs« ein- 
getragen haben. Es waren römische Dekorationsstücke auf Grund 
hellenistischer Vorbilder, für den Schmuck von Backsteinbauten 
besonders geeignet. Freilich tat es auch hier der Echtheit und 
Zuverlässigkeit vieler Stücke argen Abbruch, daß Campana selbst 
eine Tonfabrik besaß; bei der dort vorgenommenen Ergänzung 
der meistens nur als Bruchstücke zum Vorschein gekommenen 
Originale verloren diese natürlich viel von ihrem Werte, ja oft 
entstanden ganz wertlose Pasticci oder gar vollständige Fälschungen. 
Als stark beteiligt an diesen Operationen wird der geschickte und 
bei mancherlei Fälschungen tätige Restaurator Pennelli bezeichnet, 
der auch die Sammlung Campana später nach Paris begleitete. 
Den Tonreliefs standen zahlreiche, ebenfalls vielfach ergänzte Ton- 
figürchen zur Seite; die Zahl der gesamten Terrakotten belief 
sich auf rund 1 900. Von auserlesenem Werte war die aus etrus- 
kischen und unteritalischen Ausgrabungen gewonnene Vasensamm- 
lung von nicht weniger als rund 3800 Stück, die sämtliche da- 
mals bekannte Vasenklassen und manche unbekannte in großen- 
teils vorzüglichen Exemplaren umfaßte. Hier war eben alles in 
Massen vertreten: gegen 600 Bronzen, 460 Glasgefäße, nahezu 
1600 Stück Goldgeschmeide, Gemmen, erlesene Münzen, unter 
den letzten beiden Klassen viele ausgezeichnete Stücke! So ging 
das Sammeln in immer rascherem Tempo weiter. In den fünf- 



72 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

ziger Jahren trat eine neue Leidenschaft hinzu, für die mittel- 
alterliche und moderne Kunst Italiens. Rasch waren über 1000 
Gemälde beisammen, vom 13. bis zum 1 7. Jahrhundert, natürlich 
gern mit hochtrabenden Namen bezeichnet; sie füllten drei Stock- 
werke eines großen Hauses in der Via del Babuino. Etwa 700 
Majoliken, meistens gröberer Art, ergänzten die Gemäldegalerie. 
Alle diese Schätze, mit Ausnahme der »Campanareliefs«, 
führten ein sozusagen verborgenes Dasein. Nur auserlesenen 
Freunden und wohlempfohlenen Fremden öffnete der mittlerweile 
Marchese gewordene Besitzer seine Sammlung, und selbst diesen 
nur einzelne Abteilungen. So blieb z. B. Heinrich Brunn, dem 
Sekretär des Deutschen Archäologischen Institutes, der bei der 
Abfassung der Vasenkataloge hilfreiche Hand geboten hatte, die 
Existenz des etruskischen Tonsarkophags und der bemalten Ton- 
platten (S. 70) lange verborgen, und von der kolossalen Ge- 
mäldegalerie erfuhr man überhaupt erst, nachdem 1857 die Kata- 
strophe über den Sammler hereingebrochen war. Die Sammel- 
leidenschaft hatte nämlich Campana weit über die Grenzen seines 
eigenen Vermögens hinausgelockt; seine Stellung als Leiter der 
großen Depositenbank hatte ihn verführt, zuerst mit Zustimmung 
der Behörde und gegen Verpfändung eines besonders wertvollen 
Teils seiner Sammlung 90000 Mark, dann nach und nach gegen 
bloße Hinterlegung von Quittungen bis etwa 2^/^ Millionen der 
Kasse zu entnehmen. Nach der Ansicht kundiger und vorurteils- 
freier Beurteiler war dies in dem guten Glauben geschehen, daß 
diese Anlehen durch den Wert seiner Sammlungen (die von dem 
offiziellen Archäologen Pietro Ercole Visconti auf 4 Millionen 
Mark geschätzt wurden) mehr als gedeckt seien. Um indessen 
den steigenden Verlegenheiten zu entgehen, hatte Campana um 
die Mitte der fünfziger Jahre nach verschiedenen Seiten Verhand- 
lungen wegen Verkaufs seiner Sammlungen oder eines Teiles 
von ihnen angeknüpft und zu diesem Zweck eingehende Ver- 
zeichnisse anfertigen lassen, die erst 1858 nachlässig gedruckt 
wurden. Aber die Verhandlungen hatten noch zu keinem Ende 
geführt, als plötzlich im Oktober 1857 Papst Pius IX. von Bologna 
aus gegen die ungerechten Verwalter öffentlicher Kassen eine 



Zerstreuung der Sammlung Campana 73 

drohende Erklärung erließ; bald nach seiner Rückkehr nach Rom 
ward unangemeldet eine Untersuchung im Monte dl pietä ange- 
stellt und am 28. November der Marchese ins Gefängnis abge- 
führt. Als ich vierzehn Tage später nach Rom kam, war die 
Aufregung in der ganzen Stadt noch groß und überall ward das 
Für und Wider erörtert. Campana ward im folgenden Jahre zu 
den Galeeren verurteilt, aber im Januar 1859 zur Verbannung be- 
gnadigt; der römische Gassenwitz ließ ihn in Neapel, wohin er 
sich begab, Direktor des (wegen mancherlei Unregelmäßigkeiten 
übel beleumdeten) Museo Borbonico werden. Die großen Samm- 
lungen Campanas, die eingezogen worden waren, fanden erst 
nach mehrjährigen Verhandlungen ihre Käufer. Im Februar 1861 
erwarb Rußland für 520000 Mark einen Teil der Marmorwerke 
(darunter das Niobidenrelief) und Bronzen, sowie 518 zum Teil 
sehr wertvolle Vasen; um seiner Zufriedenheit mit dem Kauf 
Ausdruck zu verleihen, fügte der Papst, wie man wenigstens da- 
mals in Rom erzählte, die schöne Reliefhydria von Cumä (S. 70) 
als Zugabe bei. Nunmehr entschloß sich auch Napoleon III., 
der von Ham her der Marchesa zu Dank verpflichtet war, nach 
langem Zögern den Rest der Sammlung für ungefähr 8^/2 Mil- 
lionen Mark anzukaufen und als Musee Napoleon III. nach Paris 
verbringen zu lassen. So kam der Louvre in den Besitz der 
etruskischen Prachtstücke (S. 70), der Gläser, der Goldsachen, 
der Terrakotten, der Campanareliefs, von etwa 300 Marmoren, 
endlich von 3400 Vasen, die die schöne, bereits vorhandene Samm- 
lung auf einen ungewöhnlichen, für manche Klassen auf den 
ersten Rang erhoben. Geringere Stücke oder Serien wurden an 
kleinere staatliche, departementale oder Universitätsmuseen abge- 
geben. Nachträglich gelangten auch noch einzelne, nicht immer 
unbedeutende Gruppen von Vasen von Rom aus auf Schleich- 
wegen in die Museen von Florenz, Brüssel, Genf. Der Sammler 
überlebte seinen Sturz noch um mehr als zwei Jahrzehnte eines 
unsteten Wanderlebens; 1880 starb er in dürftiger Lage in Rom, 
seiner Heimat, die ihn längst vergessen hatte. 



74 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Die meisten der oben (S. 66 ff.) aufgeführten Einzelfunde er- 
hielten ihre erste Veröffentlichung und Erklärung in den Schriften 
des Archäologischen Instituts. Unter der Leitung deutscher 
Sekretäre, mit pekuniärer Beihilfe der preußischen Regierung und des 
Herzogs von Luynes (S. 59), waren etwa zwanzig Jahre hindurch 
deutsche, italienische und französische Gelehrte an seinen Arbeiten 
beteiligt, bis in dem bewegten Jahre 1 848 die französische Sektion 
ihre Tätigkeit einstellte und den anderen beiden Nationen das 
Institut überließ, das außer durch seine Publikationen auch durch 
wöchentliche Sitzungen und durch eine allmählich wachsende 
Bibliothek mehr und mehr der Mittelpunkt der archäologischen 
Studien in Rom ward. In besonderem Maß erfuhren dies die 
jüngeren deutschen Gelehrten, die seit dem Ende der dreißiger 
Jahre Rom um gelehrter Zwecke willen aufsuchten. An deutschen 
Universitäten vorgebildet, wo besonders Welcker in Bonn, Karl 
Otfried Müller in Göttingen, Gerhard in Berlin Archäologie lehrten, 
fanden sie in dem Sekretär des Instituts, Emil Braun, einen geist- 
vollen, wenn auch nicht streng wissenschaftlichen Führer. Braun 
gehörte übrigens zu den Ersten, die den Nutzen archäologischer 
Übungen erkannten. Jahn, Brunn, Stephani, Wieseler, Stark und 
andere erfuhren solchen Einfluß. Als dann nach kritischen Jahren 
1856 Heinrich Brunn an Brauns Stelle trat, war inzwischen eben 
durch jene ältere Generation das Studium der Archäologie an 
den deutschen Universitäten zu größerer Blüte gelangt, und die 
bald in ganzen Scharen zuströmenden »ragazzi« fanden im In- 
stitut unter Brunns Leitung eine Art archäologischer Oberuni- 
versität. Eine reichlichere Unterstützung seitens des preußischen 
Staates und die Einrichtung einiger Reisestipendien förderten die 
Zwecke des Instituts. Dieses aber erschöpfte seine Tätigkeit 
weder in der Anleitung der archäologischen Jugend noch in 
der Herausgabe der regelmäßigen Publikationen {Monumenü, 
Annali, Bullettini), sondern es griff auch auf die beiden Auf- 
gaben zurück, die ihm gewissermaßen als Erbteil Gerhards (S. 56 f.) 
überkommen waren. 

In erster Linie galt es die Katalogisierung des zerstreuten 
Antikenbesitzes wiederaufzunehmen. Zöglinge des Instituts waren 



Tätigkeit des Archäologischen Institutes. Kataloge 75 

es, die in Rom das lateranische Museum (Benndorf und Schöne), 
die Sammlung Ludovisi (Schreiber), die zerstreuten Antiken Roms 
(Matz und von Duhn), neuerdings auch das vatikanische Museum 
(Amelung und Petersen) bearbeiteten. In Neapel verzeichnete 
Heibig die Gemälde, Heydemann die Vasensammlung. Die zahl- 
reichen Museen Oberitaliens wurden von Dütschke, Florenz über- 
dies von Amelung beschrieben. In Athen inventarisierte Kekule 
das Theseion, Heydemann die kleineren Sammlungen; hier nahmen 
auch Mitglieder der französischen Schule, Collignon (Vasen), 
Martha (Terrakotten), de Ridder (Bronzen), an dieser mühsamen 
Aufgabe teil. In München katalogisierte Jahn die Vasensammlung, 
Brunn die Glyptothek; in Berlin sorgten Gerhard, Friederichs, 
Wolters, Conze, Furtwängler, in Petersburg Stephani für wissen- 
schaftliche Kataloge. Die Skulpturen Spaniens beschrieb Hübner, 
die zerstreuten Bildwerke Großbritanniens Michaelis. Alle diese 
Arbeiten, Werke geduldigen und entsagungsvollen Fleißes, bilde- 
ten die notwendige Ergänzung zu der Tätigkeit des Spatens. 
Wenn zumeist Deutsche daran teilgenommen haben, so liegt das 
wohl zum Teil im deutschen Charakter und in der wissenschaft- 
lichen Erziehung unserer Universitäten begründet (liegt doch auch 
die mühsame Beschaffung des handschriftlichen Apparates für 
die kritischen Ausgaben der klassischen Schriftsteller vorzugsweise 
in deutschen Händen), aber auch das Vorbild Gerhards und die 
Einwirkung des Instituts haben ihren Teil daran. So sind ja 
auch die französischen Teilnehmer an diesem Werke Zöglinge 
der Französischen Schule in Athen, während die Italiener, denen 
lange eine gleiche Schulung fehlte, sich von dieser Aufgabe fast 
gänzlich fern halten; Giuseppe Valentinelli (Venedig), Giovanni 
Jatta (Ruvo) und Antonio Sogliano (Pompeji) bilden seltene Aus- 
nahmen. England geht seine eigenen Wege, aber das Britische 
Museum sorgt wenigstens für tüchtige Kataloge, unter denen die 
der Münzsammlung, unter Pooles und Heads Leitung angefertigt, 
eine besonders hohe Stelle behaupten. 

Auch eine zweite Reihe von Aufgaben des Instituts liegt ganz 
in der Richtung Gerhards. Dieser hatte, älteren Vorgängen folgend, 
die Notwendigkeit erkannt, gleichartige Kunstwerke in möglichst 



76 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

vollständigen Abbildungswerken zu sammeln. Für die etrus- 
kischen Spiegel hatte er dies selbst besorgt; bei den griechischen 
Vasen hatte die Überfülle des Stoffs zu einer Auslese gezwungen; 
bei den etruskischen Aschenkisten war es beim Sammeln von 
Zeichnungen geblieben. Das Vorbild des Corpus inscriptionum 
Graecarum, dem mittlerweile die methodischer angestellten Vor- 
arbeiten für die Sammlung der lateinischen Inschriften gefolgt 
waren, konnte die Unentbehrlichkeit solcher Stoffsammlungen 
handgreiflich machen. So nahm denn Brunn die Sammlung der 
etruskischen Aschenkisten oder »Urnen« mit neuem Material wieder 
auf, und als das Institut, 1874 in eine Anstalt des deutschen 
Reiches umgewandelt, über reichere Mittel verfügte, schlössen sich 
andere Unternehmungen an: Reinhard Kekule übernahm unter 
Mitwirkung Hermann von Rohdens und Franz Winters die Samm- 
lung der antiken Terrakotten, Friedrich Matz und nach dessen 
frühem Tode Garl Robert die Bearbeitung der römischen Sarko- 
phage, Alexander Conze führte im Verein mit anderen die von 
ihm im Auftrage der Wiener Akademie unternommene Heraus- 
gabe der attischen Grabreliefs aus. Die Wahl der Denkmäler- 
gattungen hing davon ab, ob sich ein geeigneter Bearbeiter fand 
und bereit erklärte. Die umfangreichsten Gattungen, Statuen und 
Büsten sowie Vasen, stehen noch aus. Die vom Institut in An- 
griff genommenen Serien zeigen aber, daß ohne sehr bedeutende 
Mittel und ohne einen Stab arbeitslustiger und opferbereiter Be- 
arbeiter dergleichen Unternehmungen unausführbar sind. Bisher 
ist das Institut auf diesem Wege allein vorgegangen, es erstrebt 
aber durchaus kein Monopol; andere Anstalten und andere Na- 
tionen finden hier ein weites Feld für gemeinsame Arbeit Für 
die Skulpturen veranstaltet einstweilen Paul Arndt mit einer 
Anzahl von Mitarbeitern eine vorbereitende photographische 
Sammlung. 

Im Zusammenhang hiermit mag auch darauf kurz hinge- 
wiesen werden, daß das Archäologische Institut in Rom auch die 
Wiege der heutzutage so blühenden römisch-epigraphischen 
Studien ist. Durch den Grafen Bartolommeo Borghesi waren 
sie beim Institut eingebürgert worden; unter seiner Ägide hatte 



Serienpublikationen. Epigraphik. De Rossi 77 

schon in den dreißiger Jahren Olaus Kellermann sich ihnen ge- 
widmet und führten in den vierziger Jahren Theodor Mommsen 
und Wilhelm Henzen jene epigraphischen Reisen und Studien 
durch, aus denen das Corpus inscriptionum Latinarutn hervor- 
gehen sollte. Daß dieses aber in möglichst vollkommener Weise 
unter Mommsens Oberleitung hat ausgeführt werden können, 
daran gebührt wiederum ein nicht geringes Verdienst der klaren 
Einsicht und zähen Energie Eduard Gerhards, der nicht müde 
ward bei der Berliner Akademie diesen Plan zu vertreten und 
hartnäckigem Widerstände gegenüber ihm zu seinem endlichen 
Siege zu verhelfen. Die ganze Arbeit, die sich ein halbes Jahr- 
hundert hindurch um die Vollendung dieses großen Werkes 
gruppiert hat, an deren Durchführung eine große Anzahl tüchtiger 
jüngerer Kräfte teilgenommen hat und deren römischen Teil seit 
Henzens Tode Christian Hülsen versieht, hat bekanntlich eine 
völlige Neugestaltung der römisch-antiquarischen Studien zuwege 
gebracht. 



An den Vorbereitungen zum Corpus wie an den Sitzungen 
und Arbeiten des römischen Instituts war seit etwa 1850 der 
römische Edelmann Giambattista de Rossi, der schon früher 
Mommsen und Henzen nahegetreten war, lebhaft beteiligt. Der 
Archäologie noch näher verwandt als der Epigraphik ist das 
Hauptgebiet seiner Studien, die christlichen Altertümer, die 
das Archäologische Institut von Anfang an, um alle unliebsamen 
Berührungen mit vatikanischen Behörden und Gelehrten zu ver- 
meiden, von seinem Bereich ausgeschlossen hatte. Hier wird 
es genügen, auf den ganz neuen Weg hinzuweisen, den diese 
Disziplin infolge von de Rossis Neuentdeckung der römischen 
Katakomben eingeschlagen hat. 

Die Katakomben, die unterirdischen »Ruheplätze« (Coemete- 
rien) der römischen Christen aus den ersten drei Jahrhunderten, 
die in großer Zahl rings um die Stadt zerstreut liegen, waren 
seit dem 16. Jahrhundert Gegenstand von Nachgrabungen und 
Forschungen gewesen; schon 1632 erschien die grundlegende 



78 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Roma sotterranea des Maltesers Antonio Bosio, ein Werk mehr 
als dreißigjährigen Fleißes. Aber es hatte ein eigentümlicher 
Unstern über diesen älteren Bemühungen gewaltet: nirgends war 
man zu den Gräbern berühmter Märtyrer und Heiligen vorge- 
drungen, obschon man doch von vielen wußte, in welcher Kata- 
kombe sie beigesetzt waren und daß sie dort im frühen Mittel- 
alter die Verehrung der herbeiströmenden Pilger und Gläubigen 
genossen hatten. Eine der berühmtesten Grabstätten war eine 
Katakombe an der Appischen Straße, die bald nach dem dort 
258 als Märtyrer getöteten und begrabenen Papste Sixtus IL, 
bald nach der Heiligen Cäcilie, bald nach Callistus, dem eigent- 
lichen Ordner der weitläufigen Anlage, benannt ward. Man suchte 
sie allgemein bei der Kirche San Sebastiano, wo zwar eine Kata- 
kombe sich befand, aber keine Spur von Gräbern jener großen 
Heiligen erschien. Und so stand es überall; bis in die Mitte 
des 19. Jahrhunderts blieb die Kenntnis der Katakomben auf die 
gewöhnlichen Gänge mit ihren einfachen Grabnischen und auf 
deren gelegentliche Erweiterungen zu reicher geschmückten Grab- 
kammern beschränkt. 

Im Jahre 1841 ward die Aufsicht über die Katakomben von 
Papst Gregor XVI. dem gelehrten Jesuiten Giuseppe Marchi über- 
tragen, der nun ihre Durchforschung ernsthaft wieder aufnahm. 
Er beseitigte beispielsweise den weitverbreiteten Irrtum, daß die 
Christen für ihre Begräbnisplätze alte Puzzolangruben benutzt 
hätten, indem er nachwies, daß die Gänge der Katakomben nie 
im Bereiche der weichen Puzzolanerde, sondern immer in Tuff- 
schichten sich finden und daß auch hier nicht etwa alte Stein- 
brüche zu neuer Verwendung gekommen, sondern daß die weit- 
verzweigten, engen und meistens sich in rechtem Winkel schnei- 
denden Gänge eigens für die Ruheplätze der Toten angelegt 
worden sind. Aber Marchi war nur der Vorläufer eines Größeren, 
des jungen de Rossi, der ihn auf seinen Entdeckungszügen zu 
begleiten pflegte. Dieser überragte den Führer an Weite des 
Blickes, an Energie wissenschaftlicher Forschung und an scharf- 
sinniger Kombination. Ein gründliches Studium der frühmittel- 
alterlichen Pilgerbücher (unter denen das Itinerar im Kloster Ein- 



Die Katakomben 79 

siedeln besonders wertvoll und berühmt ist) in Verbindung mit 
einer planmäßigen Durcharbeitung der übrigen frühchristlichen 
und kirchlichen Literatur ließ ihn ganz neue Einblicke in die 
Lage und örtliche Aufeinanderfolge der Katakomben gewinnen. 
Auf diesem Wege gelangte er zu der Überzeugung, daß die Six- 
tuskatakombe etwas näher bei der Stadt als bei San Sebastiano 
angesetzt werden müsse. So suchte er denn die ganze Gegend 
sorgfältig ab und ward im Jahre 1849 durch den Fund einer 
zerbrochenen Marmorplatte belohnt, deren erhaltene rechte Hälfte 
die Worte . . nelius martyr enthielt. Daß der 251 getötete heilige 
Cornelius in einer Abteilung der Sixtuskatakombe begraben lag 
und dort besondere Verehrung genossen hatte, wußte de Rossi 
aus der Literatur; er durfte also hoffen auf der richtigen Spur 
zu sein. Auf diesen glücklichen Fund hin bewog der sieben- 
undzwanzigjährige Gelehrte den Papst Pius IX. die Vigna, in 
der das Fragment gefunden worden war, anzukaufen und erhielt 
vom Papste den Auftrag weitere Nachforschungen und Ausgra- 
bungen anzustellen. 

So begannen jene glänzenden Entdeckungen, die Jahr für 
Jahr ein neues Kapitel christlicher Archäologie erschlossen. Es 
stellte sich bald heraus, daß im 4. Jahrhundert, nach Freigebung 
des christlichen Kultus, zur Regelung des Katakombenbesuches 
der Pilger, die mehrere Jahrhunderte hindurch in dichten 
Scharen zu den Gräbern der Märtyrer wallfahrteten, von dem 
Papste Damasus große ummauerte Schachte mit breiten Treppen 
angelegt worden waren, die die geringeren Gräberreihen rück- 
sichtslos durchbrachen, um die Pilger möglichst graden Weges 
zu den Gräbern der Hauptmärtyrer und Heiligen zu leiten. Durch 
besondere, auf Bogen ruhende Lichtschachte erhielten diese unter- 
irdischen Haupträume Luft und reichliches Licht. Zufällig war 
man bei früheren Ausgrabungen nie auf einen solchen Schacht 
gestoßen, sondern wenn man in den engen Gängen auf eine 
Mauer geraten war, hatte man hier das Ende der unterirdischen 
Gräberstadt vermutet und von weiterem Suchen abgelassen; hätte 
man einmal eine solche Mauer durchbrochen, so wären de Rossis 
Entdeckungen schon Jahrhunderte früher gemacht worden. 



80 IV. Die Grabstätten Etruriens und die antike Malerei 

Die erste große Orabkammer, zu der de Rossi gelangte, 
war die des heiligen Cornelius; und wirklich fand sich hier, um 
den Indizienbeweis vollgültig zu machen, die linke Hälfte jener 
Marmorplatte mit dem Namensanfang Cor und dem Titel ep(iscopiis). 
Daß diese Kammer weitab von der Hauptkammer, der des heiligen 
Sixtus, lag, wußte de Rossi aus den Angaben der Pilgerbücher. 
Es begann also ein eifriges Suchen in dem Gewirre der in meh- 
reren Stockwerken übereinander sich hinziehenden engen Gänge, 
die alle erst von ihrem Schutte befreit werden mußten. Zuerst 
fand sich die Grabkammer des heiligen Eusebius. Endlich mehrten 
sich die eingekratzten Inschriften, in denen fromme Pilger ihre 
Empfindungen und Hoffnungen den Wänden anvertraut hatten, 
und die Erwartung des glücklichen Pfadfinders ward hochge- 
spannt, als er nahe bei einer Tür drei Anrufungen an »Sustus« 
fand. In der Tat bildete die Tür den Eingang zum Hauptraume 
der Sixtuskatakombe, wie er im dritten Viertel des 4. Jahrhunderts 
von Papst Damasus hergerichtet worden war. Im Hintergrunde 
befand sich arg zerstört das Hauptgrab, seitwärts in einfachen 
Nischen die Gräber von elf anderen römischen Bischöfen des 
3. Jahrhunderts; die marmornen Verschlußplatten enthielten deren 
Namen in griechischer, der damaligen offiziellen Sprache der 
römischen Kirche, ohne allen Prunk, noch ohne Bezeichnung 
der Papstwürde. Aus dieser sogenannten Papstkammer führte in 
der Ecke links neben dem Sixtusgrabe ein kleines Pförtchen zu 
der benachbarten Cäcilienkapelle. Die Grabnische der Heiligen 
war geleert; schon 817 hatte Paschalis I., als die Zeiten unruhiger 
wurden, den Leichnam nach der Kirche S. Cecilia in Trastevere 
überführt, wo eine mit Recht berühmte Statue Stefano Madernas 
die Märtyrerin in der Lage, wie man sie gefunden hatte, schildert. 
Byzantinische Malereien aus dem 6. — 8. Jahrhundert, an der Wand 
der Gruft in den Katakomben angebracht, bezeugten das Ansehen 
der Heiligen in den Jahrhunderten der Pilgerfahrten, wie auch heute 
noch am Cäcilientage (22. November) die wieder freigelegte Kapelle 
den Mittelpunkt einer stimmungsvollen unterirdischen Feier bildet 

So verlief der Beginn von de Rossis Katakombenforschung. 
Unvergeßlich werden jedem Hörer die köstlichen Stunden sein, 



Die Katakomben 81 

in denen der ebenso vornehme wie liebenswürdige Entdecker, 
auf dessen Lippen Peitho thronte, von Station zu Station seine 
Entdeckungen vorführte und jedesmal die weiteren Ziele seiner 
Forschung bezeichnete, um übers Jahr von neuem offene Rechen- 
schaft über das inzwischen Erreichte abzulegen. Es liegt außer- 
halb der Grenzen dieses Buches näher auf die Einrichtung der 
Katakomben und ihren bildlichen Schmuck, geschweige denn auf 
die Kontroversen über dessen Erklärung einzugehen. Ebenso- 
wenig will ich die weitere Entwickelung der Katakombenforschung 
verfolgen, wie eine Katakombe nach der anderen an die Reihe 
der Untersuchung gekommen ist und wie sich namentlich die 
Kenntnis der Malereien in den Katakomben erweitert und vertieft 
hat; es mag nur an die Arbeiten Joseph Wilperts erinnert werden. 
Immer aber verehrt auch heute die christliche Archäologie als 
ihren Begründer Giambattista de Rossi. 



Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchSologischer Entdeckungen. 



V 

ENTDECKUNGEN IM OSTEN 




n den Arbeiten und der Leitung des Archäologischen 
Instituts nahm zeitweilig in den dreißiger Jahren auch 
Richard Lepsius teil, der von italischen Dialektstudien 
ausgegangen war. Schon in Paris hatte der junge Gelehrte sich 
dem Studium der ägyptischen Hieroglyphen zugewandt, die durch 
Champollions Entdeckung dem Verständnis erschlossen worden 
waren. Bunsen, der die ägyptischen Denkmäler dem Forschungs- 
bereich des Archäologischen Instituts zugeteilt wünschte, wies 
Lepsius nachdrücklich auf dies Studiengebiet hin. In der Tat 
begann Lepsius seine ägyptologischen Arbeiten 1837 mit einer 
Revision von Champollions Entzifferung, die einen methodischen 
Fortschritt bezeichnete. Damit hatte er die Bahn betreten, auf 
der er seine größten Erfolge erringen sollte. 

Abgesehen von der Lesung der Hieroglyphen hatte die Er- 
kundung der Denkmäler Ägyptens seit der napoleonischen Ex- 
pedition (S. 14 ff.) keine sehr bedeutenden Fortschritte gemacht. 
Die 1828 ausgesandte französisch -toskanische Expedition unter 
Leitung Champollions und Rosellinis hatte in fast einjähriger 
Dauer (Okt. 1828 bis Sept. 1829) wohl den Stoff gemehrt, und 
Champollion hatte durch die Lesung der Inschriften, deren Ab- 
schrift ein Hauptzweck des Unternehmens war, einen bedeutenden 
Fortschritt in der Erkenntnis ägyptischer Geschichte angebahnt. 
1 Ferner war die Expedition über Philä (S. 16) hinaus nach Abu 82 
Simbel mit seinen Felskolossen und bis nach Wadi Haifa vor- 
gedrungen. Endlich hatte Champollion den weiten Abstand der 
bisher stark überschätzten Skulpturen der ptolemäisch- römischen 



Lepsius ägyptische Reise 83 

Periode (z. B. in Dendera) von den echt ägyptischen Bildwerken 
der Ramessidenzeit erkannt. Sonst aber waren auf künstlerischem 
Gebiete weniger große neue Gesichtspunkte als Einzelergebnisse 
gewonnen worden. Das Ramesseum ward erkannt, in die Königs- 
gräber bei Theben eingedrungen, die Bedeutung der Memnon- 
kolosse (S. 16) als Abbilder Amenophis III. festgestellt. Das 
größte Aufsehen erregten die Gräber von Beni Hassan mit ihren 67 
einfachen protodorischen Säulenformen, in denen Champollion 66 
das Vorbild der dorischen Säule der Griechen gefunden zu haben 
glaubte, wie er denn überhaupt zu der Überzeugung gelangte, 
daß die griechische Kunst sich in voller Abhängigkeit von der 
ägyptischen entwickelt habe. Trotz alledem war eindringender 
Forschung noch immer ein weites Feld geöffnet, zumal wenn sie 
über die Mittel und die Erlaubnis gebot Ausgrabungen vorzu- 
nehmen, die auch bei jener Expedition nur in bescheidenem Maße 
stattgefunden hatten. 

Hier setzte Lepsius ein, und dank der einflußreichen Für- 
sprache Alexander von Humboldts und Bunsens gelang es den 
sonst mehr an Plänen als an Ausführungen reichen König Friedrich 
Wilhelm IV. zur Gewährung bedeutender Mittel für eine auf 
drei Jahre (1842/45) berechnete Forschungsreise in Ägypten zu 
bewegen. An die Spitze der Expedition ward der damals noch 
nicht zweiunddrei ßigjährige Lepsius gestellt; ein Stab von Archi- 
tekten, darunter Erbkam, von Zeichnern und anderen Gehilfen 
ward ihm beigegeben. Es handelte sich nicht, wie bisher, bloß 
um Erkundung und Ausbeute des mehr oder weniger offen zu- 
tage Liegenden, sondern um eine Erforschung, welche überall 
wo es nötig schien den Spaten ansetzen sollte. Die in Aussicht 
genommene längere Dauer sicherte vor Überhastung, wie denn 
z. B. sechs Monate auf Memphis mit seinen Gräbern, sieben auf 
das weit ausgedehnte Theben, einer auf die Insel Philä und ihre 
Umgebung verwandt wurden. Bisher waren, abgesehen von den 
Pyramiden und von Beni Hassan, nur Denkmäler des Neuen 
Reiches oder der noch späteren Perioden beobachtet worden. 
Gleich das erste große Ergebnis der preußischen Expedition war 
die Entdeckung des Alten Reiches in zahlreichen Denkmälern. 



84 V. Entdeckungen im Osten 

Die Zahl der Pyramiden, der augenfälligsten Zeugen dieser alten 
Glanzperiode, wuchs auf 67 ; daneben trat die bisher unbekannte 

1 Gräbergattung der Mastabas, deren 130 aufgefunden wurden. So 3? 
reichte jetzt, während Champollion das hohe Alter der ägyptischen 
Kultur nur zögernd erschlossen hatte, die greifbare Kenntnis der 
ägyptischen Kunst bis ins vierte Jahrtausend hinauf. Beim Möris- 
see im Fajum, dem großen Staubecken des Niles, gelang es als 
Gründer Amenemhe III. festzustellen, seine Pyramide und Bauten, 
in denen Lepsius irrtümlich das berühmte Labyrinth erblicken 
wollte, zu untersuchen und die Stauanlagen zu erkunden, wozu 
später in Oberägypten bei einer Flußenge der Nilmesser desselben 
Königs zum Vorschein kam; er wies den damaligen Hochstand 
des Nils als etwa 7 Meter höher als heutzutage nach. Weiter 
stromaufwärts traten in Mittelägypt^n die späteren Gräber des 
Alten Reiches zutage, die Felsgräber (z. B. von Kom-el-achmar), 
je weiter nach Süden desto jünger. Auf der weiten Trümmer- 

1 Stätte Thebens wurden das Ramesseum und das Felsengrab Ram- si 

1 ses' IL, weiter südlich der Felstempel von Abu Simbel mit seinen 82 
Kolossen genau untersucht. Die Expedition machte auch nicht 
an den Grenzen Ägyptens Halt, sondern drang nach Äthiopien 
vor, bis über Chartum hinaus; nebenbei blieb auch das Gebiet 
des Sinai nicht unerforscht 

So weit die äußere Ausdehnung der Expedition. Ihre Er- 
gebnisse kamen zunächst der Geschichte des Landes zugute. 
Zahlreiche Kartuschen mit Königsnamen wurden als feste Merk- 
steine für das »Königsbuch« (1858) gesammelt. In Teil el Amarna 

3 zeigte sich die Gestalt des revolutionären Königs Amenophis IV. 90/91 
in ihren ersten Umrissen. Die geschichtliche Betrachtungsweise 
förderte auch die kunstgeschichtliche Erkenntnis; die großen 
Epochen der ägyptischen Kunst vom Alten Reich bis zur Ptolemäer- 
und Römerzeit traten jetzt erst in helles Licht. Im Zusammen- 
hange damit ward die Architektur zum erstenmale von Fach- 
männern genau erforscht. Die Reliefs, die die Wände bedeckten, 
und die Inschriften wurden eifrig abgeklatscht, abgezeichnet, ab- 
geschrieben, mit großem Gewinn für die Kenntnis der Sprache, 
der Religion, der Verhältnisse des täglichen Lebens. So ist es 



Lepsius ägyptische Reise. Bottas Entdeckung von Chorsabad 85 

nicht zu viel gesagt, daß die Ägyptologie durch diese Expedition 
eine neue, ganz veränderte Grundlage gewonnen hat. Das große 
Tafelwerk als Urkundensammlung und die Einrichtung des Ägyp- 
tischen Museums in Berlin als Veranschaulichung der gewonnenen 
Ergebnisse machten diese bald allgemein zugänglich. 



Zur gleichen Zeit, wo Lepsius mit seinen Genossen Ägypten 
neu erforschte, trat die Kunst Assyriens zum erstenmal in unseren 
Gesichtskreis. Von Mossul, dem Hauptorte jenes Landstriches, 
streift der Blick über ein weites Gebiet am jenseitigen linken 
Ufer des Tigris, das an mehreren Stellen mit unförmlichen Erd- 
hügeln übersäet ist. Diese Hügel, oben platt, mit steilen, viel- 
fach eingerissenen Rändern, hatten bereits ältere Reisende, Kinneir, 
Rieh, Ainsworth, als schützende Hüllen von Ruinen erkannt, ja 
in der Hügelgruppe von Kujundschik und Nebi Junus (Jonasgrab), 
Mossul gegenüber, die Stätte des alten Ninive vermutet. Mit 
der Untersuchung Ernst gemacht zu haben ist das Verdienst Paul 
Emile Bottas, der seit 1842 als französischer Konsul in Mossul 
lebte; sein kundiger Berater und Förderer war dabei der berühmte 
Orientalist Julius Mohl in Paris. Die Grabungen, die Botta 
zunächst bei Kujundschik anstellte, blieben freilich ergebnislos. 
Desto reicherer Ertrag belohnte die Bemühungen, die er in 
den Jahren 1843/44 sechzehn Kilometer weiter gegen Norden 
bei Chorsabad, an der östlichen Hügelbegrenzung der Ebene, 
durchführte, zuerst im Kampfe mit dem Widerstände der Lokal- 
behörden und dem Argwohn des Pascha in Mossul. Nichts- 
destoweniger trat hier auf mächtigen Terrassen der gewaltige 
Palastbau zutage, den König Sargon nach der Eroberung Baby- 121 ff. 
Ions (710) als eine Art Sommerpalast oder Versailles aufgeführt 
hatte; Dur Sarukin (Sargonsburg) hieß die Stätte. Große Höfe 
mit Portalen und Prunkräumen, ein Gewirr von Gängen und 
Kammern, eine gesonderte Abteilung des Palastes mit dreifachem 
Harem, die Überreste eines Terrassenturmes als Heiligtums wurden 
aufgedeckt. Die einfachen Ziegelmauern waren bald mit Alabaster- i36 
reliefs, die meist Szenen des königlichen Lebens darstellten, bald 



86 V. Entdeckungen im Osten 

5 mit dekorativen Friesen von bunt emaillierten Ziegeln bekleidet; i3i|32 
an den Portalen hielten kolossale Stiere und Löwen Wacht. Es i30 
war ein durchaus neuer Anblick, der sich hier auftat. Begreif- 
licherweise suchte Botta zunächst die Ausbeute an bildlichen 
Werken in Sicherheit zu bringen und sandte sie so bald wie 
möglich stromabwärts nach Basra, wo sie 1846 ein französisches 
Kriegsschiff in Empfang nahm und nach Havre brachte; im Fe- 
bruar 1 847 langten die Skulpturen, darunter ein Paar der großen 
Portalfiguren, glücklich in Paris an. Weiter sorgte Botta im 
Verein mit dem Zeichner Eug. Nap. Flandin, den man ihm im 
Herbst 1843 zur Seite gestellt hatte, für eine große Publikation. 
Aber die architektonische Erforschung der wichtigen Ruinenstätte 
ließ noch viel zu wünschen übrig. In diese Lücke traten einige 
Jahre später (1851/55) der damalige französische Konsul Victor 
Place und der Architekt Felix Thomas, Ihren eindringenden 
Forschungen gelang es den alten Palast im Bilde wieder aufzu- 
bauen und dadurch die Eigentümlichkeiten der assyrischen Bau- 
kunst in helles Licht zu setzen. 

Die Erfolge Bottas reizten den britischen Reisenden und 
Journalisten Austen Henry Layard auch seinerseits sein Glück zu 
versuchen, wozu ihm zunächst der britische Botschafter bei der 
Pforte, Sir Stratford Canning, die Mittel darbot. Layard verlegte 
1845 den Schauplatz seiner Tätigkeit etwa 30 Kilometer südlich 
von Kujundschik auf den großen Schutthügel von Nimrud, der 
schon bei mehreren früheren Reisen seine Aufmerksamkeit ge- 
fesselt hatte. Er barg, wie man bald erkannte, die Überreste der 
alten Stadt Kalach. Die ersten Grabungen fanden unter bestän- 
digen Schwierigkeiten seitens übelwollender Behörden, abergläu- 
bischer Fanatiker und raublustiger Nachbarstämme statt Diese 
Nöte hörten auch im folgenden Jahre nicht ganz auf; Entdeckun- 
gen wie die des Riesenkopfes eines Mannstieres brachten die 133 
ganze Provinz in bedenkliche Erregung. Jedoch gelang es die 
Ausgrabungen so weit zu fördern, daß im Sommer 1846 die 
erste Sendung nach London abgehen konnte, als Geschenk Sir 
Stratford Cannings an das Britische Museum. Jetzt trat auch 
dieses mit einer Geldbewilligung auf den Plan, und im Herbst 



Layards Ausgrabungen in Nimrud und Kujundschik 87 

wurden die Ausgrabungen von neuem aufgenommen, leider ohne 
die Hilfe eines Zeichners; da viele Stücke zu stark verletzt oder 
verrieben waren um den Transport zu lohnen, mußte Layard auch 
nach dieser Seite eintreten. Ein Architekt war ebensowenig zur 
Stelle, daher uns die Ruinen von Nimrud architektonisch fast 
unbekannt sind. Im Dezember ward die zweite Sendung der 
Skulpturen abgeschickt und damit die Erforschung Nimruds ge- 
schlossen. Es handelte sich hier um ganz ähnliche Palastbauten 
wie in Chorsabad. Auch hier ließen sich die Alabasterbeklei- 
dungen der Wände mit ihren Reliefs reihenweise, wie sie noch 134 
da standen oder einst hingefallen waren, dem Boden entnehmen; 
auch hier bildeten dieselben gigantischen Tiergestalten die Lei- 133 
bungen der Portale. Aber alles war größer, mächtiger und trug 
einen kräftigeren Charakter, sowohl die Skulpturen wie die viel- 
fach erhaltenen Farben. Die Überreste reichten eben um mehr 
als anderthalb Jahrhunderte höher hinauf in die Zeit des Königs 
Asurnasirpal, der die Reihe der großen assyrischen Eroberer be- 
gann. Der von Layard aufgedeckte »Nordwestpalast« war von 
jenem in den Jahren 875 — 868 erbaut worden. Ihm folgte der 
»Zentralpalast« seines Sohnes Salmanassar IL, der ebenfalls von 
Layard in Angriff genommen ward; besonders berühmt ward 
der »schwarze Obelisk« mit der illustrierten Chronik von ein- 135 
unddreißig Regierungsjahren des Königs. In jüngere Zeit führten 
die Reste des unvollendeten »Südwestpalastes« mit Reliefs, die 
im Stil mehr denen von Chorsabad glichen; der Palast war um 
670 von Asarhaddon angelegt worden. Die ganze reiche Aus- 
beute fand ihren Weg ins Britische Museum und diente, im Ver- 
ein mit Layards großer Publikation und populären Darstellungen, 
ganz wesentlich dazu das allgemeine Interesse auf die assyrische 
Kunst zu lenken. 

Layard ruhte aber nicht, sondern setzte 1849 im Auftrage 
des Britischen Museums den Spaten in den einst vergeblich an- 
geschürften Hügeln von Kujundschik an, nachdem eine zu 
Anfang des Jahres 1847 angestellte Versuchsgrabung Aussichten 
auf guten Erfolg eröffnet hatte. Jetzt setzte Layard die Ausgrabung 
in größerem Umfange bis 1850 fort. Wiederum belohnte ihn ein 



88 V. Entdeckungen im Osten 

gleicher Erfolg, dessen Ertrag natürlich ebenfalls dem Britischen 
Museum zufiel. Diesmal war es jene jüngste Periode des assy- 
rischen Reiches, das siebente Jahrhundert, aus dem die Palast- 
trümmer von Ninive stammten; König Sanherib und besonders 
sein Enkel König Asurbanipal (Sardanapal) waren die Vertreter 
dieser Periode. Äußerlich betrachtet zeigten sich wieder die 
gleichen Erscheinungen wie an den beiden anderen Stellen, und 
doch ist es ein neuer, lebendigerer, die alten Stilfesseln mehr 

5 abstreifender Geist, der diese Skulpturen durchweht. Ein Werk lasff. 

5 wie die ins Rückgrat zum Tode getroffene Löwin, die hinten i4o 
bereits erstarrt sich vorne zum letzten Schrei emporrichtet, steht 
hoch über allen Schöpfungen der älteren assyrischen Skulptur. 
So trat hier der ganz ungewöhnliche Fall ein, daß eine jahr- 
hundertelang in starren zeremoniellen Bahnen sich bewegende 
Kunst zum Schlüsse sich noch einmal zu lebendigerer Auffassung 
und Wiedergabe des umgebenden Lebens aufrafft. Kein Wunder, 
wenn man sich nach der Erklärung einer solchen Anomalie 
umsah und sie in der Annahme suchte, ionische Einflüsse 
hätten hier auf die alternde assyrische Kunst verjüngend ein- 
gewirkt. Ob freilich die bildende Kunst der lonier im Beginne 
des 7. Jahrhunderts schon so weit erstarkt war, ist mehr als 
fraglich. 

Diese assyrischen Entdeckungen der vierziger Jahre eröffneten 
den Ausblick in eine zusammenhängende, drei Jahrhunderte um- 
spannende, in deutlichen Stufen sich entwickelnde Hofkunst eines 
abgeschlossenen Reiches. Nachwirkungen erstreckten sich bis 
nach Kypros, wo Ludwig Roß 1845 eine Reliefstele mit dem 
Bilde König Sargons entdeckte. Die assyrische Kunst gehörte 
dem letzten vorchristlichen Jahrtausend an, stand also an Alter 
hinter der ägyptischen weit zurück, war aber immerhin alt genug 
um die Frage anzuregen, ob sich nicht von Assyrien Licht über 
den noch immer sehr dunklen Ursprung und die Art der ho- 
merischen Kunst gewinnen lasse. Adrien de Longperier, später 
Heinrich Brunn, schlugen diesen Weg ein. 



Kujundschik, Texiers Reisen in Kleinasien 89 

Kleinasien war seit der »ionischen« Expedition Chandlers 
und seiner Genossen von 1764 oftmals, besonders von britischen 
Reisenden, besucht worden, doch hatte sie entweder der geo- 
graphische Gesichtspunkt geleitet, oder sie waren den »sieben 
Gemeinden« der Offenbarung nachgegangen. Die archäologischen 
Interessen traten erst bei der Reise wieder in den Vordergrund, 
die Charles Texier in den Jahren 1833/37 im Auftrage der fran- 
zösischen Regierung ausführte. Eine Menge von Stadtplänen 
und von Bauwerken ward aufgenommen, nur leider vielfach so 
flüchtig, daß spätere Untersuchungen die weitgehende Unzuver- 
lässigkeit von Texiers großer Publikation feststellen mußten. Etwas 
völlig Neues für die Kunstgeschichte bot der dorische Tempel 
in Assos, einer Stadt an der Südküste der Troas. Die alter- 257 

12 tümlichen Architekturformen und die über Epistyl und Metopen 
ausgebreiteten Reliefs von gleich altertümlichem Aussehen, alles 290 
aus dem spröden Trachyt des dortigen Gebirges gearbeitet, waren 
geeignet das lebhafteste Interesse zu erwecken. Nachdem die 
Reliefs auf Raoul-Rochettes Bemühen für das Museum des Louvre 
erworben worden waren, fehlte es nicht an Stimmen, welche sie 
an den ersten Anfang der griechischen Skulptur versetzen wollten. 
Umgekehrt ward der amerikanische Architekt Joseph Thacher 
Clarke, als er 1881/83 im Auftrage des Archaeological Institute 
of America den Tempel und die ganze Stadt Assos von neuem 
untersuchte, durch den Grundpian des Tempels zu der Ansicht 
gebracht, daß er etwa aus perikleischer Zeit stamme! Ein lehr- 
reiches Beispiel, daß weder architektonische noch archäologische 
Betrachtung allein zum Ziele führt; heute dürften wenige zweifeln, 
daß wir es mit einem Werke von etwas provinzieller Sonderart 
aus dem 6, Jahrhundert zu tun haben. Nimmt man die große 
Tempelanlage im phrygischen Aizanoi (die man lange für hellenistisch 
zu halten geneigt war, bis sie als hadrianisch erkannt worden ist), 

6 den Augustustempel in Ankyra und die Felsreliefs von Boghasköi leo/ei 
und Nymphiö hinzu, die bald genauer untersucht werden sollten 162 
(S. 101), so dürften damit die wichtigsten archäologischen Ergeb- 
nisse von Texiers Reisen bezeichnet sein. Eine neue französische 
Expedition unter Philippe Lebas, in den Jahren 1843/44 aus- 



90 V. Entdeckungen im Osten 

geführt, brachte für Kleinasien nur geringe Resultate. Überdies 
blieb deren Verwertung, zum Teil infolge der politischen Ver- 
hältnisse, fragmentarisch; nur Teile des groß angelegten Werkes 
sind veröffentlicht worden. 

Das bedeutendste Ereignis jener Jahre für die Kenntnis Klein- 
asiens war was man die Entdeckung Lykiens nennen könnte. 
Dies aus der Südküste Kleinasiens ins Meer vorspringende Alpen- 
land, in seinen hohen Bergen nicht bequem zugänglich, war bis 
dahin nur an seiner Küste besucht worden, wo Myra als Landungs- 
platz des Apostels Paulus besonderes Interesse erregte. Ältere 
Reisewerke, von Clarke, Ludwig Mayer, Beaufort, ließen von dem 
besonderen Reize lykischer Kunstwerke nur gerade so viel ahnen, 
um die Lust nach genauerer Kenntnis zu wecken. Indessen ward 
Charles Fellows kaum hierdurch bestimmt, als er zum eigentlichen 
Entdecker Lykiens ward. Als Sohn eines reichen Bankiers, ohne 
bestimmten Beruf, hatte er sich früh auf Reisen begeben und 
seit 1832 mehrere Jahre lang in Italien und Griechenland gelebt. 
Im Frühjahr 1838 brach er nach Smyma auf und machte von 
hier eine dreimonatige Rundreise, die ihn nordwärts über Pergamon 
und Troja nach Konstantinopel, von hier querlandeinwärts nach 
Adalia und dann über Lykien, Karlen, Lydien wieder zurück 
nach Smyma führte. Er wußte nichts von früheren Reisenden, 
schrieb in voller Unbefangenheit seine Tagebücher nieder und 
skizzierte was er sah mit leidlich geübtem Stift. Als er nun in 
London von seinen Reisen berichtete und seine Zeichnungen 
vorlegte, erfuhr er erst, wie viel Neues er gesehen und beobachtet 
hatte. Das größte Aufsehen erregten die Zeichnungen aus Lykien, 
sowohl die Bauweise der Grabdenkmäler, die bald in den Fels i66/69 
gehöhlt bald freistehend die ausgeprägte Nachahmung einer Holz- 
architektur in Stein darboten, wie der Reliefschmuck mancher 
dieser Gräber. Namentlich der Fries des sogenannten Harpyien- 308/9 
denkmals in Xanthos mußte, obschon in Fellows Zeichnung 
jammervoll modernisiert, als besonders wichtig erscheinen. 

Der gänzlich unerwartete Erfolg bestimmte Fellows, sobald 
er seinen Reisebericht {y>Asia Minore) hatte drucken lassen, im 
Herbste des Jahres 1839 von neuem aufzubrechen, mit dem be- 



Fellows Reisen in Lykien 91 

sonderen Zwecke Lykien genauer zu durchforschen. Als Zeichner 
nahm er den jungen George Scharf mit, den in London geborenen 
Sohn eines bayrischen Künstlers. Diese zweite Reise, mit vier- 
monatigem Aufenthalt in Lykien im Frühjahr 1840, vertiefte be- 
deutend die Kenntnis des abgelegenen Landes, mit seinen zahl- 
reichen, großartigen Städteruinen, seinen Gräbern, die im natürlichen 
Fels bald Holzbauten bald ionische Tempelfassaden darstellten, 
seinen Reliefs, die teils hochaltertümlich waren, teils spätere 
Stilarten in etwas eigenartiger Ausprägung vorführten. Nament- 
lich das jetzt erheblich genauer gezeichnete »Harpyiengrab« verriet 
deutliche Anklänge an gewisse Kunstwerke, in denen man ionische 
Kunstweise vermutete, bot aber auch durch seine Darstellungen 
dem Erklärer ein interessantes Problem. Der nachgeahmte Holz- 
bau regte die Frage nach dem Verhältnis der griechischen Archi- 
tektur zum Holzbau neu an. Dazu kamen Inschriften in eigener 
Schrift und fremder Sprache, die den Sprachforschern besondere 
Aufgaben stellten. So kehrte Fellows mit reicher Ausbeute heim 
und berichtete darüber in einem neuen Buche {»Lycla«), dem 
einige von Scharfs Zeichnungen beigegeben wurden. Dessen 
größere Aufnahmen gelangten 1844 als Geschenk von Fellows 
in den Besitz des Britischen Museums, darunter einige, die die 
deutlich erhaltenen Farbspuren mehrerer Denkmäler wiedergaben. 
Der neue Reisebericht mußte die Lust wecken oder auf- 
frischen die bedeutendsten Skulpturen aus Xanthos für das Britische 
Museum zu erwerben. So kam es zu Verhandlungen mit der 
Pforte und zu einer überaus nachlässig vorbereiteten Expedition, 
die wohl völlig gescheitert wäre, hätte nicht Fellows sich ihr zur 
Verfügung gestellt und mit seiner Sachkenntnis und seiner Kunde 
türkischer Bräuche die Haupthindernisse beseitigt. Im Januar 1842 
leitete er die Arbeiten der Matrosen, die von der britischen Marine 
zur Verfügung gestellt worden waren. Es gelang die Reliefs 
33 von dem acht Meter hohen Harpyiendenkmal herunterzuholen, i69 

ohne dies weiter zu schädigen. Die Hauptausbeute aber bot 
53 die Umgebung eines großen Quaderunterbaues: Statuentorse, vier 459 
53 verschiedene Relieffriese, Giebelreliefs, ionische Architekturstücke, 
alle zu einem einzigen Bau gehörig, der zunächst als »das ionische 443 



92 V. Entdeckungen im Osten 

Siegesdenkmal«, später als das »Nereidendenkmal« bezeichnet 
werden sollte. Die Matrosen gewannen an ihrer Aufgabe das 
lebhafteste Interesse. Eines Tages kehrten sie mit der Nachricht 
heim, sie hätten etwas ganz Seltsames gefunden, ein Relief mit 
^the parson and his clerk«. Es war ein Stück einer belagerten 
Festung, von deren Turm ein Wächter in etwas vorgebeugter 
Haltung herabschaut, während unter ihm — beim englischen 
Gottesdienst sitzt der Küster unter der Kanzel — ein anderer 
Krieger sichtbar wird! Fellows selbst und die Seeoffiziere wohnten 
in einer Hütte, die mit ihrem flachen Balkendach und ihrer luf- 
tigen, von hölzernen Säulen gestützten Vorhalle völlig einem alt- 
lykischen Baue glich. Ein Besucher, der damalige Marineleutnant, 
spätere Admiral T. A. B. Spratt, gibt eine anschauliche Schilderung 
des dortigen Lebens und Treibens. 

> Während wir dort waren, wurden täglich Skulpturen aus der 
Erde gegraben und wieder ans Licht gebracht. Das Suchen danach 
war höchst aufregend, und in der Begeisterung des Augenblicks war 
unsere Bewunderung ihres Kunstwertes vielleicht etwas übertrieben. 
Sobald ein Block aufgedeckt und sorgfältig von Erde gereinigt war, 
kam die Gestalt einer schönen Amazone [deren allerdings keine an dem 
Denkmal auftritt] oder eines schwergetroffenen Kriegers, eines orienta- 
lischen Königs oder einer belagerten Festung zum Vorschein und gab 
Stoff für hübsche Unterhaltungen über die Kunst des Bildhauers oder über 
den hier dargestellten Vorgang aus der Geschichte des alten Xanthos, 
Unterhaltungen, die alle Teilnehmer zu den schönsten Erinnerungen 
ihres Lebens zählen werden. Oftmals, wenn wir nach getanem Tage- 
werk und nach Anbruch der Nacht in der behaglichen türkischen Hütte, 
die das Hauptquartier der Gesellschaft bildete, um die lodernden Scheite 
versammelt waren, eilten wir unter Charles Fellows Führung mit einer 
Fackel in der Hand hinaus, um noch einen mitternächtlichen bewundern- 
den Blick auf eine lebensvolle Kampfszene oder eine kopflose Venus, 
das Hauptergebnis der Arbeiten dieses Morgens, zu werfen.« 
In solcher Arbeit ward binnen kurzer Zeit eine reiche Ernte ein- 
geheimst. 87 Kisten wurden gepackt und mit Mühe an den ent- 
fernten Strand geschafft, wo ein Kriegsschiff sie aufnahm um sie 
nach London zu bringen. 

Aber dies genügte noch nicht. War es doch bei der mangel- 
haften Ausrüstung nicht einmal möglich gewesen den mächtigen 
Deckblock des freistehenden Grabes des Pajava {»Morse tomb'^) 



Die Erforschung Lykiens. Die lykischen Marmore 93 

fortzuschaffen. Somit ward 1843/44 noch einmal eine besser 
ausgerüstete Expedition ausgesandt, der sich wiederum Fellows 
als Führer anschloß. Ein großer Stab ward beigegeben, George 
Scharf als Zeichner, Rohde Hawkins als Architekt, dazu Oips- 
gießer, die Abgüsse von solchen Denkmälern nahmen, welche 
sich nicht wegschaffen ließen. 27 Kisten bargen schließlich die 
neue Ausbeute, darunter die beiden großen Gräber des Pajava 
und des Merehi (»Chimaem tomö«), mehrere Friese, von denen 
die lebensvolle Schilderung eines Hühnerhofes mit Hahnenkämpfen 
besonders hervorzuheben ist, endlich eine Menge Abgüsse von 
Felsreliefs aus abgelegenen Orten. 

Das Britische Museum gewann in seinem Lycian Saloon 
eine Abteilung, die nur durch die Nähe der Elgin Marbles in 
Schatten gestellt ward, sonst aber einzig in ihrer Art war und, 
mit Ausnahme der Reliefs von Giölbaschi in Wien (Kap. VII), 
auch heute noch ist. An mehr als einer Stelle greift die lykische 
Kunst, deren hauptsächliche Denkmäler von Kyros Zeit bis etwa 
ans Ende des 5. Jahrhunderts reichen, mit Rätseln oder mit Auf- 
klärungen in die Geschichte der griechischen Kunst ein; die 
ionische Kunst Kleinasiens erhält von hier aus reiches Licht. Dieser 
Bedeutung entsprach nicht die Art, wie die mitgebrachten Werke 
im Museum aufgestellt wurden: gedrängt, unübersichtlich. Zu- 
sammengehöriges auseinander gerissen. Ebensowenig geschah zu 
ihrer Veröffentlichung. Kein neuer Band der Museumspublikation, 
der Ancient Marbles, ward ihnen gewidmet; Rohde Hawkins 
architektonische Aufnahmen sind ganz verschollen, Scharfs Zeich- 
nungen ruhten lange unbenutzt in den Archiven des Museums, 
die Herausgabe des Hauptstückes der Sammlung, des Nereiden- 
monuments, unterblieb und ward nach dreißig Jahren privater 
Initiative überlassen. Es war als ob infolge der Unzünftigkeit 
des Entdeckers ein leiser Fluch auf den lykischen Skulpturen ge- 
legen hätte. Fellows selbst freilich erhielt eine öffentliche Aner- 
kennung. Eine Geldenlschädigung lehnte er mit den auf Lord 
Elgin zielenden Worten, er sei kein Steinhändler, ab; den Lohn, 
den er wünschte, eine Dankeserklärung seitens des Parlaments, 
bekam er zwar nicht (diese Auszeichnung erschien zu hoch), aber 



94 V. Entdeckungen im Osten 

die Königin machte ihn zum Sir Charles. Das geschah im Mai 
1845. Die Gattin eines Sir führt bekanntlich den vielbegehrten 
Titel Lady: schon im Oktober desselben Jahres gab es auch eine 
Lady Fellows. 



Gleichzeitig mit den assyrischen und den lykischen Skulpturen 
gelangten ins Britische Museum noch andere wertvolle Über- 
bleibsel aus Kleinasien, Zeugnisse einer edlen reingriechischen 
Kunst. Als Fellows im Spätjahr 1841 sich nach Konstantinopel 
begab, um die Schwierigkeiten hinwegzuräumen, die seinen lyki- 
schen Plänen entgegenstanden, befand sich auf dem von der 
britischen Regierung bei der Pforte eingereichten Wunschzettel 
auch das Begehren einige in der Festung von Budrum (dem 
alten Halikarnass) eingemauerte Reliefs herauszunehmen. Fellows 
erschien dies als ein ungehöriges Verlangen {an unreasonable 
request), und indem er darauf verzichtete, sicherte er die Ge- 
währung der lykischen Wünsche. Damit war aber jener Plan 
keineswegs aufgegeben. 

Es handelte sich um zwölf Reliefplatten, die in die Festungs- 
mauern des einst von den Johanniterrittem gebauten Schlosses als 
Schmuckstücke eingelassen waren und die Neugierde der Reisenden 
um so stärker gereizt hatten, als sie mit großer Wahrscheinlich- 
keit für Überbleibsel des nahen Mausoleums, des berühmten Welt- 
wunders, gelten durften. War schon das Betreten einer türkischen 
Festung (zumal einer so festen und angesehenen wie Budrum es 
war) ein schwierig Ding, so mußte es in der Tat für nahezu 
unmöglich gelten aus ihren Mauern Stücke herauszunehmen. 
Indessen das Wort »unmöglich« fand sich nicht im Lexikon des 
energischen Vertreters Großbritanniens bei der Pforte, desselben 
Sir Stratford Canning, der auch Layard bei seinen Unternehmungen 
in Ninive unterstützte (S. 86 ff.). Wirklich gelang es ihm nach 
dreijährigem Bemühen aller Schwierigkeiten Herr zu werden, und 
er erhielt 1846 einen Firman mit der Erlaubnis die Platten weg- 
nehmen zu lassen. Natürlich ward dies sogleich ins Werk ge- 
setzt. Nur einen Monat dauerte die Arbeit, und noch in dem- 



Die Reliefs von Budrum. Amazonenfries vom Mausoleum 95 

selben Jahre gesellten sich die Reste des Amazonenfrieses vom 
Mausoleum der lykischen Ausbeute im Britischen Museum. 
Der Zuv^^achs machte großes Aufsehen ; als eine rheinische Kunst- 
freundin, Frau Sibylla Mertens-Schaaf hausen, kurz darauf im 
Gartenhause der Villa di Negro in Genua eine wohlerhaltene 
ähnliche Platte bemerkte und in Abgüssen verbreitete, erkannten 
die Beamten des Britischen Museums darin ohne Mühe ein 
Stück des gleichen Frieses, das vermutlich vor Jahrhunderten von 
einem Johanniterritter dorthin verbracht worden war. Die Aus- 
sicht mehr dergleichen versprengte Stücke aufzustöbern mußte 
verlockend erscheinen. 

Dieser Gedanke haftete bei einem der Museumsbeamten, dem 
damals dreißigjährigen Charles Thomas Newton, der gründliches 
Wissen und einen überaus feinen Kunstsinn mit stiller, zäher 
Energie vereinigte. Er beschäftigte sich eingehend mit Halikarnass, 
suchte namentlich die genaue Lage des alten Mausolosgrabes zu 
ermitteln, und bald stand ihm als Ziel vor Augen, dort einmal 
den Spaten anzusetzen. So ließ er sich 1852 als Vizekonsul nach 
Mytilene schicken, von wo aus er zeitweilig das Konsulat in 
Rhodos versah. Sieben Jahre diplomatischen Dienstes in der 
Levante sollten nach der Anweisung des Auswärtigen Amtes mit 
dazu dienen dem Britischen Museum neue Erwerbungen zuzu- 
führen. Gleich auf der Hinreise fand Newton seine Hoffnungen 
durch eine schöne Amazone bestärkt, die er in dem damaligen 
kleinen Museum zu Konstantinopel bemerkte; es war offenkundig 
ein Stück vom Friese des Mausoleums. Ein paar andere Frag- 
mente fand er in Rhodos in Häuser eingemauert. Aber erst 1855 
betrat Newton zum erstenmale das Schloß von Budrum. Das 
erste, was ihm in die Augen fiel, waren ein paar große Löwen- 
statuen, die in die Mauern gegen die Seeseite eingelassen waren, 
auch sie offenbar zum Mausoleum gehörig. Jetzt galt es Ernst 
zu machen. Der Botschafter, nunmehr zum Lord Stratford de 
Redcliffe erhoben, ging bereitwillig auf Newtons Pläne, die ja 
eine Fortsetzung seiner eigenen alten Unternehmung bildeten, 
ein; die glückliche Wendung des orientalischen Krieges (Sebasto- 
pol war mittlerweile gefallen) schien den Wünschen des britischen 



96 V. Entdeckungen im Osten 

Botschafters den nötigen Nachdruck zu verleihen. In der Zwischen- 
zeit veranlaßte Newton in Konstantinopel die Bloßlegung der 
Schlangensäule auf dem Atmeidan, eines Überbleibsels vom pan- 346 
hellenischen Weihgeschenk aus der Beute von Platää, und er- 
möglichte so die Auffindung und Entzifferung der darauf ein- 
gegrabenen Weihinschrift durch die in Konstantinopel ansässigen 
deutschen Gelehrten Otto Frick und P. A. Dethier. 

Während der Firman der Pforte immer länger auf sich warten 
ließ, erforschte Newton in Halikarnass genau das Terrain und 
stellte die Lage des Mausoleums an eben der Stelle fest, wo schon 
etwa dreißig Jahre früher der englische Architekt Th. L. Donaldson 
sie vermutet hatte. Aber erst am Neujahrstage 1857 erfolgte der 
erste Spatenstich. Drei Vierteljahre mühsamer, wechselvoller, auf- 
regender Arbeit brachten eine Menge kostbarer Marmore zutage, 
darunter zahllose Bruchstücke, aus denen die Statuen des Mausolos 498 
59 und der Artemisia zusammengesetzt wurden, ferner den pracht- 
59 vollen Kolossaltorso eines persisch gekleideten Reiters, vier Platten 499 
59 von dem Ostfriese, der dem Arbeitsgebiete des Skopas angehörte; 501 
drei davon paßten unmittelbar aneinander. Die Kunst des Skopas 
und seiner Genossen, Timotheos, Leochares, Bryaxis, trat glanz- 
voller zutage, als man es nach den schon in London befindlichen 
Friesen hatte erwarten können. Ein Hauptwerk griechischer Plastik 
aus der Mitte des 4. Jahrhunderts war so weit wiedergewonnen, 
wie man es zu gewinnen hoffen durfte, und im Britischen Museum 
fand sich durch Newtons Energie allmählich alles zusammen, 
auch die Bruchstücke aus Genua, Konstantinopel, Rhodos. Von 
18 der ionischen Architektur des Wunderbaues waren so viele und 241 
so bedeutende Reste gefunden worden, daß der nachträglich 
eingetroffene Architekt R. Popplewell Pullan das Wagnis einer 
Rekonstruktion unternehmen konnte, dem er freilich kaum ge- 
wachsen war. 

Newton beruhigte sich nicht bei diesem einen großen Er- 
folge. Im nächsten Winter siedelte er nach Knidos über und 
deckte in den verlassenen Ruinen der blühenden alten Handels- 
stadt, vielleicht zum erstenmal, mit einiger Genauigkeit den Plan 
einer griechischen Stadt auf. Der schönste Gewinn bestand aber 



Newtons Entdeckung des Mausoleums. Knidos. Didymäon 97 

56 in der wundervollen Statue der sitzenden Demeter, die wohlge- 509 
eignet war die praxitelische Glanzzeit attischer Plastik zu vertreten. 
Dazu kam im nächsten Sommer durch einen glücklichen Zufall 
die Entdeckung des abgelegenen dorischen Denkmals, das von 
der Felsküste auf jenes Schlachtfeld hinabblickte, wo Konon 394 
die lakedämonische Flotte geschlagen hatte. Der kolossale liegende 
Löwe aus pentelischem Marmor, der den Gipfel des Denkmals 
gekrönt hatte, war ein dankbar begrüßtes Beutestück; die Ein- 
schiffung des schweren Blockes erforderte freilich die Arbeit eines 
vollen Monats. Zum Schluß heimste Newton dann noch die mar- 

33 mornen Sitzbilder ein, die südlich von Milet die Prozessionsstraße 296 
vom Hafen Panormos zum Heiligtum des Apollon Philesios, dem 
Didymäon, eingerahmt hatten. Zehn Sitzbilder und zwei 
Löwen, in ihrer Aufstellung an ägyptische Tempelstraßen er- 
innernd, waren Zeugen der Glanzzeit Milets vor dem ionischen 
Aufstande gewesen, jener Zeit, wo die Hauptstadt loniens leb- 
hafte Beziehungen zum Nillande unterhielt. 

Als Newton 1861, nachdem er ein Jahr lang das Konsulat 
in Rom versehen hatte, ans Britische Museum zurückkehrte und 
die Leitung der Antikensammlung übernahm, durfte er sich sagen, 
durch seine kleinasiatischen Unternehmungen der Skulpturenab- 
teilung eine Bereicherung zugeführt zu haben, dergleichen sie seit 
Lord Elgins Zeiten nicht erfahren hatte. Newton stand auch 
fernerhin unermüdlich auf der Wacht, wo sich Gelegenheit zu 
weiteren Erwerbungen bot. Charakteristisch dafür ist folgendes 
Beispiel. Im Jahre 1862 war in Vaison (Vaucluse), dem alten 
Vasio, eine Statue in Bruchstücken gefunden worden. Auf den 
Rat eines Kunstverständigen wandte sich der Besitzer im Oktober 
1868 an das Pariser Museum, und als dieses den Verkauf ab- 
lehnte, an das Britische Museum, zunächst nur mit dem Erfolge, 
daß Newton versprach bei nächster Gelegenheit den Fund in 
Augenschein zu nehmen. Da nichts geschah, wiederholte der Be- 
sitzer am 25. Juli 1869 sein Anerbieten an beiden Stellen, dieses 
Mal unter Beigabe einer kleinen Photographie. Von Paris aus er- 
folgte am 31. Juli wiederum eine kurze Ablehnung; am gleichen 
Tage meldete Newton, nunmehr durch die Photographie über 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunslarchäologischer Entdeckungen. 7 



98 V. Entdeckungen im Osten 

Art und Wert der Statue belehrt, seinen Besuch für die nächsten 
Tage an. / took my portmanteau, erzählte er, and went over to 
France. In wenigen Stunden war der Kauf abgemacht, und schon 
am 11. August konnte Newton dem Besitzer melden, daß das 
Britische Museum 25 000 Francs zu zahlen bereit sei. Der Gegen- 
(52) stand des raschen Handels war der polykletische Diadumenos, (432) 
den wir zuerst durch dieses Exemplar kennen lernten. Der all- 
mähliche Ankauf der Sammlungen Farnese in Rom, der Samm- 
lung Blacas und der Hauptstücke der Sammlung Pourtales in 
Paris, zweier Sammlungen Castellani in Rom, mit einem Oe- 
samtaufwande von zwei Millionen Mark, kam nicht bloß jener 
Abteilung des Museums, sondern auch denen der Gold- und 
Bronzesachen, der Gemmen, der Vasen zugute. Newton förderte 
aber auch fremde Ausgrabungen oder sicherte dem Museum 
deren Ergebnisse. Von Biliotti und Salzmann in Rhodos erwarb 
er schon 1859 die wertvolle Sammlung meist altertümlicher 
Vasen, die diese an der Stätte der früh verlassenen Stadt Ka- 
meiros ausgegraben hatten. Im Gebiete des alten Kyrene 
hatten 1860 die Seeoffiziere R. Murdoch Smith und E. A. Porcher 
mit schönem Erfolg eine Anzahl hellenistischer oder römischer 
Skulpturen aufgespürt; in dem kyrenäischen Orte Benghazi und 
an manchen anderen Orten war der englische Konsul George 
Dennis, dem wir das hübscheste Buch über Etrurien verdanken, 
als Sammler für das Museum tätig. Der Architekt Pullan (S. 96) 
setzte seine Forschungen an verschiedenen Tempeln der klein- 
asiatischen Westküste (Teos, Smintheion) fort und brachte 1866 in 
Priene eine Reihe von Reliefs ans Licht, die man zuerst, freilich 
mit Unrecht, dem Fries des von Alexander dem Großen ge- 
weihten Tempels der Athene Polias zuweisen wollte; sie stammten 
vielmehr von irgend einem jüngeren Schmuck im Inneren des 
Tempels. Auch diese Fragmente kamen ins Britische Museum. 
Den bedeutendsten Zuwachs aber brachte ein anderes Unter- 
nehmen. 

Gleich dem Mausoleum gehörte zu den sieben Wundem der 
antiken Welt der Tempel der Artemis bei Ephesos, der nach 
dem herostratischen Brande von 356 mit größter Pracht wieder 



Kameiros. Kyrene. Priene. Artemision 99 

aufgebaut worden war. Jede Spur von ihm war in dem Sumpf- 
lande verschwunden, selbst seine genaue Lage war bestritten. Im 
Jahre 1863 begab sich der Architekt J. T. Wood, von dem Bri- 
tischen Museum und der Gesellschaft der Dilettanti unterstützt, 
auf die Suche, und nach langjährigen Bemühungen fand er Ende 
1869 den Platz unter dem Felshügel von Ajasoluk, genau an der 
Stelle, wo Heinrich Kiepert, der Geograph, ihn dreißig Jahre vor- 
her angesetzt hatte. Es folgten noch fünf Jahre (bis 1874) über- 
aus mühsamer Untersuchungen tief unten im Sumpf, über sechs 
Meter unter der heutigen Oberfläche. Man mag diesen schwie- 
rigen Umständen, vielleicht auch ungenügender Ausrüstung, vieles 
zugute halten, leider aber bleibt das Urteil bestehen, daß die Aus- 
grabung ihren Zweck nur mangelhaft erfüllt hat und daß sie wesent- 
lich noch den Charakter des Raubbaues trug. Die gewaltigen 
Reste von Architekturgliedern und von reliefgeschmückten Bau- 
teilen, die ins Britische Museum verbracht wurden, sind in der 
Tat von höchstem Wert. Vor allem erregten die Säulentrommeln 5i6 
56 mit Reliefs schönsten Stiles, Überreste der von Plinius genannten 
columnae caelatae, und vollends die Fragmente ähnlich verzierter 
33 Säulen vom älteren Tempel aus der Zeit des Krösos das größte 291 
18 und gerechteste Aufsehen. Dieser ganze Säulenschmuck war neu, 267 
und der sich darbietende Vergleich der vollendeten Kunst des 
vierten Jahrhunderts mit der archaischen des sechsten war höchst 
belehrend. Aber das Bemühen jene Skulpturwerke aus der Tiefe 
emporzuschaffen führte zu arger Rücksichtslosigkeit gegen die 
Tempelanlage als Ganzes, deren Rätsel denn auch nicht sicher 
gelöst ward. Seitdem lag die Stätte, britisches Eigentum, öde 
und wüst. Ein kundiger Besucher äußerte sich jüngst: »Wie sieht 
es heute aus? Man erschrickt über den wüsten Trümmerhaufen, 
der einem aus einer großen, mehrere hundert Meter langen und 
breiten Grube entgegenstarrt — ein Bild ärgster Verwahrlosung! 
Anstatt solche Arbeit zu schaffen, hätte man lieber den Schutt 
darüber liegen lassen sollen.« Dies geht entschieden zu weit 
angesichts der Belehrung, die Woods Arbeiten gebracht haben, 
und der für das Britische Museum gewonnenen Schätze. Aber 
es mußte allerdings als eine Art Ehrenpflicht Englands erscheinen 

7* 



100 V. Entdeckungen im Osten 

die Ausgrabungen wieder aufzunehmen und gemäß der seither 
gewonnenen Ausgrabungstechnik zu Ende zu führen. Es ist er- 
freulich, daß, nachdem dies lange verkannt worden war, neuer- 
dings das Britische Museum unter der energischen und zielbe- 
wußten Leitung Cecil Smiths die mühsamen Ausgrabungen wieder 
aufgenommen hat; möchten sie die erwünschte Aufklärung bringen! 
Newtons eigene und die von ihm geförderten Unternehmungen 
haben für die Kunst des vierten Jahrhunderts eine ähnliche Bedeutung 
wie die älteren Entdeckungen in Ägina und Bassä und die Er- 
werbung der perikleischen Skulpturen für das fünfte. Die Statuen 
vom Didymäon und die alten Säulenreste vom ephesischen Arte- 
mision gingen zusammen mit dem lykischen Harpyiendenkmal auf 
das sechste Jahrhundert zurück. So umrahmten die kleinasiatischen 
Marmore zeitlich die älteren Genossen aus dem fünften Jahrhundert. 
Durch Fellows und Newtons Verdienst hatte das Britische Mu- 
seum seinen alten Rang als vornehmster Sammelplatz griechischer 
Plastik siegreich behauptet. Newtons Bedeutung tritt erst recht 
klar hervor, wenn man die Stille vergleicht, die nach seinem Ab- 
gang (1888) auf diesem Gebiet am Britischen Museum geherrscht 
hat und die erst neuerdings sich zu beleben beginnt. Newton 
war aber zugleich der Organisator wissenschaftlicher archäo- 
logischer Studien in England, wo sie früher fast nur im Gebiet 
der Numismatik, dort freilich von Poole, Head und ihren Ge- 
nossen in ausgezeichneter Weise, betrieben wurden. Newton ge- 
hörte femer zu den Stiftern der Society for the promotion ofHellenic 
studies (1879), er war bei der Gründung des Egypt exploration 
fand (1882) und bei der Errichtung der Archäologischen Schule 
in Athen (1885) beteiligt. Dabei übte er sein Amt als Verwalter 
der Schätze des Britischen Museums mit einer großherzigen 
Liberalität, auch gegen Fremde, einer Liberalität, die überall vor- 
bildlich sein könnte, es aber leider selbst am Britischen Museum 
nicht für alle Abteilungen geworden ist. 



Von einer ganz anderen Seite her wurden in diesem Zeit- 
raum einige Teile des inneren Kleinasiens erforscht. Das Interesse 



Newtons Bedeutung. Perrots galatische Expedition 101 

Napoleons III. für die Geschichte Cäsars wirkte fördernd auf eine 
Reihe wissenschaftlicher Unternehmungen. So ward 1861 Georges 
Perrot, einer der hervorragendsten Zöglinge der Französischen 
Schule in Athen (S. 52), an die Spitze einer »galatischen« 
Expedition gestellt. Ihr Hauptzweck war die vollständige Auf- 
deckung und Lesung des Rechenschaftsberichtes des Kaisers 
Augustus über seine Regierung, mit dem die Wände des Tem- 
pels des Augustus und der Roma in Ankyra (jetzt Angora) in 
doppelter, lateinischer und griechischer, Ausfertigung bedeckt 
waren. Der Architekt Eug. Guillaume und der als Photograph 
tätige Arzt Jules Delbet begleiteten Perrot. Schon vor dreihundert 
Jahren hatte Busbeke den lateinischen Text jenes ^monumentam 
Ancyranum^ entdeckt und abgeschrieben; andere Reisende hatten 
später Teile der griechischen Übersetzung kopiert. Jetzt wurden 
große neue Stücke der überaus wichtigen Urkunde aufgedeckt. 
Für die Archäologie aber war weit bedeutender der Streifzug, 
den Perrot mit seinen Genossen in das benachbarte Kappadokien 
unternahm, um die bereits von Texier (S. 89) bemerkten Fels- 
reliefs von Boghasköi und anderen Orten genauer zu unter- leo/ei 
suchen. Es war eine fremde, ungriechische Kunst, die sich hier 
auftat, mit Anklängen an mesopotamische Formen, aber doch 
selbständig. Solche Felsreliefs begegnen an mehreren Stellen des 
nördlichen Kleinasiens und erstrecken sich bis in die Nähe von 
Smyrna, wo der »Karabel« (schwarze Stein) von Nymphiö, ein i62 
Kriegerbild, schon Texiers Aufmerksamkeit erregt hatte; ganz ab- 
weichender Art ist die sogenannte Niobe am Sipylos, ein alt- les 
phrygisches Kybelebild. Sicherlich haben wir es in jenen Fels- 
reliefs mit der Kunst einer älteren Bevölkerung Kleinasiens zu 
tun, und man durfte annehmen, daß sie sich unter dem Einfluß 
der einst im nördlichen Syrien seßhaften Hettiter entwickelt habe. 
Das aber blieb zweifelhaft, ob wir deshalb, wie das seit William 
Wrights »Empire of the Hittites« (1884) vielfach geschehen ist, 
die politische Herrschaft jenes Volkes über ganz Kleinasien aus- 
gedehnt zu denken brauchten, oder ob es sich nur um Kuhur- 
einflüsse jenes Volkes handelte. Erst die im Herbst 1906 von 
Hugo Winckler (Berlin) angestellten Ausgrabungen haben die 



102 V. Entdeckungen im Osten 

Gewißheit erbracht, daß in Boghasköi wirklich die Hauptstadt des 
Hettiterreiches lag. Ein gewaltiges Archiv von Tontafeln in het- 
titischer und babylonischer Schrift verspricht reiche Aufklärung über 
die kleinasiatische Vorzeit; Mauerreste und einige zum Vorschein ge- 
kommene Skulpturen (Löwen) laden zu weiteren Untersuchungen ein. 

In noch näherer Beziehung zu Napoleons III. Plänen steht 
die »makedonische« Expedition, mit der der Kaiser um die 
gleiche Zeit Perrots Studiengenossen Leon Heuzey (S. 52) und 
den Architekten Honore Daumet beauftragte. Es galt vor allem 
die Schlachtfelder von Pharsalos und von Philippi, denen sich 
das von Pydna zugesellte, zu untersuchen. Aber Heuzey faßte 
die Aufgabe weiter und dehnte sie mit großer Gründlichkeit 
über eine Menge mythologischer Denkmäler Thrakiens sowie 
über verschiedene architektonische Anlagen aus, unter denen die 
bis dahin ganz unbekannten Reste einer großartigen Villa aus 
hellenistischer Zeit bei Palatitza im südlichen Makedonien hervor- 
ragen. Die Mitwirkung des Architekten bewährte sich vortreff- 
lich. Von den Skulpturen war namentlich das Bruchstück eines 
Grabreliefs aus Pharsalos mit zwei Frauen um seines besonderen, 
leicht altertümlichen Stiles willen bemerkenswert. Die Ergebnisse 
beider Expeditionen wurden später in trefflich ausgestatteten 
Werken veröffentlicht. 

Hier verdient auch die Reise nach Thasos Erwähnung, 
die der Pariser Akademiker E. Miller im Jahre 1864 unternahm. 
Galt sie auch in erster Linie der Ausbeute von Inschriften, so 
bereicherten doch die angestellten Ausgrabungen das Museum des 
Louvre um zwei erlesene Stücke vorattischer, ionischer Kunst, die 
Friese eines den Nymphen und Apollon geweihten Altars von 
33 zierlich archaischem Stil, den Reliefs des Harpyiendenkmals (S. 91) sosf. 
nahe verwandt, und das ungewöhnlich fein gearbeitete Grabrelief 
der Philis. Dieses zeigt in besonders hohem Maße jenen auch 
in dem Relief von Pharsalos vertretenen »pastosen« Stil, in dem 
Brunn die besondere Eigentümlichkeit der nordgriechischen Relief- 
bildnerei erkennen wollte; auf alle Fälle ist es eine etwas eigen- 
tümlich gewandte Abart des ionischen Stiles. 



Heuzey in Makedonien. Thasos. Südrußland 103 

Das nördlichste Gebiet, das in diesem Zeitabschnitt unserer 
Kenntnis erschlossen ward, ist das Skythenland im südlichen 
Rußland, auf dessen archäologische Ausbeutung die russische 
Regierung große Kosten verwandt hat. Es handelt sich haupt- 
sächlich um Gräber skythischer Könige oder Häuptlinge, die als 
künstliche Hügel teils in der Krim bei Kertsch und jenseits der 
Meerenge auf der Halbinsel Taman, teils am Dnjepr bei der 
untersten Stromschnelle des Flusses emporragen. Es war im 
Jahre 1830, daß der französische Emigrant Paul Dubrux, der in 
russischen Diensten stand und ein reges Interesse für die Alter- 
tümer gefaßt hatte, den Kul Oba (Aschenhügel) bei Kertsch 
öffnete und zum erstenmale die reichen Goldschätze dieser 
Herrschergräber ans Licht brachte. Unter dem großen Erdhügel 
lag eine gemauerte Grabkammer verborgen, die aber dem Ge- 
brauch der skythischen Häuser entsprechend im Inneren mit einer 
Holzdecke versehen war. Den Leichnam des Häuptlings und 
die Wände des Grabes zierten die Überreste goldgeschmückter 
Gewänder; ein goldener Schild und eine goldene Schwertscheide 
(diese mit dem Namen des Künstlers Pornacho), beide reich mit 
Reliefs geschmückt, dazu eine große Amphora von Elektros 
(Weißgold, einer Mischung von Gold und Silber) vollendeten 
die kostbare Ausstattung des Grabes. Zu den Königsgräbern 
am Dnjepr wandten sich die Arbeiten der russischen Archäo- 
logischen Kommission, deren wissenschaftlicher Berater Ludolf 
Stephani war, erst bedeutend später. Auf Grund einer Angabe 
Herodots über die Grabstätte der skythischen Herrscher, die sich 
in der Hauptsache als sehr genau erwies, machte man sich an 
die Aufdeckung einiger der größten unter den unzähligen Grab- 
hügeln, die zwischen Jekaterinoslaw und Aleksandrowsk am 
rechten Ufer des Stromes das Land bedecken. Die Nachgrabungen 
im »Wiesengrabe« bei dem Dorf Aleksandropol , die in den 
Jahren 1852/56 vorgenommen wurden, führten freilich nur zu 
der Erkenntnis, daß schon in alter Zeit das Grab ausgeplündert 
worden war. Dasselbe galt von einem anderen noch größeren 
Kurgan (Hügel) bei Nikopol, der 1862/63 in Angriff genommen 
ward. Allein hier waren die Schatzgräber von einem Unfall er- 



104 V. Entdeckungen im Osten 

eilt worden; in einem verschütteten Gange fand man einen Leich- 
nam und eine Lampe neben den geraubten Schätzen. Die gol- 
denen Beläge eines breiten Köchers (Gorytos) und einer Schwert- 
scheide, sowie eine Silberamphora, alle wiederum mit Reliefs 385 
griechischen Stils geziert, bildeten Hauptstücke; aber viel goldene 
Kostbarkeiten fanden sich daneben, und in der Grabkammer der 
Frau des Herrschers bot ein bemalter Holzsarg etwas ganz Neues. 
Woher stammte diese ganze Kunst? In den Gräbern der Krim 
wiesen zahlreiche Vasen von attischer Fabrik, zum großen Teil 
von hoher Schönheit, auf die lebhaften Handelsbeziehungen 
zwischen Athen und dem Skythenlande hin. Ein athenischer 
Vasenmaler Xenophantos, allem Anschein nach in Pantikapäon 
(Kertsch) ansässig, legte auch den Gedanken an eine dorthin 
übertragene attische Kunstübung nahe; der Gegenstand seiner 
Malerei, eine etwas phantastisch ausgestattete Jagd des Dareios, 
wies eine Rücksicht auf ein »barbarisches« Publikum auf. Ähn- 
lich war man auch die großen und kleinen Gefäße aus Gold, 
Silber und Elektros und das prächtige Goldgeschmeide anzusehen 
geneigt, worin die Hauptausstattung jener Gräber bestand. Grie- 
chische Kunstform war hier teilweise einen Bund mit national- 
skythischen Gegenständen eingegangen; mit erstaunlich scharfem 
Blicke war das charakteristische Leben und Treiben der antiken 
Kosaken erfaßt und wiedergegeben. Bald erblicken wir die 
Skythen auf dem Kriegszug; sie schwatzen miteinander, sie be- 
spannen ihren Bogen, eine schmerzhafte Zahnoperation wird ge- 
macht oder ein verwundetes Bein verbunden. Ein andermal 
finden wir sie auf der Steppe mit dem Zähmen und Koppeln 385 
ihrer Pferde beschäftigt, jeder Zug dem Leben abgelauscht. Da- 
neben weisen die griechischen Gegenstände eine etwas manierierte, 
leicht etwas unbelebte Stilweise und mancherlei Mißverständnisse 
auf, allerdings neben ausgezeichnet schönen und reinen Orna- 
menten und Tierfiguren. Getreue Nachbildungen des Kopfes 
der Parthenos auf Goldmedaillons weisen deutlich nach Athen, 
und es ist wohl am wahrscheinlichsten, daß diese Werke des 
fünften und vierten Jahrhunderts teils aus Attika eingeführt worden 
sind, zum großen Teil aber eine attisch -skythische Mischkunst 



Südrußland 105 

darstellen, im Skythenlande selbst von Griechen und von 
griechisch geschulten Skythen (z. B. jenem Pornacho) geübt. 
Neben Athen hat sich allmählich auch lonien gemeldet um seinen 
Anteil an jener Prachtkunst geltend zu machen, deren Schönheit 
bekanntlich auch die Kunst von Fälschern zu Nachbildungen 
gereizt hat; die »Tiara des Saitapharnes« lebt noch in aller Ge- 
dächtnis. Die gefundenen Schätze selbst bilden den Stolz der 
Antikensammlung in der Petersburger Eremitage; auf diesem 
Gebiete, namentlich dem des erlesensten Goldschmuckes, kann es 
so leicht keine Sammlung der Welt mit ihr aufnehmen. Das Pracht- 
werk der Antiquites du Bosphore Cimmerien, mit kaiserlicher Muni- 
fizenz ausgestattet, und die Jahresberichte der Petersburger Archäo- 
logischen Kommission haben die Funde in würdiger Weise be- 
kannt gemacht 



VI 

GRIECHISCHE HEILIGTÜMER 




is in den Beginn der sechziger Jahre war der Strom 
der archäologischen Entdeckungen fast ohne Unter- 
brechung dahingerollt; zuletzt hatte er in Newtons klein- 
asiatischen Unternehmungen von neuem eine Höhe erreicht, die 
an den Beginn des Jahrhunderts gemahnte. Jetzt folgte eine 
kurze Pause, nur durch einzelne Entdeckungen unterbrochen. 
Im Jahre 1862 unternahmen Ernst Curtius und die Archi- 
tekten Karl Bötticher und Heinrich Strack eine Studienreise nach 
Athen. Curtius untersuchte besonders die sogenannten Pnyx- 
höhen in topographischem Interesse; Bötticher richtete seine Studien 
auf die Bauten der Akropolis; Strack begann die Aufdeckung des 
20 gänzlich verschütteten Dionysostheaters. — Im nächsten Frühjahre 
ward unweit Roms bei Prima Porta, dem alten Saxa Rubra, wo 
einst Konstantin sich die Weltherrschaft sicherte, die Villa der 
Kaiserin Li via entdeckt, mit landschaftlichen Wandmalereien und 
80 mit der Statue ihres Gemahls, dem authentischsten Bild Augusts, 802 
das durch seinen höfisch beziehungsreichen Panzerschmuck und 
durch lebhafte Farbspuren gerechtes Aufsehen erregte. — Auch 
die Stadt Rom bot Neues aus augustischer Zeit. Im Jahre 1861 
erwarb Napoleon III. von der entthronten Neapler Königsfamilie 
die Villa Farnese auf dem Palatin und beauftragte den römischen 
Ingenieur und Architekten Pietro Rosa mit der Freilegung der 
alten Kaiserpaläste, so weit sie in jenen Bereich fielen. Diese 
Ausgrabungen hatten überaus reichen Erfolg für die Kenntnis 
der palatinischen Bauten, besonders des f lavischen Palastes, eine 



Einzelfunde. Stand der Denkmälerkenntnis vor 1870 107 

besonders schöne Frucht aber trugen sie kurz vor Torschluß (1869) 

durch die Aufdeckung eines etwas tiefer gelegenen und daher 

besser erhaltenen Teiles des Hauses der Livia oder des Germanicus. 

96 Drei gewölbte Räume enthielten hier noch ihren malerischen Wand- 765 

561 

schmuck, so fein, so vornehm, so eigenartig, wie Herculaneum 606 
und Pompeji nichts aufzuweisen hatten. Die ganze Bedeutung 
des Fundes sollte freilich erst allmählich klar werden. 

Somit fehlte es dem siebenten Jahrzehnt — auch abgesehen 
von den am Schlüsse des vorigen Kapitels aufgezählten Ent- 
deckungen, die großenteils erst später zur Veröffentlichung kamen 
— nicht ganz an neuen Funden; aber doch ward eine Stockung 
bemerkbar. Dadurch ward die Frage nahe gelegt: Was war 
bisher erreicht worden? Wie hatte sich durch diese lange Reihe 
von Entdeckungen unser Antikenbestand verändert? Was hatte die 
Wissenschaft dadurch gewonnen? 

Zu Anfang des Jahrhunderts hatte die Archäologie fast nur 
mit römischem Material gearbeitet; jetzt waren beinahe alle Um- 
länder des Mittelmeeres, das ganze griechische Gebiet von Sicilien 
bis Kleinasien, in den Kreis der Betrachtung gezogen, durch 
Reisen, Untersuchungen, Ausgrabungen der Wissenschaft dienstbar 
gemacht worden. Pompeji und Etrurien waren hinzugetreten; 
Ägypten und Assyrien hatten den Gesichtskreis über die klassischen 
Länder hinaus erweitert. 

Die griechische Kunst, die damit nicht mehr bloß in 
Kopien, sondern in ihrer eigenen Gestalt leibhaftig erkennbar in 
den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Behandlung getreten war, 
zeigte ihre Entwickelung erst jetzt in deutlichen Umrissen. Durch 
die Kenntnis Mykenäs war ein matter Strahl in die Vorzeit ge- 
fallen; der Inhalt des Grabes Regulini-Galassi (S. 68) beleuchtete 
die homerische Kunst; die Felsreliefs Kleinasiens, darunter die 
vermeintliche Niobe am Sipylos, deren Bild Homer besungen 
(S. 101), schienen ebenfalls einer grauen Vorzeit anzugehören. 
Die eigentlich griechische Kunst dagegen glaubte man erst etwa 
gegen 600 beginnen lassen zu dürfen, wo die ersten Künstler- 
namen auftreten. Von da an aber lagen drei Jahrhunderte, bis 
zur Zeit Alexanders des Großen, ziemlich klar vor Augen. 



108 VI. Griechische Heiligtümer 

Die dorische Baukunst war durch zahlreiche Tempel im 
Westen (Sicilien und Pästum) und im eigentlichen Griechenland 
vertreten; von der ionischen waren die Beispiele viel spärlicher, und 
namentlich fehlte es an solchen aus der Anfangszeit, so daß der 
Athenetempel in Priene aus Alexanders des Großen Zeit als 
Normaltempel gelten mußte. Dennoch genügte dies Material 
einem genialen Manne wie Gottfried Semper, um die Grundlinien 
der Entwickelung der Baustile zu ziehen und ihre Hauptperioden 
zu scheiden, während die logisch-systematische, aber des geschicht- 
lichen Sinnes bare Denkweise Karl Böttichers in glänzender Ab- 
straktion den Gesamtbau des dorischen Tempels, in seinem strengen 
Zusammenhang und in seinem Verhältnisse zu den Bedingungen 
des Kultus, vor unseren Augen entstehen ließ. 

Für die Malerei war überhaupt erst dank den Vasenfunden 
eine Grundlage gewonnen. Man hat die Vasenbilder bleichen 
Mondesstrahlen verglichen gegenüber dem hellen Sonnenlichte 
der für immer geschwundenen großen Malerei der Griechen. 
Freilich können jene Erzeugnisse des Kunsthandwerkes diese 
Meisterleistungen nicht ersetzen, aber die sichere Hand und der 
zarte Sinn in jenen bescheidenen Werken atmen doch echter griechi- 
schen Geist als die späten Werke Herculaneums und Pompejis, 
und sie geben uns unmittelbare Anschauung statt der bloßen 
Beschreibungen und Erwähnungen in der antiken Literatur. So 
boten sie der Phantasie Nahrung, um das Bild der verlorenen 
Schöne wiederzugewinnen, und antik gebildete Künstler wie die Ge- 
brüder Riepenhausen verbanden sich mit einem nachempfindenden 
Meister der Wissenschaft wie Friedrich Gottlieb Welcker, um Poly- 
gnots große delphische Wandgemälde zeichnerisch wiederherzu- 
stellen. Von dem Stilwandel griechischer Malerei konnten die etrus- 
kischen Wandmalereien einen matten Abglanz gewähren. Der Fund 
der Alexanderschlacht in Pompeji hatte, wenn auch nur in der ver- 
gröbernden Wiedergabe mittels der Mosaiktechnik, doch den ersten 
Begriff von malerischer Behandlung historischer Gegenstände in 
großem Stil gewährt Daneben hatten immer neu gefundene 
pompejanische Gemälde den Kreis mythologischer Bilder um 
manches schöne Stück erweitert. 



Baukunst. Malerei. Plastik. Hellenismus 109 

Weit größer war der Gewinn für die Plastik. Über das 

40 6. Jahrhundert hinauf schienen die ältesten Metopen von Selinunt, 288 

vielleicht auch die Friesreliefs von Assos, den Ausblick auf eine 290 

wenn auch nicht gerade primitive, so doch stark archaische Kunst- 

33 weise zu öffnen. Die massigen Statuen von der heiligen Straße 296 

33 zum Didymäon, die hochaltertümlichen Reliefs von den Säulen 291 

des ephesischen Artemistempels, die befangenen, jedoch »schon 
33 von Anmut leise umflossenen« Friese des lykischen Harpyien- 308/9 
denkmals dienten verschiedene Richtungen des 6. Jahrhunderts 
anschaulich zu machen. Die Scheidung der Kunst in eine dorische 
und eine ionische, die für die Baukunst von alters her geläufig 
war, begann unter solchen neuen Eindrücken auch auf die Skulptur 
angewandt zu werden. Eben dahin führte im 5. Jahrhundert 
der Gegensatz zwischen den äginetischen, den paar olympischen, 
den jüngeren selinuntischen Skulpturen einerseits und den athenischen 
und phigalischen Meisterwerken andrerseits; die Plastik der Zeit 
des »hohen Stils« war überhaupt erst anschaulich geworden. 
In ähnlicher Weise hatten die Funde in Halikarnass, in Ephesos, 
in Knidos die nach Kleinasien übergesiedelte Skulptur des 4. Jahr- 
es hunderts lebendig gemacht; der Apoxyomenos und der Sophokles 536 
waren ergänzend hinzugetreten. Überall waren Anhaltspunkte 
gewonnen worden verwandte Werke aufzusuchen und das Bild 
der griechischen Skulpturentwickelung reicher und farbiger aus- 
zugestalten. Es begann jene Reihe von »Geschichten griechischer 
Plastik«, die das Vorurteil erweckten oder bestärkten, als ob die 
Geschichte der griechischen Kunst in der Geschichte der griechischen 
Plastik beschlossen wäre; diese trat so einseitig in den Vorder- 
grund, daß der Sinn für die unzertrennliche Zusammengehörig- 
keit der drei Künste mehr und mehr verloren ging. 

Mit Alexander dem Großen endete, wie gesagt, die Reihe 
der neuen Entdeckungen. Bei der Aphrodite von Melos erhob 
sich immer von neuem der Zweifel, ob sie nicht ins 4., wo 
nicht gar ins 5. Jahrhundert versetzt werden müsse; sie schien 
zu gut für die hellenistische Epoche, der man desto geringere 
Leistungsfähigkeit zutraute, je weniger man von ihr wußte. Denn 
in der Tat war hier eine weit klaffende Lücke unserer Kenntnis 



110 VI. Griechische Heiligtümer 

geblieben, um so empfindlicher, als auch die Literatur uns hier 
fast ganz im Stiche läßt Das Verdienst mit neuer Forschung 
hier eingesetzt zu haben gebührt Wolfgang Heibig, einem Zög- 
ling der Bonner Universität aus der Zeit Ritschis und Jahns. 
Seine Katalogisierung der erhaltenen Wandgemälde aus Hercu- 
laneum und Pompeji (1868, s. S. 75) führte ihn auf weitere 
Untersuchungen, die er 1873 ausführlich darlegte. Das Haupt- 
ergebnis war, daß jene Gemälde, wenn auch in römischer Zeit 
gemalt, doch mit verschwindenden Ausnahmen auf die hellenistische 
Malerei zurückgingen und deren Erzeugnisse in mehr oder minder 
abgeblaßten oder entstellten Kopien wiedergäben ; was römisch war, 
zeigte abweichenden Stil und war meistens derb realistisch. Um 
dies Resultat völlig klarzustellen führte Heibig eine lange Reihe 
von Einzeluntersuchungen durch, die sich als der erste Versuch 
einer Kulturgeschichte des hellenistischen Zeitalters bezeichnen 
lassen. Damit war für die Kenntnis der spätgriechischen Kunst, 
zunächst für die Malerei, ein neuer Grund gewonnen. Wie immer 
traten die Unterschiede erst einmal vor dem Gesamtbilde zurück, 
aber der Boden war bereitet um neuen Entdeckungen auf diesem 
Gebiete, die bald eintreten sollten, ihren Platz anzuweisen. Anderer- 
seits hatte die römische Kunst eines ihrer geschätztesten Erzeug- 
nisse, die »pompejanische« Malerei, an den Hellenismus abgeben 
müssen und durfte sich auf weitere Terrainbeschränkungen ge- 
faßt machen. 

Die Aufgabe alle die neuen Entdeckungen wissenschaftlich 
zu verarbeiten traf eine neue Generation. Von der älteren wurden 
in Deutschland drei Hauptvertreter, Gerhard, Welcker, Jahn, in 
den sechziger Jahren abberufen; Otfried Müller war schon 1840 
in Griechenland gestorben. Heinrich Brunn wirkte noch am 
Archäologischen Institut in Rom als Erzieher der jüngeren Fach- 
genossen, bis er 1865 nach München berufen ward und seinen 
römischen Posten an Heibig abgab. Für die neuen Lehrstühle 
der Archäologie, die an immer mehr deutschen Universitäten er- 
richtet wurden, ließen sich nunmehr die Kräfte aus der Zahl 
jener jungen Männer gewinnen, die am Institut ihre archäologische 
Ausbildung vervollkommnet hatten (vergl. S. 75). Eben diese 



Jüngeres Archäologengeschlecht. Neue Ausgrabungspläne 1 1 1 

methodische Vorbereitung der Lehrer und die Verbreitung ar- 
chäologischen Unterrichts über alle, auch die kleineren deutschen 
Universitäten verlieh der deutschen Wissenschaft für einige Zeit 
ein Übergewicht, das auch von Fremden anerkannt ward; die 
deutschen Universitäten wurden gern von Ausländern, namentlich 
von den Griechen, aufgesucht. Die französische Schule in Athen 
hatte unter Amedee Daveluys und Emile Burnoufs Leitung noch 
stille Zeit; in Frankreich selbst hatte die Archäologie fast nur in 
Paris eine Stätte. England besaß überhaupt noch kein zünftiges 
Studium der Archäologie; erst etwas später ward in Cambridge 
der erste archäologische Lehrstuhl gegründet. Italien nahm an 
der neuen Entwickelung nur vereinzelten Anteil, diesen meistens 
im Anschluß an das Archäologische Institut; doch zeigten sich 
allmählich die ersten Anzeichen der beginnenden prähistorischen 
Forschung, die sich ganz abseits und unabhängig von der klassi- 
schen Archäologie, mehr in Verbindung mit der Naturforschung 
und der Kulturgeschichte entfaltete (Kap. VIII). Bei den Griechen 
endlich erschöpfte sich fast das ganze Interesse in der Epigraphik 
und Numismatik. 



Die neue Lage der archäologischen Wissenschaft wirkte auch 
auf die Ausgrabungen zurück. Alles was bisher entdeckt worden 
war, beschränkte sich, wenn man von Pompeji absieht, zumeist 
auf Einzelfunde oder einzelne Bauwerke; selbst Newtons Unter- 
nehmungen trugen diesen Charakter, etwa mit Ausnahme von 
Knidos, wo er den ganzen Stadtplan bloßlegte. Oft hatte auch 
der Zufall seinen Anteil an den Entdeckungen, so bei den 
Nekropolen Südetruriens. Fortan mußte es gelten von vornherein 
größere Gesamtanlagen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten 
planmäßig in Angriff zu nehmen und möglichst erschöpfend zu 
bearbeiten. Dazu war vor allem die Mitwirkung geschulter und 
in der antiken Baukunst wohlbewanderter Architekten notwendig; 
nur zu viele der bisherigen Unternehmungen ließen hier einen 
schweren Mangel empfinden. Der erste, der mit klarer Einsicht 
diese neue Bahn betrat, war Alexander Conze. 



112 VI. Griechische Heiligtümer 

Conze, noch ein Schüler Gerhards, hatte nach Vollendung 
seiner Studien in den Jahren 1856/57 eine Fahrt nach den nörd- 
lichsten Inseln des Archipels (Samothrake, Imbros, Lemnos, Thasos) 
und nach Lesbos unternommen, in der Absicht eine von Ludwig 
Roß bei seinen Inselreisen (S. 52) gelassene Lücke auszufüllen. 
Die Reise war voll neuer Ergebnisse, auch ohne daß er eigene 
Ausgrabungen hätte vornehmen können; ein solcher Gedanke 
lag überhaupt damals noch merkwürdig ferne. Von der Burg- 
höhe Mytilenes hatte er hinüber nach den Küsten Kleinasiens 
geschaut, die damals, nach dem Krimkriege, von Banden ent- 
lassener türkischer Soldaten durchzogen wurden und für wissen- 
schaftliche Untersuchungen, vollends eines einzelnen, verschlossen 
schienen. Nachdem Conze seine Beschreibung der Inseln des 
thrakischen Meeres herausgegeben hatte, ging er nach Rom und 
lernte hier Newton kennen, der eben damals (1859) im Saale der 
preußischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli die großen Zeich- 
nungen und Photographien des Mausoleums und seiner anderen 
asiatischen Unternehmungen ausstellte und erklärte. Dem war 
also gelungen was Conze unmöglich erschienen war! Die Be- 
deutung des so Gewonnenen, die Unterhaltungen mit dem glück- 
lichen Entdecker, die Erinnerung an so manche Stelle, die er 
selbst hatte unerforscht lassen müssen — das alles zusammen 
ließ einen Stachel in Conzes Seele zurück. Als er dann nach 
einer Bereisung Griechenlands — er und der Schreiber dieser 
Zeilen waren die ersten Inhaber eines Reisestipendiums des Ar- 
chäologischen Institutes (S. 74) — und nach mehrjähriger Lehr- 
tätigkeit in Göttingen und Halle 1869 an die Wiener Universität 
berufen worden war, eröffnete sich ihm ein weiteres Feld. Das 
Studium der Archäologie lag damals in Österreich ganz brach; 
hatte doch einst Metternich die Teilnahme am Archäologischen 
Institute, dessen Ehrenpräsident er war (president en l'air, wie er 
selber spottete), in Österreich verboten! Neben der Einrichtung 
der archäologischen Studien an der Universität und der Bereisung 
der österreichischen Länder mit Rücksicht auf die Überreste ihrer 
römischen Vergangenheit ließ Conze es sich auch angelegen sein 
das allgemeinere Interesse für archäologische Fragen zu wecken. 



Alexander Conze. Samothrake 113 

So hielt er z. B. 1872 einen Vortrag über »zwei griechische 
Inseln«, Syra und Samothrake. Syra, im Mittelpunkte der Kykladen 
gelegen, vertrat damals die ehemalige Handelsbedeutung der 
Nachbarinsel Delos, während deren Heiligkeit seit einem halben 
Jahrhundert auf das ebenfalls benachbarte Tenos mit seiner Evan- 
gelistria übergegangen war. Ebenso hatte das abgelegene Samo- 
thrake mit seinem Mysterienkult längst seine Stelle an den klöster- 
reichen Athos, den »heiligen Berg« der orientalischen Christenheit, 
abgetreten. Beide Inseln lagen in der Interessensphäre des öster- 
reichischen Handels und der österreichischen Politik. Unter 
Hinweis darauf schloß Conze mit den Worten: »Hoffentlich wird 
schon bald der Bann gelöst sein, der die Denkmälerwelt der 
ebenso merkwürdigen wie wenig bekannten Insel verschlossen 
hält. Das Machtwort hierfür kann täglich gesprochen werden.« 
Der Ruf verhallte nicht ungehört. Die Regierung verlangte aus 
eigenem Antriebe von Conze einen Ausgrabungsplan, dessen 
Ausführung sie ihm und zwei Wiener Architekten, dem sorg- 
fältigen, in strenger Bötticherscher Schule gebildeten Alois Hauser 
und dem genialen George Niemann aus Hannover, übertrug. 
Damit war die entscheidende Mitwirkung der Architekten ge- 
sichert. Außerdem ward auch für einen Photographen Sorge 
getragen. Schon Newton hatte von der damals noch nicht so 
wie heute entwickelten Photographie Gebrauch gemacht; sie 
mußte fortan für jede ähnliche Unternehmung unentbehrlich er- 
scheinen. Ein Kriegsschiff ward von der Regierung zur Ver- 
fügung gestellt, und im Mai und Juni 1873 ward sechs Wochen 
lang in Samothrake gegraben, mit so gutem Erfolge, daß im 
Herbst 1875 eine zweite Expedition auf zwei Monate entsandt 
ward. Ihr gehörte außer Conze und Hauser unter anderen auch 
Otto Benndorf, damals in Prag, an. 

Samothrake ist ein rauhes Felseiland, abgelegen und selten 
das Ziel von Schiffen. Auf der Insel gibt es nur wenige ebene 
Stellen von auch nur mäßigem Umfang. Seit Conzes Besuch 
hatte 1863 der französische Vizekonsul Champoiseau aus der 
gegenüberliegenden Stadt Kabälla etwa 200 Bruchstücke einer 
großen weiblichen Statue ausgraben lassen und nach Paris ge- 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. g 



114 VI. Griechische Heiligtümer 

68 sandt. Dort hatte man daraus eine Nike zusammengesetzt, die 550 
man zuerst meistens — so neu erschien vieles an' ihr — als 
»mittelmäßige Dekorationsfigur aus später Zeit« einschätzte; erst 
Wilhelm Fröhner erkannte 1869 ihren hohen Wert. Die Statue 
war nicht weit von der Stelle gefunden, die die österreichische 
Expedition zum Operationsfelde ausersehen hatte. Außerhalb des 
altertümlichen Mauerringes der alten Stadt Samothrake lag das 
Ruinenfeld der alten Mysterienstätte auf zwei unebenen Landzungen 
zwischen tief eingerissenen Flußbetten. Hier förderten 1873 die 
Ausgrabungen hauptsächlich zwei Gebäude zutage, beide von 

19 ungewöhnlicher Anlage. Der »Marmortempel«, dem S.Jahrhundert 537 
vor Christo angehörig, bot eine Form dar, die durch Querschiff 
und erhöhten »Chor« mit gerundeter Apsis in auffälliger Weise 
die Grundform der christlichen Basilika vorwegzunehmen schien. 
Innerhalb des »Chores« wies eine eigentümlich hergerichtete, bis 
auf den Felsen hinabgehende Grube, etwas völlig Neues, auf die 
blutigen Opfer des Mysterienkultus und der Einweihungsgebräuche 

19 hin. Nicht minder eigentümlich war der mäßig große Rundbau, sgg 
als zweistöckiger Bau charakterisiert und allseitig fest geschlossen, 
anscheinend für Versammlungen der Eingeweihten bestimmt. 
Bruchstücke der Weihinschrift wiesen auf Arsinoe, die Tochter 
des ersten Ptolemäers und damals Gemahlin des Königs Lysi- 
machos (gest. 281), als Stifterin hin. Diese Baugruppe aus früher 
Ptolemäerzeit ward 1875 durch ein Torgebäude, eine Stiftung 
Ptolemäos IL, vervollständigt; neben den Marmortempel trat 
außerdem ein äUerer, bedeutend einfacherer Mysterientempel des 
4. Jahrhunderts mit ähnlicher Opfergrube, vermutlich der Tempel, 
für den nach antikem Zeugnisse Skopas gearbeitet hatte. Endlich 
lief in einiger Entfernung neben dem Mysterienplatz eine lange 
Säulenhalle hin, das erste Beispiel einer Anlage, die sich bald 
als ein stehender Bestandteil hellenistischer Baugruppen heraus- 
stellen sollte. 

So viel neue und interessante bauliche Einzelheiten auch die 
Ausgrabungen zutage gefördert hatten, das Wichtigste war doch, 
daß hier eine größere zusammenhängende Bauanlage, die Ge- 
samtheit eines Mysterienheiligtums, aufgedeckt worden war. Alles 



Das Mysterienheiligtum und die Nike von Samothrake 115 

mit Ausnahme des älteren Tempels gehörte der ersten Hälfte des 
3. Jahrhunderts an, vermutlich eine Neugründung verschiedener 
Mitglieder des Ptolemäerhauses. Damit war der erste Einblick 
in hellenistische Baukunst gewonnen. Eine erhebliche Anzahl 
charakteristischer Einzelformen ließ sich bemerken; auch erinnerte 
der malerische Zug der ganzen Anlage auf das lebhafteste an 
pompejanische Landschaftsbilder und stellte eine wichtige Seite 
hellenistischen Kunstsinnes ins Licht Wenn die Ausbeute an 
Skulpturen gering war — die Reste der Giebelfiguren vom Marmor- 
tempel verrieten eine flotte dekorative Mache — so boten die 
benachbarten Kalköfen hier wie so oft die traurige Erklärung. 
Dafür entschädigte aber eine andere Entdeckung, um deren wissen- 
schaftliche Verwertung sich namentlich Benndorf verdient gemacht 
hat. Neben dem Ende jener langen Halle ward an der Stelle, 
wo Champoiseaus Statuenfragmente gefunden worden waren, emsig 
nachgeforscht, und außer einigen weiteren Bruchstücken der Statue 
fanden sich die Blöcke ihres Unterbaues, die sich zum Vorderteil 
eines Kriegsschiffes zusammenfügten. Nike hatte also auf einem 
Schiffe gestanden, genau so wie Demetrios Poliorketes nach dem 
entscheidenden Seesiege von 306 beim kyprischen Salamis, der 
die Zerspaltung von Alexanders Monarchie in vier selbständige 
Königreiche besiegelte, auf seinen Münzen Nike auf dem Schiffe 551 
geprägt hatte; ja so genau entsprechend, daß sich von selber die 
Vermutung aufdrängte, die samothrakische Nike sei von De- 
metrios selbst zum Andenken an jenen Sieg geweiht worden. 
Damit war für den Beginn der hellenistischen Periode ein 
Hauptstück gewonnen, ebenso schwungvoll in der Komposition 
wie virtuos in der Durchführung der selbstherrlich gewordenen 
Gewandung. Die Entdecker teilten den Fund Champoiseau 
mit, der alle Stücke nach Paris schaffen ließ. Dort ward die 
68 Statue vervollständigt und auf ihre Schiffsbasis gesetzt, um an- 550 
läßlich des Besuches des russischen Kaisers (1896) ihren Platz 
oberhalb des stattlichen escalier Dam zu erhalten: eine Auf- 
stellung von glänzender dekorativer Wirkung, wenn sie auch 
der Einzelbetrachtung des großartigen Werkes nicht ganz ge- 
recht wird. 

8* 



116 VI. Griechische Heiligtümer 

Über die österreichischen Ausgrabungen ward ein ausführ- 
licher Bericht ausgearbeitet Hier trat zum erstenmal die Photo- 
graphie in den Dienst nicht bloß der Ausgrabungen, sondern 
auch der Publikation. Newton hatte noch die Photographien 
lithographisch umzeichnen lassen müssen ; hier wurden sie selbst 
dem Buche einverleibt. Eine andere Neuerung brachte der Bericht 
dadurch, daß die Architekten sich nicht, wie es bis dahin mit 
wenigen Ausnahmen üblich gewesen war und auch seither noch 
vielfach geschieht, mit bildlichen Wiederherstellungen der ganzen 
Gebäude und charakteristischer Einzelheiten begnügten, sondern 
außerdem die einzelnen wichtigen Blöcke mit ihren technischen 
Besonderheiten genau abbildeten. Erst durch dies vorsichtige 
und gewissenhafte Verfahren ist die Möglichkeit gegeben die 
Wiederherstellungen nachzuprüfen und nach der technischen wie 
nach der formalen Seite die Besonderheiten verschiedener Zeiten 
und Bauschulen kennen zu lernen. Die den Architekten ein- 
geräumte führende Stellung hatte sich glänzend bewährt; da- 
mit war für weitere Unternehmungen die sichere Richtschnur 
gefunden. 

Das samothrakische Heiligtum war den »großen Göttern«, 
den Kabiren, und ihren Mysterien geweiht So mag hier ein 
anderes kleineres Kabirenheiligtum angeschlossen werden, das 
1887/88 von dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen 
etwas westlich von Theben aufgedeckt ward. Wie häufig bei 
genauerer Untersuchung, so ergaben sich auch hier mehrere Bau- 
schichten übereinander. Vom ältesten Tempel, etwa dem 6. Jahr- 
hundert angehörig, war nur ein Stück einer Apsis nachweislich, 
die an Samothrake erinnert Der zweite, hellenistische, Tempel 
bot statt einer Cella ein doppeltes Gemach dar, wie es in selinun- 
tischen Tempeln vorkommt; im inneren Gemach stand die breite 
Basis für die Götterbilder. Hinter dem Tempel lag ein um- 
mauerter Hof mit der Opfergrube; ohne vom Tempel aus zu- 
gänglich zu sein, hatte er, ebenso wie das Querschiff des Tempels 
in Samothrake, auf beiden Seiten eine Tür. Es ergab sich also 
von neuem die Tatsache, daß einzelne Teile eines Heiligtums 
»hypäthral« sein, daß heißt unter freiem Himmel liegen konnten 



Das böotische Kabirion. Delos 117 

(vgl. S. 36). Auch der letzte Umbau, aus römischer Zeit, behielt 
im ganzen die frühere Anlage bei, .nur daß er Cella und Vor- 
halle in der allgemein üblichen Weise umgestaltete. Von der 
Popularität des Kultus legten die Massen von Scherben Zeugnis 
ab, die durch den derben humoristischen Stil ihrer Malereien ein 
charakteristisches Gegenstück zu der gleichzeitigen attischen Malerei 
bildeten und durch die Schilderung des Kabiren und seines Sohnes 
in bacchischer Umgebung ein interessantes Kapitel der Mythologie 
aufhellten. 



Während die Österreicher in Samothrake zum erstenmal auf 
diesem Gebiete Lorbeeren pflückten, faßte die Französische Schule 
in Athen ein ähnliches Ziel ins Auge: Delos, das Geburtseiland 
Apollons. Die kleinste unter allen Kykladen, aber ihr Mittel- 
punkt durch den Kultus des ionischen Gottes und in späterer 
Zeit auch als Zentrum des griechischen Seehandels, bot die Insel, 
von dem kahlen Berge Kynthos überragt, das Bild trostloser Öde, 
nicht jener natürlichen Rauheit wie Samothrake, sondern infolge 
menschlicher Verwüstung und des Fluches, den das Christentum 
früh auf die heilige Insel der Hellenen gelegt hatte. Kein Baum, 
kein Haus, kein Kirchlein, nur ein einsamer Invalide als Wächter, 
ein paar Ziegen und Schweine, die im Moraste des »Heiligen 
Sees« wühlten: so habe ich die Insel im Jahre 1860 gefunden. 
Die Stätte des Heiligtums war durch einige Trümmerhaufen, die 
Stadt durch das Theater am Bergabhange bezeichnet; höher am 
Berge gab ein mit großen Steinplatten bedeckter kurzer Felsgang 
ein Rätsel auf. Schon Stuart und Revett (S. 10) hatten einen 
sehr mangelhaften Plan und die Überreste der dorischen Halle 
Philipps V., aus dem Ende des 3. Jahrhunderts, nicht viel mehr 
die Expedition de Moree (S. 49) aufgenommen. Sodann erforschte 
1873 Albert Lebegue, ein Mitglied der Französischen Schule, 
jenen Felsgang und erkannte in der Grotte mit großer Wahr- 218 
scheinlichkeit ein hochaltertümliches Heiligtum Apollons. Aber 
die Hauptarbeiten harrten noch dessen, der sie in die Hand 
nehmen sollte. 



118 VI. Griechische Heiligtümer 

Dies trat ein, nachdem der energische Albert Dumont 1876 
die Leitung der Französischen Schule in Athen übernommen 
hatte und im Wetteifer mit dem kurz vorher ebendort gegründeten 
Deutschen Archäologischen Institut der Schule einen neuen Schwung 
verlieh und höhere wissenschaftliche Ziele steckte. So richtete 
er seinen Blick auf Delos und wählte unter den vielen ausge- 
zeichneten Zöglingen, die damals die athenische Schule besuchten, 
mit sicherem Urteil den achtundzwanzigjährigen Theophile Ho- 
molle zu einer Erkundigungsfahrt nach Delos aus (1876). Ho- 
molle kam mit einem klaren Programme zurück, und im Mai 
1877 begann er mit der dürftigen Summe von 1300 Francs, die 
der Verein französischer Architekten der Schule für irgend eine 
Ausgrabung zur Verfügung gestellt hatte, die Arbeiten, die zur 
Aufdeckung des delischen Apollonheiligtums führen sollten. Am 
Apollontempel selbst ward das Werk begonnen, und in den ersten 
drei Jahren (1877/79) ward dieser mit seiner nächsten Umgebung 
bloßgelegt. Im Vordergrunde des Interesses standen aber teils 
die überaus reichen Funde wichtiger Inschriften, die auch über 
viele künstlerische Dinge Aufschluß gewährten, teils eine bedeu- 
dende Anzahl von Marmorbildwerken, die die Skulptur der ioni- 
schen Inseln während des 6. Jahrhunderts gegenüber den derben 
milesischen Sitzbildem (S. 97) in neuem Lichte erscheinen ließen. 
Die wie aus einem Balken gehauene Statue der Naxierin Nikandre 294 
34 bot das primitivste Bild einer Gewandfigur; die fliegende Nike, 303 
von Archermos selbst oder nach seinem Urbilde geschaffen, stellte 
den kühnen Flug einer formal noch gehemmten Phantasie vor 
Augen; andere Frauenstatuen vergegenwärtigten die allmähliche 
Vervollkommnung in Haltung und Gewandung. Neben diesen 
altertümlichen Werken fehlte es auch nicht an Bruchstücken jüngerer 
Gruppen, in denen bald darauf (1 882) Furtwängler den Akroterien- 
schmuck des Apollontempels, etwa zur Zeit des peloponnesischen 
Krieges entstanden, erkannte. 

In diesen ersten drei Jahren hatte kein Architekt Homolle 
zur Seite gestanden. Infolgedessen war die Architektur wenig 
erforscht, kein Gesamtbild der Ausgrabungen gewonnen worden. 
»Am Ende des Jahres 1879«, schildert Radet, »breiteten sich die 



Die Ausgrabungen auf Delos 119 

aufgedeckten Grundmauern in unzusammen hängenden Massen 
über das Gelände aus. Ein Wirrwarr von Gräben und Erdhaufen 
durchschnitt sie. Man konnte kaum ihre Gestalt, ihre Ausdehnung, 
ihren Zusammenhang erkennen.« Mittlerweile hatte nicht bloß 
das Werk über Samothrake, sondern vor allem die Ausgrabung 
von Olympia (S. 121 ff.) die Unentbehrlichkeit der Architekten bei 
solchen Unternehmungen klar vor Augen geführt. Somit begab 
sich Homolle 1880 in Begleitung des tüchtigen Architekten Henri 
Paul Nenot (er ist später der Erbauer der neuen Sorbonne ge- 
worden) von neuem an die Arbeit. Von dem gewonnenen Aus- 
gangspunkt aus suchten sie ringsum die Ringmauer des heiligen 
Bezirkes zu gewinnen und stießen dabei auf eine Menge von 
Gebäuden, die den Raum dicht anfüllten: Heiligtümer, Schatz- 
häuser, die eigentümliche »Stierhalle«, von der Nenot Plan und 599 f. 
Aufriß veröffentlichte. Auch nahm er den ersten Plan der bis- 
herigen Grabungen auf. 

Ich weiß nicht, warum der so glücklich beschrittene Weg 
doch alsbald wieder verlassen ward. Homolle selbst führte seine 
Untersuchungen noch zweimal, 1885 und 1888, weiter, das zweite- 
mal zusammen mit dem Architekten Demierre. Im übrigen ward 
die Leitung der Ausgrabungen von dem neuen Direktor der 
Französischen Schule, dem ausgezeichneten Epigraphiker Paul 
Foucart, den jugendfrischen, für dergleichen Aufgaben aber doch 
nicht vorbereiteten Zöglingen der Schule übertragen. So waren 
1881 Amedee Hauvette, 1882 Salomon Reinach, 1883 Pierre 
Paris, 1886 Gustave Fougeres, 1889 Georges Doublet, 1892 Joseph 
Chamonard, 1893 dieser und Edouard Ardaillon, 1894 letzterer 
und Louis Couve tätig. Sie alle haben die Kenntnis nicht bloß 
des Heiligtums und seiner mannigfaltigen Anlagen, der Versamm- 
lungslokale der römischen Mercurverehrer wie der Orientalen, 
die sich um Sarapis scharten, sondern auch der Stadt mit dem 
Theater und vielen öffentlichen und privaten Gebäuden, endlich 
des Hafens mit seinen Staden, Lagerhäusern, Verkehrsanlagen, 
jeder an seinem Teile, erheblich gefördert, so daß mit Hilfe von 
Inschriften das heilige wie das profane Delos uns in leidlicher 
Klarheit vor Augen steht. Dem feinen, früh verstorbenen Couve 



120 VI. Griechische Heiligtümer 

gelang überdies ein so schöner Fund, wie der des polykletischen 
(52) Diadumenos in fast vollkommener Erhaltung. Aber das Schwankende 432 
der wechselnden Leitung gab sich doch darin kund, daß kein 
fester Ausgrabungsplan konsequent innegehalten, sondern auf die 
gleichen Punkte oftmals zurückgegriffen ward. Und wenn wir 
auch einen Übersichtsplan der ganzen Anlagen von Nenot be- 
sitzen, wenn auch Ardaillon und Convert eine archäologische 
Karte der Insel aufgenommen haben, das Architekturbild von 
Delos mit allen seinen Bauten, das für die hellenistische Baukunst 
so belehrend sein würde, fehlt uns doch, und der Zweifel läßt 
sich nicht unterdrücken, ob es sich noch nachträglich wird be- 
schaffen lassen. Um so dankbarer wollen wir sein, daß, abge- 
sehen von einzelnen genauer bekannten Gebäuden, in den letzten 
beiden Ausgrabungssommem der Ingenieur Henri Convert für 
die Pläne einer Anzahl von Privathäusern, die Couve bloßgelegt 
hatte, Sorge getragen hat. Diese Häuser stammen aus der Zeit 
zwischen dem Ausgange des Krieges gegen Perseus (168) und 
der doppelten Zerstörung von Delos, durch Mithradats Feldherrn 
Archelaos (88) und durch die Seeräuber (69); es war die Zeit 
der höchsten Handelsblüte der Insel, wo Griechen, Syrer, Ägypter 
und Römer hier als Wettbewerber zusammentrafen. So stehen 
22 denn auch in den Hausplänen griechische und römische Anlagen 591 

718 

nebeneinander, ein höchst interessantes Bild aus der Zeit des 
Überganges von dem niedergehenden Hellenismus zum aufsteigen- 
den Römertum. 

Neuerdings (1902) sind die Ausgrabungen in Delos wieder 
aufgenommen worden. Einer jener Mäcene, auf die Frankreich 
stolz sein darf, die einsichtiges Interesse mit großartiger Opfer- 
willigkeit verbinden, der Herzog von Loubat, hat auf Anraten 
Perrots seit 1 903 dafür jährlich 50000 Francs angewiesen. Unter 
Leitung F. Dürrbachs und A. Jardes und mit dem Beistande Con- 
verts ist die Reinigung eines großen Teiles des Ausgrabungs- 
feldes von den entstellenden Trümmern vorgenommen und die 
Ausgrabung auf die Magazine längs des Handelshafens ausge- 
dehnt worden; auch ein »Haus Kerdons«, das eine Bildhauer- 
werkstatt einschließt, hat interessante Ergebnisse geliefert. Es 



Die Ausgrabungen auf Delos. Olympia 121 

steht also mit Sicherheit zu erwarten, daß die Lücken, die die 
fünfzehn früheren Arbeitsjahre noch gelassen haben, so befriedigend 
wie möglich werden ausgefüllt werden. 



Noch ehe die delischen Ausgrabungen in Angriff genommen 
wurden, war auf dem griechischen Festlande vom neuerstandenen 
Deutschen Reich ein alter Plan ins Werk gesetzt worden: den 
heiligen Bezirk von Olympia vom Schutte zu befreien. Davon 
hatte schon Winckelmann geträumt; Blouets Ausgrabung (S. 49 f.) 
hatte das Lohnende eines solchen Unternehmens bewiesen: Ernst 
Curtius hatte 1852 durch einen Vortrag in Berlin die Begeisterung 
dafür anzufachen gesucht. Als aber Ludwig Roß im folgenden 
Jahre zu diesem Zweck eine Subskription in Deutschland er- 
öffnete, ergab sich in jener lahmen Zeit ein Resultat von 787 
Mark! Erst das Jahr 1871, die Gründung des Deutschen Reiches, 
ließ dergleichen Pläne, die große Mittel erforderten, fest ins Auge 
fassen. Wiederum war es Ernst Curtius, der mittlerweile an 
Gerhards Stelle nach Berlin berufen worden war, der den olym- 
pischen Plan in Verbindung mit anderen Plänen in Angriff nahm. 
1873 ward das Archäologische Institut, das seit 1871 als preußi- 
sche Staatsanstalt auf festere Füße gestellt worden war, vom Reichs- 
tag in eine Anstalt des Deutschen Reiches umgewandelt und 
alsbald auf Curtius Betreiben durch eine Zweiganstalt in Athen 
erweitert. Das folgende Jahr brachte die kaiserliche Bestätigung; 
zugleich aber ward Curtius nach Athen entsandt um namens 
des Deutschen Reiches mit der griechischen Regierung die Be- 
dingungen festzusetzen, unter denen die Aufdeckung der Altis, 
des heiligen Bezirkes von Olympia, Deutschland gestattet werden 
sollte. Da die griechische Verfassung jede Ausfuhr von Antiken 
verbot, verzichtete das Deutsche Reich auf jeden Erwerb mit 
Ausnahme etwa sich ergebender Doubletten; es gab damit das 
hochherzige Beispiel solch ein kostspieliges Unternehmen, unter 
Überwachung eines griechischen Ephoros, lediglich im Interesse 
der Wissenschaft durchzuführen. Es fehlte in Deutschland nicht 
an engherzigen Kritikern dieses Vertrages; seltsamerweise dauerte 



122 VI. Oriechische Heiligtümer 

es auch in Athen ein volles Jahr, ehe die Volksvertreter ihre 
Zustimmung zu einem so uneigennützigen Abkommen gaben. 

Im Jahre 1875 begann die Ausführung. Sie ward nicht dem 
soeben gegründeten athenischen Institut übertragen, dem die er- 
forderlichen Hilfskräfte hätten zugewiesen werden müssen, das 
aber so mit einer glanzvollen Tätigkeit eingesetzt haben würde, 
sondern die Oberleitung blieb in Berlin in den Händen von 
Curtius und dem Architekten Friedrich Adler. Sechs Winter 
(1875/80) nahm die Arbeit in Anspruch. Das Reich verwandte 
darauf 600000 Mark; für den letzten Winter übernahm Kaiser 
Wilhelm die Kosten. Gustav Hirschfeld, dem der Architekt 
Adolf Bötticher zur Seite stand, begann 1875 die Arbeiten am 
Zeustempel. Bald fand sich eine späte Mauer, in die viele Skulp- 
turen hineingemauert waren und die deshalb den Namen »Je 
länger je lieber« erhielt. Hirschfeld ward in der Leitung schon 
1877 von Georg Treu abgelöst, neben dem Karl Purgold sich 
der Inschriften annahm und zeitweilig auch Rudolf Weil und 
Adolf Furtwängler tätig waren. Der architektonische Teil der 
Aufgabe lag zuerst in Richard Bohns, dann in Wilhelm Dörpfelds 
Händen; dieser verdiente sich hier seine Sporen. Die zu lösende 
Aufgabe umfaßte die ganze Altis und ward planmäßig durch- 352 
geführt. Kein Fleck, kein Gebäude ward nur leicht angegraben 
und dann verlassen, sondern überall ward volle Arbeit gemacht 
Auf jede Einzelheit ward sorgfältig geachtet und das Ausge- 
grabene alsbald so weit geordnet, daß die Mittel zur Rekon- 
struktion übersichtlich vorlagen; das Konservieren und Ordnen 
schloß zugleich das Rekonstruieren in sich — ein durchaus neues, 
heilsames Verfahren. Bei den in zahllose Stücke zerbrochenen 
und zersplitterten Skulpturen ward bei jedem Fragmente die Lage 
und die Tiefe der Verschüttung beachtet; die Schichtenhöhe gab 
bei baulichen Denkmälern nicht selten den entscheidenden Finger- 
zeig für die Zeitbestimmung. 

Die Funde reichten nach damaligem Ansatz vom achten vor- 
christlichen Jahrhundert bis in die Schlußzeiten des Altertums 
und darüber hinaus, umspannten also erheblich mehr als ein 
Jahrtausend. In den tiefsten Schichten traten Massen an sich 



Die Aufdeckung Olympias. Päonios und Alkamenes 123 

unscheinbarer Weihgeschenke von Ton und Erz zutage, die aber 
über einen Punkt der Anfänge bildender Kunst völlig neuen 
Aufschluß gaben. Bisher herrschte die Meinung, daß die grie- 
chische Bildkunst an den Darstellungen der Götter groß ge- 
worden sei; jetzt zeigte sich, daß das Genre, die Darstellung der 
Menschen und Tiere des umgebenden Lebens, auf unmittelbarer 
Beobachtung beruhend, an der Spitze der Entwickelung stand. 
Für die Götter und deren menschenähnliche Verkörperung ergab 
sich erst später das Bedürfnis, zugleich mit dem Verlangen nach 
einem Götterhause, dem Tempel. In unmittelbarer Nähe jener 
Weihgeschenke befand sich denn auch der älteste Tempel 
11 Olympias, das Heräon. Es erwies sich als einen Bau von 259 
grundlegender Bedeutung im] die Geschichte der Baukunst, in- 
sofern er das Verhältnis des Steinbaues zum ursprünglichen 
Holzbau in helleres Licht rückte (siehe unten Kapitel XI). Die 
alte Bauart aus »Luftziegeln«, das heißt an der Luft getrockneten 
Lehmziegeln, in Verbindung mit Holz, durch den modernen 
Gebrauch erläutert, ward für die Baugeschichte gewonnen. Und 
neben den langen, gedrückten Tempel der Hera trat der gewaltige 
Zeustempel, dessen bisher vielbestrittenes Alter sich aus sicheren 
Merkmalen auf die nachpersische Zeit des 5. Jahrhunderts fest- 
setzen ließ. Gegenüber seinen kolossalen Blöcken von stahl- 
hartem Muschelkalk, seinen wuchtigen Säulentrommeln, die 
durch Erdbeben reihenweise auf den Boden geworfen waren, 
erschien der marmorne Parthenon fein und fast überzierlich. 
Hier erst zeigte sich der dorische Baustil, mehr noch als in 
Pästum, in seiner ganzen ungebrochenen Kraft. 

Neue Überraschungen boten die Gruppen der Giebelfelder, 
wie sie sich aus Hunderten großer und kleiner Bruchstücke all- 
mählich zusammenfügen ließen. Da das Goldelfenbeinbild des 
Zeus im Inneren des Tempels bekanntlich von Phidias Hand 
herrührte, hatte man bisher als selbstverständlich angenommen, 
daß auch der übrige plastische Schmuck des Tempels aus seinem 
Kreise stamme. Der überlieferte Name des Alkamenes als Schöpfers 
des Westgiebels wies auf Phidias bedeutendsten Schüler hin; 
Päonios, dem dieselbe Überlieferung den Ostgiebel zuteilte, ward 



124 VI. Griechische Heiligtümer 

daher ebenfalls in dieser Schule gesucht. Nun wollten aber schon 

40 die Metopen, die sich alle zwölf in Bruchstücken vorfanden, 354/55 

41 geschweige denn die Oiebelstatuen sich durchaus nicht der Vor- 356/59 
Stellung einfügen, die wir durch die Parthenonskulpturen für den 

Stil des Phidias und seiner Schule gewonnen hatten. Nach einigem 
Winden und Wenden mußte man hier Werke einer ganz anderen 
Schule anerkennen. Dazu kam ein Zweites. Von Päonios fand 
sich um Weihnachten 1875 ein durch Inschrift gesichertes Ori- 
53 ginalwerk, die aus Adlershöhen herabschwebende kolossale Nike, 457 
die einst von sieben Meter hohem Untersatz auf die Altis herab- 
geblickt hatte. Diese kühne Gestalt paßte kaum zu einem Schüler 
des Phidias, durchaus nicht zu dem so ruhig gehaltenen Ostgiebel 
des Tempels, den die antike Tradition demselben Päonios bei- 
legt. Also ein neues Rätsel, dessen wahrscheinliche Lösung von 
philologischer Seite, von Adolph Kirchhoff, gefunden ward. 
Auf der Inschrift der Nike wird Päonios als der Verfertiger der 
»Akroterien« auf dem Tempel genannt; indem man hierin wider 
den ständigen Gebrauch des Wortes statt der bezeugten Nike- 
figuren über den Giebelspitzen die Giebelgruppen verstand, wird 
die Tradition von Päonios als Schöpfer der östlichen Gruppe 
entstanden sein. Wie freilich der Westgiebel zu Alkamenes Namen 
gekommen, blieb unerklärt; manche denken an einen älteren Al- 
kamenes der frühperikleischen Zeit (Kap. XI), dem dann am wahr- 
scheinlichsten beide Giebel zugewiesen werden müßten. Allein 
auch diese Annahme stößt auf große Schwierigkeiten. 

Päonios stammte von der thrakischen Küste, die Heimat des 
älteren Alkamenes ward nach einer unsicheren Angabe in Lemnos 
gesucht. So kam Brunn auf den Gedanken in den Bildwerken 
des Zeustempels Arbeiten einer nordgriechischen Kunstschule 
(S. 102) zu vermuten. Kekule dachte lieber an Großgriechenland 
und Sicilien, wo damals der Künstler P)rthagoras den Ton angab. 
Furtwängler glaubte Paros, Robert gar den parischen Begleiter 
und Gehilfen des Phidias, Kolotes, in Vorschlag bringen zu 
dürfen. Andere begnügten sich, wie der Tempel von dem Eleer 
Libon erbaut worden ist, so auch die Skulpturen auf elische 
Künstler, von denen wir einige Namen kennen, zurückzuführen; 



Die Nike. Chronologisches 125 

es ward auch wohl auf Argos hingewiesen. Nur einzelne, wie 
Flasch, hielten an dem attischen Ursprünge fest. 

Noch ein anderes Problem ward durch die olympischen 
Funde neu belebt. Eine doppelte Tradition läßt Phidias nach 
Vollendung der Parthenos (438) entweder in Athen im Kerker 
sterben oder nach Elis auswandern um das Goldelfenbeinbild 
für den olympischen Tempel zu schaffen. Bisher hatte die letztere, 
besser bezeugte Version Geltung gehabt; demgemäß hatte man 
auch den Bau des Tempels sich länger hinausziehen lassen. Nun 
ergaben gewisse Fundumstände mit Sicherheit, daß der bauliche 
Abschluß schon um das Jahr 456 stattgefunden hatte. Darauf- 
hin trat Löschcke für die geringer bezeugte Tradition ein: wenn 
Phidias 438 gestorben war, konnte er nur vor dem Parthenon- 
bau (447/438) in Olympia tätig gewesen sein; seine dortige 
Tätigkeit schloß sich dann ganz natürlich an die Vollendung des 
Tempelbaues an und fiel in die fünfziger Jahre des Jahrhunderts. 
Die blendende Vermutung fand großen Beifall, doch erhoben sich 
teils aus quellenkritischen Gründen, teils wegen Schwierigkeiten, die 
das Prozeßverfahren bot, auch ernste Bedenken dagegen; man 
wollte in Phidias Meisterwerk lieber eine nachträgliche Bereiche- 
rung des Tempels, vielleicht an Stelle einer älteren kleineren 
Statue, erblicken. Noch heute heißt es von dieser Streitfrage: 
grammatici certant et adhuc sab iudice lis est, wenn sich auch 
die Wage immer mehr auf die Seite der älteren Ansicht und der 
besseren Überlieferung neigt. Ähnlich steht es mit dem Datum 
von Päonios Nike: gehört sie in die Mitte des Jahrhunderts oder 
ist sie, wofür Pausanias sich entscheidet, das stolze Denkmal, das 
die vertriebenen Messenier wegen der mit ihrer Hilfe erfolgten 
Eroberung ihrer heimischen Insel Sphakteria (425) errichteten? 
Eine von Amelung erkannte, besser erhaltene Wiederholung ihres 
Kopfes enthält strengere Züge, die manche für die frühere Zeit 
eintreten lassen, wie ich glaube, kaum mit Recht. 

Pausanias, des alten Reiseführers aus antoninischer Zeit, bisher 
nur vereinzelt angezweifelte Autorität bekam durch die olympischen 
Ausgrabungen zwar für die tatsächlichen Verhältnisse eine glänzende 
Bestätigung, erwies sich aber für andere, von ihm aus der Literatur 



126 VI. Griechische HeiUgtümer 

oder von Fremdenführern geschöpfte Nachrichten als minder zu- 
verlässig. Von seinen Angaben über die Schöpfer der Tempel- 
giebel war schon die Rede; über die Nike des Päonios bietet 
er jene doppelte Tradition. Nun beschreibt und benennt er 
— ein ganz einziger Fall — Figur für Figur die östliche Giebel- 
gruppe, die Vorbereitung zum Wettrennen des Pelops und Oino- 
maos. Genau ebensoviele Figuren sind gefunden worden, wenn 
auch Pausanias Beschreibung eine kniende weibliche Figur für 
eine männliche versieht. Man hätte denken sollen, da überdies 
die Gestalt des Giebelfeldes, die Größen Verhältnisse und Stellungen 
der Statuen, endlich deren mangelnde Bearbeitung der Rückseiten 
sehr wesentliche Anhaltspunkte für die Aufstellung gewähren, es 
hätte über die Anordnung der dreizehn Statuen und acht Pferde 
kein Zweifel bestehen können. In der Tat ist es ganz sicher, 
daß die fünf aufrechten Gestalten die Mitte einnahmen, zwei 
liegende Figuren in die Giebelecken gehörten und die beiden 
Viergespanne zwischen ihnen, nahe der Mitte, ihren Platz gehabt 
haben müssen; es bleiben also nur 2X3 unsichere Figuren. 
Und doch gibt es über ein Dutzend verschiedener Vorschläge 
zur Anordnung! Prinzipielle Fragen, z. B. wie weit Fundum- 
stände, wie weit technische Merkmale, wie weit die für einen 
Giebel notwendige Symmetrie entscheidend sind, spielen dabei 
eine über das einzelne Objekt hinausreichende Rolle und sind 
Jahre hindurch lebhaft verhandelt worden, bis Treus Anordnungen 
ziemlich allgemeine Zustimmung gefunden haben, ohne daß sich 
leugnen läßt, daß andere Vorschläge einzelne Vorzüge bieten. 

Diese längeren Ausführungen im Anschluß an den Zeus- 
tempel bezwecken eine Vorstellung davon zu geben, wie jeder 
neue Fund nicht bloß unsere Anschauungen bereichert, sondern 
zugleich auch neue Unsicherheiten schafft, wo wir bisher einiger- 
maßen sicher sein zu dürfen wähnten; wie dadurch eine Fülle 
neuer Probleme auftaucht, die die Wissenschaft befruchten und 
die Forschungsweisen bereichern. Erscheint die neue Entdeckung 
auch manchmal zunächst als ein Rückschritt, wenigstens als eine 
Einbuße an Sicherheit: immer bringt sie doch zuerst einen me- 
thodischen, dann auch einen sachlichen Fortschritt. 



Die Anordnung der Giebelgruppen. Praxiteles Hermes 127 

Letzteres galt uneingeschränkt von dem glänzendsten Statuen- 
55 fund in Olympia, dem Hermes des Praxiteles, dem einzigen uns sos 
erhaltenen Originalwerk eines griechischen Künstlers ersten Ranges, 
in seiner wunderbaren technischen Vollendung einer wahren Kunst- 
offenbarung. Als der Götter jüngling, im ganzen trefflich erhalten, 
genau an der Stelle, wo er nach Pausanias gestanden hatte, von 
seiner schützenden Lehmhülle befreit war, konnte freilich nur 
barer Unverstand zweifeln, daß es der Hermes des Praxiteles sei; 
aber was wir bisher aus Kopien von diesem Meister wußten oder 
zu wissen glaubten, war doch so verschieden, daß zuerst der 
Gedanke auftauchen konnte, es handle sich nicht um den be- 
rühmten Praxiteles, sondern um einen gleichnamigen Enkel. 
Das dauerte freilich nicht lange. Bald ward die olympische Statue 
der neue Mittelpunkt für unsere Betrachtung des Praxiteles und 
verbreitete überallhin Licht; wie er denn beispielsweise sogleich 
den belvederischen »Antinous«, dem man bis dahin vergeblich 
seinen Platz anzuweisen sich bemüht hatte, in seine Nähe zog. 
Das durch die Ausgrabungen gewonnene und in muster- 
hafter Übersichtlichkeit klargelegte Gesamtbild der olympischen 352/53 
Altis zeigt die Anlage eines solchen griechischen Kult- und Fest- 
platzes besonders deutlich. Während in Delos der heilige Bezirk, 
mit Gebäuden aller Art dicht vollgestopft, rechts und links von 
der Stadt eng umschlossen wird und gegen Westen unmittel- 
bar an den Hafen stößt, liegt die Altis allein, ohne benachbarte 
städtische Ansiedelung, in der flachen Ebene, nördlich an den 
Kronoshügel angelehnt, im Westen vom rasch strömenden Kladeos, 
im Süden vom breiten tiberähnlichen Alpheios begrenzt. Der 
Platz ist geräumig genug um neben den Tempeln des Zeus, der 
Hera, der Göttermutter und neben dem Grabgehege des Pelops 
noch für zahllose Weihgeschenke Raum zu lassen, deren Inschrift- 
basen sich noch in Menge vorgefunden haben, kostbare Urkunden 
der Künstlergeschichte. Besonders die peloponnesischen Schulen 
waren hier vertreten, unter ihnen vor allen die Künstlerfamilie 
Polyklets in mehreren Generationen. Im Norden begrenzt die 
Terrasse der Schatzhäuser, in denen griechische Staaten ihre 
Schätze und Weihegaben für den olympischen Zeus niederlegten, 



128 VI. Griechische Heiligtümer 

den Festplatz; das Schatzhaus der Megareer lieferte den damals 
ältesten, unbeholfenen Versuch einer Giebelgruppe in Relief. Im 
Westen deutete der Rundbau des Philippeion mit den Statuen 
der makedonischen Königsfamilie auf das Eindringen monarchi- 
scher Einflüsse. Im Osten begrenzte die »Echohalle« die Altis, 
eines der ältesten Beispiele für diese immer beliebter wer- 
dende Form der Umrahmung eines geschlossenen Bezirks mit 
Säulenhallen. Im Süden haben römische Bauten, darunter ein 
Ehrenbogen, die ursprünglichen Anlagen verdrängt Draußen 
aber, außerhalb der Altismauer, ziehen sich am Kladeos Gym- 
nasien, Palästra, Heiligtümer, das große Gastgebäude »Leoni- 
daion« hin; im Süden erregt das sehr eigentümliche, dreigeteilte 
alte Rathaus unser besonderes Interesse; im Osten erstreckt sich 
das Stadion, einst auch der vom Alpheios weggespülte Hippo- 
drom, weit in die Ebene. Auf dem ganzen Gebiet ist von den 
Leitern der Ausgrabung der so oft vernachlässigten Pflicht der 
Erhaltung alles Freigelegten musterhaft genügt worden. Alles 
ist klar und übersichtlich, auch für den heutigen Beschauer, so- 
lange nicht Überschwemmungen der Flüsse oder wuchernde 
Vegetation das Bild wieder verwüsten oder überdecken. Ganz 
neuerdings hat sogar die Freigebigkeit eines Bremer Kunstfreundes, 
Karl Schütte, erlaubt unter Georg Kaweraus Leitung zwei Säulen 
des Heräon sorgfältig wieder zusammenzusetzen und dadurch 
das Bild des altehrwürdigen Tempels bedeutend eindringlicher 
zu gestalten. Die gefundenen Skulpturen, Erz- und Ton werke, 
Architekturstücke, sind in einem von Adler entworfenen Museum, 
der Stiftung eines Herrn Syngros, untergebracht, wo auch Ar- 
beitsplätze für Gelehrte vorgesehen worden sind. So wäre alles 
schön, wenn nur der Hermes nicht hier stände, noch dazu in 
mäßiger Beleuchtung. In das olympische Museum gehört was 
in Olympia sozusagen bodenständig ist, wie die Giebelgruppen 
des Zeustempels und die Nike des Päonios. Der Hermes ist 
von Praxiteles sicherlich nicht in Olympia gemacht worden, er 
verdankte seine dortige Aufstellung einem für uns nicht mehr 
erkennbaren Zufall, er ist aber ein Werk so einzigen Ranges, 
daß er nur in Athen, seinem vermutlichen Entstehungsorte und 



Gesamtanlage von Olympia. Dodona 129 

seiner geistigen Heimat, seinen rechten und würdigen Platz finden 
würde; für Olympia würde ein Abguß genügen. Möchte es 
doch gelingen alle kleinlichen Kirchturmsrücksichten zu be- 
siegen, die sich der Überführung des Hermes nach Athen wider- 
setzen ! 

Wie der Fortgang der Ausgrabungen vom Beginn an so- 
gleich in vorläufigen Berichten kurz und klar geschildert ward, 
so liegt der ganze Ertrag in einer schnell geförderten und zum 
Abschluß gebrachten großen urkundlichen Publikation vor, an 
der außer Curtius und Adler besonders die Architekten Dörpfeld, 
Borrmann, Gräber, Graf und die Archäologen Treu und Furt- 
wängler beteiligt gewesen sind. 



Es war nur natürlich, daß auch die Griechen an diesen 
Untersuchungen ihrer eigenen Vorzeit teilzunehmen wünschten. 
Mit dem ersten Beispiel, Dodona, steht es freilich eigentümlich. 
Schon Th. L. Donaldson hatte 1830 die Lage des Orakelortes 
bei Dramessos, südlich von Janina, richtig erkannt, aber Leakes 
Zweifel schienen diese Ansicht beseitigt zu haben, und die 1858 
von Gaultier de Claubry, einem Zöglinge der Französischen 
Schule in Athen von neuem erkannte Wahrheit blieb verborgen. 
Erst 1875 unternahm Sigismund Mineyko, ein polnischer Ingenieur 
in Diensten der Provinz Janina, bei Dramessos Ausgrabungen, 
die durch Inschriften und andere Funde mit voller Sicherheit 
feststellten, daß hier der Platz des berühmten Orakels gewesen 
sei; eine reiche Ausbeute von Kunstwerken ergab sich bei den 
bis zum Februar 1876 fortgesetzten Ausgrabungen. Nunmehr 
verschaffte sich der in Konstantinopel ansässige Bankier Kon- 
stantinos Karapänos, ein Epirote aus Arta (Ambrakia), einen 
großherrlichen Ferman, der die Provinzialerlaubnis vernichtete, 
und ließ durch einen Bevollmächtigten, Lekatzäs, fünf Monate 
graben, ohne vom Glück begünstigt zu sein. Statt dessen kaufte 
er in Janina Antiken verschiedenen Ursprungs und einen großen, 
aber nicht durchweg den besten Teil der von Mineyko und 
seinen Genossen gefundenen Gegenstände. Auf Grund dieser 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. Q 



130 VI. Oriechische Heiligtümer 

Ankäufe, aber unter Verhüllung des wahren Sachverhaltes, trat 
Karapänos demnächst in einer eigenen Publikation als Entdecker 
Dodonas auf. Das schon von Donaldson aufgenommene Theater 
und der Tempel spielten dabei begreiflicherweise keine Rolle. 
Desto reicher erschien die Ausbeute an ehernen Weihgeschenken. 
Manche darunter stimmen mit olympischen und delphischen 
Funden so genau überein, daß man deutlich erkennt, wie an ge- 
wissen Fabrikationsorten Weihgeschenke für verschiedene Kult- 
plätze verfertigt wurden. Eine sehr wertvolle Ergänzung haben 
die Altertümer von Dodona seitdem durch den einst von Mineyko 
zurückbehaltenen Teil seiner Funde erhalten, der kürzlich für das 
Berliner Museum erworben worden ist. 

Von großer Bedeutung war etwa um dieselbe Zeit das Auf- 
treten der athenischen Archäologischen Gesellschaft (S. 51). Sie 
hatte bisher nur in bescheidenem Maße kleinere Unternehmungen 
gefördert (vgl. Kap. IX). Jetzt, im Jahre 1 876, unternahm sie am 
Südabhange der Akropolis die Aufdeckung des Asklepios- 
heiligtums, das dort (wie wir später gelernt haben, im Jahre 420) 
als eine Filiale des epidaurischen Asklepioskultus gestiftet worden 
ist Es ergab sich eine bedeutende Anzahl von Weihreliefs, die 
die Darstellung des Heilgottes und seine allmähliche Erhöhung 
vom stehenden Arzte mit dem Stabe zum thronenden Gott mit 
Zepter und Schlange inmitten der Seinen in einer Reihe charak- 
teristischer Skulpturen des fünften und vierten Jahrhunderts vor- 
führten. Aber die nicht leicht übersichtliche bauliche Anlage, 
mit dem älteren und neueren Tempel, dem Altar, den Hallen 
am Felsbrunnen, blieb mangels eines sachverständigen Architekten 
unklar und ist erst viel später durch Dörpfeld aufgeklärt worden. 

Dörpfeld, der die Seele der neuen konservativen Ausgrabungs- 
methode in Olympia (S. 122. 127) gewesen war, siedelte nach der 
Beendigung jener großen Arbeit 1882 nach Athen über, wo er 
beim Deutschen Archäologischen Institute zunächst eine Beschäf- 
tigung, bald eine feste Anstellung als einer der Sekretäre fand. 
Seine Tüchtigkeit, seine Erfahrung und die Selbstlosigkeit, mit 
der er seine Fähigkeiten in den Dienst anderer stellte, machten 
ihn bald zum gern herangezogenen Berater bei den Unter- 



Athenisches Asklepieion. Amphiaraeion. Eleusis 131 

nehmungen der Archäologischen Gesellschaft, für die er auch 
die technischen Aufnahmen zu machen pflegte. Dies kam zuerst 
der Aufdeckung des Amphiaraeion zugute, die Basileios Leo- 
nardos 1884/87 für die Gesellschaft in Angriff nahm. Im Gebiete 
des alten Oropos, Euböa gegenüber, liegt in einem Flußtale die 
Stätte, wo der Sage nach der Seher Amphiaraos auf der Rück- 
kehr vom Zuge der Sieben gegen Theben wieder zu seiner Mutter 
Erde hinabgefahren war. Ein Orakel war an der Stelle gegründet 
worden, die schon früher durch einzelne Funde angezeigt war. 
Hier grub Leonardos und fand das Heiligtum. Vor dem kleinen 
Tempel über dem Flußrande stand der Altar, der fünf Gottheiten 
diente, ein recht greifbares Beispiel einer solchen Altargemein- 
schaft, wie sie im Altertum häufig vorkam. Auch für Festspiele 
waren allerlei Baulichkeiten vorgesehen, am auffälligsten war aber 
das Vorhandensein eines, wenn auch nicht sehr großen, Theaters 
an diesem abgelegenen Orte; es mochte freilich nicht bloß für 
szenische Aufführungen, sondern auch als Versammlungsort bei 
anderen Veranstaltungen gedient haben. Immerhin gewannen 
gewisse wohlerhaltene Besonderheiten des Bühnenhauses, über- 
dies durch Inschriften benannt, eine Wichtigkeit bei den bald 
beginnenden Untersuchungen über die Einrichtungen der grie- 
chischen Bühne und deren Verwendung. 

Die Archäologische Gesellschaft, deren Mittel inzwischen 
bedeutend gesteigert waren und die an Panagiötes Evstratiädes 
einen ebenso energischen wie wissenschaftlichen Leiter besaß, 
begnügte sich nicht mit solchen kleineren Unternehmungen, 
sondern legte zu gleicher Zeit Hand an zwei Ausgrabungen von 
größerer Tragweite: in Eleusis und im Gebiete von Epidauros. 

Das Mysterienheiligtum von Eleusis war längst nicht mehr 
jungfräulicher Boden. Schon Gell und seine Genossen (S. 30) 
hatten die allgemeinen Grundzüge des heiligen Bezirkes ver- 
zeichnet. Im Jahre 1859 hatte sodann Charles Lenormant auf 
der Reise, wo er in Athen seinen Tod finden sollte, einige Aus- 
grabungen veranstaltet, über die sein Sohn Frangois nachher be- 
richtete. Sie wurden freilich weit überstrahlt durch den Fund 
eines großen Reliefs, das im selben Jahre beim Bau einer Schule 

9* 



132 VI. Griechische Heih'gtumer 

nahe dem ehemaligen kleinen Triptolemostempel zum Vorschein 
48 kam. Es errang sich bald unter dem Namen des »eleusinischen 423 
Reliefs« einen festen Platz unter den Werken der hohen attischen 
Kunst; sein Gegenstand ist Triptolemos wie er von den beiden 
großen Göttinnen für seine Sendung, den Segen des Korns über 
die Erde zu verbreiten, ausgerüstet wird. Nunmehr begannen 
1882 unter Demetrios Philios Leitung und mit Dorpfelds Beirat 
gründlichere Ausgrabungen, die bis 1890 fortgesetzt wurden. 
Den völligen Abschluß des mystischen Heiligtums, der in Samo- 
thrake durch die tief eingeschnittenen Flußtäler gebildet ward, 
bewirkte hier ein fester Mauerring; einerseits gegen den niedrigen 
aber steilen Burghügel gelehnt, hob sich der heilige Bezirk andrer- 
seits wie ein Bollwerk über die umgebende Landschaft, mit dem 
Blick auf den stillen Meerbusen, an dessen Ufer einst die Mysten 
unter Fackelschein ihren nächtlichen Zug gen Eleusis ausgeführt 
hatten. 

Innerhalb des ummauerten Raumes lag als Hauptgebäude 
der Weihetempel oder das Telesterion, schon durch seine an- 416 
nähernd quadratische Gestalt von gewöhnlichen Tempeln ab- 
weichend. Hier legten die Grabungen im Innern Stufenreihen 
an allen vier Wänden bloß; dazwischen war der weite Raum 
mit Pfeilern besetzt, die die Säulen des zweistöckigen Gebäudes 
tragen sollten. Durch sorgfältige Beobachtung der Pfeiler, ihrer 
Größe, ihres Materials, ihrer Verteilung ließen sich dann ver- 
schiedene Stadien des Baues unterscheiden. Der Mystengemeinde 
der peisistratischen Zeit hatte ein kleinerer Versammlungsraum 
für die geheimen Schaustellungen genügt; der perikleische Bau, 
von Iktinos, dem Baumeister des Parthenon, entworfen, war etwa 
auf das Dreifache erweitert worden. Um zu seinem oberen Stock- 
werk zu gelangen, waren an beiden Seiten des Tempels große 
Treppen angelegt; sie führten zu einem breiten aus dem Burg- 
felsen herausgehauenen offenen Gange, der dem Oberstock vor- 
gelagert war. Auch das ließ sich erkennen, daß an der Front- 
seite (wenn nicht gar an drei Seiten) eine Säulenhalle geplant 
war, die aber erst viel später, gegen 300, zur Ausführung ge- 
langt ist, der einzige äußere Schmuck des festumschlossenen 



Eleusis 133 

Bauwerks. Waren auch längst nicht alle Geheimnisse der An- 
lage des Weihetempels enthüllt, so war doch ein großer Fort- 
schritt in seiner Kenntnis gemacht worden. 

In sehr alte Zeit zurück versetzten die wohlerhaltenen Mauern 
aus Luftziegeln, die, frühzeitig unter den Boden geraten, der 
Auflösung durch die Nässe widerstanden und so das seltene Bild 
dieser Bauweise (S. 123) bewahrt hatten; diese älteren Verhält- 
nisse haben jüngst (1905/6) durch Forschungen F. Noacks weitere 
Aufklärungen erhalten. Auch die sonstige Ausstattung des Heilig- 
tums bot viel Neues, aus guter Zeit bis in die römische Epoche. 
Jener gehörte das einer Höhle vorgebaute Plutonheiligtum an, in 
dessen Bereich sich ein trefflich erhaltener und ungewöhnlich 
57 schöner jugendlicher Kopf mit reichem Lockenhaar, den söge- sii 
nannten Vergilbüsten verwandt, vorfand. Benndorf und Furt- 
wängler erkannten darin mit großer Wahrscheinlichkeit den 
eleusinischen Unterweltsgott Eubuleus, den eine etwa gleichzeitig 
bekannt gewordene Inschrift keinem geringeren als dem Praxiteles 
zuschrieb. Ein zweites Originalwerk des gefeierten Meisters 
neben dem olympischen Hermes? Anderen schien das Glück 
zu groß, und sie wollten lieber Triptolemos in dem schönen 
Jüngling erkennen. 

Eine interessante Zusammenstellung verschiedener Stilarten 
boten die beiden hintereinander gelegenen Torbauten des heiligen 
Bezirkes. Das äußere Tor, wohl aus spätattischer Zeit, kopiert 
einfach in trockenen Formen den Mittelbau der athenischen Pro- 
pyläen, ein in damaliger Zeit nicht seltenes Zeugnis baulicher 
Erfindungsarmut Das innere Tor, eine Stiftung des Appius 
Claudius Pulcher aus ciceronischer Zeit, ist eigentümlicher und 
19 schließt sich in seinen dreiseitigen korinthischen Kapitellen, mit 57? 
reichem Rankenwerk und greifenartigen Eckfiguren, der leben- 
digeren hellenistischen Gestaltungsweise an. 

Im ganzen bot Eleusis in engem Rahmen das geschlossene 
Bild einer für den Mysteriendienst eingerichteten Kultusstätte, 
nicht so einheitlich im Stil wie Samothrake, aber gerade dadurch 
bedeutend, daß es die zeitliche Entwickelung dieses vornehmsten 
Mysterienheiligtums der griechischen Welt durch die Jahrhunderte 



134 VI. Griechische Heiligtümer 

hindurch zu verfolgen erlaubte. Wiederum ganz anders stellte 
sich das Heiligtum des Asklepios im Gebiete von Epidauros 
dar, das die Archäologische Gesellschaft 1881 aufzudecken be- 
gann, nachdem schon die französische Expedition von 1829 die 
allgemeinen Grundzüge der großen Anlage festgelegt hatte. Die 
neue Ausgrabung leitete Panagiötes Kabbadias, ein Schüler Brunns, 
damals noch einer der Ephoren jener Gesellschaft; in öfterer 
Wiederaufnahme der Untersuchung hat Kabbadias, auch nach- 
dem er 1885 als Generaldirektor der Königlichen Museen und 
Altertümer an die Spitze aller griechischen Ausgrabungen getreten 
ist, diesem Unternehmen bis in die jüngste Zeit seine besondere 
Fürsorge zugewandt. Sie hat sich reich gelohnt. 

Das »Hieron« des Asklepios, eine der bedeutendsten Kult- 
stätten des Heilgottes, liegt gute zwei Stunden von Epidauros 
entfernt im bergigen Binnenlande. Die hochgelegene flache Tal- 
mulde muß wohl als besonders gesund gegolten haben, da das 
Heiligtum sich zu einem vielbesuchten Kurorte gestaltete. Zahl- 
reiche dort gefundene Inschriften liefern seltsame Zeugnisse für 
den guten Glauben oder Aberglauben, den die Hilfesuchenden 
den Wunderkuren der aller rationellen Medizin abholden Priester- 
schaft entgegenbrachten. Natürlich mußten die Anlagen des 
Heiligtums den Zwecken der Kuranstalt angepaßt werden. Den 
Kern bildete auch hier ein umschlossener, durch Propyläen zu- 
gänglicher Bezirk mit dem Tempel, einem Bau aus dem Beginne 
des 4. Jahrhunderts. Reste des bildlichen Giebelschmuckes, die 
sich fanden und durch Inschriften dem Timotheos zugewiesen 
wurden, lehrten uns diesen bedeutenden, für die Verfeinerung 
der Gewandmotive tätigen Künstler, der später am Mausoleum 
mitwirkte, in seiner Jugend kennen. Die zahllosen Basen von 
Weihgeschenken, die den Tempel und seinen Altar umdrängen, 
zeugen für die hohe Verehrung des epidaurischen Gottes. Lang- 
gestreckte Hallen, zum Teil doppelstöckig, dienten als Schlaf- 
räume für die Kranken, denen der Gott im Schlafe Heilung 
bringen sollte. Ein besonderer, aber rätselhafter Schmuck des 
Tempelbezirkes war die Tholos oder Thymele (»Opferstätte«), 468 
ein Rundbau mit umgebender Säulenhalle, dessen Kellergeschoß 



Das Hieron von Epidauros. Tempel, Thymele und Theater 1 35 

eine labyrinthartige Anlage von unsicherer Bedeutung, nach einigen 
die Wohnung der Tempelschlange des Asklepios, aufweist. Mehrere 
Jahrzehnte lang ist an der Thymele gebaut, die für uns eines 
der ältesten, wo nicht das älteste derartige Rundgebäude der 
griechischen Architektur darstellt; das für sie bestimmte korin- 
thische Kapitell bietet das früheste Beispiel für dessen später 243 
normal gewordene Entwickelung. Ist die Thymele auch nicht 

17 groß, so zeigt sie doch in den plastischen Ornamenten ihrer 467 
zuletzt ausgeführten Teile eine technische Vollendung, welche 
selbst die des athenischen Erechtheion übertrifft. Als Baumeister 
nennt die Tradition Polyklet, sicherlich nicht, wie man früher 
annahm, den berühmten Bildgießer des 5. Jahrhunderts, sondern 
eines der späteren Mitglieder dieser Künstlerfamilie. Aber war 
dieser jüngere Polyklet, wie doch am natürlichsten scheint, der 
erste Urheber des Planes oder war er jener etwas spätere Künstler, 
der die korinthischen Säulen und die feine Ornamentik des 
Inneren entwarf? Vielleicht bringen neue Funde einmal volle 
Sicherheit. 

An den heiligen Bezirk schlössen sich in großer Ausdehnung 
weitere Anlagen an, teils andere Tempel, teils Baulichkeiten für 
die Kurgäste und ihre gymnastischen Übungen (meistens aus 
römischer Zeit), teils Einrichtungen, die zur Unterhaltung des 
Publikums dienen sollten. So befand sich in unmittelbarem 
Anschluß an den heiligen Bezirk eine Rennbahn, aber die Haupt- 

20 Sehenswürdigkeit des Hieron war das wirklich großartige Theater, 469 
das in einiger Entfernung vom Tempel in eine Ausbuchtung 
des Berges eingebettet ist. Die trefflich erhaltenen Stufenreihen 
des weiten Zuschauerraumes, die schon aus dem Werke der 
französischen Expedition bekannt waren, bestätigen vollständig 
den Ruhm, den die antike Tradition diesem zweiten Bauwerke 
jenes Polyklet beilegt, das schönste und am harmonischsten 
durchgeführte Theatergebäude Griechenlands zu sein. Jetzt aber 
deckte Kabbadias auch die Orchestra mit ihren Zugängen und 
die Überreste des Bühnengebäudes auf. Jene erwies sich wider 
Erwarten als kreisrund, während bisher nur halbkreisförmige oder 
hufeisenförmige Orchestren bekannt waren. Von dem Bühnen- 



136 VI. Griechische Heiligtümer 

gebäude war genug vorhanden, um seine Ergänzung mit den 
jederseits aufsteigenden Rampen zu der oberen Fläche des Pro- 
skenion zu gestatten. So ward das epidaurische Theater der 
Ausgangspunkt für Dörpfelds Untersuchungen über das griechische 
Theater, die seit zwanzig Jahren die gelehrte Welt in Atem er- 
halten. Daß ursprünglich, in der klassischen Zeit des attischen 
Dramas, die Orchestra ebenso den Schauspielern wie dem Chore 
als Standplatz diente und nur eine »Spielbude« mit flachem Dach, 
keine erhöhte Bühne, den Hintergrund bildete, darf als gesichertes 
Ergebnis gelten; darüber, ob das feste Proskenion der uns er- 
haltenen Theater, deren keines bis in die Lebenszeit des Sophokles 
und Euripides zurückreicht, ebenfalls eine solche Spielbude oder 
nicht vielmehr, nach dem Schwinden des Chores, eine erhöhte 
Bühne gewesen sei, wogt der Streit der Meinungen noch un- 
geschlichtet. Jedenfalls ist das Interesse für diese Fragen mächtig 
genug gewesen, um überall die Ruinen der Theater zu unter- 
suchen. Während vor zwanzig Jahren fast nur Theatergebäude 
römischer Anlage bekannt waren, kennen wir jetzt weit über ein 
Dutzend echt griechischer Theater, an deren Untersuchung Archäo- 
logen aller Nationen teilgenommen haben; es seien nur die 
Theater von Megalopolis, Mantineia, Sikyon im Peloponnes, von 
Athen, von Eretria auf Euböa, von Priene, Magnesia, Pergamon 
in Kleinasien hervorgehoben. Wieder einmal hatte ein methodisch 
gewonnener Fund ein bedeutendes Problem erweckt, und dessen 
Verfolgung zahlreiche neue Funde hervorgerufen. 



Nur mit einem Worte soll an dies epidaurische Asklepieion 
das einst kaum minder berühmte auf der Insel Kos, der Heimat 
des Hippokrates, angeschlossen werden. Seine Aufdeckung ward 
in den Jahren 1902/4 von Rudolf Herzog unter dem Beistande 
der Architekten Gustav Hecht und Ernst Wagner mit Mitteln 
des Deutschen Reiches, der württembergischen Regierung, des 
Deutschen archäologischen Instituts und privater Gönner, wie 
des Stuttgarter Fabrikanten Ernst Sieglin, durchgeführt. Auf 
luftiger Höhe, ein reiches Küstenbild überschauend, lag das 



Asklepieion auf Kos. Poseidon auf Tenos. Heräon bei Argos 137 

Heiligtum an der schon von dem Epigraphiker R. Paton be- 
zeichneten Stelle unfern der Stadt Kos. Ein stattlicher Altar, ein 
alter Tempel, Brunnen und Zypressen hatten das ursprüngliche 
Heiligtum gebildet, bis im 3. Jahrhundert eine in hellenistischem 
Stile durchgeführte Anlage in drei Terrassen an die Stelle trat. 
Unten ein geräumiger »heiliger Markt« mit umgebenden Hallen; 
darüber die alte Kultstätte, aber neu hergerichtet und mit allerlei 
weiteren Baulichkeiten, zum Beispiel einem ionischen Tempel, 
ausgestattet. Von hier aus führte eine hohe breite Freitreppe 
zum neuen dorischen Marmortempel empor, der nunmehr die 
ganze Anlage beherrschte, vielleicht von den Überresten des 
heiligen Zypressenhaines umrahmt. Säulenhallen mit Kammern, 
vermutlich für die Aufnahme von Kranken bestimmt, schlössen 
den Tempelplatz seitwärts und im Hintergrund ab. So stellte 
das Ganze eine Musteranlage hellenistischen Stiles dar, in der, 
anders als in Samothrake, die Spuren der ersten unregelmäßigen 
Gründung fast ganz verwischt waren. 

Dem Asklepiosheiligtum zu Kos läßt sich das vor alters 
berühmte Poseidonheiligtum auf der Insel Tenos zur Seite stellen, 
dessen Aufdeckung von belgischer Seite in Angriff genommen 
worden ist, 1902/3 durch Hubert Demoulin, 1905 durch Paul 
Graindor. Der Tempel mit seiner architektonischen Umgebung, 
einige Kunstwerke und zahlreiche Inschriften legen für die Po- 
pularität des Kultes Zeugnis ab, den hier einst Poseidon und 
Amphitrite genossen hatten und der seit etwa achtzig Jahren in 
dem starkbesuchten Wallfahrtsort der Evangelistria seine moderne 
Nachfolge gefunden hat. Eine andere Aufgabe nahm die Ameri- 
kanische Schule auf, die im Jahre 1882 in Athen gegründet 
worden war. Als der älteste dorische Tempel Griechenlands galt 
den Alten das Heräon der Argeier, das eine Stunde von Mykenä 
entfernt am Ostrande der Ebene von Argos gelegen war. Dieser 
uralte Tempel ward 423 eine Beute der Flammen; alsbald ward 
ein neuer Tempel erbaut, für den der berühmteste Künstler von 
Argos, Polyklet, im Wetteifer mit Phidias olympischem Meister- 
werke die Goldelfenbeinstatue der Hera schuf. Die Lage des 
Heiligtums war längst festgestellt; eine kleine Ausgrabung, die 



138 VI. Griechische Heiligtümer 

1854 Alexandros Rhizu Rangabe auf Ersuchen von Ludwig Roß 
für die »olympischen« 787 Mark (S. 121) unter Konrad Bursians 
Leitung veranstaltete, hatte natürlich nur unbedeutende neue Auf- 
klärung bringen können. Da griff die Amerikanische Schule 
1892 unter Charles Waldsteins Leitung die Aufgabe von neuem 
an. Leider waren die Überbleibsel des alten Tempels auf der 
oberen Terrasse so geringfügig, daß sich nicht einmal sein Grund- 
riß sicher ermitteln läßt; doch scheint es als ob der Tempel 
(dessen Hinaufrücken hoch ins zweite Jahrtausend freilich eine 
phantastische Annahme ist) die Gestalt des homerischen Hauses 
(s. u. Kap. VIII) treuer bewahrt hätte als andere östliche Tempel. 
Von dem jüngeren Tempel ist mehr, wenn auch nicht allzu viel 
zum Vorschein gekommen; die meisten Blöcke werden als Bau- 
material in den benachbarten Ortschaften der Ebene verschwunden 
sein. Am wertvollsten sind die Überreste der Tempelskulpturen, 
die ohne Zweifel ebenso der polykletischen Schule entstammen, 
wie die Parthenonskulpturen der des Phidias; sie lehren uns, 
wie groß schon damals der attische Einfluß auf die pelopon- 
nesische Kunst gewesen ist. 

Eine ausgezeichnete und unerwartete Bereicherung haben 
der Archäologie die Ausgrabungen gebracht, die Adolf Furt- 
wängler, von dem Archäologen Herm. Thiersch und dem Archi- 
tekten Ernst Fiechter unterstützt, im Jahre 1902 auf der dem 
Peloponnes benachbarten Insel Ägina ausgeführt hat. Seit dem 
Funde der Giebelstatuen im Jahre 1811 (S. 32 ff.), dem keine Auf- 
deckung der ganzen Tempelruine zur Seite gegangen war, hatte 
nur B. Staes 1894 eine wenig ergiebige Nachsuchung vorge- 
nommen. Die neuen bayrischen Ausgrabungen, deren Kosten 
der Prinzregent Luitpold bestritt, hatten zum nächsten Zwecke 
die Ergänzung der einst gefundenen Bildwerke, haben aber weit 
darüber hinaus zur tieferen Kenntnis des ganzen Heiligtums ge- 
führt. Mit musterhafter Gründlichkeit ist dessen Geschichte 
durch drei aufeinander folgende Entwickelungsstadien aufgedeckt 
worden. Dabei hat der Tempel auch einen neuen Namen er- 
halten. Anfänglich hatte man darin das berühmteste Heiligtum 
der Insel, den Tempel des Zeus Panhellenios, erkennen wollen, 



Agina 139 

und eine zum Scherz ausgeführte, als ernst aufgenommene In- 
schriftfälschung hatte dieser Benennung so festen Bestand ge- 
geben, daß einer der Entdecker, Cockerell, sie noch 1860 fest- 
hielt. Mittlerweile hatte Ludwig Roß 1837 die Fälschung der 
Inschrift nachgewiesen und die schon 1826 von Stackeiberg, 1831 
von A. Mustoxydes ausgesprochene Ansicht, daß der Tempel 
Athena gehöre, durch eine Inschrift zu erhärten gesucht. Die 
Unhaltbarkeit auch dieser Zuteilung hat Furtwängler bewiesen; 
da bei den Aufräumungen mehrfach auf Inschriften der Name 
der kretisch-äginäischen Göttin Aphäa erschien, namentlich eine 
altertümliche, auf einem Baublock eingegrabene Inschrift die Er- 
richtung eines Hauses (Oikos) und eines Altars jener Göttin 
bezeugte, so hat er ihr den Tempel zugesprochen. Diese neue 
Benennung hat allgemeine Zustimmung gefunden. Wenn ich 
dennoch Zweifel auch an ihrer Richtigkeit hege, so beruht dies 
darauf, daß ein zuverlässiger und meines Erachtens lückenlos 
überlieferter antiker Bericht den Kult Aphäas auf Ägina in einem 
Heiligtum der Artemis gegründet sein läßt — was durchaus nicht 
ausschließt, daß Aphäa an diesem Orte weit größere Popularität 
als die Hauptgöttin genoß und daß sie außer ihrem Altar auch 
ein besonderes »Haus« (das heißt nach antiker Weise ein Ge- 
bäude zur Aufbewahrung der zahlreichen ihr gewidmeten Weihe- 
gaben) besaß. Wie dem nun auch sei, für die Giebelgruppen, 
die sich sicher so wenig auf Aphäa wie auf Artemis beziehen, 
sondern den Sieg beim nahen Salamis verherrlichen, ist glück- 
licherweise der Name der Tempelgottheit ohne Belang. 

Für die Münchener Giebelfiguren haben die Ausgrabungen 
eine Anzahl neuer Bruchstücke geliefert, doch ist es nicht bloß 
dieser neue Zuwachs, sondern mehr noch eine genaue Prüfung 
der in München schon früher vorhandenen Bruchstücke und der 
einst unter Thorvaldsens Leitung vorgenommenen Ergänzungen, 
was Furtwängler zu einer ganz neuen Anordnung der Giebel- 
gruppen geführt hat. Daß die alte Anordnung Thorvaldsens und 
Martin Wagners falsch sei, hatte man längst erkannt. Eine Reihe 
von Untersuchungen, an denen sich Karl Friederichs, Heinrich 
Brunn, Adrian Prachow, Konrad Lange, Leopold Julius, Bruno 



140 VI. Griechische Heiligtümer 

Sauer beteiligt hatten, schien als Schlußresultat für den am besten 
37 erhaltenen Westgiebel eine streng symmetrische Komposition zu 349 
ergeben, eine Kampfszene, die sich um einen einzigen Mittel- 
punkt, einen zu den Füßen Athenas liegenden Gefallenen, dreht. 
Gerade die Einheit und Geschlossenheit der aus zwölf Figuren 
gebildeten Gruppe erschien als das Neue und als der Vorzug 
dieser Giebelkomposition gegenüber älteren Versuchen. Von 
dem Ostgiebel, von dem nur fünf Figuren erhalten waren, nahm 
man an, daß er die gleiche Komposition mit einzelnen Ände- 
rungen wiedergegeben habe; daß er künstlerisch eine höhere 
Stufe als der Westgiebel darstelle, hatte Brunn schon 1867 nach- 
gewiesen (Kap. XI). Furtwänglers Nachprüfung hat nun aber 
zu ganz anderen Ergebnissen geführt. Danach zerfällt der ältere 
Westgiebel in vier gesonderte Kampfgruppen: jederseits der 350 
Göttin zunächst ein Kampf zweier Krieger über einem Gefallenen; 
weiterhin ein Bogenschütz und ein Lanzenschwinger, die einen 
in der Ecke liegenden Krieger niedermachen, so daß also die 
Bewegung von der Mitte gegen die Ecken verläuft. Statt eines 
einheitlichen Kampfes erhalten wir demnach eine Schlacht in 
vier Sondergruppen, die gegen die Enden auseinander streben, 
als wollten sie den Gedanken an eine einheitliche Komposition 
geradezu aufheben. Dieser Schwäche ist der fortschrittlichere 
Künstler des Ostgiebels inne geworden. Läßt er auch die auf 
elf Figuren beschränkte Darstellung noch in zwei getrennte 351 
Kämpfe zerfallen, so sind doch beide Hälften gegen die Mitte 
gerichtet, wo die Göttin den Einigungspunkt für die gesamte 
Komposition abgibt. Sind Furtwänglers Anordnungen richtig 
(was natürlich ohne Nachprüfung an den Originalen nicht fest- 
zustellen ist, aber nach Furtwänglers Angaben als durchaus wahr- 
scheinlich gelten darf), so bilden die beiden Gruppen zwei höchst 
interessante Zwischenstufen in der Entwickelung der Giebel- 
komposition von den zerstückelten Einzelszenen des Megareer- 
giebels in Olympia (S. 128) bis zu den einheitlichen Gruppen 
41 im Ostgiebel des olympischen Zeustempels (S. 126) und am 358 
44 Parthenon. 399 f. 



Ägina. Ptoion. Elateia. 141 

Es bleiben endlich noch zwei Unternehmungen der Fran- 
zösischen Schule übrig, von denen die eine den glänzenden 
Abschluß dieser ganzen auf die griechischen Kultplätze gerich- 
teten Untersuchungen des vergangenen Jahrhunderts bildet. 
Beide stellten sich, wie schon die delische Ausgrabung, in den 
Dienst Apollons. 

In Böotien erhebt sich im Südosten der Kopais das mehr- 
gipflige Ptoion, auf dessen Höhe Apollon einen in alter Zeit 
blühenden, nach der Perserzeit nur noch wenig besuchten Kult- 
platz besaß. Eben hierin lag etwas Verlockendes; hier durfte 
man hoffen altertümliche Beute zu machen. In der Tat gelang 
es Maurice Holleaux in den Jahren 1885/86 die alte Grotte 
Apollons, die an Delos erinnerte (S. 117), und den alten Altar 
aufzufinden. An deren Stelle war später ein Tempel getreten. 
Auch allerlei andere Anlagen fanden sich, alte große Zisternen, 
die hier auf der Berghöhe nötig waren, und Nebengebäude, der- 
gleichen zu jedem Heiligtume gehörten. Eine Anzahl altertüm- 
licher Statuen kam zum Vorschein. Wenn man auch den »Apollon- 
statuen« gegenüber, die als älteste Versuche einen nackten Jüng- 
lingskörper darzustellen im Laufe des Jahrhunderts überall aufgetaucht 
waren, allmählich etwas von dem Wunsche des Zauberlehrlings 
empfand: »Besen, Besen, sei's gewesen«, so bot doch der »ptoische 
Apollon« einige so eigentümliche Züge, daß sie ihm einen be- 
sonderen Platz in der langen Reihe jener mit dem linken Fuß 
antretenden Jünglinge sichern. Besonders reich erwies sich das 
Ptoion an Erzeugnissen des Kunsthandwerkes, die etwa aus dem 
8. bis 6. Jahrhundert stammten, Tongefäßen und Tonfigürchen, 
Erzfiguren und Erzgeräten, darunter den auch in Olympia so 
häufigen altertümlichen Dreifüßen homerischen Angedenkens. 
Bei der Betrachtung dieser Ware fühlt man sich zu der Annahme 
getrieben, daß Verehrer aus sehr verschiedenen Gegenden dem 
ptoischen Gotte Kunsterzeugnisse ebenso verschiedener Herkunft, 
ionische, peloponnesische, einheimische, dargebracht haben. Man 
würde über diesen und andere Punkte klarer sehen, wenn ein 
zusammenfassender Bericht vorläge. — Einen anderen alten Kult- 
platz, den der Athena Kranäa bei Elateia im Phokerlande, abseits 



142 VI. Griechische Heiligtümer 

von der großen Heerstraße, hatte kurz zuvor (1884) Pierre Paris 
mit ähnlichem Erfolg untersucht 

Das Hauptwerk der Französischen Schule, dem olympischen 
Unternehmen vergleichbar, galt dem großen Festplatze Nord- 
griechenlands, Delphi. Die »felsige Pytho« bildet von Natur den 327/28 
schärfsten Gegensatz gegen die stille flache Ebene am Alpheios. 
Delphi ist nur von zwei Seiten auf bergigem Pfade zugänglich. 
Im Norden bilden die jähen beiden Phädriaden, Abstürze des 
Parnass, eine hohe Wand; darunter fällt der Felsboden, fast ohne 
Terrassenbildung, zuerst gelinder, dann rascher südwärts zum 
Pleistos hinab, jenseits dessen die kahle Kirphis den Blick auf 
den korinthischen Meerbusen versperrt Eine großartige Einöde, 
in Griechenland wohl nur von der Gegend um die Styx über- 
troffen! Auf der Höhe unter den Phädriaden lag der Orakel- 
bezirk, von Süden nach Norden steil ansteigend. Zwei Quer- 
mauern waren hier sichtbar, als Stützmauern künstlicher Terrassen 
kenntlich; unten die Quadermauer des »Hellenikö«, darüber die 
Polygonalmauer des »Pelasgikö«, oberhalb deren die südliche 
Stufe des Tempels sichtbar ward; sonst war alles durch die 
Hütten des ärmlichen Dorfes Kastri bedeckt und verborgen. Beim 
Entziffern der zahllosen Urkunden, die in das Pelasgikö ein- 
gegraben sind, war 1840 Karl Otfried Müller von den Strahlen 
des delphischen Gottes zu Tode getroffen worden. An derselben 
Aufgabe hatten sich in bescheidenem Maße 1860 Conze und 
Michaelis, im folgenden Jahre mit großem Erfolge, indem sie 
das Pelasgikö der Länge nach freilegten, Paul Foucart und Karl 
Wescher beteiligt. Wescher stellte überdies 1862 fest, daß diese 
Mauer, die Terrassenmauer des Tempels, an ihrem Ostende gegen 
Norden umbiege; damit war nach dieser Seite die Ausdehnung 
des Tempelbezirks und die Richtung der Zugangsstraße zur 
Front des Tempels bestimmt Die Haupteüge der Topographie 
von Delphi hatte schon 1838, so weit das ohne Ausgrabungen 
möglich war, Heinrich Nikolaus Ulrichs klargestellt Von Skulp- 
turen war nur wenig vorhanden, darunter eine Reliefplatte 
mit einem Viergespann, die später ihre Genossen finden sollte 
(S. 145). 



Delphi. Ältere Ausgrabungen in Delphi 143 

Eine längere Pause trat ein. Erst 1 880, nachdem die Archäo- 
logische Gesellschaft in Athen das Hauptterrain in Delphi an- 
gekauft und der Französischen Schule zur Verfügung gestellt 
hatte, wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Foucart, nun- 
mehr Direktor der Schule, entsandte Bernard Haussoullier; er 
deckte an jener von Wescher bloßgelegten Ecke des Pelasgikö 
einen Teil der Feststraße und eine an die Mauer gelehnte ionische 
Halle auf, die sich durch eine Inschrift als Stoa der Athener, zur 
Aufnahme von Siegestrophäen bestimmt, zu erkennen gab. Über 
ihr Alter war man nicht gleich im klaren; vermutlich stellt sie 
ein Denkmal der Schlacht von Marathon dar. Der glückliche 
Erfolg Haussoulliers ließ nun den Plan reifen das ganze delphische 
Heiligtum seitens der Französischen Schule auszugraben. Aber 
es dauerte lange, ehe Hand angelegt werden konnte. Allerdings 
gelang es Foucart schon 1882 mit der griechischen Regierung 
einen Vertrag abzuschließen, der die Bedingungen der olympischen 
Ausgrabung (S. 121) auch für Delphi festsetzte. Allein der nächste 
Ministerwechsel brachte die Aufhebung des Vertrages, und es 
folgte eine längere Periode des Schwankens. Politische Er- 
wägungen spielten hinein; man wollte auch wissen, daß die 
wenig befriedigende Handhabung der delischen Ausgrabungen 
im Vergleich mit den olympischen der griechischen Regierung 
Bedenken eingeflößt habe. Sie bot Deutschland die Ausgrabungen 
an, das sie aber aus Rücksicht auf Frankreich ablehnte. 1887 kam 
es zu einem zweiten Vertrage zwischen Griechenland und Frank- 
reich, der aber wiederum nicht bestätigt ward. Da meldete sich 
1889 Amerika zu dem Unternehmen, ebenfalls ohne Erfolg. 
Endlich kam es 1891, nachdem Th^ophile Homolle an Foucarts 
Stelle getreten war, zu dem endgültigen Vertrage, der das Recht 
der Ausgrabung für zehn Jahre Frankreich übertrug; die fran- 
zösische Regierung bewilligte eine halbe Million Francs. Eine 
Vorbedingung war die vollständige Expropriation der Bewohner 
von Kastri, wozu Griechenland eine Summe von 60000 Drachmen 
beitrug. Inzwischen hatte 1887 H. Pomtow nicht ohne Erfolg in 
Delphi Untersuchungen angestellt; ein Hauptergebnis war die Auf- 
findung des Haupteinganges an der Südostecke des ganzen Bezirks. 



144 VI. Griechische Heiligtümer 

Homolle übernahm selbst die Leitung des großen Unter- 
nehmens. Ihm zur Seite standen der Ingenieur Henri Convert 
(S. 120) und der Architekt Albert Tournaire; weiter nahmen jüngere 
Mitglieder der Schule, Louis Couve, Paul Perdrizet und andere, 
teil. Aber nicht allein kostete die Aufgabe den abgelegenen Be- 
zirk zugänglich zu machen viel Zeit und Arbeit: als es an die 
Expropriation der Grundstücke, den Abbruch und Wiederaufbau 
des Dorfes Kastri ging, begannen die Dorfbewohner aufrührerisch 
zu werden und sich an den Werkzeugen der Fremden zu ver- 
greifen. Erst im April 1893 waren alle Vorbereitungen so weit 
vollendet, daß mit den Ausgrabungen begonnen werden konnte. 
Daß es sich sozusagen um drei Stockwerke handelte, deren 
mittleres die Tempelterrasse bildete, war klar. Die beiden unteren 
waren durch das Pelasgikö geschieden, das Hellenikö stellte die 
südlichste und tiefste Grenze des Bezirkes dar. Nahe der letzteren 
setzte Homolle den Spaten an, und das Glück war ihm hold. 
Er stieß sogleich auf ein Gebäude, das ihm nach seinem Grund- 327,28 
risse ein sogenanntes Schatzhaus (vgl. S. 127), nach Pausanias 
Beschreibung von Delphi das Schatzhaus der Athener, zu sein 
schien. Hören wir ihn selbst weiter erzählen. 

»Nach vierundzwanzig Stunden reiflicher Überlegung glaubte ich 
als sicher nach Paris telegraphieren zu dürfen, wir hättten le tresor des 
Atheniens gefunden. Unsere Freude ward in Paris geteilt, ebenso aber 
auch, obschon aus ganz anderen Gründen, seitens der griechischen 
Behörden in unserer Bezirkshauptstadt Amphissa. Schon am nächsten 
Tage erhielt ich eine Depesche vom dortigen Unterpräfekten , der mir 
den Besuch seines Kassenbeamten ankündigte, um »den Schatz« in 
Empfang zu nehmen. Der griechische Staat war damals in einer nicht 
gerade glänzenden Finanzlage; so war man auf das kleine Mißver- 
ständnis verfallen und bildete sich in aller Unbefangenheit ein, es sei 
bares Geld, was da so zur rechten Zeit, um die fälligen Zinsen zu be- 
zahlen, aus dem Boden gestiegen sei.« 

Das unterste Drittel des heiligen Bezirks, von der ansteigenden 
Feststraße in einer spitzen Kehre durchzogen, ist wesentlich von 
den Schatzhäusern griechischer Staaten und am Eingange von 
einigen hervorragenden Weihgeschenken eingenommen. Von 
letzteren, darunter den großen Gedächtnisgruppen an Marathon 327,8.5 
und an Ägospotamoi — Athens Ruhmeshöhe und Untergang — , 



Homolles Ausgrabungen in Delphi. Ionische Bauten 145 

sind begreiflicherweise nur die Basen erhalten oder die Plätze 
mit Wahrscheinlichkeit nachweisbar. Die Schatzhäuser, für deren 
Benennung wiederum Pausanias unser Führer ist, sind zum Teil 
viel reicher ausgestattet als die olympischen. So ist beispielsweise 
das Schatzhaus der Athener ein dorischer Bau mit nicht weniger 327,28 
als 30 Metopenreliefs von altertümlichem Stil. Seine Wände 344 
waren mit dem Apollonhymnos beschrieben, dessen Notenbeischrift 
großes Aufsehen erregte und den ersten sicheren Begriff von 
griechischer Komposition gab; dazu enthielten die Wände noch 
die Akten der offiziellen athenischen Festzüge nach Delphi. Von 
dem Schatzhaus der Sikyonier wurden fünf längliche Metopen 327,12 
gefunden, die naive Belege älterer sikyonischer Plastik abgeben. 239 
Besonders reich war das Schatzhaus ausgestattet, das zuerst den 327,13 
Bewohnern der Insel Siphnos, dann den Knidiern zugeschrieben 
ward; nach den Angaben unseres Führers Pausanias werden wir 
aber das knidische Schatzhaus weiter oben ansetzen und in dem 
aufgedeckten Bau in der Tat das Schatzhaus der Siphnier er- 
kennen müssen. Es war ein zierlicher ionischer Bau, dessen 
Vorhalle Frauengestalten statt der Säulen schmückten. Begegnen 305 
wir schon hier einem Vorläufer der Korenhalle vom athenischen 441 
Erechtheion, so vergegenwärtigt uns der fast vollständig erhaltene 
Fries, der das Gebäude an allen vier Seiten umzog (zu ihm ge- 306/7 
hört das oben S. 143 erwähnte Relief mit dem Viergespann), aufs 
lebhafteste die ionischen Vorbilder des Parthenonfrieses; nur ist 398 
alles noch frischer, lebhafter, naiver als in der maßvollen Kunst 
des perikleischen Athen, wogegen die Giebelgruppe noch eine 
große Unbeholfenheit verrät. Der ionische Stil des Schatzhauses 
erhielt bald eine wertvolle Ergänzung in der mit einer altertüm- 
lichen Sphinx bekrönten Säule der Naxier, die an der Terrassen- 270 
mauer des Tempels, dem sogenannten Pelasgikö, stand. Je spär- 
licher unsere Kenntnis der älteren Stadien des ionischen Stils noch 
immer ist, desto wichtiger wird ein Stück wie das ebenso mächtige 
wie einfache Kapitell dieser Säule; daß aber gerade aus Delphi 
solche Förderung unserer Kunde vom ionischen Stil kommen 
würde, hatte sich am wenigsten erwarten lassen, Delphi war 
eben in höherem Maße allen griechischen Stämmen gemeinsam 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. IQ 



146 VI. Griechische Heiligtümer 

als Olympia, das nie seinen vorwiegend dorischen Charakter verlor. 
Eine andere delphische Säule stellt eine besonders reiche Entwicke- 
lung des korinthischen Akanthosmotivs dar, noch gehoben durch 
drei überaus zierliche Tänzerinnen, die in der Höhe ihre graziösen 455 
Bewegungen ausführen; ein Dreifuß wird das Ganze gekrönt haben. 
Steigen wir zu der Tempel terrasse empor, wobei an der 
Basis des platäischen Schlangendreifußes (S. 96) und an dem 327,36 
turmartigen Unterbau des Denkmals des Siegers von Pydna 327,40 
Aemilius PauUus, von dessen Friese schon 1840 einige Stücke 
bekannt waren, so harrt unser eine neue Überraschung. Nach 
Pausanias durften wir erwarten, den Tempel zu finden, der im 
6. Jahrhundert erbaut und am Ende jener Zeit durch die aus 
Athen vertriebenen Alkmeoniden mit einer marmornen Fassade 
geschmückt worden war, dessen Giebelfelder sodann im 5. Jahr- 
hundert von Schülern des Kaiamis mit Gruppen versehen worden 
waren und dessen Metopenschmuck uns Euripides schildert. Wäre 
dieser Tempel in ähnlicher Erhaltung wie der olympische Zeus- 
tempel gefunden worden, welche Aufschlüsse hätte er gegeben! 
Aber nichts von alledem — mit Ausnahme einiger beiseite ge- 
schafften Skulpturreste des Alkmeonidentempels — hat sich ge- 329 
funden. Jener alte Tempel war vielmehr, wie uns Inschriften be- 
lehrten, im Jahre 373 durch ein Erdbeben zerstört worden, und 
der neue Tempel, von dem nicht besonders reichliche Überreste 
gefunden worden sind, stammt erst aus dem 4. Jahrhundert; er 
hat dann nach Ausweis von Inschriften im Jahre 83 vor Christo 
durch Brand gelitten und ist langsam wieder ausgebessert worden. 
Hatte etwa Pausanias seine Angaben aus einer veralteten, dem 
Erdbeben von 373 vorausliegenden Quelle geschöpft? So schien 
es zunächst, und dem modischen Schelten auf die Unzuverlässig- 
keit des Pausanias ward ein neues Ventil geöffnet — bis eine 
eindringende und klärende Untersuchung von Emil Reisch jüngst 
den Nachweis erbracht hat, daß der Kaiamis, von dem der 
Schriftsteller spricht, nicht der kimonischen Zeit angehörte, son- 
dern ein angesehener Künstler des vierten Jahrhunderts gewesen 
ist! Seine Schüler Praxias und Androsthenes fallen also gerade 
in die Zeit des delphischen Tempelbaues. Hier haben somit 



Apollontempel. Lesche der Knidier 147 

die Ermittelungen am Tempel zu neuen kunstgeschichtlichen 
Aufschlüssen geführt, wenn auch nicht zum alten Alkmeoniden- 
tempel und nicht zu den Giebelgruppen der Kaiamisschüler, die 
spurlos verschwunden sind. Eine große Enttäuschung bereitete das 
Innere; namentlich ist von dem Erdspalt, an dem einst der Pytho- 
drache von Apollon erschlagen sein sollte und über dem thronend 
die Pythia ihre Orakel spendete, nichts zum Vorschein gekommen. 

Blieben die Tempelreste im ganzen hinter unserer Erwartung 
zurück, so war die oberste Abteilung des heiligen Bezirkes dafür 
desto ergiebiger. Im Nordwesten fand sich das stattliche Theater, 327,47 
neben dem sich draußen das Stadion erstreckte; unter dem 
Theater die Spur einer großen Gruppe von Lysippos, in der 327,46 
Alexander der Große auf der Löwenjagd von Krateros gerettet 
ward. Besonders wichtig war die Aufdeckung der Lesche der 327,55 
Knidier im Nordosten, einer Versammlungshalle, deren Wände 
einst mit zwei großen Gemälden Polygnots, Ilions Eroberung 
und Odysseus Hadesfahrt, geschmückt waren. Pausanias hat 
uns die Bilder Gestalt für Gestalt beschrieben; sie sind daher 
für uns die wichtigste Quelle für die Kenntnis des großen 
thasischen Meisters der Wandmalerei, und zahlreiche Versuche 
zu ihrer Wiederherstellung sind gemacht worden. Aber alle diese 
Versuche entbehrten der festen Grundlage, die nur die Kenntnis 
des Gebäudes und seiner Wandflächen gewähren konnte. Diese 
Grundlage war nun gewonnen. Die Lesche erwies sich als ein 
hofartiger oblonger Raum, der in der Mitte offen war und dem 
Lichte den Zutritt bot, während acht Säulen das Dach einer 
ringsum laufenden Halle trugen. Der Bau läßt sich etwa mit 
dem Ephebeion (sog. Palästra) in Pompeji in seiner ursprüng- 
lichen Gestalt vergleichen. Die Tür in der Mitte der südlichen 
Langseite macht es wahrscheinlich, daß die beiden figurenreichen 
Gemälde sich auf die West- und Osthälfte der Halle so verteilten, 
daß jedes sich über drei Wandstücke erstreckte, die Mittelgruppen 
je an den Schmalseiten der Halle sich entwickelten. Das hatte 
freilich niemand voraussehen können. 

Unterhalb der knidischen Lesche, nicht weit vom Tempel, 
kam eine große Gruppe von Marmorstatuen zum Vorschein 327,53 

10* 



148 VI. Griechische Heiligtümer 

die Angehörige einer thessalischen Fürstenfamilie in ziemlich ver- 
schiedener Stilweise darstellten. Einflüsse der Kunstart des Skopas, 
des Praxiteles, des Lysippos machten sich bemerkbar. Ein er- 
höhtes Interesse hat diese Gruppe gewonnen, seit Erich Preuner 
in einer der Statuen, der des Agias, ein Werk des jugendlichen 532 
Lysippos nachgewiesen hat (s. Kap. XI). Aber das beste und 
berühmteste plastische Werk, das die delphischen Ausgrabungen 
39 geliefert haben, »der delphische Hermes«, ist die treffliche Erzstatue 363 
eines Wagenlenkers, der Rest eines Viergespannes, das vielleicht 
der syrakusische Prinz Polyzalos nach 480 seinem Vater Oelon 
errichtet hatte; doch ist dies unsicher. Es ist der einzige, aber 
um so wertvollere Überrest der zahllosen Erzstatuen, die einst 
Delphi geschmückt hatten. 

Außer dieser großen architektonischen und bildnerischen 
Ausbeute belohnten etwa 3000 Inschriften, großenteils von hohem 
sachlichen oder sprachlichen Interesse, die achtjährigen Ausgrabungen. 
Auch hier, wie in Olympia, gewährte Syngros und nach seinem 
Tode seine Witwe die Mittel zum Bau eines Museums. Einige 
Schatzhäuser, wie die der Athener und der Knidier, waren so 
vollständig aus dem Schutte wiedergewonnen worden, daß ihre 
Wiederherstellung, ähnlich wie beim Tempel der Athena Nike in 
Athen (S. 50), in Angriff genommen werden konnte. Für die 
Ordnung und angemessene Zusammenstellung der weit über das 
ganze Ausgrabungsgebiet zerstreuten einzelnen Baustücke und 
Inschriften hätte freilich das in Olympia gegebene Beispiel 
(S. 122) ausgiebiger befolgt werden sollen; schon heute ist es 
schwierig manche gefundenen Stücke wieder aufzufinden oder 
mit den zugehörigen Stücken zu vergleichen. Als Abschluß des 
Unternehmens ist eine große Publikation im Erscheinen, die die 
Früchte der Ausgrabungen dem wissenschaftlichen Publikum vor- 
legen soll. Man möchte fast bedauern (ich spreche da nicht 
bloß meine Ansicht aus), daß die Veröffentlichung gerade mit 
den Restaurationsentwürfen Tournaires begonnen hat, die, so 
elegant auch ihre Mache ist, doch sehr viel Willkürliches und 
Verfehltes enthalten und mehr auf eine Ausstellung vor großem 
Publikum berechnet als für wissenschaftliche Zwecke geeignet 



Delphische Einzelfunde. Kultstätten. Geheimkulte 149 

zu sein scheinen. Andere Hefte haben begonnen die reiche 
Ausbeute von Bronzen und Skulpturen in guten Abbildungen 
vorzulegen. Ohne Zweifel wird die Fortsetzung des Werkes, 
unter Homolles kundiger Oberleitung, auch noch jene Einzel- 
heiten bringen, ohne die sich ein Urteil über bauliche Rekon- 
struktionen nicht wohl gewinnen läßt (vgl. S. 116). Die Bau- 
werke sind eben sozusagen das Gerippe, ohne dessen sicheren 
Aufbau auch die übrigen Kunstwerke des festen Haltes entbehren. 



In fast dreißigjähriger Arbeit, bei der sich alle Nationen die 
Hände reichten, ist, mit Samothrake beginnend, mit Delphi und 
Ägina schließend, eine Reihe von Heiligtümern ans Licht ge- 
bracht worden, die ein bis dahin nur aus der Literatur bekanntes 
Kapitel der gottesdienstlichen Altertümer hell beleuchten. 

Gewisse Grundzüge sind allen diesen Anlagen gemeinsam. 
Der Altar ist immer das Erste (in Olympia ist sein Platz nicht 
ganz sicher); hochaltertümliche kleine Weihgeschenke finden sich 
in seiner Nähe, auch wohl eine Höhle, wie am Ptoion, oder eine 
künstlichere Grotte, wie in Delos. Mit der Bildung der Gottheit 
in Menschengestalt stellt sich dann auch das Tempelhaus als 
die Wohnung des Götterbildes ein; Nebengebäude werden bald 
erforderlich. Dieser Zustand liegt auf dem Ptoion, etwas ver- 
feinerter in Elateia vor; ohne Frage gilt das gleiche für eine 
Menge kleinerer oder abgelegener Kultorte. Am vornehmsten 
erscheint dieser Typus im argivischen Heräon, wo erst ein Neubau 
des Tempels die ganze Pracht vollendeter Kunst entfaltete. 

Nun scheiden sich aber die Heiligtümer nach ihrer ver- 
schiedenen Bedeutung. Wo ein Geheimkult bestand, wie an 
den Mysterienorten Eleusis und Samothrake, kam es vor allem 
auf Abgeschlossenheit an, sowohl des ganzen Bezirkes wie der 
Kultgebäude. Verschließbare Torgebäude bildeten den Zugang 
zu dem Bezirk, der entweder von Natur schwer zugänglich war 
(Samothrake) oder einen Mauerabschluß erhielt (Eleusis). In 
Eleusis, wo gewisse symbolische Schaustellungen den wesent- 
lichsten Teil der Zeremonien ausmachten, bedurfte es eines großen. 



150 VI. Griechische Heiligtümer 

mehrstöckigen, festummauerten Weihetempels, neben dem kleinere 
Kulttempel Platz fanden; der große Tempel ward im Laufe der 
Zeiten, entsprechend der wachsenden Menge der Eingeweihten, 
vergrößert. An dem jüngeren Mysterienheiligtum in Samothrake 
finden wir neben dem ersten Tempel des 4. Jahrhunderts einen 
stattlicheren Neubau der frühen Ptolemäerzeit, beide für die be- 
sonderen Bräuche des Kabirenkultes mit einer Opfergrube ver- 
sehen und so weiträumig, daß die Menge der Gläubigen der 
Handlung zuschauen konnte; hierin verschieden von dem kleinen 
böotischen Kabirion, wo der Opferhof nur äußerlich mit dem 
Tempel verbunden war. Für anderweitige geschlossene Ver- 
sammlungen mag in Samothrake der Rundbau Arsinoes gedient 
haben. Etwa gleichzeitig dürfte die lange offene Halle entstanden 
sein, die außerhalb des heiligen Bezirkes den Bedürfnissen der 
von allen Seiten herbeiströmenden Mysten auf der rauhen, ziem- 
lich unwirtlichen Insel entgegenkommen sollte. 

Weit großartiger gestalteten sich die Heiligtümer, die nicht 
allein dem Opferkulte dienten, sondern zugleich für Fest Ver- 
sammlungen und Wettspiele bestimmt waren. Olympia und 
Delphi, die Schauplätze der olympischen und pythischen Spiele, 
haben hier reichen Aufschluß gegeben, so daß kaum anzunehmen 
ist, daß Ausgrabungen auf dem Isthmos und in Nemea wesent- 
liche Ergänzungen bieten würden. Während in Delphi Apollon 
mit seinem öfter neugebauten Tempel fast der Alleinherrscher 
war (Dionysos tritt ihm zur Seite und Neoptolemos hat hier sein 
Grab), hatte in Olympia zuerst Hera ihren Tempel, daneben Pelops 
sein umschlossenes Grabgehege. Zeus scheint sich lange mit 
dem Opferdienst am großen Altar unter freiem Himmel begnügt 
zu haben, bis ihm nach den Perserkriegen ein die ganze Um- 
gebung beherrschender Tempel, bald auch Phidias Kolossalstatue 
aus Gold und Elfenbein errichtet ward. Später gesellte sich die 
Göttermutter als Dritte im Bunde hinzu. Gemeinsam sind beiden 
Orten, wenn auch nach Lage und Ausstattung verschieden, die 
Schatzhäuser, meist in Form von Antentempeln , die seit dem 
6. Jahrhundert sich rasch mehrten, um außer anderen Schätzen 
die kleineren Weihgeschenke der mit Delphi oder Olympia in 



EMe Anlage der Festplätze 151 

festem Kultverhältnisse stehenden Staaten aufzunehmen. Größere 
öffentliche Weihgeschenke und seit dem 6. Jahrhundert die un- 
endliche Menge der Siegerstatuen füllten den übrigen Raum des 
heiligen Bezirkes. In Olympia fanden sie bequemen Platz auf 
der geräumigen Fläche der Altis, in Delphi drängten sie sich 
entweder an der gewundenen Feststraße hin, oder sie stiegen 
auf den schmalen verfügbaren Plätzen des rasch ansteigenden 
Felsbodens empor. Der ganze Bezirk war hier wie dort um- 
mauert. In Olympia bildete auf der Ostseite eine geräumige 
Stoa eine Art Wandelhalle, während in Delphi der Felsabhang 
für solche offene Halle keine Möglichkeit bot; dafür trat hier 
am oberen Rande die Lesche der Knidier ein. Eine Besonderheit 
Delphis bildet das Theater innerhalb des Bezirkes, das wohl mit 
der Rolle zusammenhängt, die musische Aufführungen bei den 
Pythien spielten. Für die gymnastischen und ähnlichen Wett- 
kämpfe war an beiden Festorten innerhalb des Bezirkes kein 
Platz. In Olympia wie in Delphi stand jedoch der Schauplatz für 
die gymnastischen Kampfarten, das Stadion, in enger Verbindung 
mit dem heiligen Bezirk. Die Rennbahn für Wagen und Rosse 
lag dagegen in Olympia in der benachbarten Ebene, wo sie 
von den wandelbaren Fluten des wasserreichen Alpheios völlig 
hinweggespült ist; in Delphi mußte man gar von der steilen 
Höhe in das krisäische Blachfeld hinabsteigen, um für diese Wett- 
kämpfe genügenden Raum zu finden. An beiden Orten aber war 
der heilige Bezirk umgeben von allerlei anderen Anlagen, die in 
entfernterer Beziehung zum Heiligtum und zu den Spielen standen; 
besonders deutlich liegen sie in Olympia zutage (S. 127 f.). 

Das Amphiaraeion, obwohl mit Spielen und einem Theater aus- 
gestattet, ist doch im Vergleich mit den großen Nationalfestplätzen 
zu unbedeutend um hier besondere Berücksichtigung zu verdienen. 

In Delos handelt es sich nicht sowohl um Wettspiele, 
als um Kult feste, zu denen der nahe Hafen die von weither 
zusammenströmenden lonier herbeiführte. Daher fehlen Stadion 
und Hippodrom, und statt ihrer tritt auf dem engen ebenen Räume, 
den die Insel überhaupt nur bietet, die Stadt, der hier das Theater 
und die Palästra angehören, nahe an das Heiligtum heran. Dies 



152 VI. Griechische Heiligtümer 

erscheint infolgedessen dicht zusammengepfercht: die Tempel Apol- 
lons, seiner Schwester und seiner Mutter, nebst dem See, dem 
Zeugen der Zwillingsgeburt, die Schatzhäuser, die Hallen drängen 
sich eng zusammen, so daß der benachbarte Markt am Hafen als Ver- 
sammlungsplatz eintreten muß und die Tempel der fremden Götter, 
der ägyptisch-syrischen und der Kabiren, ebenso wie die Versamm- 
lungslokale der Ausländer draußen ihre Stätte zu suchen haben. 

Wiederum verschieden mußte die Anlage bei den Heilig- 
tümern des Asklepios sein, bei denen die Rücksicht auf die 
Gesundheit und die Kur den Kultus überwog. Das athenische 
Asklepieion ist freilich so klein, daß es als Kurort kaum in Be- 
tracht kommen kann; doch fehlen auch ihm Quelle und Hallen 
nicht. Die berühmten Heilstätten von Epidauros und Kos ge- 
boten dagegen über eine freie Lage und weite Räume. Säulen- 
hallen, die den kranken Wallfahrern als Schlafstellen dienten, und 
Wandelgänge bildeten einen wesentlichen Bestandteil, dazu reich- 
liche Nebengebäude. Im epidaurischen Hieron gab es auch An- 
stalten für Leibesübungen und ein Theater zur Unterhaltung, weil 
das Hieron fern von der Stadt liegt; in Kos machte die Nähe 
der Stadt dergleichen Anlagen entbehrlich. 

Das sind einige der Ergebnisse, die wir den dreißigjährigen 
vereinten Bemühungen verdanken. Auf ganz anderem Gebiete 
liegt es, daß diese Arbeiten die hohe Schule für die Methode 
und Technik der Ausgrabungen geworden sind. Überall strebt 
die Grabung, ohne das Einzelne und Kleine zu vernachlässigen, 
dem Ganzen zu. Die ursprüngliche Gestaltung sowohl der Ge- 
samtanlage wie aller einzelnen Teile zu ermitteln, die allmählichen 
Umgestaltungen durch den Lauf der Zeiten zu verfolgen, jeder 
Einzelheit ihren festen Platz in dieser Entwickelung anzuweisen 
und so die Ausgrabung zugleich zu einer Rekonstruktion des 
verlorenen Ganzen zu machen, das ist das auszeichnende Merk- 
mal dieser neuen Methode. Samothrake bezeichnet den Beginn, 
Olympia die Hauptstation auf diesem Wege; die folgenden Aus- 
grabungen der athenischen Archäologischen Gesellschaft und die 
französischen in Delphi haben die weitere Bewährung der ge- 
wonnenen Lehren gegeben. 



VII 

ANTIKE STÄDTE 




as Streben nach wissenschaftlicher Kenntnis antiker Ge- 
samtanlagen konnte nicht bei den Heiligtümern stehen 
bleiben, sondern mußte sich auch auf das Ganze antiker 
Städte richten. Zeitlich gingen beide Forschungen nebeneinander 
her, ja an einem Punkte hatte die Städteforschung einen Vor- 
sprung. Es war nur natürlich, daß sie da einsetzte, wo die 
Ausgrabungen schon früher vorgearbeitet hatten, in Pompeji. 

Pompeji war seit 1860, wo die von Grund aus verrottete 
borbonische Mißregierung ihr Ende gefunden hatte, in ein neues 
Stadium der Erforschung getreten. Die italienische Regierung 
hatte verdientermaßen Giuseppe Fiorelli, einen durch und durch 
wissenschaftlich gearteten Mann, 'der unter den Borbonen nur 
im Kampfe mit kleinlichen Hindernissen seine pompejanischen 
Studien hatte betreiben können, mit der Leitung der Ausgrabungen 
betraut. Diese wurden nicht bloß mit größerer Energie, sondern 
auch nach besserer Methode durchgeführt. Bisher hatte man fast 
nur einzelne Häuser in Angriff genommen. Dabei war es un- 
vermeidlich gewesen, daß in der mehr oder weniger engen Grube 
die oberen Teile der Häuser hinabstürzten und sich so der 
Forschung entzogen. In der Tat kannten wir kaum ein oberes 
Stockwerk in Pompeji, so vielfach auch Treppen auf deren einst- 
maliges Vorhandensein hinwiesen. Fiorelli ließ nun ganze, von 
Straßen begrenzte Häuserblöcke (»Inseln«) auf einmal vornehmen 
und von oben schichtweise bloßlegen; was von Balken oder 
charakteristischen Bauteilen entblößt wurde, ward vorsichtig be- 
wahrt, gestützt oder durch neue Balken ersetzt, und so ward 



154 VII. Antike Städte 

allmählich in die Tiefe vorgerückt. So überraschte z. B. die 
Beschauer ein auf diese Weise wiedergewonnener Erker im Ober- 
stock, der für das Aussehen der Gasse so charakteristisch war, 
daß er ihr den Namen des vicolo del balcone pensile verschaffte. 
Wiederherstellung der pompejanischen Häuser nach ihrem mehr- 
stöckigen Aufbau, der Dachanlage usw., ward erst jetzt möglich 
und dadurch eine viel vollständigere Kenntnis des italischen 
Hausbaues gewonnen. Ein weiteres Verdienst Fiorellis bestand 
darin, daß das bisher mit althergebrachter Engherzigkeit erschwerte 
Studium Pompejis nunmehr allen freigegeben ward. Eine eigene 
scuola di Pompei ward gegründet, aber ebenso auch allen Fremden 
der Zutritt eröffnet, eine Erlaubnis, von der namentlich die An- 
gehörigen des römischen Archäologischen Instituts dankbar Ge- 
brauch machten. 

Zuerst knüpfte die Forschung an den Teil der Ausgrabungs- 
ergebnisse an, der am einzigartigsten erschien und am populärsten 
war, die Wandgemälde. Schon oben (S. 110) wurden Helbigs 
Arbeiten erwähnt, die in diesen Gemälden wesentlich hellenistisches 
Erbgut erkannt haben. Otto Donner ergänzte diese Untersuchungen 
durch den Nachweis, daß die viel bestrittene Technik der Malereien 
die von den Alten mit besonderem Geschick, etwas abweichend 
von den Neueren, geübte Freskomalerei sei. Mit jenen Unter- 
suchungen ward die Frage der Scheidung hellenistischer Überliefe- 
rung und pompejanischen Eigengutes auf die Tagesordnung gesetzt 

In demselben Jahre 1873, wo Helbigs »Untersuchungen« 
erschienen, veröffentlichte Fiorelli das Ergebnis langjähriger For- 
schungen, die die gesamte Stadtanlage und die Baugeschichte 
Pompejis zum Gegenstande hatten. Die Stadtanlage, nach italischer 
Weise auf Grund der sich rechtwinklig schneidenden Hauptstraßen 
cardo und decumanus gegliedert, mit allen den daran sich an- 
schließenden Kontroversen dürfen wir hier, wo es nur auf die 
künstlerische Entwickelung ankommt, beiseite lassen. Es soll 
nur darauf hingewiesen werden, daß 1888/89 Brizio in Marza- 
botto, unweit Bologna, eine italische Stadt aus der Zeit um 500 
vor Christo nachgewiesen hat, die das auf jenen Grundlinien auf- 
gebaute rechtwinklige Straßennetz in strengster Durchführung zeigt. 



Pompeji. Perioden der Baugeschichte 155 

Für unsere Zwecke bedeutender sind Fiorellis Untersuchungen 
über die Baumaterialien und die Bautechnik der pompejanischen 
Bauten und über die Folgerungen, die sich daraus für die Bau- 
geschichte der Stadt ergeben. Die grundlegenden Tatsachen hat 
Fiorelli richtig erkannt, so vieles auch im einzelnen durch die 
gleichzeitig mit Fiorelli in gleicher Richtung vorgenommenen 
Forschungen Richard Schönes und Heinrich Nissens genauer 
bestimmt worden ist. Schönes »Probe pompejanischer Unter- 
suchungen« war schon 1868 erschienen, die von Nissen ausge- 
führte Bearbeitung der gemeinsamen Forschungen beider Freunde 
erschien 1877; viele nachträgliche berichtigende Einzelunter- 
suchungen brachte seit 1879 August Mau. Die seitdem in die 
populären Darstellungen Pompejis übergegangenen Hauptresultate 
lassen sich kurz so zusammenfassen. 

Die älteste Zeit Pompejis ist die »Kalksteinperiode«, wo aus 
dem Kalkstein des benachbarten Flusses Sarno mit Hilfe von 
Lehm einfache Häuser (»Atriumhäuser«) gebaut wurden, ohne 
Säulen, einstöckig, ohne allen farbigen Schmuck, also von dem 
späteren Bilde Pompejis völlig abweichend. Das besterhaltene 
Beispiel bietet in ihrem ursprünglichen Teile die sogenannte casa 7i9 
del chirurgo. — Darauf folgt (nach Nissen um etwa 200, viel- 
leicht erst etwa ein halbes Jahrhundert später) die »Tuffperiode«, 
wo der Tuff von Nocera neben den Kalkstein tritt. Das feinere 
Material ermöglicht eine feinere Ausführung aller Glieder. Mit 
dem Gebrauche von Säulen tritt eine Erweiterung des altitalischen 
Hausplans ein. Peristyle, Säle verschiedener Art und andere 
griechische Bauteile schließen sich den altüberlieferten an, und 
ein oberes Stockwerk tritt hinzu. Gegen die Straße fangen die 
bisher festgeschlossenen Häuser an sich in Läden zu öffnen. 
Daneben werden die Wände farbig, wenn auch noch ohne Ge- 
mäldeschmuck. Die Häuser steigern sich gelegentlich, wie z. B. 
22 die casa del Fauno, zu palastartiger Größe und Pracht der Aus- 759 
21 stattung. Stattliche öffentliche Gebäude entstehen, Theater, Bäder 
und Palästren, die schöne Basilika, der Apollotempel mit seinem 598 
nach hellenistischer Weise hallenumgebenen Tempelhof. Alles in 
dieser architektonischen Glanzperiode der samnitischen Freistadt 



156 VII. Antike Städte 

weist auf starke griechische Kultur- und Kunsteinflüsse hin, die 
zum Teil ihren Ursprung im Osten zu haben scheinen, aber 
sich von der kleinasiatischen Architektur, die um die gleiche Zeit 
in Rom die Herrschaft gewinnt, wesentlich unterscheiden. — Mit 
der Verwandlung Pompejis in eine römische Kolonie durch Sulla 
hört diese Pracht auf. Neben Tuff und Lava werden gebrannte 
Ziegel das beliebteste Baumaterial dieser »Ziegelperiode«. Die 
Ziegel verlangen Bewurf, und die Wände werden nicht mehr bloß 
farbig, sondern auch sowohl mit dekorativen Malereien wie mit 
wirklichen Gemälden geschmückt. 

Wie anders war das Bild dieser allmählichen Entwickelung 
als die bisher allgemeingültige Vorstellung von dem gleichmäßig 
farbenfrohen »pompejanischen Stil«! Aber nicht die einzelnen so 
gewonnenen Kenntnisse waren die Hauptsache, sondern daß auch 
hier der allgemeine Zug zu historischer Auffassung, zur Erkenntnis 
der Entwickelung, d. h. des Lebens, zum Durchbruch kam. 
Pompeji ward uns eine werdende Stadt, deren künstlerische Fort- 
bildung wir im Zusammenhange mit der Entwickelung des städti- 
schen Gemeinwesens und mit den großen politischen Ereignissen 
verstehen lernten. Es war das gleiche Streben, nur energischer 
und mit vollerer Sachkenntnis verfolgt, wie es Ernst Curtius auf 
griechischem Boden sich vorgesetzt hatte. Seine Versuche die 
Stadtgeschichte von Pergamon und Ephesos auf Grund der auf 
einer kleinasiatischen Reise (1871) gewonnenen Ortsanschauung 
zu rekonstruieren mußten freilich an der Lückenhaftigkeit dieser 
Grundlage scheitern, sie verfolgten aber doch dasselbe Ziel wie 
Wissens »Pompejanische Studien«. 

Parallel mit Fiorelli- Schöne -Wissens pompejanischen For- 
schungen gingen ebendort August Maus Studien, deren Ergeb- 
nisse im gleichen Jahre wie Helbigs Untersuchungen und Fiorellis 
Bericht, 1873, im Qiornale degli scavi di Pompei ihre erste Formu- 
lierung erhielten, um neun Jahre später in ausführlicher Darstellung 
dem Publikum vorgelegt zu werden. Mau hatte seine Aufmerksam- 
keit auf die Art der farbigen Wanddekoration in Pompeji gerichtet, 
die bisher neben den eigentlichen Gemälden nur oberflächliche Be- 
achtung gefunden hatte. So galt auch hier als »pompejanischer Stil« 



Pompeji. Die Dekorationsstile 157 

was in Wirklichkeit ein Gemenge verschiedenartiger, unzusammen- 
hängender Erscheinungen war. Mau brachte Ordnung in dies 
Chaos, indem er die historische Betrachtungsweise einführte. 

Natürlich geschah dies im Anschluß an die gleichzeitig er- 
mittelten Perioden der Baugeschichte. Die farblose »Kalkstein- 
periode« schied von selbst aus; erst als die hellenistische Strömung 
sich Pompejis bemächtigte, zog griechische Farbenfreudigkeit dort 
ein. Die vornehmste Zeit Pompejis, die »Tuffperiode«, begnügte 
sich mit der »Inkrustation«, d. h. mit dem Belag der Wände 760 
mit nachgeahmten Quadern von buntem Marmor, die aus Stuck xi 
sehr sauber in Relief hergestellt wurden. Pilaster und Gesimse, 
ebenfalls in Stuckrelief, traten die Wand gliedernd oder ab- 
schließend hinzu. Es ist ein Außenstil, der in das Innere über- 
tragen ward und die Räume mit rein architektonischen Mitteln 
fest umschloß. Die ernste, etwas steife Pracht dieser Wandbe- 
kleidung ward durch Mosaiken auf dem Fußboden (z. B. die 
94 Alexanderschlacht, S. 65) ergänzt; griechische Kunstwerke, grie- 559 
chisches erlesenes Hausgeräte vervollständigten das Bild. 

An den Ziegelwänden der sullanischen Kolonie machte dieser 
Inkrustationsstil einer völlig abweichenden Dekorationsweise Platz. 
Die durch die Quaderwände beengten Räume strebten nach Er- 
weiterung, deren Eindruck man durch perspektivisch zurücktretende 
Architekturen zu erzielen suchte; dabei blieb aber die Wand 765 

XI 

glatt, die Perspektive war auf bloß malerische Mittel beschränkt. 
Bald begnügte man sich die Wand scheinbar hinter Pfeilern mit 
Blumengehängen zurücktreten zu lassen; bald eröffnete sich 
zwischen dunkel beschatteten Pfeilern ein freier Ausblick in eine 763/64 
weite Landschaft, die auch wohl mit Staffage belebt war (vgl. 
S. 67 f.); bald vereinigten sich beide Mittel, wofür das römische 

96 Haus der Livia (S. 107) die reichsten Belege darbietet. Eine ge- 765 
haltene farbenfrohe Stimmung hatte sich der Wände bemächtigt; 
die landschaftlichen und Staffagemotive verdankten anscheinend 
einem römischen Künstler Tadius ihre Einführung. 

Völlig neu war Maus Feststellung eines dritten, etwa der 

97 augustischen Zeit angehörigen Stils, den man als ornamentalen sos 
Flächenstil bezeichnen kann. Die Wandfläche tritt wieder in ihr 



158 ' VII. Antike Städte 

Recht, die raumerweiternde Perspektive schwindet ganz oder fast 
ganz. Alle Ornamente werden flächenmäßig, bortenartig oder xi 
in der Art eingelegter Arbeit ausgeführt; eingerahmte Gemälde 309 
strengeren Charakters treten an die Stelle der Ausblicke ins Freie. 
Ernstere Farben sind beliebt, doch fehlt es auch nicht an reicheren 
Tönen. Die ganze etwas kühle Dekoration erinnert an Horazens 
höfische Dichtungen; auch die sorgfältige Ausführung entspricht 
dem vornehmen Gesamteindruck. 

Der vierte Stil endlich, der phantastische Architekturstil, 812 
herrscht in den letzten Zeiten Pompejis. Es ist derjenige Stil, 
an den wir Modernen zuerst denken, wenn Pompeji genannt 
wird. Er stellt die konsequente Weiterentwickelung des zweiten, 
perspektivischen Stils dar. In allmählichen Abstufungen löst sich 
die ganze Wand zuletzt in Perspektiven auf; die architektonischen 
Gebilde kehren sich an keine Wirklichkeit mehr und erreichen 
namentlich in den oberen Wandteilen eine ausschweifende Phan- 
tastik. Die Farben werden bunter, ja schreiend; die Ausführung xi 
wird derber, flüchtiger und nimmt vielfach zur Schablone ihre 
Zuflucht Die zahlreichen Wandgemälde wiederholen gern die 
gleichen Muster; sie spiegeln die Welt hellenistischer oder ovi- 
discher Liebespoesie und zeigen ebenso große Vorliebe für nackte 819 
Gestalten, wie der vorige Stil sich ihrer enthielt. Diese Richtung 
feiert ihre Orgien in den letzten Jahren Pompejis, zwischen dem 
großen Erdbeben von 63 und dem Untergang im Jahre 79. 

So ungefähr erschien die Entwickelung dieses Teiles der 
pompejanischen Kunst. Mau hielt die vier Stile für zeitlich ein- 
ander ablösend. Dies steht für die ersten beiden fest, für die 
letzten beiden kann man zweifeln, ob sie nicht nebeneinander 
hergingen: der dritte Stil als bewußte Reaktion gegen die per- 
spektivische Richtung des zweiten Stils, vornehm, exklusiv, schon 
um seiner Kostspieligkeit willen nur auf Wohlhabende berechnet, 
während der vierte Stil den zweiten unmittelbar fortsetzte und ebenso 
in seiner effektvollen Darstellungsweise wie in seiner oberflächlicheren 
Mache den Ansprüchen und den Mitteln des größeren Publikums 
entgegenkam. Daß der letzte Stil den anderen bald verdrängte, ist 
natürlich, vollends bei der ganzen Richtung der neronischen Zeit 



Pompeji. Griechische Vorbilder 159 

Es versteht sich von selbst, daß diese vier Stile nicht auf 
Pompeji beschränkt waren oder in der kleinen Landschaft selb- 
ständig entstanden sind. Hie und da bietet uns Rom, namentlich 
für den zweiten und den vierten Stil, nächstliegende Parallelen; 
der erste findet sich in Pergamon und noch sonst an manchen 
Orten, neuerdings in Pergamon auch der zweite. Aber die Frage 
nach der Herkunft der verschiedenen Arten der Wanddekoration 
und nach den Faktoren, die auf ihre Entwickelung oder ihren 
Wechsel eingewirkt haben, ist noch ungelöst, ja kaum ernstlich 
in Angriff genommen. Einiges liegt freilich auf der Hand. Der 
Inkrustationsstil z. B. kann nur in einer Gegend entstanden sein, xi 
wo bunter Marmor heimisch oder leicht erreichbar war. Bei dem 
dritten Stil, dem eigentümlichen Erzeugnis der augustischen Zeit, 
ist es gewiß kein Zufall, daß die häufigen ägyptisierenden Zu- sn 
taten mit der Unterjochung Ägyptens im Jahre 30 zusammenfallen; 
das Fehlen dieses Stils in der Hauptstadt (wenigstens nach dem 
bisherigen Stand unserer Kenntnisse) bedarf dagegen noch der 
Erklärung. Für die phantastischen Architekturspiele des vierten 
Stils endlich scheint eine Nachricht über den karischen Maler 
Apaturios nach Kleinasien zu weisen, so daß man vermuten 
möchte, die ganze auf perspektivische Erweiterung zielende Rich- 
tung stamme, im Gegensatze zu jener alexandrinisierenden, von 
dort her. Aber das sind alles Fragen, deren sichere Lösung nur 
durch neue Entdeckungen gewonnen werden kann; sie lassen 
sich nicht bloß aus dem Osten, sondern vielleicht auch aus dem 
griechischen Süden Italiens erwarten. 

Hier, wie bei den Fragen der Bautechnik und Baugeschichte 
haben wir in Pompeji zunächst nur die samnitische Landstadt 
vor uns, die durch hellenistische Einwirkungen hindurch sich 
zur römischen Veteranenstadt entwickelt. Ebenso wichtig ist es 
aber, dies Bild in den Zusammenhang der allgemeineren Kunst- 
geschichte einzuordnen, die ihr Gepräge noch immer von grie- 
chischer Seite erhielt. Somit mußten wir unsere Blicke nach 
Osten richten, ob nicht die Erforschung griechischer Stadt- 
anlagen uns weiter zu führen vermöchte. Dabei konnte weniger 
das eigentliche Griechenland, das in der Spätzeit immer mehr 



160 VII. Antike Städte 

verfiel, als das in hellenistischer wie in römischer Zeit viel 
blühendere Kleinasien in Betracht kommen, wo schon Newton 
durch seine Untersuchung von Knidos (S. 96) die Fruchtbarkeit 
einer solchen Arbeit erwiesen hatte. 



Den ersten Schritt auf dieser Bahn zu tun fiel wiederum 
Alexander Conze zu, indem er die Ausgrabung von Pergamon, 
wenn auch nicht zuerst anregte (das war schon früher durch 
Gustav Hirschfeld geschehen), so doch sie angriff und ihr die 
Richtung auf das Ganze gab. Der Residenzstadt der Attaliden 
hatte schon Texier (S. 89) flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt. 
Dann hatten 1871 Ernst Curtius und Friedrich Adler das was 
von Altertumsresten zutage lag gemustert und Curtius danach 
versucht eine — freilich verfehlte — Stadtgeschichte von Per- 
gamon in großen Zügen zu entwerfen. Ein besonders wertvolles 
Ergebnis dieser Reise war die Bekanntschaft mit Karl Humann, 
der seit 1861 als Ingenieur in Kleinasien lebte und seit 1869 
eine Zeitlang den Mittelpunkt seiner Tätigkeit in Pergamon hatte. 
Er war ein trefflicher, ungewöhnlich sympathischer Mann, an 
den (nach Conzes tiefempfundenem Ausdruck) wer ihn kannte 
nicht ohne Herzbewegung zurückdenken kann. Völlig eingelebt 
in Sprachen, Sitten, Anschauungen seiner neuen Heimat, bei 
Hoch und Niedrig beliebt und angesehen, dabei deutschen Idea- 
lismus mit praktischem Sinn und zäher Energie verbindend, 
war Humann vor anderen berufen der archäologischen Forschung 
die wertvollsten Dienste zu leisten. Seine warme Begeisterung 
für das Altertum fand in Pergamon frische Nahrung. Hier hatte 
ja eines der hervorragendsten Herschergeschlechter aus der Nach- 
folge Alexanders des Großen seinen Sitz aufgeschlagen, von hier 
aus die landverwüstenden Galater bekämpft und besiegt, das 
Reich allmählich vergrößert, die Hauptstadt zu einem Mittelpunkte 
sowohl gelehrter Studien wie der Bildkünste gemacht, von welch 
70 letzteren der sterbende Galater im Kapitol und die ludovisische 677 
Galatergruppe im Thermenmuseum seit lange glänzendes Zeugnis 678 
ablegten. Kein Wunder daß in Humanns regem Geiste der 



Pergamon 161 

Wunsch entstand hier durch Ausgrabungen alte Herrhchkeit neu 
erstehen zu sehen; war er doch Zeuge, wie auch hier die Kalk- 
brenner die kostbarsten Reste des Altertums beständig vernichteten, 
ein Verfahren, dem er alsbald nicht ohne Erfolg entgegenzutreten 
unternahm. Aber sein Wunsch, wenn er auch zunächst durch 
Hirschfelds Bemühung Erfolg zu versprechen schien, fand doch 
in Berlin, wohin Humann sich gewandt hatte, kein nachhaltiges 
Echo. Ein paar von der Burg von Pergamon stammende Bruch- 
stücke einer überlebensgroßen Reliefdarstellung von ungewöhn- 
lichem Stil, die Humann als appetitreizende Gabe dem Berliner 
Museum übersandt hatte, waren von der damaligen Verwaltung, 
der die Neuordnung der Gipsabgüsse, die sogenannte Puppen- 
wanderung, mehr am Herzen lag, ohne Dank und ohne Be- 
achtung der Sammlung einverleibt worden. Und doch hatte 
Brunn kürzlich auf eine späte Nachricht von einem Altar mit 
großer Gigantomachie in Pergamon als einer Art Weltwunder 
hingewiesen, und es fehlte nicht an Archäologen, welche in jenen 
Bruchstücken Überbleibsel dieses Werkes vermuteten. Diese Spur 
ward aber zunächst nicht weiter verfolgt. 

Das sollte erst anders werden, nachdem 1877 Conze von 
Wien nach Berlin übergesiedelt war und die Leitung der Skulp- 
turenabteilung des Berliner Museums übernommen hatte. Er be- 
nutzte einen gegebenen Anlaß um sich zu Humann in Beziehung 
zu setzen und holte dessen Ansicht über die Ausführbarkeit 
einer Grabung zur Suche nach dem Gigantenaltar ein. Humann, 
der jetzt endlich einen Genossen seiner Pläne gefunden hatte, ge- 
riet in Feuer und Flamme durch die frohe Aussicht gemeinsamer 
Arbeit. Eine byzantinische Mauer oben auf dem Burgfelsen, aus 
der die bisherigen Fragmente stammten, schien ihm eine reiche 
Ausbeute zu versprechen. Fortan arbeiteten beide Männer im 
engsten Vereine und in warmer Freundschaft, die jeden von ihnen 
mit dem anderen zu ungetrübtestem Zusammenwirken verband. 
Die Verhältnisse waren so eigentümlich, daß der damalige General- 
direktor der preußischen Museen von dem ganzen Plane nichts 
erfahren durfte. Der damalige Ministerialreferent, spätere General- 
direktor Richard Schöne half alles ins Werk setzen, und der 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. \\ 



162 VII. Antike Städte 

Kronprinz als Protektor der preußischen Museen gewährte wirk- 
same Unterstützung, so daß es gelang, ohne daß etwas darüber 
laut ward, in Konstantinopel den Firman zu erwirken, der die 
Ausgrabungen gestattete: von der Ausbeute sollten Preußen zwei 
Drittel, ein Drittel der Pforte zufallen. Die Zeitumstände be- 
günstigten den erfolgreich stillen Verlauf der Unternehmung. 
Die Augen der archäologischen Welt waren gerade auf Olympia 
gerichtet, und das Interesse des großen Publikums war dermaßen 
durch Heinrich Schliemanns verblüffende trojanische Entdeckungen 
(Kap. VIII) in Anspruch genommen, daß Pergamon vor Troja 
ganz verschwand. Geschah es doch, daß ein Seekadett, der im 
Frühjahr 1879 an der Einschiffung pergamenischer Beute mit- 
wirkte und darüber nach Hause berichtete, von seinem Vater 
die Belehrung erhielt, er schreibe irrtümlich von Pergamon und 
Humann, der Ort heiße Troja und der Mann Schliemann! 

Die Burg von Pergamon krönt einen 310 Meter hohen, 
mit breitem Rücken nach Süden abfallenden Berg. Am 9. Sep- 
tember 1878 setzte Humann den Spaten an mit den patriotischen 
und zugleich mit Rücksicht auf seine Zuhörer (die ihn freilich 
mehr anstaunten als verstanden) orientalisch gefärbten Worten: 
»Im Namen des Protektors der Königlichen Museen, des glück- 
lichsten allgeliebten Mannes, des nie besiegten Kriegers, des Erben 
des schönsten Thrones der Welt, im Namen unseres Kronprinzen 
möge dies Werk zu Glück und Segen gedeihen!« »Meine Arbeiter«, 
sagt er in seinem überaus anziehenden Bericht, »haben geglaubt, 
ich spreche eine Zauberformel, und sie hatten nicht ganz Un- 
recht« Jene alte byzantinische Burgmauer, mit deren Abbruch 
begonnen ward, erwies sich gleich der olympischen Jelänger- 
jeliebermauer (S. 122) als eine Schatzkammer eigener Art. Bald 
als ganze Platten, bald in Bruchstücken waren große Teile des 
gewaltigen Frieses mit der Bildseite nach innen darin vermauert 
Gleich zu Anfang fanden sich bedeutende Platten, der wagen- 
lenkende Helios und der Apollon, der es an Schönheit mit 685(86 
dem belvederischen aufnimmt; bis zum Jahresschluß waren es 
39 Platten! »Wir haben eine ganze Kunstepoche gefunden«, 
jubelte Humann, »das größte aus dem Altertum übriggebliebene 



Beginn der Ausgrabung. Der Zeusaltar in Pergamon 163 

Werk haben wir unter den Händen.« Um die großen Blöcke 
nach dem etwa 30 Kilometer entfernten Hafenort Dikeli zu schaffen 
mußte die Landstraße in Stand gesetzt und in Dikeli eine Landungs- 
brücke gebaut werden. Im folgenden Jahre 1879 ward dann 
unter Conzes persönlicher Mitwirkung der Kern des Altarbaues 
aufgedeckt, und weitere Plattenfunde gingen nebenher. Wir lassen 
noch einmal Humann berichten. 

»Ich hatte Besuch in Pergamon; meine Frau war von Smyma 
herübergekommen und Herr Dr. Boretius aus Berlin, auf einer Orient- 
reise Smyma berührend, gleichfalls. Es war am 21. Juli [1879], daß 
71,3 ich die Besucher einlud mit zur Burg zu kommen, um die Platten 
wenden zu sehen, die mit dem Rücken nach außen und mit der be- 
arbeiteten Seite gegen den Schutt standen. Während wir hinaufstiegen, 
umkreisten sieben mächtige Adler Glück verheißend die Burg. Die 
erste Platte fiel um. Es war ein gewaltiger, auf seinen Ringelfüßen 
stehender Gigant, der uns den muskulösen Rücken zeigt, das Haupt 
nach links gewandt, eine Löwenhaut auf dem linken Arm — »sie paßt 
leider an keine bekannte Platte« sagte ich. Die zweite fiel. Ein herr- 
licher Gott, die volle Brust zeigend, so gewaltig und doch so schön, 
wie noch keine dagewesen. Um die Schultern hängt ein Gewand, das 
dann die beiden weit ausschreitenden Beine umflattert. »Auch diese 
Platte paßt mir an nichts Bekanntes!« Die dritte Platte zeigt einen 
schmächtigen Giganten, der in die Kniee gestürzt ist; die Linke greift 
schmerzhaft zur rechten Schulter, der rechte Arm ist wie gelähmt — 
ehe er ganz von Erde gereinigt ist, fällt die vierte Platte: ein Gigant 
stürzt rücklings auf den Felsen; der Blitz hat ihm den Oberschenkel 
durchbohrt — ich fühle deine Nähe, Zeus! Fieberhaft umeilte ich die 
vier Platten. Hier die drittgefundene paßt an die erstgefundene: der 
Schlangenringel des großen Giganten geht deutlich in die Platte mit 
dem ins Knie gesunkenen Giganten über. Der obere Teil dieser Platte, 
wohinein der Gigant seinen fellumwickelten Arm streckt, fehlt; doch 
sieht man deutlich, er kämpft über den gestürzten hinweg. Sollte er 
gegen den großen Gott kämpfen? Wahrlich ja, der linke vom Gewand 
umwallte Fuß verschwindet hinter dem knienden Giganten. »Drei 
passen aneinander« rufe ich und bin schon bei der vierten: sie paßt 
auch — der blitzgetroffene Gigant fällt vom Gott abwärts. Ich zitterte 
förmlich am ganzen Leibe. Da kommt noch ein Stück — mit den 
Nägeln kratze ich die Erde ab: Löwenhaut — es ist der Arm des 
riesigen Giganten — dem gegenüber ein Gewirr von Schuppen und 
Schlangen — die Ägis! es ist Zeus! Ein Werk, so groß und herrlich 
wie irgend eins war der Welt wiedergeschenkt, unseren ganzen Arbeiten 

11* 



164 VII. Antike Städte 

die Krone aufgesetzt, die Athenagruppe hatte ihr schönstes Gegenstück 
erhalten. Tief ergriffen umstanden wir drei glücklichen Menschen den 
köstlichen Fund, bis ich mich auf den Zeus niedersetzte und in dicken 
Freudentränen mir Luft machte.« 

In zweijähriger Arbeit waren die Reliefs des Altares geborgen, 
neben großen Platten und Stücken zahllose Bruchstücke und Splitter. 
Für Berlin blieb die mühsame und langwierige Arbeit alles Zu- 
sammengehörige zusammenzufinden und zusammenzusetzen, so- 
dann die Verteilung auf die vier Seiten vorzunehmen, wobei sich 
Otto Puchstein ein Hauptverdienst erwarb. Er fand durch metho- 
dische Forschung sichere Anhaltspunkte dafür, daß die höchsten 
Olympier die Ostseite, die Tagesgötter die mittägige, die Götter 
der Nacht, der Gestirne und die Höllenmächte die mitternäch- 
tige Seite einnahmen, während die Abendseite zumeist der breiten 
Aufgangstreppe gehörte. Eine Götterwelt von bisher unerhörter 
Ausdehnung und Mannigfaltigkeit bewegt sich im Kampfe mit 
den Erdsöhnen, die in verschiedenartigster Körperbildung auf- 
treten; alles ein einziges Wogen und Rauschen ohne Ende. Ein 
zweiter kleinerer Fries, der die Abenteuer des pergamenischen 
Nationalhelden Telephos schildert, fand durch Carl Robert und 
Hans Schrader, soweit die Zerstörung es erlaubte, seine Ordnung 
und Erklärung, durch letzteren auch der eigentliche Altarbau bis 
zu einem gewissen Grade seine Wiederherstellung, während die 
Gesamtanlage mit der Säulenhalle über dem Gigantenfriese bereits 
in Pergamon von Richard Bohn im wesentlichen richtig erkannt 
worden war. Im neuen Pergamon-Museum ward dann der Altar 684 
wieder aufgebaut, so daß der Fries mit jeder Einzelheit in gutem 
Lichte betrachtet werden kann; nur darf man unter der lastenden 
flachen Glasdecke nicht an die luftige Höhe von Pergamon und 
die ursprüngliche Lage des »Stuhles des Satanas« (Offenb. 2, 13) 
denken. Das Berliner Museum hatte mit der Erwerbung der 
Altarreliefs (die türkische Regierung hatte ihr Drittel käuflich ab- 
getreten) mit einem Schlage eine Bedeutung erhalten, die wenig- 
stens seiner Skulpturenabteilung bisher nicht zukam. Die durch 
Größe, Stil, Darstellungsweise mächtig wirkenden Reliefs wurden, 
völlig neu wie ihr Eindruck war, von einigen Seiten zuerst etwas 



Der Zeusaltar in Pergamon ld65 

überschätzt, indem sie bald über die Bildwerke vom Parthenon 
gestellt, jbald als Inbegriff der ganzen hellenistischen Skulptur 
angesehen wurden. Beides war übertrieben; wohl aber gab der 
Gigantenfries zuerst einen Begriff von der hohen Leistungsfähig- 
keit der hellenistischen Plastik, in der man bisher geneigt gewesen 
war nur impotente Verfallkunst zu sehen. Dadurch daß sich der 
Fries bestimmt datieren ließ (unter König Eumenes II., etwa um 
180), gewann die Kunstgeschichte eine doppelt wertvolle Be- 
reicherung. Dies in Formen und Motiven protzende Barock, 
von dem bisher nur vereinzelte Spuren bekannt waren, erwies 
sich hier als eine bedeutsame Richtung der hellenistischen, speziell 
der pergamenischen Kunst, und zwar zu einer Zeit, wo das 
europäische Griechenland nur noch ärmliche Nachwirkungen seiner 
klassischen Periode aufzuweisen hatte. Auch die Architekturteile 
des Altars bewährten einen hohen, auf das Große gerichteten 
Sinn in der Baukunst jener Zeit. 

So weit der pergamenische Altar, um des willen die ganze 
Unternehmung vom Berliner Museum unternommen worden war. 
Aber wie einst Saul ausgezogen war um seines Vaters Eselinnen 
zu suchen und ein Königreich gefunden hatte, so ging es auch 
hier. Der Altar hatte sich nur als eine Einzelheit in der perga- 
menischen Hochstadt erwiesen — sollte man darauf verzichten 
diese vollständig aufzudecken? Hier liegt ein neues großes Ver- 
dienst Conzes. Indem er diese Erweiterung des ursprünglichen 
Planes betrieb, ergab sich als Gegenstand der Forschung die 
Gesamtanlage einer antiken Stadt, zunächst ihres höchstgelegenen 
Teils. Für die neue Aufgabe, die auch Humann mit voller 
Energie erfaßte, ward 1880 in Richard Bohn der bereits in 
Olympia (S. 122) und in Athen (Kap. XI) erprobte leitende Ar- 
chitekt gewonnen, der sich ganz in Pergamon ansiedelte. Neben 
ihm waren die Architekten Hermann Stiller und Otto Raschdorff, 
die Archäologen Karl Schuchhardt, Ernst Fabricius und andere 
tätig. Das damalige »Deutsche Haus«, im Griechenquartier am 
Burgabhange gelegen, bot Jahre lang ein fleißiges und fröhliches 
Leben und Treiben, durch häufigen Besuch von Fachgenossen 
und Künstlern noch erhöht. An den Schränken des gemeinsamen 



166 VII. Antike Städte 

Eßzimmers, die den kleinen Bücherschatz und ein paar feinere 
Flaschen bargen, erinnerten die Inschriften nutrimentum spirittis 
(nach Berliner Übersetzung bekanntlich »Spiritus ist ein Nahrungs- 
mittel«) an Friedrich des Großen Berliner Bibliothek, Utteris et 
patriae an das eben entstehende neue Universitätsgebäude in 
Straßburg. Der frische Sinn, der hier herrschte, fand einen hübschen 
Ausdruck in den von dem Maler Kips künstlerisch umrahmten 
Versen: 

Des Morgens früh ein feiner Fund 

und fröhlich Tun in treuem Bund; 

bei gutem Wein zur Abendstund 

ein lieber Gast in unsrer Rund; 

dazu ein Brief mit froher Kund: 

das hält hier Leib und Seel gesund. 

(Das kleine Fresko wird in dem wieder in griechische Hände 
übergegangenen Hause wie ein Schatz bewahrt und Fremden 
gern gezeigt, die dann auch die hier nicht wiedergegebenen 
Schlußverse beachten mögen.) Wer in jenem bescheidenen Haus 
einmal diese Mischung von Ernst und Fröhlichkeit mitgemacht 
hat, behäh die Tage in dankbarem Andenken. Und über allem 
waltet auch in der Erinnerung der Zauber der Persönlichkeit 
dessen, der dem Hause vorstand, Karl Humanns. 

Die Stadt Pergamon, besonders die Hochstadt, baut sich in 613 
Terrassen auf; eine solche Terrasse nahm der Altar ein. Darüber 6i4 
erschien nun, schon innerhalb des Burgringes, an dem ansteigenden 
Burgwege auf der nächsten Terrasse der älteste Athenetempel der 
Stadt, aus sprödem Trachyt erbaut, aus der frühen Königszeit 
oder gar noch älter. Auf seinem weiten Hofe fanden sich Reste 
der Basen für jene ehernen Siegesdenkmäler Attalos I., von denen 
uns Marmorkopien wie die kapitolinisch -ludovisischen Statuen 677/78 
S. 160) eine Vorstellung geben. Attalos Sohn und Nachfolger 
Eumenes IL, der Schöpfer der Großstadt Pergamon, hatte dann, 
hellenistischem Brauche folgend, den Hof mit einem stattlichen 
doppelstöckigen Hallenbau umgeben, in dessen Nordflügel sich 572 
die berühmte pergamenische Bibliothek, mit ihren Büchergestellen 602/3 
für mehr als 100000 Bände und mit ihrer luftigen Arbeitshalle, 



Die Hochstadt von Pergamon. Fortsetzung d. Ausgrabungen 167 

erkennen ließ. Jenseits des Burgweges kamen zwei größere Haus- 594 
bauten zum Vorschein, nach griechischer Weise je um einen Hof 
angeordnet. In einfacher, dadurch für die pergamenischen Herrscher 
charakteristischer Ausstattung stellen sie ohne Zweifel Teile ihres 
Palastes dar, an den sich eine Reihe weiterer stattlicher Wohn- 
gebäude noch höher hinauf über die Kuppe des Berges anschloß. 
Südlich vom Gipfel waren alle älteren hellenistischen Bauten ver- 
schwunden zugunsten eines großen, auf gewaltigen Unterbauten 
errichteten Tempels, in dem man zuerst den Tempel der Stadtgöttin 
Athene, dann den des Augustus erkennen wollte, bis er sich als 
das von Hadrian erbaute Trajaneum herausstellte. Die Phantasie 
träumt sich gern in jene Zeit zurück, wo dieser prunkende Kaiserbau 
sich noch nicht dem Beschauer aufdrängte und die Attaliden von 
dieser beherrschenden Stelle aus auf ihre Stadt und ihr Reich bis an 
den Qolf von Eläa hinabblickten; ein dort gefundener marmorner 
Ruhesitz (Exedra), der jetzt vor dem Pergamonmuseum in Berlin 
den Unbilden des nordischen Klimas trotzen muß, kann dieser 
Phantasie zum Anhalte dienen. 

Südlich unterhalb .des Altarplatzes ward die Marktterrasse 
mit ihren Hallen und Läden und mit dem anspruchslosen Dionysos- 
tempel aufgedeckt; weiter im Westen, unterhalb des Burgabhanges, 
eine langgestreckte, hochauf gemauerte Terrasse, nach außen einst 
von einer Halle umsäumt, während gegenüber das Theater sich 
steil am Berge hinaufzieht und am Ende des langen Ganges der 
»ionische Tempel«, der architektonisch feinste Bau Pergamons, 584 
hochaufgetreppt das Auge fesselte. Hier, wie überhaupt auf der 
Burg, gliedert sich die ganze Anlage zu künstlerischer Wirkung, 
ähnlich wie dies schon bei Samothrake sich bemerken ließ (S. 114); 
besonders aber tritt uns dieser künstlerische Aufbau von den 
19 westlichen Höhen jenseits des Flusses Selinus entgegen, denen 614 
die Burg gleichsam ihre Schauseite zuwendet: das Theater über 
seiner langen Terrasse als Mittelpunkt, links darüber der Athene- 
tempel mit seinem Hallenhof und ganz oben das Trajaneum, 
rechts der Altarplatz und darunter die Marktterrasse. 

Im Jahre 1886 war die Untersuchung der Burg nach neun- 
jähriger Arbeit beendet. Damit konnte das Werk als abgeschlossen 



168 VII. Antike Städte 

gelten. Allein von der Burg herab zog sich eine mächtige Mauer 
um die Stadt des Eumenes; über ihrem unteren Ende war bereits 
zu Anfang der ganzen Unternehmung ein Oymnasion teilweise 
ausgegraben worden. Hier bot sich also noch ein weiter Spiel- 
raum, wenn es galt die Stadtanlage weiter zu verfolgen. Während 
das Berliner Museum unter neuer Leitung andere Pläne verfolgte, 
von denen bald die Rede sein wird, behielt Conze Pergamon 
fest im Auge. Die Arbeiten an dem großen Werke, das den 
Ausgrabungen von Pergamon gewidmet ist, machten gelegentliche 
Ergänzungen der bisherigen Forschung nötig, so die erneute 
Untersuchung der Hochdruckleitung, die einst die Burg mit]Wasser 
versorgt hatte. Ihre Auffindung war schon 1886 Friedrich Gräber 
in energischer Arbeit einiger Wochen gelungen; Karl Schuchhardt 
erweiterte diesen Nachweis, indem er die Herleitung des Wassers 
vom Madarasgebirge aufspürte. Aber damit war die Hauptauf- 
gabe nicht vollständig gelöst. Auf Conzes Antrieb erlangte das 
Archäologische Institut, dem das Berliner Museum die Unter- 
suchung abtrat, im Jahre 1898 von der Reichsregierung die Be- 
willigung einer jährlichen Summe von 15000 Mark. So wird 
denn seit 1900 alljährlich in Pergamon unter Dörpfelds kundiger 
Leitung ein paar Monate gegraben: das Haupttor der Stadt, ein 
unterer Stadtmarkt zu dem oberen, eine Kopie des Hermes Pro- 
pyläos nach Alkamenes (Kap. XI), ein neues Gymnasion aus 
römischer Zeit haben bisher diese Bemühungen belohnt. Da- 
neben sind aus den Mitteln einer 1877 von dem russischen 
Architekten Sergei Iwänoff dem Archäologischen Institute ver- 
machten Stiftung in den Jahren 1905/6 die Grabhügel in Angriff 
genommen worden, die unterhalb der Stadt in der Ebene belegen 
zu den charakteristischen Zügen der Landschaft gehören. Der 
größte harrt noch weiterer Grabung, zwei kleinere wurden im 
Oktober 1906 geöffnet: ein Fest für die in Scharen zusammen- 
strömende Bevölkerung. In jedem Hügel fand sich ein Trachyt- 
sarkophag mit zu Staub zerfallenem Leichnam, im ersten mit ge- 
ringen Beigaben. 

»Als am zweiten Tage (so schreibt ein Augenzeuge) der Deckel 
des Sarkophags gehoben ward, ging ein ,Ah!' durch die Versammlung: 



Sicherung der Funde 169 

ein Goldkranz leuchtete aus dem Innern hervor! Der Tote war sichtlich 
ein kriegerischer JVlann, große Figur, Schwert, Sporen. Der Ooldkranz 
zeigte Eichenlaub mit Eicheln, sehr voll; da wo beide Zweige sich mit 
den Spitzen treffen, eine kleine feine nackte Nike mit einem Kränzchen 
in der einen Hand. Ein kapitales Stück, über 400 Gramm schwer! 
Aber wichtiger als die Einzelheit ist die Gesamtheit der Bestattung 
eines ansehnlichen Mannes der Königszeit. Eigentlich schämte ich 
mich, als die Menge um den Sarg hockte und wir die Ruhe störten 
einem von denen, die hier Geschichte gemacht haben. Ein häßliches 
Gewerbe die Wissenschaft!« 

Aber noch Eines blieb zu tun übrig. Bei älteren Aus- 
grabungen ward mit der Vollendung der Grabetätigkeit die auf- 
gedeckte oder aufgewühlte Trümmerstätte in dem Zustande be- 
lassen, in den sie durch die Ausgrabung versetzt worden war. 
Wo es nur auf transportable Beute von Skulpturen oder In- 
schriften ankam, war dieses Verfahren natürlich; wo es aber galt 
ein Ganzes dem Boden wieder abzugewinnen, da mußte sich 
die Pflicht für die Erhaltung des Gewonnenen aufdrängen. In 
Griechenland, wo in früheren Zeiten die Invaliden den Schutz 
der Denkmäler in mehr als läßlicher Weise betrieben hatten, durfte 
man nunmehr diese Sorge der wohlgeordneten und einsichtig 
geleiteten Verwaltung der Altertümer überlassen, wie denn bei- 
spielsweise in Olympia alsbald nach Vollendung der Ausgrabungen 
eine griechische Aufsicht bestellt worden ist; ebenso steht es in 
Delphi und an anderen Punkten. Übler ist es selbstverständlich 
damit, trotz der eifrigen Bemühungen Hamdi Beys, des Leiters 
der Museen und Ausgrabungen in Konstantinopel, in den weiten 
Strecken der Türkei bestellt, desto übler, je abgelegener die Aus- 
grabungsstätten sind. Marmor eignet sich so gut zum Kalk- 
brennen, behauene Steine zum Häuserbau; ja sogar das Blei, das 
zur Befestigung der Metallklammern in den Mauern gedient hat, 
reizt zur Zerstörung [der Mauern. In Samothrake fand Conze 
schon nach zwei Jahren vieles von dem früher Aufgedeckten zer- 
stört und verschleppt; der Tempel des Zeus Sosipolis in Mag- 
nesia (S. 174) ward alsbald nach Beendigung der Ausgrabungen 
vernichtet; im Athenetempel von Priene (S. 175) bearbeiteten 
zuerst Steinmetzen die neuaufgedeckten kostbaren Architekturteile 



170 VII. Antike Städte 

zu Stufen, und als dann ein Engländer zufällig unter der bereits 
halbzerstörten Basis des Standbildes der Göttin ein paar Silber- 
münzen nebst einem goldenen Ölblatte fand, die dort bei der 
Grundsteinlegung niedergelegt worden waren, da kannte der Van- 
dalismus der goldsuchenden Nachbarn keine Grenze, bis kein 
Stein mehr auf dem anderen lag. Ein ähnliches Schicksal be- 
droht oft Inschriftblöcke; die Barbaren erblicken in den Buch- 
staben Zauberformeln, mittels^ deren Kenntnis die Europäer] die 
im Stein verborgenen Schätze zu heben verständen, während sie 
selbst, solcher Zaubermacht entbehrend, die Steine zerschlagen 
um so den Schatz zu finden. Hier gilt] es also verdoppelten 
Schutz zu sichern. Aber die hie und da von den türkischen 
Lokalbehörden angestellten Schutzmänner genügen nicht; wurden 
sie doch beispielsweise in Priene selbst dabei betroffen die mar- 
mornen Wände der Markthallen auseinander zu reißen, weil ihnen 
das Blei zum Kugelgießen für ihre Flinten ausgegangen war! 
So hat denn in Pergamon Preußen eigene Wächter angestellt 
und hält sie auf seine Kosten in eigens erbautem Hause; ähnlich 
ist es in Priene und anderswo. Es gilt nur noch die Mittel auf- 
zubringen um| diese Einrichtung dauernd zu machen. Das Bei- 
spiel sollte überall nachgeahmt werden, wo es gilt die dem Boden 
abgewonnenen baulichen Urkunden staatlicher und künstlerischer 
Geschichte auch den folgenden Geschlechtern lesbar und kon- 
trollierbar zu erhalten. 



Pergamon liegt inmitten des nördlichen Abschnittes der 
kleinasiatischen Küste, der einst von äolischen Griechen besiedelt 
worden war. Dies Gebiet ward auch sonst noch durchforscht. 
So veranlaßte der mehrstöckige für Magazine und Läden einge- 
richtete Unterbau der pergamenischen Theaterterrasse Bohn 1886 
zu gründlicherer Erforschung der 1881 von^ Salomon Reinach 
aufgefundenen und zwei Jahre später von Michel Clerc unter- 
suchten äolischen Landstadt Ägä (Nimrud Kalessi), wo ein gleich- 6oi 
artiger Bau der abfallenden Seite des Marktplatzes als Stütze und 
Abschluß diente. Daß damit ein beliebtes bauliches Motiv der 



Die Äolis: Ägä, Assos, Neandreia 171 

hellenistischen Periode gewonnen war, bewies weiter ein von 
Ernst Fabricius hierher bezogenes Gebäude von gleicher Anlage 
in der karischen Stadt Alinda. Der gleiche Zug fehlt denn auch 
nicht dem Stadtbilde der äolischen, an der Südküste der Troas 
hoch gelegenen Stadt Assos, das aufj Kosten des amerikanischen 
Archaeological Institute 1881/83 von den Architekten Joseph 
Thacher Clarke, Francis H. Bacon und Robert Koldewey ermittelt 
ward. Außer dem alten Tempel (S. 89) war die Aufmerksamkeit 
besonders auf die Anlage der Stadt gerichtet, die in schmalen 
Terrassen an dem steil ansteigenden Felsen emporgebaut ist; 
»geh nach Assos, wenn du dein Leben schneller lassen willst« 
lautete ein altes Sprichwort. Besonders der Markt, mit dem ein- 
stöckigen einfachen Rathause, den ein- und zweistöckigen, ein- 
und zweischiffigen Hallen, einem Tempel und Bädern, dazu ein 
Gymnasion boten ein lebendiges Bild einer solchen Anlage in 
einer hellenistischen Stadt, das freilich erst nach zwanzig Jahren 
in einer stattlichen Publikation dem Publikum vorgelegt zu werden 
begann. 

Noch ein paar andere Untersuchungen auf äolischem Ge- 
biete mögen, wenn auch nicht gerade alle Stadtanlagen galten, 
hier Erwähnung finden. Der Architekt Robert Koldewey unter- 
suchte 1889 auf Kosten Berliner Kunstgönner nördlich von Assos 
das hochgelegene altertümliche Städtchen Neandreia, von dem 
aus der Blick über die ganze Troas und die Beschika-Bai schweift. 
Das Merkwürdigste waren die Überbleibsel eines sehr alten Tem- 272 
pels von zweischiff iger Anlage: eine damals noch recht unge- 
wöhnliche, seitdem öfters beobachtete Erscheinung. Die Säulen 
boten eine Kapitellform dar, die kurz zuvor auch von Clarke und 
anderen beobachtet worden war und die auf äolische Gebiete 
beschränkt zu sein scheint: die beim ionischen Kapitell wagerecht 272b 
gelagerten Voluten entwickeln sich hier, wie bei ionischen Pilaster- 239 
kapitellen, aufrecht. Ein von Koldewey unmittelbar damit ver- 
10 bundenes Stück von künstlicherer Bildung, an spätere persische 272a 
Kapitelle erinnernd, scheint vielmehr als selbständiges Kapitell zu 
anderen Säulen gehört zu haben. Koldewey bereiste ferner 
1885/86 im Auftrage des Deutschen Archäologischen Instituts 



172 VII. Antike Städte 

die Insel Lesbos, den einstigen Hauptsitz äolischen Lebens. Von 
den Bauwerken älterer Zeit lagen nur vereinzelte Reste, besonders 
Stadtmauern, zutage, dagegen deckte Koldewey bei Messa, am 
Golfe von Kallöne, die Überbleibsel eines großen ionischen 
Tempels auf: ein um so wertvollerer Fund, als der Tempel an- 242 
scheinend der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts angehört und 
daher die erhaltenen ionischen Tempel Kleinasiens an Alter über- 
trifft. Einen anderen großen ionischen Tempel, das Smintheion, 
hatte schon 1853 Kapitän T. A. B. Spratt (S. 92) an der Küste 
der Troas entdeckt. Er ward 1866 von R. P. Pullan (S. 96) 
untersucht, doch blieb vieles unklar. Scheint auch der Bau ur- 
sprünglich in das 4. Jahrhundert zu gehören, wo Skopas die 
Tempelstatue des der Feldmaus (Sminthos) auflauernden ApoUon 496 
schuf, so hat doch allem Anschein nach ein ziemlich umfassender 
Umbau in römischer Zeit stattgefunden. So lange diese Verhält- 
nisse nicht völlig geklärt sind, ist die Verwendbarkeit des Tem- 
pels mit seinen mancherlei Besonderheiten für kunstgeschichtliche 
Fragen sehr geschmälert. 

Ein anderes Unternehmen an der äolischen Küste ging von 
der Französischen Schule aus. In den Jahren 1880/82 führten 
Edmond Pottier, Salomon Reinach und Alphonse Veyries Aus- 
grabungen in der Nekropolis der kleinen Seestadt Myrina aus, 
deren Gebiet ihnen von dem Besitzer Aristides Baltazzi zur Ver- 
fügung gestellt worden war. Die hauptsächliche Ausbeute be- 
stand in einer Unmasse von Tonfiguren aus hellenistischer Zeit 
Im Vergleich mit denen von Tanagra (s. u. Kap. IX) stellen sie 
den loseren, koketteren, malerischeren Stil der Spätzeit, und 
zwar in charakteristisch kleinasiatischer Ausprägung dar. Motive 
der praxitelischen Zeit erscheinen in diesem modernen Sinne um- 
gewandelt und eine Menge neuer Motive hinzugefügt, so daß wir 
die Erfindungsgabe und den Geist der gewöhnlichen Plastik im helle- 
nistischen Kleinasien fast besser nach diesen Figuren und Gruppen 
würdigen können, als nach den meisten der uns erhaltenen 
größeren Skulpturen. Die Ausstellung dieser Funde im Louvre 
und das von den Leitern der Ausgrabungen herausgegebene 
Werk geben dafür die authentischen Belege. Leider nahm sich 



Die Äolis: Lesbos, Myrina. Magnesia am Mäandros 173 

das in Smyrna wie in Athen blühende Fälscherhandwerk dieser 
neuen Erscheinung mit Vorliebe an, und falsche, teilweise mit 
Geist und Geschick verfertigte »kleinasiatische Terrakotten« über- 
schwemmten bald die Kabinette vertrauensseliger Liebhaber. 



Auf dem Gebiete der Städteforschung, der das Berliner Mu- 
seum seine pergamenischen Schätze verdankte, wurden von hier 
aus, nachdem Reinhard Kekule 1889 an Conzes Stelle getreten 
war, neue Pläne ins Werk gesetzt. Es galt den südlichsten Streifen 
ionischen Landes, das Gebiet des vielgewundenen Mäandros, 
das schon mehrfach das Ziel von Ausgrabungen gewesen war, 
mit seinen bedeutenden Städten Magnesia, Priene, Milet genauer 
zu erforschen. Humann hatte dies Gebiet längst ins Auge ge- 
faßt; er liebte es schwärmerisch, und setzte sich jetzt ganz dafür 
ein hier gründlich nachzusuchen. Der Anfang ward mit der 
Stadt der Magneten gemacht 

Magnesia am Mändros ist kunstgeschichtlich besonders 
berühmt durch den großen Tempel der Artemis vom »Weißen 
Berge« (Leukophrys), den' gegen Ende des dritten Jahrhunderts 
Hermogenes, der bedeutendste Architekt nicht bloß Kleinasiens 
in dieser Spätzeit, erbaut hatte und der als vielbewunderter Muster- 
bau galt. Von seinem Friese mit Amazonenkämpfen befanden 
sich seit 1843 durch Charles Texiers Vermittelung beinahe 
70 Meter im Louvre. Da man damals geneigt war Hermogenes 
in Alexanders Zeit anzusetzen, war die Enttäuschung gegenüber 
diesem eintönigen Werke, das handwerksmäßig gearbeitet war 
und mit althergebrachten Motiven schaltete, groß. Als aber 1874 
Gustav Hirschfeld in Teos Friesplatten ähnlichen Stils von einem 
anderen Tempel des Hermogenes studierte (sie waren 1862 von 
Pullan [S. 98] aufgedeckt und zum Teil ins Britische Museum 
verbracht worden), mußte man sich wohl oder übel drein 
finden Hermogenes Zeit später anzusetzen und wenigstens den 
plastischen Schmuck seiner Tempel geringer zu bewerten. Immerhin 
blieb es erwünscht Hermogenes als Architekten kennen zu lernen, 
und auch sonst versprach eine Untersuchung Magnesias allerlei 



174 VII. Antike Städte 

Belehrung. Eine Erkundung durch Olivier Rayet und Albert 
Thomas, 1873, förderte das Problem nicht wesentlich. So machten 
denn 1890 Friedrich Hiller von Gärtringen und Otto Kern im 
Auftrage des Deutschen Archäologischen Instituts einen Versuch; 
jener grub auch auf eigene Kosten das Theater aus. Da die 
Ergebnisse befriedigend waren, ward in den folgenden Jahren 
1891/93 vom Berliner Museum eine Expedition entsandt, be- 
stehend aus dem inzwischen zum Museumsdirektor im Ausland 
ernannten Karl Humann, dem Architekten Rudolf Heyne und 
dem Philologen Otto Kern, dem vor allem die reiche inschrift- 
liche Ausbeute anheimfiel. 

Der Tempelbezirk des Artemision und der Markt mit dem 
kleinen Tempel des Zeus Sosipolis (einem seltsamen Bau, vorne 580 
mit offener Säulenhalle, hinten mit Antenhalle) bildeten den Haupt- 
gegenstand der durch das starke Grundwasser sehr erschwerten 
Untersuchung, wobei sich der Marktplatz, von doppelschiffigen 
Hallen (einer Lieblingsform der hellenistischen Zeit) umgeben, 
als ein schier unerschöpfliches Archiv von Inschriftblöcken erwies, 
die die Wände jener Hallen bedeckt hatten. Von hohem Werte 
war die Erkenntnis, daß die ganze Anlage aus einem Guß war, 
also ganz von Hermogenes herrührte, ein Werk der letzten beiden 
Jahrzehnte des dritten Jahrhunderts. Da Hermogenes, eine Haupt- 
quelle Vitruvs, bald auch für die römische Baukunst maßgebend 
ward, war es von großer Wichtigkeit ein größeres Bauganzes von 
ihm kennen zu lernen. In der Tat zeigt der Artemistempel einen ssi 
ungewöhnlichen Grundplan: eine kleine Cella und desto tieferen 
Pronaos; Schranken mit einer Tür vor dem Pronaos und dem 
Opisthodom, wie sie gleichzeitig in den ägyptischen Hypostylen 649 
der Ptolemäer üblich werden; dazu eine achtsäulige Front mit 
weiterem mittlerem Interkolumnium, letzteres eine fortan beliebte 
Neuerung. Als Neuerung kann nicht unbedingt die Anlage des 
Tempels als Pseudodipteros, mit einer weiten, einst holzgedeckten 
Ringhalle, gelten, da schon alte großgriechische Tempel diese 250.253 
Form kannten und auch der Tempel von Messa (S. 172) sie auf- 242 
wies, aber sie ward fortan gebräuchlicher. Die kolossalen Säulen 
selbst sind sehr schlank, mit verhältnismäßig kleinem Kapitell (das 



Magnesia, Artemistempel. Priene, Athenetempel. 175 

Zusammenschrumpfen dieses bedeutsamen Bauteils begegnet noch 
stärker im gleichzeitigen Dorismus), das Ganze mehr wirkungsvoll 
als fein, zum bloß dekorativen Friese stimmend. Eine geschmack- 
lose Neuerung bieten drei türenartige Fenster im Giebelfelde; 
wo ein plastischer Giebelschmuck fehlte, schien wohl die große 
Fläche des Giebelfeldes einer anderweitigen Unterbrechung be- 
dürftig. Alles in allem genommen, ist durch diese Ausgrabung 
das Bild des durch Hermogenes vertretenen kleinasiatischen 
lonismus der hellenistischen Periode bedeutend lebendiger ge- 
worden; zusammen mit anderen kleinasiatischen Bauresten tritt 
es uns im stattlichen Architektursaale des Berliner Pergamon- 
Museums deutlich entgegen. Nicht unbedeutend sind auch die 
Skulpturreste des großen Altars von Magnesia, besonders insofern 
sie uns die Plastik des südlichen Kleinasiens als erheblich von 
der pergamenischen Richtung auf das Barocke abweichend kennen 
lehren; sie ist ruhiger, aber freilich auch weniger eindrucksvoll. 
Insofern die Faltenbildung und gewisse technische Besonderheiten 
diesen Skulpturen mit der Aphrodite von Melos gemeinsam sind, 689 
können sie mit dazu dienen die vielbestrittene Entstehungszeit 
dieser Statue festzustellen (vgl. S. 47 f.). 

Von Magnesia richteten sich Humanns und Kekules Gedanken 
weiter südwestwärts nach Priene, der Stadt, in deren Gebiet 
einst das gemeinsame Heiligtum der zwölf ionischen Städte Klein- 
asiens gelegen hatte. Die Aufgabe ward 1895 noch von Humann 
begonnen, der aber schon im nächsten Frühjahr einem langen, 
tapfer bekämpften Leiden erlag. An seine Stelle traten Theodor 
Wiegand und Hans Schrader, neben denen Rudolf Heyne und 
Wilhelm Wilberg als Architekten wirkten. So ward das Unter- 
nehmen bis 1899 fortgeführt. Auch hier handelte es sich nicht 
ganz um jungfräulichen Boden. Schon seit Revetts Aufnahme 
(S. 10) gehörte der Athenetempel, einst von Alexander dem 
Großen geweiht, zum festen Besitze der Wissenschaft und galt 
in den Lehrbüchern für den ionischen Normaltempel. Aber erst 
1866 hatte ihn Pullan wirklich bloßgelegt und dabei wertvolle 
neue Resultate gewonnen (S. 98). Ehe er jedoch diese 1881 
veröffentlicht hatte, machte sich der Architekt Albert Thomas, 



176 VII. Antike Städte 

der zusammen mit Olivier Rayet 1873 auf Kosten der Gebrüder 
Gustave und Edmond de Rothschild in Milet und Umgebung 
Ausgrabungen veranstaltete (S. 178), die Ausgrabung Pullans 
zunutze und publizierte deren Ergebnisse 1880 in einem un- 
vollendet gebliebenen Werke über Milet und den latmischen 
Golf. Und doch ward erst durch Schrader und seine Ge- 
nossen festgestellt, daß dieser Tempel, den man so genau zu 
18 kennen glaubte, keinen Fries gehabt hat und sich dadurch von 230 
dem normalen ionischen Stil entfernt. Im Architektursaale des 
Pergamon-Museums in Berlin kann man die Ordnung des Priene- 
tempels mit der des Tempels von Magnesia vergleichen und sich 
überzeugen, wie weit jene an Güte der Arbeit und an Feinheit 
der Umrisse dieser überlegen ist. 

Viel mehr neue Ergebnisse als die Nachuntersuchung am 
Tempel lieferte die Aufdeckung der Stadt Priene. Die Lage 
Prienes ist höchst eigentümlich; sie gleicht insofern der von 
Delphi, als auch hier der Felsboden, auf dem die Stadt erbaut 
worden ist, ziemlich rasch ansteigt und von einem 371 Meter 
hohen, schroff abstürzenden Burgfelsen, zu dem nur ein schwin- 
delnder Stufenpfad hinaufführt, unmittelbar überragt wird. Das 
Terrain eignet sich, wie in Delphi und Knidos, nur zu terrassen- 
förmiger Bebauung. Und doch hat man in Priene wie in Knidos 
im 4. Jahrhundert die Stadt nach dem strengen Schema recht- 527 
winkliger Straßenkreuzung angelegt: die sechs langen genau west- 
östlichen Straßen verlaufen mit geringer Steigung gegen die Mitte 
ziemHch eben, die 16 nordsüdlichen dagegen sind steil oder 
geradezu als Treppen gestaltet. Starke Stützmauern dienen den 528 
Terrassen als Halt; während aber früher eine Mauer möglichst 
als geglättete Einheit erscheinen sollte, ward jetzt jede Quader, 
entsprechend der Weise des Inkrustationsstiles (S. 157), durch 
die Behandlung gesondert. Auf einer höheren Terrasse Hegt der 
Tempel der Athene Polias. Eine steile Treppe führt von ihm 
hinab zum Markt, genau dem Mittelpunkte der Stadt. An die 527 
Hauptstraße sich anschließend, mit einem Altar in der Mitte, ist 
er auf drei Seiten von Säulenhallen mit Läden dahinter umgeben; 
eine auf der ansteigenden Nordseite gelegene höhere Wandelbahn 



Aufdeckung der Stadt Priene. Privathäuser in Priene 177 

vermittelt den Zugang zu einer großen zweischiff igen »Heiligen 
Halle«, die als Festlokal diente, und zu allerlei städtischen Ge- 
bäuden, z. B. einem theaterartigen Sitzungssaale und zu Geschäfts- 
räumen. Die Wandelbahn erlaubte den Spaziergängern den Blick 
auf das Marktgetriebe zu ihren Füßen. Nirgends war bisher das 
Bild eines Stadtmarktes so klar zutage getreten. Ein Fisch- und 
Fleischmarkt lag ein wenig abseits an der Hauptstraße. Ein 
Asklepiostempel in der Nähe und einige andere Heiligtümer, hie 
und da durch die Stadt zerstreut, können durch ihre Anlage 
zeigen, wie auch auf diesem Gebiete nichts weniger als Ein- 
21 förmigkeit herrschte. Dazu in der Höhe das Theater mit einem 
besonders gut erhaltenen Bühnengebäude, ein sehr lehrreicher 
Bau; weiter unten ein Stadion und ein Gymnasion; endlich der 
wohlerhaltene Mauerkranz der Stadt mit seinen drei Toren, dem 
Osttor und dem Westtor, und einem dritten, das zu einer reichen 
Quelle vor der Stadt führte. Innerhalb der Stadt sorgte eine 
vortreffliche Wasserleitung für öffentliche Brunnen, für Straßen- 
spülung, für die Bedürfnisse der Privathäuser. 

Neben dem Athenetempel, dem Markte und der Gesamt- 
anlage, die noch in keiner antiken Stadt so deutlich aufgedeckt 
worden war, fesselten vor allem die vielen Privathäuser, die wohl 
zumeist dem dritten und zweiten Jahrhundert angehören mögen. 
Während in Pompeji das italische Haus mit griechischen Zu- 759 
Sätzen vorherrscht (S. 155), in Delos meist kleinere griechische 591 
Häuser neben solchen von italischer Grundform auftreten (S. 120), 
bietet Priene das reine hellenistische Haus in zahlreichen Bei- 78i 
spielen. Es fehlt nicht an Normalhäusern, die den Regeln Vitruvs 
für das griechische Haus entsprechen. Da erscheint als Kern 590 
noch der Hauptteil des homerischen Hauses (s. u. Kap. VIII): 
ein gepflasterter Hof, von dem eine nach Süden geöffnete Vor- 
halle in das Hauptgemach führt; um den Hof Schlaf- und Wohn- 
räume, auch wohl eine auf den Hof sich öffnende tiefe Nische 
(Exedra); auch das Badezimmer fehlt nicht. Aber neben dem 
Normalhause treten so viele Variationen des Grundgedankens, 
eines offenen Hofes {pätiö) mit umgebenden Räumen, auf, daß 
eine reiche Mannigfaltigkeit, je nach Raum, Mitteln, Bedürfnissen, 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 12 



178 VII. Antike Städte 

auch auf dem Gebiete des Privatbaues zutage tritt. Auch für 
die innere Ausstattung der Häuser haben sich manche Belege 
erhalten. Die Wände bieten Beispiele der in Stuck nachgeahmten 
Inkrustation (S. 157); eine Besonderheit bildet die Menge von 
Tonfiguren, die zum Schmuck der Zimmer dienten, bald Aphro- 
dite und Dionysos, bald Szenen und Figuren aus dem täglichen 
Leben. Ton und Eisen vertraten in der bescheidenen Landstadt 
von etwa 5000 Einwohnern meistens die in reicheren Städten 
übliche Bronze, jedoch fehlt es auch nicht ganz an ehernem 
Gerät; so sticht z. B. ein ehernes Bettgestell (jetzt im Berliner 
Museum), durch seine geschmackvolle Einfachheit bei gleicher 
Grundform vorteilhaft von einem reicher durchgebildeten Exemplar 
aus der Umgegend Pompejis (ebenda) ab. Alles in allem ge- 
nommen gehört die Aufdeckung Prienes zu den verdienstvollsten 
Beiträgen, die unsere Kenntnis hellenistischer Stadtanlagen neuer- 
dings erhalten hat 

Kaum war Priene für die Wissenschaft gewonnen, so ver- 
legten die Leiter des Berliner Museums ihre Tätigkeit nach dem 
gegenüber, jenseits des Mäandros, gelegenen Milet. Die be- 
ständigen Anschwemmungen des Flusses haben das ganze Terrain 
völlig verändert Der latmische Meerbusen ist zu einem Binnensee 
zusammengeschrumpft, die Halbinsel Milets mit der vorgelagerten 
Schicksalsinsel Lade ist ein binnenländischer Teil des sich weit- 
hin erstreckenden, häufigen Überschwemmungen ausgesetzten 
Marschgebietes geworden. Somit sind hier Ausgrabungen mit 
ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden. Das hatte sich auch 
1872/73 gezeigt, als Olivier Rayet und Albert Thomas sich diesen 
Plate für ihre Forschungen ausersahen (S. 175 f.); das Theater, an 
einem festen Hügel gelegen, und ein Teil einer Gräberstraße, die 
ein altertümliches Sitzbild lieferte, waren die Hauptergebnisse ge- 
wesen. Hier griff 1899 Theodor Wiegand die Aufgabe mit 
einer Energie und Gewandtheit an, die ihm wohl den ersten Platz 
unter den Ausgräbern neuester Zeit sichert Die Architekten 
Hubert Knackfuß, Georg Kawerau, Julius Hülsen, ferner die Epi- 
graphiker C. Fredrich, W. Kolbe, A. Rehm, Er. Ziebarth, der 
Archäologe A. von Salis standen oder stehen ihm hilfreich zur 



Milet 179 

Seite. Zum Teil durch die Liberalität Georg von Siemens und • 
anderer Berliner Kunstfreunde gelang es Wiegand, einen erheb- 
lichen Teil des milesischen Stadtgebietes zu erwerben und die 
Bloßlegung der alten Stadt Jahr für Jahr methodisch zu fördern- 
Am niedrigen Burgberg ward das gewaltige Theater weiter auf- 
gedeckt, ein großartiger römischer Bau auf älterer Grundlage, in 
dem die »kaisertreuen Juden« ihre festen Plätze in der Nähe der 
Kaiserloge besaßen. Römisch ist auch das zweistöckige Nym- 
phäum, eine mit Nischen, Säulen, bunten Marmoren, Statuen 
reich ausgestattete Prunkwand einer Brunnenanlage, wie sie 
namentlich in Kleinasien häufig vorkommen. Römisch ist ferner 
ein großes Markttor, das den Hafenmarkt mit einem anderen 
kolossalen hallenumgebenen Platze verbindet und dessen barocke 
Architektur durch teilweisen Wiederaufbau eindrucksvoll gemacht 
worden ist; desgleichen eine gewaltige Thermenanlage. In 
hellenistische Zeit führt dagegen die Anlage des Hafenmarktes. 
Der Hafen selbst, an dessen Eingang ein paar marmorne Löwen 
Wacht hielten, ist ganzlich zugeschlämmt, aber auf dem Markte 
stehen noch die interessanten Überreste des Rathauses, dessen 607 
Anlage sich danach von Knackfuß völlig hat wiederherstellen 
lassen. Innerhalb eines ummauerten und von Säulenhallen um- 
gebenen Hofes mit stattlichem Eingangstor befand sich ein großer 
Grabbau, einem verdienten Bürger errichtet, und dahinter der 
Sitzungssaal für einen Rat von etwa 500 Personen, wiederum, 
wie in Priene, in Theaterform angeordnet. Auch der benachbarte 
Tempel des Apollon Delphinios, dessen Hallenwände und Mar- 
morplatten ein großes städtisches Archiv bargen, gehört dem 
hellenistischen Milet an. Noch viel wichtiger würde natürlich 
das alte Milet sein, das im ionischen Aufstande zerstört ward, 
der glänzendste Mittelpunkt ionischen Handels und ionischen 
Lebens. Ein paar Reste altionischer Bauweise sind neuerdings 
zutage getreten, im Delphinion und im Athenetempel. Ob aber 
von dem älteren Milet viel mehr als etwa Gräberstätten aufzufinden 
sein werden, dürfte zweifelhaft sein; doch lassen auch diese 
wenigstens eine reichere Ausbeute archaischer Skulpturen erhoffen. 
Dergleichen Überbleibsel sind besonders in einer spätantiken 

12* 



180 VII. Antike Städte 

Festungsmauer zum Vorschein gekommen, die hier wie in 
Olympia (S. 122) und Pergamon (S. 162) den Schutz der einst 
in barbarischer Weise hineingemauerten Skulpturen, Architektur- 
stücke, Inschriftblöcke bis auf unsere Zeit durchgeführt hat. 

Am Südende der dreieckigen Halbinsel, die das Gebiet von 
Milet bildete, lag in dem Flecken Didyma oder Branchidä das 
Heiligtum des Apollon Philesios, das sogenannte Didymäon, 
das Herodot neben dem Artemistempel in Ephesos und dem 
Heräon auf Samos zu den größten Tempeln seiner Zeit zählt. 
Schon Revett (S. 10) hatte ihm 1765 bei zweitägigem Aufenthalte 
seine Aufmerksamkeit geschenkt und einige Einzelheiten aufge- 
nommen, aber einen verläßlichen Plan nicht mitteilen können. 
Dieses versuchten 1812 im Auftrage der Dilettanti (S. 31) Will. 
Gell und die Architekten J. P. Gandy und F. Bedford, mit etwas 
besserem Erfolge. Während sodann Texier (1836) in seiner 
flüchtigen Weise die Frage kaum viel gefördert hatte, begnügte 
sich Newton 1858 die Sitzbilder von der »heiligen Straße«, die 
vom Hafen Panormos zum Tempel führte, nach London zu ver- 
bringen (S. 97). Erst Rayet und Thomas (S. 162) legten 1872/73 
ernsthaft Hand an die Aufdeckung des Tempels und konnten 
18 seinen Plan genauer feststellen. Der Hauptraum war danach 529 
wegen der ungeheuren Größe des Tempels (drei noch aufrecht 
stehende Säulen von etwa 20 Meter Höhe machen diese dem 
Besucher unmittelbar anschaulich) keine bedeckte Cella, sondern 
ein offener, von Mauern und Pilastern umschlossener, etwas ver- 
tiefter Hof, in dem die Statue des Gottes von der Hand des 
alten Kanachos ihren Platz in einem besonderen Kapellchen ge- 
funden haben wird. Hier befand sich einst auch der Ölbaum, 
unter dem Zeus der Leto beigewohnt haben sollte, und eine 
heilige Quelle. Leider war eine Bloßlegung des benachbarten 
Mittelraumes, des Chresmographion (Orakelschreibstube), unmög- 
lich, weil darüber 'auf einem kleinen Schutthügel eine Mühle mit 
Nebengebäuden stand, die der Besitzer sich weigerte zu veräußern. 
Die von Rayet nicht beendigte Untersuchung nahmen 1895/96 
Rayets Freund Bernard Haussoullier und der Architekt Emanuel 
Pontremoli wieder auf, aber auch ihnen gelang es nur teilweise 



Das Didymäon. Samos 181 

jene Hindernisse hinwegzuräumen. Sie konnten aber wenigstens 
die Frontseite des zehnsäuligen Tempels mit dem eigentümlich 530 
gestalteten Tempelaufgang und mit den mehr reich als geschmack- 
voll verzierten Basen der großen ionischen Säulen bloßlegen. 
Leider ergab sich, daß der Tempel in seiner noch jetzt wieder- 
zugewinnenden Gestalt ein später, von der Zeit Alexanders des 
Großen über eine sehr lange Bauzeit bis in die römische Epoche 
sich erstreckender Bau ist. Nichtsdestoweniger ist es bei der 
Größe des Tempels (49^/^X108^5, Meter) und bei den vielen 
Besonderheiten seiner Anlage mit Freuden zu begrüßen, daß es 
endlich 1905 Wiegands Energie gelungen ist nicht bloß die Mühle, 
sondern auch ein erhebliches Terrain rings um den Tempel zu 
erwerben. Wie in Delphi (S. 143) hat auch hier das ganze 
kleine Dorf Hieronda aufgekauft und abgebrochen werden müssen; 
damit ist aber auch die Möglichkeit gewonnen worden die Auf- 
deckung auf breiter Basis vorzunehmen. So steht zu hoffen, daß 
in Verbindung mit dem Fortgange der Ausgrabungen in Milet 
selbst auch das Didymäon endlich einer umfassenden und gründ- 
lichen Aufklärung teilhaftig werden wird. 

Von Milet schweift der Blick am Kap Mykale vorbei nach 
der Insel Samos, einer anderen Hauptstätte ionischen Lebens, 
als deren drei Wunderwerke uns Herodot die Hafenanlagen, den 
Tunnel durch den Stadtberg und den Heratempel bezeichnet. 
Von dem großen Molo am Hafen sind noch die Grundmauern 
unter dem Wasser erkennbar. Trefflich erhalten, aber noch nicht 
genau erforscht sind die großartigen Stadtmauern, die auf dem 
Kamme des die Stadt landeinwärts begrenzenden Bergrückens sich 
hinziehen. Durch diesen Bergrücken ward, vermutlich im 6. Jahr- 
hundert unter dem Tyrannen Polykrates, ein Tunnel gebrochen, 
um das Quellwasser von jenseits des Berges in die Stadt zu 
leiten. Im Jahre 1882 ward der Tunnel unter Leitung zweier 
samischer Äbte in einer Länge von mehr als 1000 Metern wieder 
freigelegt. Seine Anlage entsprach im wesentlichen der Be- 
schreibung Herodots, bot aber noch die weitere Eigentümlichkeit, 
daß die Durchbohrung seinerzeit (ebenso wie schon früher in 
Jerusalem unter König Hiskia) von beiden Seiten zugleich in 



182 VII. Antike Städte 

Angriff genommen worden war. Die beiden Tunnelhälften sind 
freilich nicht genau zusammengetroffen, aber in Ermangelung von 
Kompaß und Theodolit ist es immerhin eine anerkennenswerte 
Leistung, wenn der Richtungsfehler seitlich und in der Höhe so 
gering ausgefallen ist, daß er sich durch eine leichte Knickung 
in der Mitte hat ausgleichen lassen. 

Minder gut ist es dem Heräon ergangen, obwohl die Kenntnis 
dieses bis in das 7. Jahrhundert zurückreichenden Tempels, an 
den sich die Namen der alten Baumeister Rhökos und Theodoros 
knüpfen, für die älteste Geschichte des ionischen Baustils von 
größter Wichtigkeit sein würde. Eine unkannelierte Säule und 

10 der mächtige Eierstab ihres Kapitells waren schon seit den Tagen 268/69 
Revetts bekannt. Im Jahre 1879 machte Paul Girard, dem die 
Erwerbung der hochaltertümlichen, von Cheramyes geweihten 

33 samischen Herastatue für den Louvre gelang, einen freilich ver- 295 
fehlten Versuch in zweimonatiger Arbeit den Plan des Tempels 
aufzuklären und ihm sieben Säulen in der Front zuzuweisen; 
die Wiederaufnahme der Arbeit durch Michel Giere (1883) führte 
nicht viel weiter. Und doch hatte Karl Humann schon 1862 
durch eine Schürfung (sein erstes Unternehmen auf diesem 
Forschungsgebiete) nachgewiesen, daß der Tempel achtsäulig war, 
und zwar mit verschiedenen Säulenabständen, die nach beiden 
Ecken gleichmäßig abnahmen. Weiteren Untersuchungen des 
Tempels stellten sich lange die Schwierigkeiten entgegen, die von 
der Regierung der bekanntlich Süzeränen Insel fremden Wünschen 
bereitet wurden. Erst 1902 gelang es endlich der athenischen 
Archäologischen Gesellschaft dieser Schwierigkeiten Herr zu 
werden und unter der Leitung des samischen Archäologen 
Themistokles Sophüles den Tempel aufzudecken. Es liegt wohl 
nicht allein an den durch die Größe der Werkstücke und durch 
das Klima bereiteten Schwierigkeiten, sondern vor allem an dem 
Mangel eines sachkundigen und geübten Architekten, wenn diese 
Ausgrabung hinter den gehegten Erwartungen zurückgeblieben 
ist. Immerhin ist der Plan des Tempels im allgemeinen geklärt, 
seine bedeutende Ausdehnung festgestellt; noch etwas größer als 
das Didymäon (S. 181), maß er 54 1/2 X 109 Meter, bot also das 



Das Heräon. Lykien 183 

ganz ungewöhnliche, bei einem bloß achtsäuligen Tempel vollends 
auffällige Verhältnis der Breite zur Länge von 1 : 2. Außerdem 
ward manche wichtige Einzelheit gefunden, z. B. ein Teil eines 
ionischen Kapitells, das in der herben Wucht seines Blattkranzes 
an das Kapitell der Naxiersäule in Delphi (S. 145) erinnert. 270 



An der Städteforschung nahm neben dem Berliner Museum 
auch Österreich eifrigen Anteil, wo 1877 Otto Benndorf in Wien 
an Conzes Stelle getreten war und die Ziele archäologischer 
Arbeit kräftig förderte. Bei seinem ersten Unternehmen ging 
es wie mit Pergamon: ein einzelnes Werk gab den Anlaß, eine 
weiter aussehende Erforschung ging daraus hervor. 

Lykien bot das erste Ziel. Dort hatte 1841/42, zugleich 
mit Fellows und Spratt (S. 91 ff.), ein deutscher Schulmann, August 
Schönborn, einsam das Land durchstreift und dabei an abgelegener 
Stelle ein umfangreiches Denkmal aufgestöbert, dessen reicher 
Reliefschmuck ihn so tief ergriff, daß er sich nicht entschließen 
konnte Notizen zu machen, sondern sich begnügte an der Schön- 
heit des Reliefs und an den Gegenständen sich zu erfreuen. 

»War es doch der trojanische Krieg, den ich vor mir hatte, Homers 
Schöpfung in bildlicher antiker Darstellung, und ich gestehe, daß ich 
mich daran nicht satt sehen konnte. Das Relief in der Ecke der West- 
seite zeigt Achill sitzend bei dem hochgeschnäbelten Schiffe, voll Er- 
bitterung den Kopf mit der Hand unterstützend. Es folgt der Herold, 
der die Versammlung beruft, und die Krieger kommen, Schlachtszenen 
reihen sich an, auf die Stadt wirft sich der Kampf, an dem Tore wird 
gestritten, die Schar der Greise sitzt über dem Tor, und so zieht sich 
Bild an Bild hin, ein reiches Leben, mit griechischer Sicherheit in den 
Gruppen, in den Bewegungen, in den Proportionen der einzelnen Ge- 
stalten entworfen. Ich trage kein Bedenken es auszusprechen, daß diese 
Reliefs in gehöriger Höhe aufgestellt jedem Museum zu einer wahren 
Zierde gereichen würden, wie reich es auch sonst ausgestattet sein 
mag.« 

Diese und ähnliche Eindrücke vertraute Schönborn seinem 
Tagebuch an und versuchte nach seiner Rückkehr vergebens die 
preußische Regierung zu einer Expedition behufs Hebung des 
Schatzes zu bestimmen. So kamen seine Aufzeichnungen nur 



184 VII. Antike Städte 

dem bändereichen Werke Karl Ritters über Asien zugute, wo 
sie wiederum eine verborgene Existenz führten, bis ich sie nach 
sechzehn Jahren, 1875, zur Erklärung des Nereidendenkmals (S. 92) 
heranzog. Auf dieses Denkmal richtete Benndorf seine Blicke. Im 
April des Jahres 1881 begaben sich er und Oeorge Niemann, beide 
einst an dem samothrakischen Unternehmen beteiligt (S. 113 ff.) 
auf einem österreichischen Kriegsschiffe auf die Erkundungsfahrt. 
In Kekowa, an der steilen Südküste Lykiens, stiegen sie ans Land 
und strebten sogleich dem hochgelegenen Orte Giölbaschi zu, 
wo sie nach Schönborns Angaben das Denkmal erwarten mußten. 
Benndorf erzählt: 

»In bereits sommerlicher Glut war der Anstieg auf noch unge- 
wohnten ungemein mühsamen Steilpfaden höchst beschwerlich. Spät 
und erschöpft kamen wir auf dem gegen 1800 Fuß hohen Rande des 
Küstenplateaus an, aber hier ließ sich bereits der Gipfel von Giölbaschi 
von weitem erkennen. Wir verdoppelten unsere Anstrengungen, als 
wir auf der Sattelhöhe des steilen Berges angelangt die von Schönbom 
geschilderten Stadttrümmer erkannten und bald darauf an dem Ostende 
der Akropolis lange Relief streifen erblickten, die dem Heroon angehören 
mußten. Vorauseilend arbeitete ich mich durch domiges dichtes Gestrüpp 
und Steingeröll atemlos rasch empor, auf das Eingangstor zu, das sich 
in bedeutendem Abstand über dem steilen Abhang in der Mauer öffnete. 
Ich kletterte erregt in den Steinfugen der Mauer zur Torschwelle hinauf 
und sah mich im Innern der Ruine plötzlich einer Fülle von Bildwerk 
gegenüber, die, von benachbarten hohen Bäumen überragt und von 
innen aufgeschossener Vegetation teilweise reizvoll verdeckt, im Glänze 
der sinkenden Sonne einen wunderbaren Anblick gewährte. Ich be- 
kenne, daß diese ersten Augenblicke der Betrachtung an dem lang- 
erstrebten und nun glücklich erreichten Ziele, in lautlos weihevoller 
Stille und Abgeschiedenheit einer großartig ausgebreiteten Natur, Stein- 
wildnis rings umher, mit dem Ausblick auf eine von Schneeketten um- 
säumte schluchtenreiche Gebirgslandschaft und das hochgewölbte end- 
lose Meer, zu den tiefsten Eindrücken meines Lebens zählen.« 

Das glücklich Gefundene und Erschaute galt es nun auch 
zu erwerben und zu sichern. In Österreich bildete sich auf Benn- 
dorfs Betrieb ein Verein kunstsinniger und freigebiger Mäcene, 
die die Mittel für eine Expedition zusammenschössen; die Regierung 
stellte ein Kriegsschiff zur Verfügung. So konnte schon 1882 
Hand ans Werk gelegt werden. Benndorf und Niemann ge- 



Das Heroon von Giölbaschi. Lykische Städte 185 

seilten sich Eugen Petersen, damals in Prag, zu; jüngere Männer, 
wie Emanuel Löwy und Franz Studniczka, schlössen sich an; in 
dem Ingenieur Gabriel von Knaffl ward der wichtigste und tüchtigste 
Beistand gewonnen. Denn es galt beispielsweise an der steilen 
Schlucht des Flusses von Myra eine Landstraße herzustellen, auf 
welcher die schweren Blöcke aus der Höhe von Giölbaschi fast 
600 Meter zum Flusse hinabgeschafft werden könnten. Das 
Heroon von Giölbaschi selbst ist der Hof eines Fürstengrabes 
etwa aus der Zeit des peloponnesischen Krieges, dessen Quader- 
mauern an der Eingangsseite und an allen vier Innenwänden mit 
einem doppelten Streifen von Flachreliefs bedeckt waren. Diese 
54 enthüllten einen mythologischen Bilderschatz von bisher unerhörter 458 
Mannigfaltigkeit, in dem die lykischen, griechisch geschulten Bild- 
hauer in ähnlichem Stile wie am xanthischen Nereidendenkmal 
(S. 92), aber viel geistreicher und malerischer, aus einer reichen 
Fülle von Vorlagen und Erinnerungen geschöpft hatten. Nicht 
wenig steigerte sich das Interesse durch Benndorfs Nachweis, daß 
die Komposition allerlei Anklänge an polygnotische Motive ent- 
hielt; waren sie direkt dem großen Meister von Thasos (s. u. 
Kap. XI) entlehnt? oder lag ein gemeinsames Erbteil ionischer 
Malerei vor? Aus diesem entlegenen Winkel des lykischen Alpen- 
landes öffnete sich plötzlich ein Ausblick auf wichtige, bisher kaum 
gestreifte Probleme der griechischen Kunstgeschichte! 

Die Reliefs wurden nach Wien geschafft und demnächst in 
einer stattlichen Publikation veröffentlicht. Mit dem Heroon waren 
aber die Zwecke der Expedition nicht erschöpft. Fellows Be- 
richte (S. 90 f.), die neben Spratts Reisebeschreibung noch immer 
die Hauptquelle über Lykien bildeten, waren doch gar zu dilet- 
tantisch um strengeren wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. 
Somit machten sich Benndorf und seine Begleiter an eine Revision 
ganz Lykiens und erheblicher Teile Kariens. Abgesehen von dem 
Gewinn für die geographische Kenntnis dieser Länder (Heinrich 
Kiepert hatte die Expedition ebenso mit vorläufigen Kartenskizzen 
versehen, wie er nachträglich ihre Ergebnisse für neue Karten 
verwertete) wurden die hauptsächlichsten Städte Lykiens, Xanthos 
Pinara Tlos Myra, neu durchsucht und andere hinzuentdeckt oder 



186 VII. Antike Städte 

zuerst genauer untersucht Letzteres gilt beispielsweise von der 
kleinen Bergstadt Kragos-Sidyma im südlichen Teile des Kragos- 
gebirges. Hier waren die Ergebnisse so anschaulich, daß Mommsen 
sie alsbald benutzte um das Bild einer kleinasiatischen Kleinstadt 
zu zeichnen. 

»Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der lykischen Küste, 
da wo nach der griechischen Fabel die Chimära hauste, lag das alte 
Kragos, wahrscheinlich nur aus Balken und Lehmziegeln gebaut und 
darum spurlos verschwunden bis auf die kyklopische Festungsmauer 
am Fuß des Hügels. Unter der Kuppe breitet ein anmutiges frucht- 
bares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft und südHcher Vegetation, 
umgeben von wald- und wildreichen Bergen. Als unter Kaiser Claudius 
Lykien Provinz ward, verlegte die römische Regierung die Bergstadt, 
das »grüne Kragos« des Horaz, in diese Ebene; auf dem Marktplatz 
der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersäuligen, dem 
Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer stattlichen Säulenhalle, 
die ein von dort gebürtiger, als Arzt zu Vermögen gelangter Bürger 
in seiner Vaterstadt baute. Statuen der Kaiser und verdienter Mitbürger 
schmückten den Markt; es gab in der Stadt einen Tempel ihrer Schutz- 
götter, der Artemis und des Apollon, Bäder, Tumanstalten für die ältere 
wie für die jüngere Bürgerschaft; von den Toren zogen sich an der 
Hauptstraße, die steil am Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia 
führte, zu beiden Seiten Reihen hin von steinernen Grabmonumenten, 
stattlicher als die Pompejis und .'großenteils noch aufrecht, während die, 
vermutlich wie die der Altstadt aus vergänglichem Material gebauten, 
Häuser verschwunden sind.« 

In der Ebene unterhalb Xanthos gelang es auch das Bundes- 
heiligtum des lykischen Bundes, der um seiner guten Einrichtung 
willen im Altertum Ruf genoß, aufzuspüren. Vor allem aber ist 
Lykien das Land der Gräber (S. 91). Ihre verschiedenen Ge- 
staltungen wurden genauer untersucht, vor allem die national- 
lykischen Formen: die hohen Grabpfeiler mit und ohne Reliefs; i69 
die den Riegelbau der Holzarchitektur im Stein nachahmenden 
Felsfassaden oder Freibauten: die mehrstöckigen, pfeilerartigen, im 
54 reliefgeschmückten Familiengräber, deren Dach einem umgestürzten i69 
Kahn mit dem Kiel nach oben gleicht, während es in Wirklich- 
keit seine Form einer Laube entlehnt zu haben scheint. Erst 
im fünften Jahrhundert treten die Formen ionischer Architektur 443 
daneben. Aber auch an bemerkenswerten späteren Grabmälern 



Lykische Städte u. lykische Gräber. Die Städte Pamphyliens 1 87 

fehlte es nicht. Unter ihnen ragt das mit Inschriften bedeckte 
Neroon des Opramoas in Rhodiapohs aus dem zweiten Jahrhundert 
hervor, dessen Wände ein förmh'ches Famihenarchiv enthalten; 
noch jetzt sind Bruchstücke von 64 Urkunden vorhanden. 

Im ganzen überwiegen in Lykien, wie überhaupt in Klein- 
asien (die römische Provinz Asia hieß »das Land der 500 Städte«), 
die Reste der Römerzeit, wo das Land in jahrhundertelangem 
Frieden sich neues Aufschwungs erfreute. Aus der älteren Zeit 
hatten die englischen Expeditionen, wenigstens für die Plastik, 
den Rahm abgeschöpft und nur für eine Nachlese genauerer 
Erforschung Raum gelassen. Die ganzen Ergebnisse der öster- 
reichischen Expedition sind rasch in einem musterhaften zwei- 
bändigen Werke wissenschaftlicher Benutzung zugänglich gemacht 
worden. 

Zu den Förderern der lykischen Expedition gehörte auch der 
eifrige Kunstfreund Karl Graf Lanckororiski. Angeregt durch 
die dortigen Ergebnisse bereiste er noch im selben Jahre die 
östliche Nachbarlandschaft Pamphylien und faßte den Plan 
auf eigene Hand eine Expedition zur Erforschung dieses wenig 
bekannten Landes auszurüsten; denn die Tafeln eines großen 
Werkes, das der französische Architekt P. Tremaux als Frucht 
einer kleinasiatischen Reise, besonders in diesen südlichen Ländern, 
begonnen hatte, lagen ungekannt und unbenutzt in wenigen 
Bibliotheken begraben. Lanckororiski ersah sich zur Ausführung 
seines Planes Eugen Petersen und George Niemann aus, mit 
denen er zunächst 1884 eine Erkundungsfahrt unternahm. Als 
Zweck der Reise, die auf Ausgrabungen verzichten sollte, ward 
eine genauere Kenntnis der Städte der Küstenlandschaft Pamphylien 
und des nordwärts darüber emporsteigenden Gebirgslandes Pi- 
sidien festgestellt. Mit diesem Programm begaben sich 1885 
Petersen und Niemann nach Adalia. Sie untersuchten außer 
Adalia selbst (mit den Resten eines schönen hadrianischen Stadt- 
tores) einmal die westlich darüber gelegene bedeutende Bergstadt 
Termessos, sodann in der stufenartig über das Meer sich erheben- 
den langen Küstenebene die Städte Perge, Sillyon, Aspendos, alle 
durch ihre tafelförmigen Akropolen schon von fem erkennbar. 



188 VII. Antike Städte 

endlich am östlichen Ende die Hafenstadt Side. Überall ward 
was über der Erde sichtbar war aufgenommen, und meistens 
gelang es wenigstens die Hauptumrisse der Stadtanlage wieder- 
zugewinnen und danach die einstige Entwickelung der aus der 
Geschichte wenig bekannten Ortschaften zu erkennen. In Aspendos 
bot das prachtvoll erhaltene römische Mustertheater, das schon 
Texier und Schönborn untersucht hatten, ein hervorragendes Ob- 
jekt. Sonst erregten namentlich die in Kleinasien besonders be- 
liebten Nymphäen oder Wasserschlösser (S. 179) die Aufmerksam- 
keit der Reisenden; ihre Anlage, dem ehemaligen Septizonium 
in Rom verwandt, trat hier besonders deutlich hervor. 

Von Pamphylien ging es durch die steile Schlucht des Eury- 
medon hinauf in die rauhen und wilden Gebirge Pisidiens, 
die hier den Übergang zu den großen Hochebenen des inneren 
Kleinasiens bilden. Auch hier fehlte es nicht an Städten: Selge, 
Kremna, Sagalassos. Manchmal war der Raum für die Stadt nur 
mit Mühe dem steilen steinigen Boden abgewonnen; ein ander- 
mal, wie in Kremna, war eine ebenere Fläche zu einer Anlage 
benutzt, die noch heute übersichtlich daliegt und das Bild einer 
römischen Stadt mit ihren Tempeln, Märkten, Hallen, Theatern usw. 
entfaltet. Manche Tempel mit eigentümlichen baulichen Einzel- 
heiten legen Zeugnis für die barocker werdende Architektur des 
zweiten nachchristlichen Jahrhunderts ab; besonders aber weisen 
die zahlreichen Gräber viele besondere Formen auf. So trug die 
ganze Expedition reichen Gewinn besonders für die Kenntnis 
dessen, was die Kaiserzeit für Kleinasien, selbst bis in so wilde, 
entlegene Gebiete wie Pisidien hinein, bedeutet hat. Eine glänzende 
Publikation, durch die Kunst Niemanns und die Liberalität des 
Grafen Lanckororiski mit ungewöhnlichem Geschmack ausgestattet 
und mit einem klaren und inhaltreichen Texte versehen, bildet 
ein vornehmes Denkmal dieser Forschungsreise. 



In Wien war inzwischen der Beschluß gefaßt worden die 
Inschriften Kleinasiens von neuem zu sammeln und so dem neuen 
Berliner Corpus der griechischen Inschriften einen Teil der Arbeit 



Die Städte Pisidiens. Ephesos 189 

abzunehmen. Demzufolge wurden Rudolf Heberdey, Ernst Kaiinka 
und andere jüngere Gelehrte entsandt um Kleinasien zu diesem 
Zwecke zu bereisen, wobei natürlich auch die Geographie und 
die Archäologie nicht zu kurz kamen. Sie dehnten ihre Reisen 
bis nach Kilikien aus, während schon in den achtziger Jahren 
der Schotte W. M. Ramsay das kleinasiatische Binnenland mehr- 
fach durchreist hatte und zahlreiche Mitglieder der Französischen 
Schule in Athen bald hier bald dort ähnliche Forschungen ver- 
folgten. Der Blick der österreichischen Gelehrten war somit fest 
auf Kleinasien gerichtet. Daher hatte auch schon 18Q5 Otto 
Benndorf Ephesos für eine archäologische Untersuchung größeren 
Stils ausersehen. Mit Unterstützung österreichischer Kunstfreunde 
begannen 1896 die Ausgrabungen, die bald, nachdem 1898 das 
Österreichische Archäologische Institut in Wien gegründet worden 
war, von diesem zur Weiterführung übernommen wurden. 

Ephesos war einst neben Milet und Samos die bedeutendste 
Stadt loniens gewesen und hatte beide überlebt. Aber dieselbe 
Naturgewalt wie im Mäandrostale (S. 178 f.) hatte auch hier die Stadt 
seit den frühen Zeiten des Altertums immer weiter von dem 
Meere, das ursprünglich ihre Hügel bespült hatte, abgedrängt. 
Infolge der Anschwemmungen des Kaystros war zuerst die älteste 
Stadt mit dem Artemistempel, dann die hellenistische Stadt, endlich 
auch die römische, die der Reihe nach dem weichenden Meeres- 
strande nachgezogen waren, in dem frischen Sumpfboden ver- 
schwunden, und nur wenige Reste, hauptsächlich auf den Fels- 
höhen, vor allem die großartige Stadtmauer des Lysimachos, 
zeugten von vergangener Pracht. Es konnte daher wenig mehr 
als ein Phantasiegebilde entstehen, wenn 1862 Edward Falkener 
auf Grund verjährter vierzehntägiger Aufzeichnungen das Bild 
der alten Stadt wiederherzustellen suchte. Auch Ernst Curtius 
hatte bei einem Versuche die Stadtgeschichte an die Lokalitäten 
anzuknüpfen aus Mangel an festen Anhaltspunkten fehlgehen 
müssen. Nur der Artemistempel war durch Woods Ausgrabung 
(S. 98 f.) festgelegt. Nunmehr hatte Benndorf 1895 im Verein mit 
Humann das Terrain untersucht und einen Operationsplan ent- 
worfen; der Firman ward erwirkt, die erforderlichen Boden- 



190 VII. Antike Städte 

ankaufe gemacht. 1896 begann unter Benndorfs steter Mitwir- 
kung die Ausgrabung der hellenistisch-römischen Stadt zwischen 
den Felshöhen und der Küstenniederung, wo das längliche Hafen- 
becken dieser letzten Periode sich deutlich innerhalb des ange- 
schwemmten Marschgebietes abzeichnete. Unter der einsichtigen Lei- 
tung Rudolf Heberdeys, dem unter anderen der Architekt Wilhelm 
Wilberg zur Seite steht, werden diese Ausgrabungen seitdem 
alljährlich weitergeführt. Der römische Markt bildet den Mittel- 
punkt. Säulenhallen mit vor die Mauer gestellten Säulen, Hallen- 
straßen, eine sehr merkwürdige dreieckige doppelstöckige Halle, 
die den Übergang von einer Straße zu einem Platz vermittelt, 
bilden Hauptzüge des Stadtbildes, das auch hier mehr römischen 
als hellenistischen Charakter trägt. Eine mehrgeschossige Biblio- 
thek, deren Wände noch die Nischen für die Büchergestelle 
aufweisen, unterscheidet sich in der Anlage merklich von der 
pergamenischen (S. 166). Auch mancherlei Einzelfunde lohnen 
die Bemühungen; unter ihnen ragt eine Erzstatue aus dem 47i 
4. Jahrhundert hervor, der wir später (Kap. XI) noch wieder- 
b^egnen werden; sie mußte aus nicht weniger als 234 Stücken 
zusammengeflickt werden! 

Ein Ziel, das alle diese kleinasiatischen Untersuchungen im 
Auge behalten müssen, ist die Scheidung hellenistischen und 
römischen Gutes. An manchen Stellen überwiegt ersteres, so in 
Pergamon, Magnesia, Priene; im ganzen aber scheint die ruhige 
Zeit unter der Kaiserherrschaft die ältere Schicht zugedeckt zu 
haben. Die große Masse stammt aus der römischen Zeit. Hier- 
her gehört auch die Expedition, die Conrad Cichorius im Verein 
mit Karl Humann und unterstützt von Franz Winter und Walther 
Judeich schon 1887 nach dem phrygischen Hierapolis unter- 
nommen hatte; daß schon Tremaux (S. 187) diesen Ort aufge- 
nommen hatte, konnten sie kaum wissen. Die gewaltige warme 
Quelle, der die Stadt ihren Ruhm und ihre Bedeutung ver- 
dankte, hat aus ihren Kalkniederschlägen eine Art von Gletscher 
von kolossaler Ausdehnung gebildet, auf dem, zum Teil von 
jüngeren Niederschlägen wieder überdeckt, die Reste einer 
römischen Stadt aus später Zeit kenntlich geblieben sind. Eine 



Hierapolis. Thera 191 

schnurgerade breite Hallenstraße, von anderen Straßen recht- 
winklig geschnitten, durchzieht die Stadt von einem Tore zum 
andern; Spuren einer Agora schließen sich ihr an. Eine große 
Thermenanlage, zwei Bauwerke, die man nach pompejanischen 
Analogien als Basilika und kaiserliches Lararium bezeichnen 
möchte, ein wohlerhaltenes Theater über der Stadt lassen sich 
erkennen, fast durchweg in späten plumpen Architekturformen 
gehalten. Dazu drängt sich vor den Mauern der Stadt eine 
fabelhafte Menge von Sarkophagen und anderen Gräbern, die 
der Ruinenstätte bei den Einheimischen den Namen Tambuk- 
Kalessi (»Trögeburg«) verschafft hat. Der ganze Ort bietet das 
grandiose Bild einer Menschensiedelung, über die die Natur mit 
ihren unerschöpften Kräften wieder Herr geworden ist. Man 
erinnert sich der mittelalterlichen Stadt Ninfa an den Volsker- 
bergen, nur daß hier das Wasser und die von ihm geförderte 
üppige Vegetation das Werk der Zerstörung vollbracht hat, das 
in Hierapolis der kalkhaltige Strom durch seine Versinterung 
zuwege bringt. 



In Verbindung mit der Suche nach Inschriften stehen noch 
zwei Unternehmungen, die der Erforschung griechischer Inseln 
gelten. Diese für die Sammlung der griechischen Inschriften, die 
von der Berliner Akademie veranstaltet wird, zu bearbeiten hat 
Friedrich Freiherr Hiller von Gärtringen übernommen. Die Vor- 
arbeiten haben ihn auch nach Thera geführt; es ist sehr begreif- 
lich, daß die Wunderinsel es ihm angetan hat und er seine 
Forschungen auf die ganze Insel auszudehnen beschloß, 

Thera, heute Santorin, ist ein Vulkan, der einsam aus dem 
Meere emporsteigt. An drei Stellen ist der Kraterrand durch- 
brochen und das Meer in das Innere des bis zu fast 400 Meter 
tiefen Kessels eingedrungen. Dieser Kratersee wird von steilen 
Rändern umgeben, die mit ihren bunten Horizontalschichten eine 
Höhe bis zu 360 Metern erreichen. Die alte Stadt Thera lag 
aber am östlichen Außenrande der Insel auf einem schroffen, 
567 Meter hohen, die ganze Insel überragenden Berge von Kalk- 



192 VII. Antike Städte 

stein. Was für ein wunderbares Bild breitet sich vor den Augen 
aus! Die ganze vom Kraterrande gegen das Meer geneigte Fläche 
ist mit einer dicken weißen Bimsteinschicht überzogen, die teppich- 
artig mit niedrigen Weinstöcken gemustert erscheint. Durch den 
Regen tief eingerissene Runsen durchfurchen vom oberen Rande 
herab radienförmig den geblümten Teppich mit ihren dunkeln 
Streifen; in den Wänden dieser Risse sind Weinkeller, Keltern, 
ja auch menschliche Wohnungen ausgehöhlt. Wo die Bimstein- 
decke den Rand des umgebenden Meeres erreicht, ist der leichte 
Bimstein weggespült und ein dunkler Saum scheidet die weiße 
Insel vom tiefblauen weiten Meere, das fern im Süden von dem 
langgestreckten Kreta mit seinen drei Schneegipfeln, im Osten 
von der Küste Kleinasiens, im Norden von der bunten, fein- 
geformten Inselwelt der Kykladen begrenzt wird. Dazu unten im 
Krater die neugebildeten kleinen Vulkane und ein leise kochendes 
Meer, dem noch zu unserer Zeit vulkanische Neugestaltungen 
entstiegen sind — wer diese ganze Pracht von der Höhe des 
Hagios Elias mit seinem Kloster einmal geschaut hat, dem hat 
sie die Seele tief gerührt! 

Auf den Felsen der alten Stadt hatte 1834 Freiherr von 
Prokesch - Osten altertümliche Inschriften aufgefunden, die durch 
Böckhs Behandlung berühmt geworden sind. Bald darauf (1835, 
37, 43) hatte Ludwig Roß mehrmals Thera besucht und nament- 
lich im Süden der Insel merkwürdige Felsgräber und ein wohl- 
erhaltenes marmornes Heiligtum oder Heroon entdeckt. Auch 
oben in der Felsenstadt hatte er manche zutage liegende Baulich- 
keiten bemerkt und beschrieben, aber doch nicht einmal erkannt, 
daß hier die Hauptstadt der Insel gelegen hat. Diese alte Fels- 
stadt aus ihrer leichten Schuttdecke wieder ans Tageslicht gebracht 
zu haben ist das Verdienst Hillers von Oärtringen, der aus 
eigenen Mitteln, mit Hilfe von Architekten (Dörpfeld, Wilberg), 
Archäologen (Schiff, Wolters, Dragendorff), des Landmessers P. 
Wilski und anderer Forscher seit 1896 während sechs Jahren 
wiederholt dieser Aufgabe obgelegen hat. Die kleine weltent- 
legene Stadt, in Terrassen mit Treppen auf der windigen Höhe 
über dem scharfen Absturz angelegt, liegt jetzt mit ihren Heilig- 



Thera 193 

tümern, öffentlichen Gebäuden, Privathäusern offen da. Der 
dorische Apollon Karneios reicht mit einzelnen Teilen seines 
Tempels noch in die archaische Periode hinauf, während sonst 
die hellenistische Kultur, zum Teil von einer römischen Schicht 
bedeckt, den Charakter der Stadt bestimmt. Freilich sind die 
engen, winkligen, teilweise treppenförmigen Gassen ebenso wie 
die Häuser weit entfernt von dem in der hellenistischen Zeit 
üblichen Luxus; Säulenhallen längs den Straßen sucht man hier 
vergebens, so daß die einzige Stoa, am Markte belegen, eine um 596 
so bemerkenswertere Ausnahme bildet. Sie war zweischiffig und 
diente dem Marktverkehr z. B. als Eichamt. Von älterer Anlage, 
aber mehrfach umgebaut, ward sie im 2. Jahrhundert nach Christo 
unter dem Namen einer Basilika neu hergestellt: ein Beweis, 
daß dieser vielumstrittene Name nicht auf saalartige Gebäude 
mit erhöhtem Mittelschiff, wie in Pompeji, beschränkt war. Ein 
besonderes Gepräge bekam der Hellenismus in Thera durch das 
nahe Verhältnis der Insel zu Ägypten. Der Dionysostempel ward 
später dem Kulte der Ptolemäer angepaßt, und ein in den Felsen 
hineingeschnittenes Heiligtum der alexandrinischen Götterdreiheit 
Sarapis, Isis und Anubis bietet einen der merkwürdigsten Züge 
in dem Bilde der Felsenstadt. Höchst eigentümlich ist auch der 
alte Begräbnisplatz am kahlen und windigen Nordabhange der 
Selläda (des Bergsattels, der die Stadt mit dem Hagios Elias ver- 
band). Sehr mannigfaltige Grabformen vertreten die ältesten und 
die römischen Zeiten; die Gräber der hellenistischen Periode 
sind nicht gefunden worden. 

Auch von dem bildlichen Schmucke der Stadt in alexan- 
drinischer und besonders in römischer Zeit haben sich einige 
Reste erhalten. Vor allem aber haben sich die Untersuchungen 
auf der Insel ergiebig an Tonwaren der verschiedensten Zeiten 
erwiesen. Schon in den sechziger Jahren waren auf der Insel 
Therasiä, einem der Bruchstücke des alten Vulkans, unter der 
Lavaschicht Vasenscherben gefunden worden, die damals wegen 
des hochaltertümlichen Charakters ihrer Ornamente Verwunderung 
und hinsichtlich ihrer Einordnung in das damals übliche System 
ein gewisses Unbehagen hervorgerufen hatten. Nunmehr spendete 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 13 



194 VII. Antike Städte 

Thera in ungewöhnlicher Fülle eine zusammenhängende Reihe 
dieser unzerstörbarsten Zeugnisse alter Kultur, so daß sich der 
ganze, mittlerweile durch vielfache Forschung neu aufgehellte Verlauf 
der Vasenmalerei, namentlich ihrer älteren Stadien (Kap. IX), hier 
besonders deutlich verfolgen ließ und manche neue Aufklärung er- 
hielt. Ein großes Werk, die vereinigte Arbeit aller Beteiligten, gab 
dem ganzen glänzenden Unternehmen seinen würdigen Abschluß. 
Schon über die Grenze des vorigen Jahrhunderts hinaus liegt 
die rhodische Expedition, die die dänische Gesellschaft der Wissen- 
schaften aus den Mitteln des von Carl Jacobsen gestifteten Carls- 
berg Fonds ausgerüstet hat. In den Jahren 1902/4 haben 
Christian Blinkenberg und K. F. Kinch auf der alten Akropolis 
von Lindos gegraben. Die Heliosinsel Rhodos liegt von allen 
Inseln des ägäischen Meeres am weitesten dem Osten und der 
Sonne zugewandt; die Stadt Lindos selbst ragt am freiesten in das 
weite insellose Ostmeer hinein. Auf ihrer Burgfläche hatte 1844 
Ludwig Roß eine Menge griechischer Künstlerinschriften gefunden, 
die auf die rhodische Kunstschule Licht zu werfen geeignet waren. 
Andere Funde ähnlicher Art waren 1864 Paul Foucart geglückt. 
Inschriften sind es denn auch, die — abgesehen von der genaueren 
Aufnahme des Athenatempels — die Hauptausbeute des dänischen 
Unternehmens bilden; wie schöne Resultate aber dadurch gewonnen 
worden sind, mögen zwei Tatsachen zeigen. Erst durch diese 
Funde ist es möglich geworden Zeit und Heimat des Künstlers 

76 Boethos, des Schöpfers des bekannten Knaben mit der Gans, 634 
beide sehr bestritten, sicherzustellen; ebenso ist es hierdurch 
gelungen die noch viel heftiger umstrittene Entstehungszeit der 

71 Laokoonsgruppe, deren Ansatz zwischen dem 3. Jahrhundert und 694 
der Zeit des Kaisers Titus schwankte, mit ziemlicher Sicherheit 
in die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts zu setzen. 



Versuchen wir die Hauptergebnisse dieser ganzen Städte- 
forschung kurz anzudeuten. 

Nach der Anlage der Städte lassen sich zwei Gruppen unter- 
scheiden. Entweder schließen sich die Städte in sozusagen 



Lindos. Arten von Stadtanlagen 195 

naturalistischer Weise den natürlichen Bedingungen des Bodens 
an; der Burgberg, die Quellen und Flußläufe, die Neigungen und 
Faltungen des Bodens, etwa das Verhältnis zum Meere, bestimmen 
die Anlage des Marktes, der Tore, der Straßen, die durch keine 
kunstmäßige Regel gebunden wird. Oder die ganze Stadt wird als 
Kunstwerk behandelt; Plätze und Straßen werden, ohne sich viel 
um die von der Natur gegebenen Verhältnisse zu kümmern, nach 
festen Formeln und Regeln angelegt; besonders beliebt ist die 
uns so modern anmutende rechtwinklige Kreuzung der Straßen, 
unter denen auch wohl breitere Hauptstraßen sich von den engeren 
Gassen abheben. Es ist kein Zufall, daß dies zweite System nicht 
von einem praktischen Architekten, sondern von einem klügelnden 
Theoretiker, dem Milesier Hippödamos, erfunden ward. Die Hafen- 
stadt Peiräeus und die attische Kolonie Thurioi am Meerbusen 
von Tarent lieferten in perikleischer Zeit die ersten Proben auf 
das Exempel; bei der Neugründung der heutigen Stadt Peiräevs 
seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts brauchte man 
nur dem überall noch zutage tretenden Straßennetze des Hippö- 
damos zu folgen. Von späteren Anlagen dieser Art sollen nur 
»das schöne Rhodos« (408), dessen antiker Plan sich leider 
wegen der späteren Überbauung und Umgestaltung nicht nach- 
weisen läßt, und Alexanders orientalische Welthauptstadt Alexan- 
dreia (332/1) genannt werden; das rechtwinklige Straßennetz der 
letzteren brachten 1866 die von Napoleon III. veranlaßten Unter- 
suchungen unter Mahmud Bey zutage. 

Diese »hippodamische Weise« herrscht unter den neu 
untersuchten Städten am augenfälligsten in Priene und Knidos, 
also nahe der Heimat des Erfinders. An beiden Stellen war das 
sehr unebene Terrain einer solchen regelrechten Anlage nichts 
weniger als günstig, und doch ist sie ihm aufgezwungen worden, 
indem das ganze Stadtgebiet in Terrassen zerlegt ward und in 
der aufsteigenden Richtung die Straßen sich vielfach in Treppen 
verwandelten, ein deutliches Zeichen, daß der Wagenverkehr in 
diesen antiken Städten keine allzugroße Rolle spielte. Auf die 
große Bedeutung, die in solchen Städten den Stützmauern zukam, 
ward schon oben (S. 176) hingewiesen. In bedeutend gemäßigter 

13* 



196 VII. Antike Städte 

Weise kehrt diese regelmäßige Anlage in Thera wieder, wo sie 
sich dem schmalen Felsterrain anschließen mußte; in dem steilen 
Assos bot sie noch weit größere Schwierigkeit als in Priene dar; 
in Hierapolis war sie dagegen auf der ebenen Oberfläche des 
Kalkgletschers leicht durchzuführen. 

In Pompeji geht die Regelmäßigkeit des Stadtplanes auf das 
italische System der beiden sich kreuzenden Hauptlinien, des 
Kardo und des Decumanus, zurück, das am reinsten in Marza- 
botto (S. 154) vorliegt. Nur sind in Pompeji durch die natür- 
lichen Bedingungen gewisse Unregelmäßigkeiten entstanden, die 
das im großen ganzen rechtwinklige System durchbrechen. Der 
Kardo mußte gegen Süden einer etwas schräg verlaufenden Falte 
des Lavahügels, auf dessen ziemlich ebenem Rücken die Stadt 
gebaut ist, folgen, während im Nordwesten das sogenannte 
Herculanertor mit der berühmten Gräberstraße eine leichte Ver- 
schiebung der normalen Rechtecke bedingte. 

Ganz anders erscheinen die Dinge in Pergamon. Die be- 
deutende Höhe der Burg und die Steilheit des zu ihr sich em- 
porziehenden breiten Bergrückens, den die Stadt des Eumenes 
bedeckte, haben hier (ähnlich wie in Delphi, S. 144 ff.) zu einer 
in Windungen mit teilweise scharfen Kehren ansteigenden Haupt- 
straße genötigt. Diese Hauptstraße ist die Lebensader der ganzen 
Anlage gewesen. Wie weit die Stadt zu ihren Seiten in Terrassen 
gegliedert war, wie weit hier das System rechtwinkliger Straßen- 
inseln herrschte, das läßt sich einstweilen noch nicht sagen; man 
wird sich kaum verwundern, wenn dereinst größere Unregel- 
mäßigkeit zutage treten sollte. Im oberen Teil, nahe der Burg 
und in ihrem Innern, gliedert sich freilich die Anlage notge- 
drungen in hoch übereinander aufsteigenden Terrassen, diese 
aber weisen keine starre Regelmäßigkeit auf, sondern schmiegen 
sich bald den Biegungen der Hauptstraße, bald der natürlichen 
Beschaffenheit des Felsbodens an. So steht die Residenz der 
Attaliden in scharfem Gegensatze zu jenen »hippodamischen« 
Städten, auch beispielsweise zu Halikarnass, der Residenzstadt der 
karischen Herrscher, wo der kreisförmige Hafen gleichsam als 
Orchestra den Mittelpunkt der rings theaterförmig ansteigenden 



Regelrechte und naturalistische Stadtanlagen. Märkte 197 

Stadt mit breiten Hauptstraßen bildete. In einem Punkte freilich 
glich auch Pergamon allen den nicht in der Ebene gelegenen 
Städten: Terrassenmauern von teilweise bedeutender Höhe waren 
auch hier unentbehrlich, ja die über 200 Meter lange mehr- 
stöckige Aufmauerung unterhalb der Theaterterrasse ist ein be- 
deutendes Werk, das anscheinend für andere kleinasiatische Städte 
als Vorbild gedient hat (S. 170). 

Fast scheint es, daß die Lockerung der strengen hippoda- 
mischen Regel (am pedantischsten ward sie in dem ganz eben 
gelegenen Nikäa, der Hauptstadt Bithyniens, streng auch im 
syrischen Antiocheia durchgeführt) später allgemeiner geworden sei. 
Wenigstens zeigen sowohl Delos, wie die meist römischen Städte 
Lykiens, Pamphyliens, Pisidiens ein weit engeres Anschmiegen an 
die natürliche Bodenbeschaffenheit; eben dies rief in Hierapolis 
die regelmäßige Anlage hervor. 

Abgesehen von diesen Verschiedenheiten in der Gesamt- 
anlage sind uns auch viele Einzelheiten in den Städten durch die 
neueren Ausgrabungen deutlicher geworden. Von Stadtmärkten 
z. B. war uns früher nur das Forum von Pompeji bekannt, dessen 
allmähliche Umbildungen wir erst neuerdings haben verfolgen 
lernen. Einen Normalmarkt hat uns jetzt Priene, etwas ab- 
weichende Bildungen Assos und Pergamon, einen Markt am Hafen 
Delos, einen römischen Markt Ephesos kennen gelehrt. Zum 
Markte gehört das Rathaus, dessen Sitzungssaal in einfachster 
Gestalt in Assos, etwas reicher und zweckmäßiger gestaltet in 
Priene, am stattlichsten innerhalb eines umfriedeten Bauganzen 
in Milet zum Vorschein gekommen ist. Säulenhallen, öfter mit 
dahinter liegenden Läden oder Geschäftsräumen, umgeben den 
Markt wie den Hof des milesischen Rathauses und fast alle 
Tempelhöfe. Sie sind bald ein- bald zweischiffig, bald ein- 
bald zweigeschossig (besonders stattlich in Pergamon und in der 572 
athenischen Halle Attalos IL). Vielfach von Königen erbaut führen 597 
die stattlicheren von diesen Markthallen den Namen der Erbauer 
oder die allgemeinere Bezeichnung Basilika (»Königshalle«), die 
sie mit den anscheinend auf ägyptische Vorbilder zurückgehenden 
geschlossenen Sälen (wie der großartigen Basilika in Pompeji) teilen. 598 



198 VII. Antike Städte 

Die Straßen dieser Städte sind nicht selten, z. B. in Pergamon, 
Priene, Milet, gepflastert und mit Abzugkanälen (am deutlichsten 
in Pompeji) versehen. Die früher gegen die Straße fest abge- 
schlossenen Häuser öffnen sich allmählich im untersten Stockwerk 
in Läden, die dem Straßenbilde weit größeres Leben verleihen; 
das steht jedem Besucher Pompejis vor Augen, läßt sich aber 
auch beispielsweise in Pergamon verfolgen. Dagegen fehlt in 
den neuaufgedeckten hellenistischen Städten die Übertragung der 
Hallenumsäumung von den Plätzen auf die Straßen, die uns z. B. 
für Athen und Smyma schon für die hellenistische Zeit bezeugt 
wird; auch in Rom gab es schon früh solche Laubenstraßen. 
Später ward diese Sitte ganz allgemein; in Ephesos liegt ein 
Beispiel vor, ganz besonders deutlich aber in Hierapolis, wo die 
Hauptstraße beiderseits von einer Halle mit Läden dahinter ein- 
gefaßt war. 

Zu der weiteren Ausstattung der Städte gehören Theater, 
von denen sich nicht bloß .in Aspendos (S. 188) ein stattliches 
Beispiel erhalten hat. Femer die gymnastischen Anstalten, meist 
Höfe, von Säulenhallen und mancherlei Kammern und Nischen 
umgeben, vielfach gesondert für Ältere und Jüngere; so z. B. in 
Sidyma (S. 186) und besonders deutlich in Pompeji, wo die 
spätere Gladiatorenkaserne mit ihrem großen Hofe ursprünglich 
ein Turnplatz für Erwachsene war (genau der olympischen Pa- 
lästra entsprechend), während die kleine sogenannte Palästra der 
pompejanischen Jugend gewidmet, also ein sogenanntes Ephe- 
beion war. Eine Thermen anläge nach römischer Art bieten 
Milet und Hierapolis mit seiner warmen Quelle. Welche Ein- 
blicke Priene und Delos uns in die Anlage der Häuser in 
hellenistischer Zeit erschlossen haben, ward schon hervorgehoben 
(S. 120. 177 f.); bis dahin war man auf die immerhin sonderartigen, 
weil Italisches mit Griechischem verbindenden, Häuser Pompejis 
beschränkt gewesen. 

Pompeji bot uns auch zuerst das greifbarste und ergreifendste 
Bild einer Gräberstraße, die vom Tor der Stadt den Wanderer 
hinaus ins Land geleitet. Ihre Ausgestaltung gehört fast aus- 
schließlich der römischen Zeit an. Ein Bild aus klassischer Zeit 



Straßen. Öffentliche Gebäude. Gräberstraßen 199 

bot der 1870 aufgedeckte athenische Friedhof vor dem Haupt- 
tore der Stadt, dem Dipylon. Hier stehen vielfach jene unver- 
gleichlichen Grabdenkmäler aus dem 5. und 4. Jahrhundert noch 
49. 54 aufrecht, die vornehme Hegeso, der Ritter Dexileos, der zwanzig- 452 
jährig bei Korinth 394 gefallen war, die etwas anspruchsvollen 
61 Damen Demetria und Pamphile, die »recht freundlich« dem Be- 
schauer sich zukehren. Es sind nur einzelne Beispiele einer 
Denkmälerklasse, die es an edler Einfalt und stiller Größe mit 
allen anderen aufnimmt. Bedeutend bereichert hat sich die An- 
schauung dieser vor den Städten sich ausbreitenden Nekropolen 
durch die Nachforschungen in Kleinasien. Lykien war dafür 
schon länger berühmt (S. 90 f.), ward aber erst jetzt auch nach 
dieser Seite genauer erkundet (vgl. S. 186). Während Milet be- 
gonnen hat die altertümlichen Sitzbilder seiner Nekropolis zu 
spenden, bieten Pamphylien und Pisidien eine Fülle verschiedener 
Grabformen, die zum Teil in die Formenwelt des sinkenden Alter- 
tums überleiten; Hierapolis überrascht durch die einförmige Masse 
seiner Sarkophage. 

Der hellenistischen Epoche gebührt der Löwenanteil an dieser 
Städteforschung. Grade sie hatte es aber auch besonders nötig 
wenigstens in ihren unvergänglichen Spuren erkannt zu werden, 
da keine Periode der griechischen Geschichte in unserer litera- 
rischen Überlieferung so sehr das Bild eines wirren, ausgeplün- 
derten Trümmerhaufens darbietet. Hier mußten die Steine reden, 
und sie haben geredet, bald durch Inschriften, bald durch die 
Überreste der Baukunst und der Bildkunst. 



VIII 

PRÄHISTORIE UND GRIECHISCHE VORZEIT 




on den Zeiten des niedergehenden Altertums wendet 
sich der Blick zurück zu den Anfängen. Wieder ein- 
mal ist es die bescheidene Gattung der bemalten Ton- 
gefäße, die uns erlaubt hat die bisher erkannten Grenzen rück- 
wärts zu erweitern. 

Die Vasenklasse, die man lange als die älteste betrachtete, 
die orientalisierende oder korinthische (S. 63), ging bis in das 275/79 
siebente Jahrhundert zurück. Da auch die Nachrichten von 
griechischen Künstlern nicht höher hinauf reichten, so schien 
damit überhaupt die Grenze für die Anfänge der griechischen 
Kunst gegeben. Höchstens führten die Angaben der homerischen 
Gedichte noch etwas weiter zurück in ein unsicheres, von Fabeln 
, durchsetztes Gebiet, über das die »blumenreichen« ältesten Vasen 
oder die »gebuckelten« Erzschilde des Grabes Regulini- Galassi 
(S. 68) und einige ähnliche Kunstwerke, allenfalls einige Analogien 
aus der assyrischen Kunst, ein mattes Licht zu werfen schienen. 
Im ganzen durfte man sagen, daß die greifbare griechische Kunst 
anfing, wo die homerische Poesie aufhörte; jenseits gähnte ein 
gestaltenloses Chaos. 

Der erste, der diese Lücke auszufüllen unternahm, war noch 
einmal Alexander Conze, Schon 1862 hatte er einige Tongefäße 273 
aus Melos herausgegeben, deren malerischer Schmuck im ganzen 
dem der korinthischen Vasen ziemlich nahe stand, so jedoch, 
daß neben den orientalisierenden Ornamenten, den stilisierten 
Pflanzenformen (Rosetten, Palmetten usw.) einfache Linearorna- 
mente (Zickzacklinien, Quadrate usw.) auftraten, die eine ganz 



Geometrischer Stil 201 

abweichende Quelle der Ornamentik verrieten. Ganz vereinzelt 
hatte schon 1847 Thomas Burgon auf diese linearen Formen 
aufmerksam gemacht und Gottfried Semper 1863 diesen Hinweis 
aufgenommen; aber im Zusammenhange wies doch erst Conze 
1870 diesen »geometrischen« Stil als den einer besonderen, 
hochaltertümlichen Vasengattung nach. Das Charakteristische an 215 
ihr ist, daß das ganze Ornamentsystem rein linear ist. Grade 
Linien, Zickzack und gekreuzte Linien, einfache Mäandermuster, 
Vierecke, Kreise, Spiralen und ähnliche geometrische Formen, 
anscheinend den uralten Techniken des Webens, Flechtens und 
Punzens entnommen, schließen sich zu einem ganz bestimmten 
System der Anordnung, der Verbindung, der meist streifenförmigen 
Verteilung über die Fläche zusammen und unterscheiden sich 
eben dadurch von der Kunst wilder Völker, die viele von diesen 
einfachen Formelementen ebenfalls verwenden. Jene im orien- 
talisierenden Stil so beliebten stilisierten Pflanzenornamente fehlen 
gänzlich, ebenso wie die Löwen und Panther, die Sphinxe und 
Greifen des Orients. Wo Tiere auftreten, sind es Haustiere, 
Gänse, Störche, Pferde an der Krippe und dergleichen. In Italien 216 
erscheint dieser geometrische Stil besonders in den eingeritzten 
Mustern des Metallgerätes, aber auch wo er dort auf Tongefäßen 
auftritt, sind die Ornamente gern mit dem Griffel eingeritzt. 
Daß dies die ursprünglichere Weise ist, scheint daraus hervorzu- 
gehen, daß auch auf den bemalten Tongefäßen Griechenlands 
ein zeichnerischer, nicht ein malerischer Charakter herrscht. Die 
Ornamente so gut wie die ornamental gestalteten Tiere sind nur 
gezeichnet, die Flächen mit gestrichelten Mustern ausgefüllt; selten 
wird einmal ein voller Pinsel gebraucht. 

So etwa erschien der »geometrische« Stil in den ungefähr 
60 Beispielen, an denen Conze zuerst seine Entdeckung darlegte. 
In ungeahnter Schnelligkeit mehrten sich, nachdem einmal der 
Blick für die neue Erscheinung erschlossen war, die Beispiele 
und ergaben namentlich nach zwei Seiten hin eine Erweiterung 
der anfänglichen Erkenntnis. Ein großer Vasenfund am athenischen 
Dipylon im Jahre 1871 zeigte, daß dieser lineare Stil auch auf 217 
Menschen, richtiger auf Menschenschemata, ausgedehnt worden 



202 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

war, ja daß man sich mit diesen einfachen Mitteln an größere 
Darstellungen, wie Leichenzüge oder Schiffskämpfe, gewagt hatte. 
Man bezeichnete diese reichere Ausgestaltung als »Dipylonstil«. 
Andere Beispiele etwas vorgerückter Art zeigten geometrische 274 
Ornamente und Figuren in unmittelbarer Verbindung mit Löwen, 
Blumen und ähnlichen Elementen des orientalisierenden Stils. 
Es konnte hiernach, wie nach dem gesamten Charakter des geo- 
metrischen Stils kein Zweifel sein, daß er älter war als alles bisher 
Bekannte und daher in die große Lücke eintrat, die bis dahin 
jenseits der orientalischen (wohl, wie bei Homer, durch die 
Phöniker vermittelten) Einflüsse klaffte. 

Aber noch etwas Weiteres konnte schon Conze nicht ent- 
gehen. Dieser geometrische Stil stimmt mit seinem Ornament- 
system im großen und ganzen mit den Zieraten überein, mit denen 
die alten Tongefäße und Erzgeräte im mittleren und nördlichen 
Europa geschmückt zu sein pflegen. Damit eröffneten sich neue 
Perspektiven in weitere Zusammenhänge. War der geometrische 
Stil ein gemeinsames Erbgut der ganzen arischen Völkerfamilie? 
Stellte er eine besondere europäische Ausprägung der arischen 
Ornamentik dar? War er nach Griechenland vom Norden her 
infolge jener Völkerschiebungen gedrungen, die wir unter dem 
viel zu engen Namen der dorischen Wanderung zusammenfassen 
und in die Jahrhunderte, die den Anfang des letzten vorchrist- 
lichen Jahrtausends umgeben, zu setzen pflegen? Namentlich 
diese letztere Auffassung fand großen Anklang und herrscht 
wohl auch heute noch im allgemeinen. Wir können erst später 
(S. 208 f.) erwägen, ob nicht eine etwas abweichende Anschauung 
noch größeren Anspruch auf Wahrscheinlichkeit erheben kann. 
Einstweilen müssen wir die Blicke über das griechische Gebiet 
hinaus auf die weiten Gefilde der prähistorischen Forschung 
richten. 



Unter dem übel gebildeten Namen Prähistorie versteht 
man bekanntlich die Erforschung der Urzeit, in die keine schrift- 
liche Überlieferung zurückreicht. An ihr haben je nach dem 



Geometrischer Stil. Prähistorie. Jüngere Steinzeit 203 

verschiedenen Gesichtspunkt gar verschiedene Wissenschaften teil, 
die Anthropologie, die Ethnologie, die Kulturgeschichte. Deren 
Gesichtspunkte liegen unserer Betrachtung ebenso fem, wie bei- 
spielsweise bei der Numismatik die Fragen der Währung, des 
Handels, der Geschichte. Ob Rund- oder Langschädel, ob Ver- 
brennung oder Bestattung, ob Hockergräber, die Art der Lebens- 
weise, der Kleider und Geräte — alles das berührt die Kunst - 
archäologie nicht; ihr kommt es nur auf die Äußerungen und 
Schöpfungen des Kunstgefühls jener Völker der Vorzeit an. 

Die Aufmerksamkeit auf die vorzeitlichen Überreste ist schon 
früh wach geworden, besonders im Norden, wo der altertümliche 
Kulturzustand sich viel länger erhalten hat und seine Überbleibsel 
augenfälliger sind. Skandinavien hat auch mit der wissenschaft- 
lichen Forschung zuerst eingesetzt. Im Jahre 1 832 stellte Christian 
Jürgen Thomsen in Kopenhagen die Scheidung der Vorzeit in 
drei gesonderte Kulturperioden auf, die Steinzeit, die Bronzezeit, 
die Eisenzeit, indem das hauptsächliche oder besonders charakte- • 
ristische Material den Perioden ihren Namen gab und damit zu- 
gleich den allmählichen Fortschritt bezeichnete. Die Berechtigung 
dieser Scheidung begegnete lange lebhaften Zweifeln, die aber 
heute als beseitigt gelten können. Damit ist also auch für die 
Betrachtung der künstlerischen Erzeugnisse (die jedoch in den 
einzelnen Perioden durchaus nicht auf das jeweilige Hauptmaterial 
beschränkt sind) der allgemeine Rahmen gegeben. 

Zunächst stand die Steinzeit — später die jüngere Stein- 
zeit genannt — im Vordergrund. Sie spricht ihren Charakter 
am mächtigsten in ihren Bauten aus gewaltigen Steinblöcken aus, 
die hauptsächlich in Skandinavien und im westlichen Frankreich 
auftreten. Diese »megalithischen« Denkmäler stehen entweder zum 
Kultus in Beziehung — so die einzeln aufgerichteten Kolossal- 
blöcke (Menhir) oder die aus solchen Blöcken gebildeten Stein- i5 
kreise (Cromlech) — oder sie bilden Gräber; so die einfachen 
Steinkammern (Dolmen) oder Steingänge mit gewaltigen Deck- 12 
blocken, sodann die »Hünengräber« mit darüber geschüttetem 13 
Erdhügel, endlich die großen unterirdischen »Riesenstuben«. In 14 
allen diesen Bauten, deren Entstehung einen sehr großen Zeit- 



204 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

räum umspannt, wirkt ausschließlich die Kolossalität des Materials; 
Kunstformen oder auch nur Glättung kennen sie noch nicht. 
Daneben treten am spärlichen Gerät Anfänge einer Ornamentik 13 
auf, die ihre Anregungen nach einer freilich nicht ohne Wider- 
spruch gebliebenen Anschauung den Urkünsten des Flechtens 
und Webens entnimmt. Daher sind ihre Muster rein linear oder 
»geometrisch«. 

Etwa um die Mitte des Jahrhunderts erweiterten sich Material 
und Forschung in doppelter Richtung: rückwärts nach der Urzeit, 
vorwärts gegen die Eisenzeit hin. 

Dort trat der jüngeren die ältere Steinzeit zur Seite (die 
Bezeichnung paläolithisch und neolithisch rührt von John Lub- 
bock her). Der Hauptsitz der Funde und der Forschung ist 
Frankreich, das zur Eiszeit nur in ganz geringem Maße ver- 
gletschert, also immer für menschliche Ansiedlung geeignet ge- 
wesen ist. Hier eröffnete Jacques Boucher de Perthes in Abbe- 
ville durch seine Antiquites celtiques et antediluvlennes {\ 846 165) 
und seine Schrift De l'homme antedilavien et de ses oeuvres 
(1860) die Reihe der Beobachtungen über Steingeräte und andere 
Reste menschlicher Kultur in den Flußbetten des nördlichen 
Frankreichs. Andere Forscher, wie Ed. Lartet und Gabriel de 
Mortillet folgten seinen Spuren. Eine neue Wendung nahm die 
Forschung, als seit 1853 im südwestlichen Frankreich bedeutende 
Höhlenfunde stattfanden. Höhlen als Wohnstätten uralter Zeiten 
hatten schon vielfach die Aufmerksamkeit erregt, zuerst 1774 in 
Gailenreuth (Franken), später in Großbritannien, allmählich an 
vielen Stellen des mittleren und südlichen Europa. Jetzt lieferten 
die Departements der Dordogne und Charente und südwärts bis 
zu den Pyrenäen die reichsten Ergebnisse. In den Höhlen fanden 
sich Knochen von Höhlenbären, von Mammuttieren, von Nas- 
hörnern, von Renntieren, lauter Reste der Eiszeit, die insgesamt 
um viele Jahrtausende hinaufreichten, dabei aber verschiedene 
Perioden darstellten; man lernte allmählich die nach den ersten 
oder bedeutendsten Fundorten benannten Perioden von Chelles, 
Solutre, Madelaine unterscheiden. Auf menschliche Bewohner 
jener Höhlen in der Urzeit wiesen aber nicht bloß die roh be- 



Ältere Steinzeit 205 

arbeiteten Steingeräte (Tongefäße fehlten noch völlig), sondern 
vor allem die in jene Knochen von Mammut- und Renntieren 
eingeritzten Zeichnungen hin. Der erste Knochen mit eingeritzter 
Zeichnung war schon in den dreißiger oder vierziger Jahren in 
Chaffaud (Vienne) zum Vorschein gekommen, aber obschon er 
seit 1 85 1 im Pariser Musee de Cluny aufbewahrt ward, erkannte 
doch erst 1869 der dänische Altertumsforscher J. J. A. Worsaae 
seine Bedeutung. Damals hatten nämlich Ed. Lartet und Henry 
Christie, denen bald Ed. Piette und andere folgten, bereits ein 
reiches Material aus den Höhlen des Perigord (Grotte d'Aurignac, 
Madelaine, Laugerie Basse, Eyzies) zutage gefördert. Diese Knochen- 
zeichnungen sind von sehr verschiedenem künstlerischen Wert, 4/9 
manche aber sind ebenso erstaunlich durch die Schärfe der Be- 
obachtung wie durch die Sicherheit in der Wiedergabe. Das 
größte Aufsehen erregten die im Kanton Schaffhausen in den 
siebziger (Keßlerloch bei Thaingen) und wiederum in den neun- 
ziger Jahren (Schweizersbild bei Schaffhausen) gemachten Funde, 
z. B. die meisterhafte Darstellung eines äsenden Renntieres. Die 7 
Vollendung der Zeichnung erschien für jene Urzeit so unbe- 
greiflich, daß ein — leider durch einige Fälschungen genährter 
— Verdacht gegen die Echtheit laut ward. Er verstummte bald. 
Neuere Entdeckungen in Frankreich haben jene Werke fast noch 
übertrumpft, ja zu den Knochenzeichnungen sind auch Tier- 
gemälde auf den Wänden der Höhle von Fond de Gaume (Dor- 10 
dogne) gekommen. Das lebhaft blühende Studium des Kunst- 
sinnes und der Kunstleistungen bei wilden Völkern hat das in 
seiner Vereinzelung unbegreiflich Erscheinende allmählich als 
allgemeingültig nachgewiesen. Eine höchst primitive Kunststufe 
schließt keineswegs künstlerischen Blick und treffende Wiedergabe 
aus: eine für die Ursprünge der Kunst wertvolle Beobachtung. 
Diese ältere Steinzeit war durch Jahrtausende, die durch die 
wechselnden Zustände der Eiszeit ausgefüllt waren, von jener 
jüngeren Steinzeit geschieden, zu deren kolossalen Steindenk- 
mälern sich nunmehr auch Holzbauten gesellten. Ein Jahr nach 
den ersten größeren Höhlenfunden, 1854, kamen in der Schweiz 
die ersten Pfahlbauten zum Vorschein, jene auf Pfählen und 11 



206 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

hölzernen Rosten in die Seen hineingebauten Dörfer von Holz- 
hütten, deren Abfälle über die Lebensart der Bewohner Auf- 
schlüsse gaben. Rasch mehrten sich die Reste der Pfahldörfer 
und fanden sich bald auch außerhalb der Schweiz. Namentlich 
in der Poebene ward ein eifriges Studium auf die Pfahldörfer 
in den Seen {palafitte) und in der Ebene {terremare) verwandt, 
die hier schon die gradlinige Anlage der späteren italischen 
Städte (S. 154) aufwiesen. Die Sitte des Pfahlbaues vererbte 
sich übrigens aus der jüngeren Steinzeit bis in spätere hellere 
Perioden. Was von Geweberesten und von Töpfen in den Pfahl- is 
bauten gefunden worden ist, zeigt die oben besprochene geo- 
metrische Ornamentik, im Übergange zur Bronzezeit, der diese 23 ff. 
Zierformen insbesondere eigen sind. Auf einem weiten Ver- 
breitungsgebiete sind unzählige Erzgeräte von verschiedenen 
Formen und Zieraten zum Vorschein gekommen, die unter sich 
wiederum eine Scheidung in ältere und jüngere Werke erlauben. 
Im ganzen darf man für Südeuropa die Bronzezeit dem zweiten 
vorchristlichen Jahrtausend zuweisen; ihr gehören auch die Er- 
zeugnisse der bald zu besprechenden mykenischen oder ägäischen 
Kunst an. 

Schon etwas früher als die Höhlenfunde und die Pfahlbauten 
den Blick in die blauen Fernen der Geschichte richteten, waren 
Funde gemacht worden, die die spätesten Abschnitte der Vorzeit, 
die sogenannte Eisenzeit aufhellten. Der Name Eisenzeit weist 
bloß darauf hin, daß das früher ungebräuchliche Eisen nunmehr 
neben der Bronze für Waffen angewandt wird. In der Kunst- 
entwickelung hat das Eisen im ganzen Altertum keine Rolle von 
Belang gespielt, vielmehr ist auch in der Eisenzeit das Erz der 
Hauptträger der künstlerischen Tätigkeit geblieben. 

Zuerst im Jahre 1846, dann etwa zwei Jahrzehnte hindurch, 
ward oberhalb Hallstatts, des malerisch zwischen See und Fels- 
absturz eingeklemmten Städtchens im Salzkammergut, ein altes 
Gräberfeld ausgebeutet, das der ganzen hier zuerst auftretenden 
Kunstart und Kultur den Namen der Hallstattkultur gegeben 
hat Künstlerisch betrachtet handelt es sich um einen Blechstil, 
dessen Formen und aufgeritzte Zierate eine besondere, Verhältnis- 700/1 



Bronzezeit. Eisenzeit. Hallstatt und La Tene 207 

mäßig späte Ausprägung des geometrischen Stils darstellen. Bald eoe 
fanden sich Zeugnisse der Hallstattkultur im ganzen Alpengebiet 699 
und drüber hinaus, westlich bis nach Burgund, östlich bis nach 
Ungarn und Bosnien (Gräberfeld von Glavinac). Diese mittel- 
europäische Kultur, deren Ursprung sich ethnologisch noch nicht 
mit Sicherheit hat feststellen lassen (man denkt an die Illyrier), 
zeigte sich bald in besonders reicher Ausbildung und in mehr- 
fachen Entwickelungsstufen südlich der Alpen in den Polanden. 
Schon 1853 entdeckte Graf Gozzadini in Villanova bei Bologna 
einen solchen Begräbnisplatz mit Fundstücken älterer Art; 1865 697 
folgte das benachbarte Marzabotto am Austritt des Reno aus dem 
Apennin, 1871 der ältere Friedhof bei der Certosa von Bologna, 
beides Vertreter eines jüngeren Stils mit reicher entwickeltem 
figürlichen Element. In Este waren beide Stadien der Entwicke- 
lung vertreten. Im ganzen glaubt man diese Hallstattkunst etwa 
der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends vor Christo zuweisen 
zu dürfen ; sie ist also den älteren Jahrhunderten der griechischen 
Kunstentwickelung gleichzeitig. 

Erst zuletzt kam auch eine jüngere Gestaltung der »Eisen- 
zeit« zum Vorschein. Schon 1862 war man bei den durch 
Napoleon IIL veranlaßten Ausgrabungen in Alesia (Alise Sainte- 
Reine) cäsarischen Angedenkens auf Reste einer besonderen 
Gattung von Kunstgegenständen gestoßen, denen bald bedeutende 
Funde ähnlicher Art in der Champagne zur Seite traten. Be- 
sondere Beachtung fanden die nach vereinzelten Vorläufern (1864) 
im Jahre 1876, bald noch öfter in La Tene am See von Neu- 
chatel vorgenommenen Ausgrabungen, die Zeugnisse einer ähn- 
lichen Kunstart zutage förderten. Daß diese sich von der Hall- 
stattkunst deutlich unterschied und offenbar jüngeren Ursprungs 
war, erkannte man bald; 1869 taufte Aug. W. Franks die neue 
Kunstart auf den Namen late Celtic, aber verbreiteter ist die 
etwa gleichzeitig von Hans Hildebrand erfundene und auf dem 
Stockholmer Prähistorikerkongreß von 1874 vorgeschlagene Be- 
zeichnung La Tene-Kunst geworden, im Gegensatz zur älteren 
Hallstattkunst. Diese La Tene-Kunst, die Nationalkunst der kel- 864 
tischen Völker, hat ein beschränkteres Gebiet und eine beschränk- 



208 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

tere Anwendung, insofern sie dem kriegerischen Charakter der 
Kelten gemäß zumeist bei Waffen auftritt. Auch in der ge- 
schmackvollen, gern in Schwingungen sich ergehenden Orna- 
mentik möchte man eine keltische Eigentümlichkeit erkennen. 
Die ganze Kunstart weicht im letzten vorchristlichen Jahrhundert 
der römischen; ihre Anfänge glaubt man bis etwa in die Mitte 
des letzten Jahrtausends hinauf datieren zu dürfen. 

Natürlich sind die chronologischen Bestimmungen je weiter 
zurück, desto unsicherer, obgleich manche Gelehrte glauben auch 
für diese überlieferungslosen Zeiten die einzelnen Stufen der Ent- 
wickelung auf bestimmte Jahrhunderte verteilen zu können. 
Namentlich Oskar Montelius, einer der bedeutendsten Forscher 
auf diesem Gebiete, ist ein gewichtiger Vertreter dieser Ansicht. 
Auch darüber sind die Gelehrten nicht gleicher Meinung, ob 
der Norden durchweg unter südlichem Einfluß sich entwickelt 
habe oder ob vielmehr der Norden der spendende Teil sei; ob 
der Orient eingewirkt habe oder ob diese Annahme nur eine 
Luftspiegelung sei; ob der Anteil an der ganzen Entwickelung 
nicht vielleicht gleichmäßiger über Nord und Süd zu verteilen sei. 
So viel scheint sicher, daß die Chronologie der einzelnen Kultur- 
stufen nach den Gegenden sehr verschieden ausfällt. Im Norden 
hält sich beispielsweise der geometrische Stil bis zum Eindringen 
des Christentums, während er in Südeuropa in den ersten Jahr- 
hunderten des letzten Jahrtausends schwindet und seine Haupt- 
blüte in das zweite Jahrtausend fällt. In diesen Zeiten haben 
wir nun oben (S. 202) das Auftreten des geometrischen Stils in 
Griechenland kennen gelernt. Ist dieser wirklich erst spät mit 
der »dorischen Wanderung« vom Norden dort eingedrungen? 
Wir werden gleich sehen, daß im zweiten Jahrtausend in dem 
griechischen Gebiet ein ganz abweichender Kunststil herrschte, 
ein Stil der vornehmen Welt der griechischen Heroenzeit. Aber 
schließt ein solcher Sonderstil die gleichzeitige Existenz eines in 
ganz Europa herrschenden, seiner ganzen Art nach ohne Zweifel 
primitiveren Stils für die griechischen Lande aus? Gewiß ist die 
neuerdings ausgesprochene Vermutung höchst beachtenswert, daß 
neben jener Herrenkunst immer der geometrische Bauernstil als 



Alter des geometrischen Stils. Heinrich Schliemann 209 

Unierströmung hergegangen und erst nach dem Zusammenbruch 
der Heroenwelt allein an die Oberfläche getreten sei. Einzelne 
tatsächliche Beobachtungen scheinen sie zu unterstützen. Täuscht 
nicht alles, so gehört dieser Auffassung die Zukunft. 



Während sich so der Ausblick ins Unermeßliche erweiterte 
und früher ungeahnte Fäden die griechische Kunstübung rückwärts 
mit der des übrigen Europas zu verknüpfen schienen, trat auf 
dem griechischen Gebiete selbst etwas ganz Neues ein. Ich spreche 
von Heinrich Schliemann, dessen Name eine ganze Epoche 
bezeichnet. 

Noch ist der Kampf um Schliemann nicht ganz zur Ruhe 
gekommen. Sind auch die Stimmen derer, die sich anfangs ganz 
ablehnend gegen ihn verhielten, längst verstummt, so erschallen 
doch noch immer gelegentlich, besonders von selten derer, die 
archäologischer Wissenschaft fernstehen, Jubelhymnen, die in 
blinder Vergötterung in Schliemann das Ideal eines Forschers 
feiern. Man wird heutzutage seine Verdienste und seine Mängel, 
so weit diese der Wissenschaft fühlbar geworden sind, ruhig 
gegeneinander abwägen und ein unparteiisches Urteil fällen können, 
der Zustimmung wenigstens derer sicher, denen ein wissenschaft- 
liches Urteil über archäologische Fragen zusteht 

Heinrich Schliemann begeisterte sich schon als Knabe für 
die homerischen Gedichte und entwarf bereits in seinem achten 
Jahre den Plan einmal Troja auszugraben. Vierzehn Jahre alt 
trat er 1836 als Lehrling in einem Kaufladen niedrigsten Ranges 
ein, brachte es aber in 27 Jahren zum reichen Großhändler in 
St. Petersburg, ohne je die Ideale seiner Jugend aus dem Sinne 
zu verlieren. Er hatte schon die Mitte der vierziger Jahre über- 
schritten, als er sich 1868 zum erstenmale auf eine Entdeckungs- 
reise nach den homerischen Stätten begab. Nunmehr stand ihm 
sein Lebensziel fest: die Wiederentdeckung der homerischen 
Welt, an deren volle Realität bis in jede Einzelheit er so fest 
wie an das Evangelium glaubte. So begann er jene Reihe von 
Unternehmungen, deren einzelne Erfolge alsbald mit einer vorher 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 14 



210 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

und nachher unerhörten Reklame der staunenden und eben wegen 
dieser Reklame manchmal etwas mißtrauischen Welt verkündigt 
wurden. Im Jahre 1871 ward zuerst der Spaten in Troja an- 
gesetzt; 1874 folgte Mykenä, 1878 von neuem Troja, 1880 Or- 
chomenos, 1884 Tiryns, 1890 nochmals Troja. 

Wenn je, so bewährte sich hier, daß der Glaube selig macht 
Er verlieh Schliemann eine Wünschelrute um die verborgenen 
Schätze aus dem Boden zu locken und leitete ihn auch in der 
Wahl der Stellen, wo er graben ließ. Damals glaubte alle Welt, 
das homerische Troja habe auf der Höhe von Bunarbaschi, über 
dem Austritt des Skamandros in die Ebene, das neue Ilion der 
hellenistischen Zeit auf dem Hügel von Hissarlik gelegen; Schlie- 
mann grub, von Frank Calvert aufmerksam gemacht, in Hissarlik 
und — fand das alte Troja. In Mykenä würde nicht leicht 
irgend jemand auf den Gedanken gekommen sein, unmittelbar 
hinter dem Löwentor zu graben; ein Mißverständnis der Worte 
des Pausanias bewog Schliemann hier nach den Gräbern der 
Atriden zu suchen — und er fand, wenn auch nicht gerade diese, 
so doch eine noch ältere, noch überraschendere Gräberstätte. In 
Tiryns lag anscheinend eine so dünne Erdschicht über dem 
Felsen, daß eine Ausgrabung kaum Lohn zu versprechen schien; 
Schliemann griff sie an — und legte das Muster einer homerischen 
Herrenburg bloß. 

Neben dem festen Glauben an seinen Homer, an dessen 
Beschreibungen er den Maßstab der Zuverlässigkeit und Genauig- 
keit eines Generalstabwerkes anlegte, war es die Begeisterung für 
die Ideale seiner Jugend, ferner eine große Liberalität, die ihn 
jährlich etwa 100000 Mark für seine Unternehmungen aufwenden 
ließ, endlich eine unermüdliche Energie und Zähigkeit in der 
Durchführung des Unternommenen, was ihn auf der Bahn des 
Ruhmes von Erfolg zu Erfolg führte. Und das Ergebnis selbst 
war nichts Geringeres als die Wiederentdeckung einer ver- 
sunkenen, allem bisher Bekannten vorausliegenden Welt, man 
darf sagen: der homerischen Welt, wenn auch nicht in so wört- 
lichem und so engem Sinne wie Schliemann selbst es auffaßte. 
Stets wird die Wissenschaft Schliemann für dies unleugbare und 



Schliemanns Ausgrabungen 211 

unschätzbare Verdienst dankbar bleiben; sein Name ist mit dieser 
homerischen Welt für immer verknüpft, und gern wird man 
auch der edlen Griechin gedenken, die hochherzig alle Sorgen 
und Mühen, dafür auch alle Erfolge und allen Ruhm mit ihrem 
Gatten geteilt hat. 

Aber die glänzende Schaumünze hat auch ihre Kehrseite. 
Seiner ganzen Anlage wie seiner Vorbildung nach stand Schliemann 
jeder wissenschaftlichen Betrachtungs- und Behandlungsweise völlig 
fremd gegenüber. Er hatte weder für die Geschichte Sinn, noch, 
wie seine Gleichgültigkeit gegen den praxitelischen Hermes zeigen 
kann, für die Kunst; Urzeit, Kuriositäten, vage Vorstellungen er- 
schöpften sein Interesse. Er war eben ein Dilettant im doppelten 
Sinne des Wortes, sowohl in dem guten eines für seine Lieb- 
haberei begeisterten und opferfreudigen, wie in dem anderen 
eines methodelos und ohne gründliche Kenntnis seine Ziele ver- 
folgenden Mannes. Er war Dilettant in architektonischen wie in 
archäologischen Dingen; er war Dilettant auch im Ausgraben, 
ohne eine Ahnung, daß es eine Methode und feste Technik dafür 
gebe. Ihm erschien es selbstverständlich, daß die Zeugnisse der 
homerischen Vorzeit nur in der größten Tiefe gesucht werden 
dürften. So kam es, daß er wohl in Hissarlik die Stätte des alten 
Troja erkannte, aber in ungezügeltem Tiefensinn seine Schachte 
so unaufhaltsam in den Berghügel hineintrieb, daß er die wirk- 
lich homerische Burg fast unbeachtet liegen ließ. Er machte erst 
Halt bei der zweituntersten Kulturschicht, wo er die Reste der 
»gebrannten Stadt« aufdeckte, seiner Meinung nach das von den 
Griechen zerstörte Troja, in Wirklichkeit eine viel ältere, viel 
primitivere Ansiedelung. In Mykenä standen noch unter einer 
nicht allzu tiefen Erddecke die Grabreliefplatten aufrecht, die 207 
Schliemann, um in die Tiefe der darunter liegenden Schachtgräber 
zu dringen, rücksichtslos, »nicht ohne die größte Anstrengung«, 
ausheben und fortschaffen ließ, ohne auch nur ihre Stelle und 
damit ihre etwanige Beziehung zu den einzelnen Gräbern darunter 
festzustellen. In Tiryns war Schliemann nahe daran die Mauern 
des Palastes zu zerstören, weil er in ihnen Kalkmörtel, das ge- 
wöhnliche Kennzeichen römischer oder mittelalterlicher Bauten, 

14* 



212 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

zu erkennen glaubte. Noch zu rechter Zeit kam Dörpfeld hinzu 
und rettete die kostbaren Überbleibsel, indem er in dem ver- 
meintlichen Kalkmörtel den Rest durch Brand beschädigter und 
zersetzter Marmorplatten erkannte. 

Noch in einer anderen Beziehung zeigte sich Schliemanns 
Dilettantentum. Seine Berichterstattung strotzte von Sonderbarkeiten, 
z. B. der Vorliebe für die kuh- und eulenköpfigen Göttinnen, 
die er in harmlosen »Oesichtsurnen« und ähnlichen Bildungen 
erblickte. Aber wenn das auch beim großen, ebenso dilettantischen 
Publikum Eindruck machte, darüber ließ sich hinwegsehen. Seine 
Berichte waren ja nicht minder reich an tatsächlichen Angaben, 
z. B. über die Tiefe, in der jede einzelne Scherbe gefunden worden 
sei. Da jedoch nach dem Bericht eines Augenzeugen diese An- 
gaben erst am Abende jedes Arbeitstages aufgeschrieben zu werden 
pflegten, so erhellt leicht, wie geringer Wert dieser scheinbaren 
Genauigkeit beizumessen ist. Überhaupt ist Belgers Wort, Schlie- 
manns ältere Berichte (die »Trojanischen Altertümer«, »Mykenä«, 
»Ilios«) seien »trostlos«, vollberechtigt. Die Wissenschaft hat 
längst darauf verzichtet sie als schlechthin zuverlässige Urkunden 
gelten zu lassen, und hat sich genötigt gesehen, wo sie ihrer 
bedarf, scharfe Kritik zu üben. Die Berichterstattung wird, ebenso 
wie die Ausgrabungen selbst, erst völlig zuverlässig und wissen- 
schaftlich brauchbar, seitdem statt der von Schliemann gern 
herbeigerufenen Eideshelfer, wenn auch noch so berühmten 
Namens, so doch aus fremden Wissensgebieten, sachkundige Fach- 
leute zur Arbeit und zum Bericht herangezogen wurden. Unter 
ihnen gebührt Dörpfeld die erste Stelle. Er hat die Überreste 
von Tiryns nicht bloß gerettet, sondern auch sozusagen reinlich 
präpariert und nach allen Seiten verständlich gemacht; er hat die 
Architektur Trojas zuerst aufgehellt und nach Schliemanns Tode 
in der zweitobersten Schicht des Ruinenhügels von Hissarlik das 
»homerische« Troja aufgedeckt, so weit die hellenistische Stadt 
es nicht zerstört hatte. Leider hat Dörpfeld an den mykenischen 
Ausgrabungen noch keinen Teil gehabt, und die ausführlichen 
Tagebücher des griechischen Aufsehers Panagiötes Stamatäkes, 
die ohne Zweifel authentische Kunde bergen, sind bisher bis auf 



Schliemanns Ausgrabungen. Troja 213 

wenige Mitteilungen der allgemeinen Kenntnis entzogen geblieben; 
einigen Ersatz bieten die späteren Grabungen und Ermittelungen 
des auf diesem Gebiete vorzüglich bewährten Chrestös Tsüntas. 

Die Ergebnisse der Schliemannschen Ausgrabungen sind durch 
populäre Darstellungen und durch Handbücher so allgemein be- 
kannt, daß wenige Andeutungen hier genügen werden. 

Der Burghügel von Troja weist, auf eine Höhe von nur 
etwa 20 Meter verteilt, eine ganze Reihe von Schichten auf (Schlie- 
mann zahlte sieben, neuerdings unterscheidet man neun), die von 
unten nach oben die Geschichte der Ansiedelung von der Urzeit 
bis in die Römerzeit verfolgen lassen. Schliemanns Ziel war, wie 
schon gesagt, die zweitunterste Schicht, in der er sein homerisches 
Troja zu finden glaubte. Die Burgmauer kam zutage mit dem 
»skäischen Tore«; der »Palast des Priamos«, der in seinem Saale 155 
mit der Vorhalle und mit einem Hofe davor die Urform des 
späteren griechischen Hauses darbot; der goldene »Schatz des 
Priamos« mit Goldschmuck von sehr einfachen Formen; endlich 
eine Unmasse von Tongefäßen und Scherben, die durchweg einen 19 
höchst primitiven Charakter aufwiesen. Mit den Schilderungen 
der homerischen Gedichte hatte der hier aufgedeckte Kulturzustand 
fast nichts gemein. Der ganze Fund muß vielmehr als uralt 
gelten, weit zurückliegend hinter dem, was wir mittlerweile, in- 
folge weiterer Entdeckungen Schliemanns, als »homerisch« erkannt 
haben; er reicht ohne Zweifel bis in das dritte Jahrtausend 
hinauf. 

Nachdem dann Mykenä und Tiryns aufgedeckt worden waren, 
kehrten zuerst 1890 Schliemann und Dörpfeld, 1893/94 (Schlie- 
mann war 1890 gestorben) nochmals Dörpfeld allein zu den 
trojanischen Ausgrabungen zurück, und nunmehr gelang es 
Dörpfeld in der zweitobersten Schicht das »homerische« Troja 
nachzuweisen, das heißt diejenige Ansiedelung, die nach ihrem 
ganzen Charakter den soeben genannten beiden Burgen entspricht; 
man hatte sich inzwischen gewöhnt dies als »mykenischen« 
Charakter zu bezeichnen. Leider war der ganze mittlere Teil 
dieser Burg schon im Altertum zugunsten der neuen Stadt llion 
beseitigt worden, von deren Athenetempel schon Schliemann eine 



214 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

schöne Metope mit dem auffahrenden Helios aufgefunden hatte. 
So waren von dem »mykenischen« Troja nur der mächtige Mauer- 
kranz und mehrere Säle (Megara) geblieben, von denen einer die 195 
damals noch seltene zweischiffige Anlage aufwies, ohne daß wir 
deshalb darin einen Tempel zu erkennen brauchen; geschlossene 
Tempel hat die griechische Welt erst im letzten Jahrtausend vor 
Christo gekannt (S. 149). 

Viel einfacher und klarer lagen die Verhältnisse in Tiryns, 
einer Burg die man wegen ihrer Gestalt und Lage ein unendlich 
verkleinertes Orvieto nennen möchte. Es ist ein isolierter niedriger 
Fels in Gestalt einer Schuhsohle, rings mit kyklopischen Stein- 191 
mauern umkleidet, die schon in der homerischen Erwähnung der 
»fest ummauerten Tiryns« ihren gewaltigen Eindruck bezeugen. 
Die Oberfläche ist geteilt in die etwas höher gelegene südliche 
Herrenburg und in eine nördliche, erst kürzlich ohne besonderen 
Erfolg untersuchte Hälfte. Jene bot das überaus übersichtliche 

9 Bild eines homerischen Herrensitzes: festen Mauerschutz mit 194 
einem Turm am Tore; einen überwachbaren Eingang mit mehr- 
fachen Torverschlüssen und einen Nebenausgang mittelst einer 

9 Treppe auf der Rückseite; einen Hof mit Torbau und Hallen; 193 
daneben in der Dicke der Mauern Gänge mit kasemattenartigen 
Vorratsräumen, als welche sich die längst bekannten Galerien 
(S. 31) erwiesen; ein doppeltes Wohnhaus, für Männer und Frauen, 
durch ein Gewirr von Gängen, wie in den Palästen Assyriens, 
geschieden und verbunden. In der Männerabteilung leitet ein 
eigener Torbau über zu dem gepflasterten Hofe mit dem Haus- 
altar und mit umgebenden Hallen. Von einer der Hallen führt 
ein kurzer Weg zu dem geradezu luxuriösen Badezimmer; seinen 
Boden bildet ein einziger Stein von zwölf Quadratmetern, die 
tönerne Badewanne war mit aufgemalten Ornamenten geschmückt. 
Der Eingangsseite des Hofes gegenüber liegt die tiefe Säulen- 

9 Vorhalle des Palastes, die durch ein verschließbares Vorgemach 
in den Männersaal, das Megaron, führt; vier hölzerne Säulen, 
die die Decke trugen, umgaben den runden Herd, über dem ein 
luftiger Oberbau dem Rauche seinen Abzug gestattete. Die mar- 
mornen Friese des Saales, die Standplatten für die sich nach 179 



Tiryns. Mykenä 215 

9 unten verjüngenden hölzernen Säulen mit ihrem wulstigen Kapitell, iss 
die Überreste von Wandmalereien, ornamentalen und vereinzelt 
auch figürlichen Charakters, vervollständigen das Bild. Hier mutet 197 
alles homerisch an. Von selbst bevölkert die Phantasie die 
Räume mit homerischen Szenen: sie sieht Telemachos einfahren 
in den Hof mit den »tönenden Hallen«; sie geleitet den er- 
müdeten Ankömmling zum erquickenden Bad »in schöngeglätteter 
Wanne«; sie erblickt Arete »an die Säule gelehnt« am Herde 
des Saales sitzend, in dem Demodokos seine Lieder erschallen 
läßt; sie schaut Odysseus mit dem Sohne, wie sie von der Schwelle 
die todbringenden Geschosse in die Schar der schmausenden 
Freier entsenden. Freilich sind es nur die Idealschöpfungen der 
Dichtung, die man gern in die zu ihnen passende Umgebung 
hineinstellt, während prosaischer oder gläubiger angelegte Naturen 
alles für bare Münze zu nehmen geneigt sind und, weil das 
»Milieu« stimmt, nun auch die Erzählungen der Sage oder der 
Dichtung für wirkliche Begebenheiten halten. Liegt die Frauen- 
wohnung in Tiryns noch nicht, wie in Odysseus Palast, im 
Oberstock, sondern zu ebener Erde, so führt das auf einfachere 
Verhältnisse zurück, als sie den jüngeren Dichtern der Odyssee 
geläufig waren. Haben sich doch in Tiryns selbst Spuren eines 
späteren Umbaues auffinden lassen. 

Wenn der Fürstensitz in Tiryns mit seinem köstlichen Aus- 
blick auf das nahe Meer einen heiteren Eindruck macht, so stimmt 
in dem an düsteren Sagen so reichen Mykenä alles — Lage, 
Überbleibsel, Erinnerungen — ernster. Die völlige Aufräumung 

8 des »Atreusgrabes« und einiger ähnlicher unterirdischen Grab- 203 
gewölbe haben den großartigen Charakter dieser alten Fürsten- 
gräber, deren ernste einheitliche Wirkung mit der des römischen 
Pantheon den Vergleich aushält, weit deutlicher enthüllt und auch 

8 für den Metallschmuck des Kuppelraumes, sowie für die reiche, 

8 in verschiedenen Farben ausgeführte Schmuckfassade des vornehm 
hohen Portals festere Anhaltspunkte ergeben. Für die fehlende (204) 
Steindecke der inneren Grabkammer bot der gleiche Raum des 

9 »Minyasgrabes« in Orchomenos, mit seinem an ägyptische Muster 
anklingenden Bandgeflecht mit Pflanzenfüllung, vortrefflichen Er- 



216 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

7 satz. Auch das altbekannte Löwentor gewann durch völlige Bloß- 206 
legung bis zur steinernen Schwelle gewaltig an Wirkung. 

Während die Oberburg bei ähnlichen Orundzugen viel ärgere 
Zerstörung als in Tiryns aufwies, lieferte der mit einem Platten- 

7 ring umschlossene Grabbezirk hinter dem Löwentor, der gleich 
diesem erst später in die Burgbefestigung einbezogen worden 
war, die größten Überraschungen. Tief unter jenen Grabsteinen 
(S. 211) deckte Schliemann fünf Schachtgräber auf (ein sechstes 
kam später hinzu), von denen namentlich zwei mit ihren gold- 
bedeckten Leichen und ihrem sonstigen reichen und eigenartigen 
Goldgeräte den homerischen Ruf des »goldreichen Mykenä« 

8 vollauf rechtfertigten. Eine Fülle ornamentaler Goldbleche kam iss 
zum Vorschein, mit zum Teil ganz ungewöhnlichen Darstellungen, 

z. B. Tintenfischen und Schmetterlingen, die dem Rund mit 
feinem Raumsinn angepaßt waren; ein hochaltarähnliches Heilig- 
tum mit Tauben; Becher, die uns die homerischen Beschreibungen 202 
lebendig machen; starre Gesichtsmasken, die nach weitverbreitetem 
Brauche die Gesichter der Toten bedeckten; ein silberner Kuh- 
kopf von lebendigster Arbeit, dem ein anderer Laerkes die Hörner 
mit Goldblech bekleidet hatte; das Bruchstück eines Silbergefäßes, 211 
dessen belebte Schilderung eines Kampfes vor der Burg an eine 
berühmte Szene des homerischen Achilleusschildes erinnert. Das 
AllervoUendetste freilich sollte erst später (seit 1880) bekannt 
werden, als im athenischen Museum die Findigkeit und Geschick- 
lichkeit von Athanasios Kumanüdes einige mykenische Dolch- 
klingen von ihrer Rostkruste befreite und darunter vollendete iv 
Darstellungen in eingelegter Arbelt zum Vorschein brachte: Gold, 
Silber, Weißgold sind in feinster Verbindung zur Schilderung 
bald von Kriegern auf der Löwenjagd, bald von einer Katze oder 
einem Wiesel auf dem Vogelfang im Röhricht eines fischreichen 
Flusses benutzt worden. 

Viele dieser Goldgeräte zeigten eine eigentümliche Orna- 
mentik. Sie ward noch deutlicher kenntlich auf den zahlreichen 
Tonscherben, die sich auch an diesem alten Kulturplatze fanden, v 
Ganz abweichend von allem bisher Bekannten, besonders in 
scharfem Gegensatze gegen den geometrischen Stil, mit dem sie 



Mykenä. Art und Verbreitung des »mykenischen« Stils 217 

nur einige Spiral- und Buckelmotive gemein hat, war diese Orna- 
mentik dem Seeleben entlehnt. Seepflanzen scheinen vom Wasser 
in schwankende Bewegung gesetzt zu werden; Tintenfische mit 
ausgreifenden Fangarmen, Muscheln und anderes Getier des Mittel- 
meeres bewegen sich dazwischen herum. Auch an phantastischen 
Seewesen fehlt es nicht; nur selten wagt sich die Kunst in anderes 
Gebiet und schildert beispielsweise dürre, spitznasige, »helmbusch- 
schüttelnde« Krieger, den großen achtförmigen Schild aus Ochsen- 214 
haut am Arme. Im ganzen gewinnen wir den Eindruck eines 
»Jugend«stils, frisch in der Beobachtung, frisch in der Wieder- 
gabe; die pflanzh'chen Teile sind zwar stilisiert, aber ganz entfernt 
von der erstarrten Formgebung der Pflanzen im »orientalisieren- 
den« Stil. Es lassen sich auch deutlich ältere und jüngere, ein- 
8 fächere und kunst- und geschmackvollere Erzeugnisse unterscheiden. 
Das weist auf eine lange Dauer des Stiles hin; und doch muß 
man ihm eine rechte Entwickelungsfähigkeit absprechen. Es 
scheinen also bestimmte konservative Einflüsse angenommen 
werden zu müssen, um die lange Dauer zu erklären. 

Kaum war die mykenische Vorzeit in der Argolis erschlossen 
worden, so fanden sich bald aller Orten — ähnlich wie es beim 
geometrischen Stil gegangen war — neue Belege. Der Boden 
schien nur darauf gewartet zu haben, um seine Schätze zu er- 
schließen. Zunächst kam das Nachbarland Attika an die Reihe. 
Schon 1877 wurden »mykenische« Gräber südlich vom Pente- 
likon in Spata, dem alten Demos Erchia, 1880 ein »mykenisches« 
Kuppelgrab mit ähnlichem Inhalt in größerer Nähe Athens, in 
Menidi, dem alten Köhlerdorf Acharnä aristophanischen Ange- 
denkens, aufgedeckt. Die »mykenischen« Fundstellen tauchten 
demnächst an der ganzen Ostküste Griechenlands von Thessalien 
bis nach Lakonien auf. Auf einer Insel der Kopais in Böotien 
überraschten die Reste eines »mykenischen« Herrensitzes, viel- 
leicht des alten früh verschollenen Arne. In Lakonien gelang 
ein Fund ganz besonderer Art, als 1888 der bereits in Mykenä 
erprobte Chrestös Tsüntas bei Baphiö, südlich von Sparta, an 
der Stelle des alten achäischen Herrensitzes Pharis, ein ver- 
schüttetes Kuppelgrab öffnete und daraus zwei Goldbecher mit 



218 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

kräftigen Reliefs hervorzog. Friedliche Stiere im Walde und 
8 Stiere im Kampfe mit Menschen, die sie mit Stricken und Netzen 210 
zu fangen suchen (wiederum Gegenstücke wie in der homerischen 
Schildbeschreibung), zeigten das technische Geschick und die 
realistische Beobachtung der »my kenischen« Zeit auf einer seltenen 
Höhe wirklich künstlerischen Vermögens. Aber die Spuren dieser 
Kunst machten nicht an den Küsten Griechenlands Halt »My- 
kenische« Vasen und Vasenscherben fanden sich bald über die 
ganze Inselwelt des ägäischen Meeres und darüber hinaus bis 
nach Kypros verbreitet; es war ein verdienstvolles Werk Adolf 
Furtwänglers und Georg Löschckes rasch eine große Veröffent- 
lichung zu veranstalten. Seither hat sich das Verbreitungsgebiet 
dieser Kunst noch immer erweitert, z. B. längs den Küsten 
Italiens, vereinzelt sogar bis nach Spanien. Soviel war klar: es 
handelte sich um eine Kultur von langer Dauer und weiter Ver- 
breitung. 



Daß diese Kultur älter und reicher war als der in Griechen- 
land durch die sogenannte dorische Wanderung hervorgerufene 
Kulturzustand, der mehrerer Jahrhunderte bis zu den Anfängen 
wirklicher hellenischer Kultur bedurfte; daß die neugefundene 
Kunst mit ihrer technischen Vollendung und ihren festen, zum 
Teil vortrefflichen Formen allem Figürlichen der eigentlich helleni- 
schen Kunst vorauslag — darüber konnte unter Kundigen nie ein 
Zweifel bestehen. Man mußte also diese Kunst vor den Anfang 
der griechischen Geschichte, in das zweite Jahrtausend zurück- 
versetzen. War es die lange gesuchte homerische Kunst? 

Wie zuerst der frühverstorbene Wolfgang Reichel 1894 klar 
erkannte, muß man unterscheiden zwischen der Zeit der ionischen 
Sänger, denen wir die homerischen Gedichte in der uns vor- 
liegenden Form verdanken, und der Zeit, in der der Inhalt der 
Gedichte spielt. Die Sänger fanden einen älteren Sagenstoff vor, 
der wirklich in jener geschilderten Heldenzeit seinen Ursprung 
hatte, auch wohl schon hie und da eine feste Ausprägung er- 
halten haben mochte, dem aber sie erst die dichterische Form 



Verbreitung des »mykenischen« Stils. Homerische Kunst 219 

ihrer Zeit und ihres Stammes verliehen, natürlich nicht ohne viel- 
fache Züge dieser ihrer Gegenwart hineinzumischen. So gilt es 
in den Gedichten die Bestandteile der alten — sagen wir nach 
homerischer Weise: der achäischen — Heroensage des zweiten 
Jahrtausends von den ionischen Zusätzen zu scheiden. Oft helfen 
uns dabei der Inhalt, der Charakter der Motive, der Ton der 
Darstellung, das Frischere oder Formelhaftere der Schilderung, 
oft aber bieten uns die Kunstwerke die sicherste Hilfe. Um nur 
ein schlagendes Beispiel anzuführen: die »mykenische« Kunst 
kennt ebensowenig wie die älteren Bestandteile der Ilias die ioni- 
schen runden Metallschilde, sondern nur die großen achtförmigen iv 

214 

oder kleinere halbmondförmige Schilde aus Rindsfell; wo wir 
jenen mit allem ihrem Zubehör begegnen, da dürfen wir sicher 
sein, daß wir es mit ionischer Neudichtung zu tun haben. Die 
neugefundene »mykenische« Kunst war also nicht die Kunst, die 
die homerischen Sänger loniens selbst vor Augen hatten, wohl 
aber die Kunst jener vergangenen Herrschergeschlechter, zu deren 
Ruhm sich alle die Sagen gebildet hatten, aus denen die ionischen 
Dichter mit dem Sagenstoff zugleich die Farben und die Zu- 
stände der Heldenzeit entlehnten. Man durfte sie also getrost 
die Kunst des homerischen Heldenalters nennen. 

In der homerischen Poesie wie in der »mykenischen« Kunst 
spielt das Gold, das doch auf griechischem Gebiete nur selten 
vorkommt, eine bedeutende Rolle. Auch das Elfenbein, also ein 
sicher fremdes Produkt, ist sowohl Homer wie beispielsweise 
den Funden von Spata bekannt. Löwen kannte Griechenland so 
wenig wie Katzen oder wie Papyrusstauden; Homer kennt so 
gut wie die Kunstwerke Löwen, die Kunst auch die beiden anderen, 
falls diese wirklich auf der einen Dolchklinge gemeint sind. 
Also fremde Elemente waren der Kunst beigemischt; handelte es 
sich etwa um importierte Ware? Dieser Gedanke tauchte in der 
Tat auf, so lange man der neuentdeckten Frühzeit noch wie einem 
überraschenden Novum gegenüberstand, ihr nur Unvollkommenes 
zutraute und den weiten Umkreis ihrer Kultur noch nicht über- 
sah. Alle Zweifel mußten aber schwinden gegenüber der Ein- 
heitlichkeit der Ornamentik und des Stils in Werken verschieden- 



220 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

sten Stoffes und Wertes (die höchst auffällige Bildung und Tracht 
8 der mageren Menschen z. B. ist die gleiche auf Wandgemälden, iv 
Goldbechem, Tongefäßen, geschnittenen Steinen), vollends ange- au 
sichts der Tatsache, daß eine solche Gleichheit über weit zerstreute 
Fundstätten verbreitet ist; namentlich die Tonscherben bezeugen 
die Allgegenwart der gleichen Kunst Also eine einheimische 
Kunst mußte es sein, eine Kunst, die ja auch den alten Sagen 
geläufig war — darüber hörte nach und nach aller Streit auf. 
Jene fremden Elemente in der »mykenischen« Kunst bedurften 
somit einer anderen Erklärung: es mußten Berührungen mit der 
Fremde bestanden haben. Newton war es, der zuerst in »myke- 
nischen« Schichten auf Rhodos ägyptische Skarabäen (geschnittene 
Steine in Käferform) bemerkte, die dem 15. Jahrhundert ange- 
hörten. Nun hatte die Ägyptologie unlängst aus alten Urkunden 
alte und lebhafte Beziehungen zwischen Ägypten und den »Inseln 
des Meeres« aufgedeckt, Beziehungen kriegerischer Art, die aber 
natürlich Handels- und Kultureinwirkungen nicht ausschlössen. 
Wenn aber einerseits auf »mykenischem« Gebiet ägyptische Ware 
auftrat und Erscheinungen wie die Katze im Papyrusröhricht auf- 
zuklären geeignet war, so traten andrerseits in Ägypten unter 
Amenophis III. und IV., d. h. in der ersten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts, deutliche Spuren »mykenischer« Einwirkungen zutage. 
Namentlich die Lieblingsresidenz des letzteren reformfreudigen 
Königs, Tell-el-Amarna, zeigte Werke eines von allem herkömm- 
lich Ägyptischen abweichenden Stils (s. Kap. X). Ein Estrich- 
4 boden des Palastes stellt Tiere im dichten Röhricht dar, die an 93 
Lebendigkeit und Feinheit mit jener Dolchklinge wetteifern. 
»Mykenische« Tonscherben haben sich mehrfach in Ägypten ge- 
funden. Also ein Handelsverkehr und ein Kulturaustausch 
zwischen Ägypten und den griechischen Völkern des Inselmeeres 
steht für jene Zeit fest. Keineswegs aber war in diesem Verkehr 
das alte Kulturland Ägypten das vorzugsweise gebende; wenn 
man z. B. die mykenischen Dolchklingen mit einer ägyptischen iv 
etwa um 1500 entstandenen vergleicht, so wird man leicht der 
großen Überlegenheit der ersteren inne. Ägyptens Kunst stand 
damals bereits unter dem Zeichen des Alterns. Grade die »my- 



Ursprung der »mykenischen« Kunst 221 

kenischen« Einwirkungen flößten mit ihrer frischen Kraft der 
erstarrenden ägyptischen Kunst noch einmal etwas frischeres Leben 
ein, während diese auf die innerlich lebendigere »mykenische« 
Kunst höchstens einige Äußerlichkeiten übertrug. Nach der kurzen 
Episode Amenophis IV. (1375 — 1358), bei der nachfolgenden 
schroffen Reaktion, scheinen die fremden Einflüsse mehr und mehr 
zurückgegangen zu sein. Sie lassen sich in Ägypten nur ver- 
einzelt über das 13. Jahrhundert hinaus nachweisen, mögen nun 
die innerägyptischen Verhältnisse, mögen internationale Ver- 
wickelungen, mag der Zusammenbruch der »mykenischen« Kul- 
turwelt das Ende herbeigeführt haben. 

Dies Verhältnis zu Ägypten bekräftigt den Eindruck, den die 
Überbleibsel der »mykenischen« Kultur selbst machen müssen. 
Die Kultur der Inseln und Küsten des ägäischen Meeres erweckt 
die Vorstellung von einer machtvollen und glänzenden Entfaltung 
selbständiger Eigenart und frischer Kraft. Wir dürfen voraus- 
setzen, daß die kostbare Kunst der achäischen Herrschergeschlechter, 
an der die dienenden Leute höchstens im Tongeschirr teilhaben 
mochten, so lange gedauert hat wie die Herrschaft dieser home- 
rischen Helden selbst, d. h. bis zu den langjährigen Völker- 
schiebungen der »dorischen Wanderung«. Als diese Griechenland 
überschwemmt und mit den noch verborgenen Keimen großen 
Fortschritts doch zunächst bedeutend rohere Zustände herbeige- 
führt hatten, da erloschen bald auch die letzten Spuren jener 
hochentwickelten Kultur, und diese lebte nur noch in den Sagen 
der heroischen Vorzeit fort. In der Kunstübung ward alle jene 
vornehme Pracht durch die ärmliche Bauernkunst des geometri- 
schen Stils verdrängt, mag diese nun das mitgebrachte Gut der 
neuen Einwanderer, oder mag sie vielmehr, wie wir lieber an- 
nehmen möchten (S. 208), die alte, schon neben der »mykeni- 
schen« Herrenkunst im stillen fortvegetierende und nun zur Allein- 
herrschaft gelangende mitteleuropäische Volkskunst dieser Gebiete 
gewesen sein. 



222 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

Sobald wir die »mykenische« Kultur kennen gelernt hatten, 
mußte sich die Frage nach ihrem Ursprung, ihren Hauptträgem 
erheben. Von dem ersten Fundort Mykenä hatte sie ihren Namen 
bekommen, und der Ruhm Mykenäs in der homerischen Helden- 
poesie mochte dazu beitragen, daß man hier, in den Herrensitzen 
der Argolis, den Ausgangspunkt dieser Kultur und Kunst suchte. 
Aber wenn diese Burgen auch im Mittelpunkte der Heldensage 
«tehen, in Wirklichkeit waren sie doch viel zu unbedeutend um 
in der Kulturgeschichte eine solche Rolle zu spielen und den 
Namen mykenischer Kultur zu rechtfertigen. Die Kleinfürsten 
der Argolis waren aber nur Glieder jener achäischen Herrscher- 
welt, deren Ruhm die Vorzeit erfüllte; war damit vielleicht der 
richtige Name gefunden? Die Achäer waren nicht allein in der 
Argolis, sondern auch sonst vielerorten auf dem griechischen 
Festland angesiedelt, ja darüber hinaus bis beispielsweise nach 
Kreta; sie waren vielleicht auch im Auslande bekannt, wenn 
nämlich die unter Merneptah (1225/15), dem Pharao des Aus- 
zuges der Kinder Israel, in ägyptischen Urkunden erwähnten 
Aquaiusha mit Recht auf die Achäer gedeutet werden, was keines- 
wegs sicher ist. Der Name »achäisch« kann also annehmbar 
erscheinen (jedenfalls ist er besser als »mykenisch«), aber es 
dürfte doch kaum geraten sein ihn einzuführen, namentlich weil 
er für einen Hauptumstand nicht bezeichnend ist. 

Ferdinand Dümmler war es, der zuerst nachdrücklich auf 
die Verbreitung dieser Kultur über die ganze Inselwelt hinwies. 
Wenn schon die Lieblingsmotive der Dekoration der See ent- 
lehnt waren (S. 217), also das Meer als Hauptelement der Träger 
dieser Kunst bezeichneten, so setzte die Verbreitung der Kultur 
über alle Inseln und Küsten, zunächst des achäischen Meeres, 
ein seemächtiges Volk voraus. So war es wohl begreiflich, daß 
Ulrich Köhler zu einer Zeit, wo die vollendetsten Stücke dieser 
Kunst noch nicht bekannt waren, an die den Griechen stamm- 
fremden Karer dachte, denen die antiken Historiker eine sehr 
alte Periode der Seeherrschaft zuweisen. Ihnen sollen darin 
die Kreter gefolgt sein, deren machtvollster Herrschername der 
des Minos ist. 



Achäer. Karer. Kreta. Gortyn. Zeusgrotte 223 

Schon in den Anfängen dieser Forschung, 1883, hatte Arthur 
Milchhöfer mit treffender Vorahnung auf Kreta als den Haupt- 
sitz der neuentdeckten Kultur hingewiesen. Seine Vermutung 
knüpfte sich hauptsächlich an die damals neu auftretenden »Insel- 212I13 
steine«, zum Schmuck bestimmte Strandkiesel mit eingegrabenen 
Zeichnungen, die vor allem in Kreta, aber auch sonst vielfach 
in der Inselwelt zum Vorschein gekommen waren. Ihr Stil war 
»mykenisch«; ihre vielfach phantastischen Darstellungen, Misch- 
wesen und dergleichen, bemühte sich Milchhöfer mit Erfolg als 
frei von allem asiatischen Einfluß nachzuweisen und an die anderen 
Denkmäler der »mykenischen« Kultur anzuknüpfen. 

Kreta war bereits das Ziel zahlreicher Reisen gewesen und 
die Überreste seiner vielen Städte waren vielfach untersucht worden, 
aber die kretische Urzeit war noch fast völlig unerschlossen. 
Denn es wollte nicht allzu viel bedeuten, daß einige Jahre zuvor, 
1878, der Kreter Mi'nos Kalokairinös in der minoischen Haupt- 
stadt Knosos Reste von Mauern aufgedeckt hatte, die W. J. Still- 
man 1881 für das Labyrinth des Minos, den Schauplatz von 
Theseus sagenhaftem Kampfe mit dem Minotauros, hatte erklären 
wollen. Erheblicher war, daß Stillman dabei sehr altertümliche 
Schriftzeichen bemerkt hatte. Von neuem ward das Interesse 
auf Kreta gelenkt, als 1884, ein Jahr nach Milchhöfers Buch, 
von Italien aus bedeutende Ausgrabungen an der Südküste vor- 
genommen wurden; neben dem Kreter Georgios Pasparäkes waren 
Federico Halbherr und Paolo Orsi die Leiter. In dem Haupt- 
orte des südlichen Kreta, dem alten Gortyn, ward das schnell 
berühmt gewordene umfangreiche alte Stadtrecht entdeckt und 
von Halbherr und Ernst Fabricius abgeschrieben; für die Archäo- 
logie noch bedeutender waren die Funde, die in dem gleichen 
Jahre 1884 in der Zeusgrotte des Ida von Pasparäkes gemacht 
und von den genannten italienischen Gelehrten veröffentlicht 
wurden. Außer sehr primitiven Erzfiguren waren es besonders 
Schilde von getriebenem Erz, deren mit orientalischen Elementen 
versetzte Darstellungen zuerst für phönikisch galten, bis sie 1893 
von Heinrich Brunn für Erzeugnisse einer einheimischen, wenn 
auch vom Osten beeinflußten Kunstübung erklärt wurden. Durch 



224 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

Milchhöfer und die Erfolge der Italiener angeregt machte sodann 
Schliemann 1886 den Versuch sich in Knosos ein Terrain für 
Ausgrabungen zu sichern, deren Leitung Dörpfeld übernehmen 
sollte. Der Plan scheiterte teils an den übertriebenen Forderungen 
der Kreter, teils an den politischen Verwickelungen, teils an dem 
ärgerlichen und nutzlosen Streit, in den Schliemann durch die 
Behauptungen und Theorien Ernst Böttichers hinsichtlich seiner 
trojanischen Ausgrabungen (Bötticher sah in Troja nur ein großes 
Krematorium) verwickelt ward. So trat Kreta für einige Zeit in 
den Hintergrund. 

Erst in den neunziger Jahren ward die Aufgabe von neuem 
angegriffen, und zwar zugleich im Norden und im Süden. Im 
Norden erlas sich Arthur Evans, der Sohn eines reichen eng- 
lischen Fabrikanten und Prähistorikers, Knosos zum Ziel, und 
ihm gelang, trotz ähnlich maßloser Forderungen der Kreter, durch 
jahrelanges geduldiges Vorgehen was Schliemann mißglückt war, 
der Ankauf eines großen Areals, auf dem er 1900/5 beschäftigt 
war, das was man den Palast des Minos nennen mag aufzu- 
decken. Es ist ein so großartiger Komplex von Höfen, Sälen 
und labyrinthartigen Gängen, wie er auf griechischem Boden 
nirgend wiederkehrt. Freilich leidet die Übersichtlichkeit dadurch, 
daß es kein einheitlicher Bau ist, sondern mehrere zeitlich sehr 
verschiedene, vielleicht durch Jahrhunderte gelrennte Paläste schicht- 
weise übereinander gelagert sind. Noch ist es dem Fernstehenden 
nicht möglich dies Durch- und Nacheinander zu entwirren, aber 
das Staunen packt ihn ob des großartigen Königssitzes der alten 
kretischen Herrscher. Der knosische Palast, in offener Gegend, 
von keiner Mauer umhegt, verhält sich zu den fest ummauerten 
kleinen Burgen von Tiryns und Mykenä etwa wie das Schloß 
von Versailles zur Wartburg oder zur Hohkönigsburg. So mag 
auch die Macht eines meerbeherrschenden Minos sich zu der 
eines Prötos oder eines Atreus verhalten haben, nur daß kein 
Dichter seinen Ruhm so glänzend und dauernd verherrlichte wie 
es den achäischen Fürsten zuteil geworden ist; selbst die Ziegel 
mit noch unentzifferter altkretischer Schrift, die Evans Bemühungen 
zuerst belohnten, dürften, so wichtige Aufschlüsse über Sprache 



Knosos 225 

und Stamm der alten Kreter wir auch von ihnen erhoffen mögen, 
diesen Dienst schwerlich leisten. 

Vom großen Hofe führen breite Treppen durch Vorzimmer i96 
zu Sälen empor, die gern durch Säulen, bald in der Länge bald iso 
in der Quere, in zwei Schiffe geteilt werden (S. 214). Hölzerne 
Säulen waren ein Hauptbestandteil der kretischen Architektur. 132 
Ihre einem Stuhlbeine vergleichbare Form, nach unten verjüngt, 
die uns zuerst am mykenischen Löwentor entgegengetreten war, i85 
trat nebst dem zugehörigen Holzgebälk besonders deutlich an 
einem Wandgemälde in Knosos hervor, das einen altarähnlichen 201(2 
Aufbau darstellt. Eines der kleineren Zimmer des Palastes, isa 
wiederum mit einem Vorzimmer versehen, weist längs der Wand 
Bänke auf, in der Mitte von einem marmornen hochlehnigen 
Thron überragt, dem gegenüber, jenseits einer Säulenstellung, i84 
Stufen zu einem einst von oben beleuchteten Bade hinabführen. 
Oberlicht und Lichtschachte, die durch die Stockwerke sich hin- 
durchzogen, spielten überhaupt eine große Rolle in dem mehr- 
stöckigen Palaste, so z. B. auch in einem Treppenhause, dessen isi 
bequeme Stufen noch heute beschreitbar sind. In einem Haupt- 
zugange des Palastes ward der Ankömmling längs der Wand 
von einer Reihe lebensgroßer gemalter Diener und Dienerinnen, 
mit kostbaren Gefäßen in den Händen, emporgeleitet. An einer i98 
anderen Wand sehen wir in flotter andeutender Miniaturmalerei 
eine dichtgedrängte Schar gespannt zuschauender Männer und 199 
Frauen, letztere in der üblichen Gewandung, die den Unterkörper 212 
mit einem ebenso besatzreichen Rocke umhüllt, wie der Ober- 
körper mehr als dekolletiert erscheint. Auch von Stuckreliefs 
haben sich erstaunlich vollendete Proben erhalten. Badezimmer, 
ja sogar die scheinbar so modernen water closets, fehlen nicht 
in dem Palaste. Den Reichtum des Herrschers vergegenwärtigen 
endlich besonders eindringlich die langen Galerien im Unter- 
stock, in denen mächtige tönerne Behälter sich aneinander reihen 
und im Fußboden selbst kunstreiche Gelasse für die sichere 
Unterbringung von Vorräten oder Schätzen angebracht sind. 

Dasselbe Bild im Kleinen, einfacher und deshalb klarer und 
übersichtlicher, bieten die Paläste, die die Italiener Federico 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 15 



226 VIII. Prähistorie und griechische Vorzeit 

Halbherr, Luigi Pernier und Luigi Savignoni an der Südküste 
in und bei dem schön gelegenen Phästos bloßgel^ haben. 
In dem Hauptpalaste kehren alle Teile des knosischen Palastes iso 

196 

in bescheidenerem Umfange wieder; ein kleinerer Palast bei Hagia 
Triäda erweckte zuerst den Eindruck einer Sommervilla. Auch 
hier spielten Malerei und Plastik ihre Rolle. Das Bruchstück 
einer Wandmalerei zeigt mit meisterlicher Naturbeachtung eine 
große Wildkatze, die im Gebüsch einen Fasan beschleicht; das 200 
Bruchstück eines Gefäßes von Speckstein schildert in scharfem 208 
Flachrelief einen Zug ebenso bestimmt gezeichneter Männer. 
Überall empfangen wir, mit jedem neuen Funde sich steigernd, 
den Eindruck einer Kultur von seltener Höhe, dazu einer Kunst, 
die es durch offenen Natursinn und durch trefflich geschulten 
Künstlerblick, bei unverächtlichem technischen Können, dahin 
gebracht hat Menschen von so lebendigem und individuellem 
Ausdruck zu schildern, wie das die spätere hellenische Kunst erst 
fast tausend Jahre später, im Beginn des 5. Jahrhunderts, ver- 
mocht hat. In welch leuchtendem Glänze steigt infolge aller 
dieser Entdeckungen, deren beweglicher Ertrag in dem Museum 
von Herakleion (Candia) aufbewahrt wird, die griechische Heroen- 
zeit des zweiten Jahrtausends aus den Nebeln der sagenhaften 
Überlieferung hervor! Welch neues Leben hauchen die Funde 
aber auch den Schilderungen des homerischen Epos ein und 
lehren uns seine ältesten und kraftvollsten Bestandteile scheiden 
von den zarteren, gewinnenderen, aber auch teils moderneren teils 
formelhafter erstarrten Zutaten der ionischen Sänger! 

Auch die Kreter scheinen mit Ägypten in Beziehung ge- 
standen zu haben. Wenigstens werden die Kefti ägyptischer 
Wandgemälde, mit ihren Goldgefäßen von »mykenischer« Form 
und Ornamentik, am wahrscheinlichsten für die Kreter, die Kaph- 
thor der Bibel, gehalten. Wie aber die kretische Vorzeit in ihren 
einzelnen Wandlungen (denn daß solche stattgefunden haben, 
steht fest) sich zu der festländischen Vorzeit verhalten, wie weit 
ein Hinüber und Herüber kretischer und achäischer Einwirkungen 
stattgefunden haben mag, darüber hat die Forschung erst ein- 
gesetzt. Manche Sonderzüge sind der kretischen, andere der 



Phästos. »Agäische« Kunst 227 

festländischen Kunst eigen, aber an der Zusammengehörigkeit 
dieser ganzen Kultur und Kunst läßt sich trotzdem nicht zweifeln. 
Allem Anschein nach ist die große seemächtige Insel Kreta der 
älteste Sitz dieser Kultur gewesen; werden wir diese deshalb 
»kretisch« oder gar »minoisch« nennen? Das wäre nur dann 
berechtigt, wenn wir sicher wären, daß sie auch ihren Ursprung 
allein in Kreta gehabt und von hier aus sich nordwärts verbreitet 
habe. Andrerseits hat der Name »achäisch« durch das Über- 
gewicht Kretas, das sich doch durchaus nicht in seiner Gesamt- 
heit als achäisch bezeichnen läßt, an Wahrscheinlichkeit eingebüßt. 
Wahren wir uns also lieber den Vorteil, die Bezeichnungen 
»kretisch« und »mykenisch« oder »achäisch« für die einzelnen 
lokalen Gruppen und deren Besonderheiten zu verwenden, 
während sich für die Gesamtheit aller Erscheinungen am ein- 
fachsten aus deren hauptsächlichem Verbreitungsgebiet, der ge- 
samten Inselwelt des ägäischen Meeres, der am wenigsten prä- 
judizierende Name »ägäisch« ergibt. 



15* 



EINZELENTDECKUNGEN 
IN DEN KLASSISCHEN LÄNDERN 




ie neue Bewegung in der »Archäologie des Spatens«, 
die gegen 1870 einsetzte, haben wir nach drei Gesichts- 
punkten verfolgt. Die Hauptplätze des griechischen 
Kultus führten uns sowohl in die klassische wie in die spät- 
griechische Zeit; die Stadtanlagen gehörten wesentlich der helle- 
nistischen und der römischen Epoche an; Schliemann und seine 
Nachfolger erschlossen nach rückwärts ein volles Jahrtausend und 
mehr vorhellenischer Kultur und Kunst. Neben diesen großen 
Gesamtzielen der Forschung ergab sich aber noch eine ganze 
Reihe von Einzelaufgaben, die bald ein zufälliger Fund stellte, 
bald ein bestimmter wissenschaftlicher Plan hervorrief. Es ist in 
einer bloßen Übersicht kaum tunlich, allen diesen Einzelforschungen 
nachzugehen; wir wollen uns, zunächst auf dem engeren klassischen 
Boden, mit denen begnügen, die für die Archäologie entweder 
ein neues erhebliches Resultat ergeben oder bedeutende neue 
Probleme gestellt haben. 



Die Vasenkunde erweiterte, zuerst durch die Entdeckung 
des geometrischen, sodann durch^ die des »mykenischen« Stils, 
ihr Gebiet nach rückwärts in ungeahnter Weise. Die nahezu 
unverwüstliche Tonware bietet ja das sicherste und überall sich 
findende Anzeichen menschlicher Kultur. Die verschiedenen 
Gattungen der Tonware, ihre Entwicklung in Form und Zierat, 
liefern das wertvollste Hilfsmittel zur Erkenntnis entfernter Kultur- 



Ionische Vasen 229 

Perioden und ihrer Zusammengehörigkeit; die kulturhistorische 
und ethnologische Bedeutung dieser älteren Tonware übertrifft 
weit ihren Wert für die Kunstgeschichte im engeren Sinne. Diese 
tritt erst wieder in den Vordergrund, wo zu dem rein dekorativen 
Schmucke der Geräte das figürliche Element mit immer selbständiger 
werdender Bedeutung hinzutritt. In der ägäischen Periode ist 
das nur vereinzelt der Fall; etwas mehr gilt es von der späteren 
Phase des geometrischen Stils, der sogenannten Dipylonkunst(S. 201). 
Für die folgende Vasenmalerei der historisch helleren Zeit aber 
galten um 1870 noch im wesentlichen die alten Anschauungen, 
wie sie Otto Jahn 1854 entwickelt hatte (S. 64). Nur in einem 
Punkte war man, nicht durch Stilbetrachtung, sondern mit Hilfe 
der Paläographie, darüber hinausgekommen. 

1863 erschienen zuerst Adolph Kirchhoffs epochemachende 
»Studien zur Geschichte des griechischen Alphabets«. Unter 
den vielen wichtigen neuen Ergebnissen dieser meisterhaften Unter- 
suchung war auch das, daß Kirchhoff auf Grund des Alphabets 
der Inschriften aus der großen Masse »korinthischer« Vasen eine 
besondere Klasse ausschied, die ihr Alphabet nach dem euböischen 314/15 
Chalkis oder seinen vielfachen Kolonien verwies. Damit hatte zum 
erstenmal eine ionische Stadt ihre Stelle unter den Fabrikations- 
orten bemalter Vasen erhalten. Die stilistische Prüfung bestätigte 
das Resultat, und mancher mag sich nachträglich mit Verwunderung 
gefragt haben, wie denn eigentlich der regsame und künstlerisch 
so reich veranlagte ionische Volksstamm auf diesem Kunstgebiete 
ganz hätte fehlen sollen. Allein die alte Anschauung war so 
eingewurzelt und die Enge des italischen Gesichtskreises noch 
so stark, daß, als kurz darauf aus den Gräbern von Gäre (Cer- 
veteri) eine neue hocheigentümliche Vasenklasse älteren Stils auf- 
tauchte, man sich darauf versteifte in diesen »Cäretaner Vasen« 
etruskische Nachahmungen korinthischen Stils zu finden. Es hat 
erst längerer Zeit bedurft, um auch hier einen (freilich von dem 
chalkidischen sehr abweichenden) ionischen Stil anzuerkennen. 
Wer die treffende, aus dem Leben gegriffene Darstellung der 
gelben, hakennasigen Ägypter in ihren Linnengewändern und der 
stumpfnasigen, kraushaarigen Mohren aus Nubierland auf der 



230 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Landern 

Busirisvase in Wien betrachtete, konnte nicht zweifeln, daß der 312 
Maler seine Eindrücke in einer Gegend empfangen hatte, von 
wo aus eine persönliche Kenntnis Ägyptens erreichbar war; man 
vermutet jetzt etwa Samos, das an der griechischen Kolonie in 
Naukratis (S. 231) beteiligt war, als Heimat dieser bisher nur in 
Gare gefundenen schriftlosen Spielart, doch ist auch die Mög- 
lichkeit zu erwägen, daß in Gäre oder seinem Hafenort Agylla 
angesiedelte lonier die Verfertiger waren. Um 1880 trat dann 
noch Kyrene mit einer eigenen, zum Teil längst bekannten Klasse, 
wiederum mit einem Sonderstil und einem besonderen Alphabet, 
auf; das Hauptprodukt des Landes, das Silphion, verriet die 
Heimat der Vasen, und das Hauptstück im Pariser Münzkabinett, 
87,3 König Arkesilas II. als Silphionhändler, wies Einzelheiten auf, 311 
welche nur aus heimischem Brauch entlehnt sein konnten. End- 
lich ließ auch die 1874 bekannt gewordene, seither durch Bar- 
barei arg beschädigte Phineusschale in Würzburg durch ihre In- 
schriften eine der ionischen Inseln oder Städte als Fabrikationsort 
erschließen. 

Die so wiedergefundene ionische Malerei ist von der korin- 
thischen grundverschieden. Auch wo die Zeichnung noch derb 
und unbeholfen ist, ist sie doch nie starr und leblos. Ionische 
Beweglichkeit und ionische Erzählergabe leuchten überall, oft 
mit urwüchsigem Humor, hervor, so daß ihr Beispiel sogar auf 
die gemessenere korinthische Art nicht ohne Einfluß geblieben 
ist; wir haben eine ältere reinkorinthische und eine jüngere, 
unter ionischen Anregungen entwickelte Gattung unterscheiden 
gelernt Die große Zahl selbständiger ionischer Gemeinwesen 
erklärte die bei gemeinsamem Grundcharakter so verschiedene 
Art der ionischen Vasen. So begann in den achtziger Jahren, 
auch ohne die Hilfe von Inschriften, ein eifriges Suchen nach 
weiteren ionischen Spielarten, woran sich namentlich Ferdinand 
Dümmler mit vielem Scharfsinn beteiligte. Zwei feste Anhalts- 
punkte kamen hinzu. 

Die altionische Stadt Klazomenäam Meerbusen von Smyma, 
bis dahin ein archäologisch kaum beachteter Ort, trat zuerst im 
Jahre 1882 mit Resten bemalter Tonsarkophage auf, denen bald 



Klazomenä. Naukratis. Ionische Kunst 231 

weitere Exemplare folgten; die großen Museen, namentlich in 
Berlin, London, Paris, haben es sich angelegen sein lassen Proben 
87 dieser bisher nur in Klazomenä aufgetauchten Tonsarge zu er- 284/85 
werben. Ihre Malereien geben einen trefflichen Überblick über 
eine Art ionischer Tonmalerei im 6. Jahrhundert, wie sie sich 
vom Schattenrisse zu hellen Figuren auf dunklem Grunde oder 
zu fein gezeichneten bloßen Umrissen fortbildet (die attische 
Entwickelung, S. 63, ist hier deutlich vorgezeichnet); wie sie in 
streng symmetrischem (»tektonischem«) Stil das Ornament, ferner 
die altüberlieferten Kampf- und Jagdszenen, ja anscheinend sogar 
Erinnerungen an die verheerenden Raubzüge der Kimmerier in 
Kleinasien zur Darstellung bringen, eine deutliche Parallele zu dem 
ältesten ionischen Gemälde, von dem uns literarische Kunde wird, 
Bularchos Schlacht bei Magnesia. 

Die andere Hilfe kam aus Ägypten, wo bald darauf (1884/86) 
Flinders Petrie und Emest A. Gardner Naukratis ausgruben, 
die große Faktorei am Nil, an der eine Anzahl kleinasiatischer 
Städte Anteil hatten. Hier kamen neben anderem (z. B. Teilen 
eines altionischen Kapitells) auch eine Menge von Tonscherben 
zum Vorschein, in denen es Georg Löschcke gelang drei Gruppen 
zu unterscheiden, die er auf drei jener Städte, Milet, Samos und 
Mytilene, verteilte. Johannes Böhlaus 1894 angestellte Nach- 
forschungen in ionischen Nekropolen, besonders in Samos, dienten 282 
zur Bestätigung. Auch das ägyptische Daphnä (Teil Defenneh) 283 
lieferte 1888 eine neue bunte Abart; ja die wachsende Kenntnis 
ionischen Stils führte dazu, auch die auf der dorischen Insel 
Rhodos, namentlich in den sechziger Jahren von Salzmann in 
Kameiros gefundenen Vasen (S. 98), wiederum eine Gattung für 
sich, den loniem zuzuweisen, was freilich nicht unbestritten ge- 
blieben ist. 

Infolge aller dieser Funde und Forschungen trat die ionische 
Kunsttätigkeit in der Glanzzeit loniens, dem 6. Jahrhundert, in 
ungeahntes Licht Ein wichtiges, bisher leeres Blatt der Kunst- 
geschichte hatte seinen Inhalt bekommen, und der Einfluß loniens 
war überall spürbar; ja es schien sich der Wissenschaft eine so- 
zusagen panionische Stimmung zu bemächtigen. Um die gleiche 



232 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

Zeit sollte, wie wir demnächst sehen werden, die altionische 
Plastik, von der schon die delischen Ausgrabungen bezeichnende 
Proben geliefert hatten (S. 118), auf der athenischen Akropolis 
eine neue Auferstehung feiern. Auch in Attika hatten die Vasen- 
funde und Vasenstudien nicht geruht. Die Zwischenstufen zwischen 
dem Dipylonstil und dem »altattischen« Stil der solonischen 
Zeit (S. 66) wurden nach und nach ausgefüllt; Vasenfunde im 
benachbarten Böotien konnten dienen, auch hier die Unter- 
schiede und die Eigentümlichkeiten der einzelnen Landschaften 
aufzuweisen. 



Nach Böotien führt auch eine Entdeckung, die zu ihrer 
Zeit ein ungeheures Aufsehen erregte. Man braucht bloß den 
Namen der kleinen südböotischen Landstadt Tanagra zu nennen, 
so belebt sich die Phantasie mit dem reizenden Völkchen der 
»Tanagräerinnen«, die seit dem heimlichen Beginn der Grabungen 
im Jahr 1870 mehrere Jahre hindurch den Gräbern jenes einst 
durch seine Tonindustrie berühmten Städtchens entstiegen, nur 
gar zu bald vermischt mit unechten Schwestern, die eine ge- 
schäftige Industrie den antiken Figürchen beigesellte (vgl. S. 172 f.). 
Die tanagräischen Tonfigürchen sind zwar aus böotischem Ton, 
aber mit attischem Geist und attischer Grazie geformt Eroten, 
nunmehr zu zierlichen Knäbchen verjüngt, flattern in Scharen 
um die Mädchen und Frauen, die, meist züchtig verhüllt, sinniger 
oder kecker, oft mit einem runden Hut über dem Scheitel, in 
ihren zartgefärbten Gewändern einherschreiten oder auf dem x 
Felsen sitzen, mit dem Fächer in der Hand, mit der Taube auf 
der Schulter, auf eine Maske blickend. Praxitelische Gestalten 556 
aus dem täglichen Leben, gern in etwas modernerem Sinne fort- 
gebildet, bewähren sie gleich den Frauen der Grabreliefs (S. 199) 
die attische Zucht guter Zeit, himmelweit verschieden von ihren 
üppigeren und koketteren hellenistischen Genossinnen aus Klein- 
asien (S. 172). Und neben diese feinen Mädchen treten in flott 
andeutender Ausführung andere Szenen aus dem täglichen Leben, 
der zuchtbeflissene Pädagog, der kunstgeübte Haarschneider, der 557 



Tanagra. Athenische Ausgrabungen 233 

dah inträumende Straßenbube, Gruppen die in ihrem einfachen 
Realismus an ägyptische Figuren des alten Reiches (Kap. X) er- 
innern und ganz jenes pikanten Naturalismus entbehren, der 
76 alexandrinischen Bronzen aus gleichfalls hellenistischer Zeit eigen 657/58 
zu sein pflegt. So sind die Tonfiguren von Tanagra wohl ge- 
eignet uns die Nachwirkungen großer Kunst auf das Kunst- 
handwerk der nächsten Generation anschaulich zu machen. 



In Athen entwickelte die Archäologische Gesellschaft eine 
bedeutende und ergebnisreiche Tätigkeit. Die von Strack 1862 
begonnene, alsbald von der Gesellschaft aufgenommene Auf- 

20 deckung des dionysischen Theaters (das Odeion des Herodes 
Atticus war schon 1858 ausgegraben worden) enthüllte jene 
stattliche Reihe von Ehrensitzen, auf denen einst die athenischen 
Priester und höchsten Staatsbeamten, um den reliefgeschmückten 
Lehnsessel des Dionysospriesters geschart, den Aufführungen zu- 
geschaut haben. Eine weitere Untersuchung, besonders des Bühnen- 
gebäudes, nahm erst in den Jahren 1886/95 Dörpfeld vor. Von 
dem Friedhof anl Dipylon und vom Asklepiosheiligtum am süd- 
lichen Burgabhange war schon die Rede (S. 199. 130). Unterhalb 
des letzteren ward in einer großen zweischiff igen, 1887/88 bloß- 
gelegten Halle 1892 die zugunsten der athenischen Theaterbe- 
sucher erbaute Wandelhalle des pergamenischen Königs Eumenes II. 
erkannt, wie schon früher (1859/62) am athenischen Markte 
die stattliche doppelschiffige und doppelstöckige, mit Läden ver- 

19 sehene Halle König Attalos II. bloßgelegt worden war, ein 597 
Musterbeispiel pergamenischer Architektur, noch ehe in Pergamon 
selbst gegraben und die ähnliche Halle Eumenes II. aufgefunden 
worden war (S. 1 66 f.). Aber diese und andere Einzelgrabungen 
traten völlig in den Schatten gegenüber dem, was auf der Akro- 
polis geschah. 

In dem früheren Bilde der Akropolis bildete einen charak- 
teristischen Zug ein hoher plumper Turm, der im Mittelalter über 
dem Südflügel der Propyläen errichtet worden war. 1876 ge- 
währte Schliemann die Mittel um den Turm abzutragen; Auf- 



234 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Landern 

Schlüsse über den Bau der Propyläen und des davor liegenden 
Niketempels waren der nächste Lohn (vgl. Kap. XI). Der gute 
Erfolg ließ aber den oft lautgewordenen Wunsch die ganze Burg 
einer neuen gründlichen Durchforschung zu unterziehen von 
neuem aufleben. Bekanntlich ward die Akropolis bei der persi- 
schen Eroberung von 480 gründlich verwüstet und durch Brand 
zerstört. Über dieser Schuttmasse hatte das perikleische Zeitalter 
jene herrlichen Bauten, Parthenon Propyläen Niketempel Erech- assis« 
theion, errichtet, die seinen Ruhm ausmachten und deren be- 
deutende Überreste auf uns gekommen sind. Damit waren fast 
alle Spuren des älteren, vorpersischen Zustandes unter die peri- 
kleische Schuttdecke — man gewöhnte sich bald sie den »Perser- 
schutt« zu nennen — geraten. Vielleicht hatte nur ein einziges 

35 Sitzbild Athenas, das einst Pausanias beim Erechtheion gesehen 
hatte und das schon früh in dessen Nähe wieder zum Vorschein 
gekommen war, den Sturm der Zeiten überdauert Sonst war 
nur selten einmal bei einer etwas tieferen Orabung ein »vor- 
persisches« Stück ans Licht gekommen, wie das Relief eines 
jugendlichen Wagenbesteigers (sog. wagenbesteigende Frau) oder 341 

35 die Statue eines sein Kalb auf den Schultern tragenden Mannes. 297 
Noch deutlicher hatten schon in den dreißiger Jahren Aus- 
grabungen an den mächtigen Fundamenten des Parthenon die 
Ergiebigkeit dieser tiefen Schichten an älteren Fundstücken er- 
wiesen. Somit lag die Hoffnung nahe, bei gründlicher Arbeit 
dem Boden ganz neue Aufschlüsse zu entlocken. Eine Versuchs- 
grabung freilich, die die französische Schule 1879 unter des 
Architekten Paul Blondel Leitung westlich vom Erechtheion vor- 
nehmen ließ, war so unfruchtbar ausgefallen, daß man wohl 
schwankend werden konnte. Allein der bereits bei den myke- 
nischen Ausgrabungen bewährte (S. 212) nunmehrige General- 
direktor Panagiötes Stamatakes ließ sich nicht abschrecken und 
legte im Herbst 1884 Hand an den Plan die ganze Fläche der 
Burg aufzugraben und überall entweder bis auf den gewachsenen 
Felsen oder bis zu antiken Fundamenten und Bauresten vorzu- 
dringen. Als Stamatakes kurz darauf starb, nahm sein Nachfolger 
Panagiötes Kabbadias, der sich bereits um Epidauros große Ver- 



Die Akropolis von Athen 235 

dienste erworben hatte (S. 134), den Plan mit voller Energie 
auf. Der architektonische Teil der Aufgabe lag in der Hand 
Georg Kaweraus; seinen Rat spendete stets bereitwillig Dörpfeld. 
So ward die Burgfläche in den Jahren 1885/91 systematisch auf- 
gedeckt; sorgfältig wurden Beschaffenheit und Fundumstände 
jedes einzelnen Fundstückes gebucht und von Kawerau ein großer 
Plan der so aufgedeckten Burg ausgearbeitet, dessen Veröffent- 
lichung leider seit Jahren auf sich warten läßt. Von den Pro- 
pyläen aus begann die Grabung längs der Nordseite, um all- 
mählich im Kreise die ganze Burg zu umziehen. 

Selten hat eine planmäßig begonnene und durchgeführte 
Unternehmung so reiche Früchte getragen wie diese. Es können 
hier nur ein paar Punkte hervorgehoben werden, die der Wissen- 
schaft besonders wichtige Ergebnisse oder neue Probleme zu- 
geführt haben. 

Für die Kenntnis der Akropolis selbst und ihrer Geschichte 388 
war sogleich die Auffindung der alten »pelasgischen« Burg- 
mauer von großer Bedeutung. Die aus unregelmäßigen Blöcken 
aufgeschichtete Mauer schloß sich viel enger als die nachpersische 
Mauer der ursprünglichen Gestalt des Burgfelsens an; daher ihre 
zum Teil sehr charakteristischen Windungen, und namentlich im 
Süden, wo der Felsen sich viel allmählicher senkte, ihre bedeutend 
tiefere Lage. Nur im Westen, neben den Propyläen, war stets 
ein Stück der Pelasgermauer stehen geblieben. Den Mauerresten 
aber schlössen sich im Norden zahlreiche Überbleibsel hochalter- 
tümlicher Bauten an, darunter Reste des alten Königspalastes und 
eine Hintertreppe, der in Tiryns ähnlich: ein stehender Zug jener 
alten Burganlagen ward damit auch für Athen festgelegt. 

Südlich vom Erechtheion hatte man schon früher eine größere 
künstlich geebnete, gegen Norden und Westen aufgemauerte 
Fläche bemerkt. Bald nach dem Beginne der Ausgrabung traten 
13 hier Spuren zutage, in denen Dörpfelds Scharfsinn die Überreste 388,34 
eines alten Tempels erkannte. Die weitere Aufdeckung bestätigte 
das, und eine später aus unzähligen Stücken zusammengeflickte 
Inschriftplatte, die von dem Tempel selbst stammte, ergab den 
authentischen alten Namen des Tempels Hekatompedon (hun- 



236 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

dertfüßiges Heiligtum), neben dem ein angeblich zweiter offizieller 
Name »Alter Tempel« wie mir scheint mit Unrecht auf diesen 
selben Tempel bezogen wird. Dörpfeld erkannte weiter aus der 
Verschiedenheit der Fundamente, daß das ursprüngliche Heka- 
lompedon nur das in der Tat hundertfüßige Tempelhaus, mit 
einer Cella gegen Osten und einer dreigelassigen Schatzabteilung 
gegen Westen, umfaßt habe, die Ringhalle aber erst ein späterer 
Zusatz sei — eine zunächst auffällige Annahme, die aber bald 
in Unteritalien eine Analogie finden (S. 243), sodann in den 
Funden der Burg selbst ihre Bestätigung erhalten sollte. Beide 
Zustände des Tempels gehören ohne Zweifel dem 6. Jahrhundert 
an; wenn der Tempel aber ohne weiteres als peisistratischer 
Tempel bezeichnet zu werden pflegt, so versperrt hier, wie so 
oft, die »provisorische Wahrheit« den Weg sicherer Erkenntnis. 
Der ursprüngliche Bau kann füglich in vorpeisistratische, also 
etwa »solonische« Zeit gehören; eine nicht unwahrscheinliche 
Vermutung bringt ihn in Zusammenhang mit der Einsetzung der 
Großen Panathenäen (566). 

Haben die bisher betrachteten Funde ihre Hauptbedeutung 
in unserer erweiterten Kenntnis der Geschichte der Burg und der 
mit ihr verbundenen Zustände Athens, so greift eine andere Reihe 
von Ergebnissen darüber hinaus und verbreitet neues Licht über 
die attische Kunstgeschichte. Während diese sich bisher jenseits 
der Perserzeit nur in ganz vereinzelten, zusammenhanglosen Spuren 
verfolgen ließ (S. 234), beschenkten uns die tieferen Schichten 
der Akropolis mit einer Fülle von Bildwerken, die den ganzen 
Verlauf der attischen Plastik im 6. Jahrhundert klarstellten. Da 
trat als das älteste Material der bald weichere bald härtere attische 
Tuff auf, der nach Art des anfänglich benutzten Holzes gleichsam 
geschnitzt ward. Mehrere Tuffgiebelfelder, mit reichen und leb- 
haften Farbenüberresten, veranschaulichten in bald flacherem bald 
höherem Relief die Entwickelung zugleich des attischen Reliefstils 
35 und der Giebelkomposition. Einer von diesen Giebeln, der so- vii 
genannte Typhongiebel, erwies sich durch genaue Untersuchung 
Theodor Wiegands als der des Hekatompedon in dessen ursprüng- 
lichem Zustande; da er nun am Ende jener Tuffplastik steht, so 



Altattische Plastik 237 

ist damit ein relativer Zeitansatz für die erste Anlage des Tempels 
gegeben. Aber außer den altertümlichen Tuffbildwerken fanden 
sich auch bedeutend jüngere Marmorbruchstücke, aus denen es 
zuerst Franz Studniczka, sodann Hans Schrader gelang Teile 

35 eines Gigantenkampfes mit Athena als Hauptfigur zusammen- 
zusetzen, und zwar die Überbleibsel jenes Giebels, der nach der 
Erweiterung des Hekatompedon durch die neue Ringhalle be- 
stimmt war den Typhongiebel über dem älteren Tempelhause 
zu verdrängen und zu ersetzen. Also war auch hier mit der 
Bereicherung unserer Kenntnis attischer Plastik zugleich ein 
chronologischer Anhaltspunkt für den Umbau des Hekatompedon 
gewonnen. 

Einen ganz anderen Blick auf die Plastik der peisistratischen 
Zeit eröffneten die Ausgrabungen auf der Burg durch jene lange 

34 Reihe der (respektlos als »Tanten« bezeichneten) Mädchen und 
Frauen, die einst, auf hohen pfeilerartigen Basen stehend, dem 
Bilde der vorpersischen Akropolis einen eigentümlichen Reiz ver- 
liehen haben müssen. Von ihnen gilt das Wort: 

Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern. 
Freilich mußten alle die einzelnen Statuen erst aus vielen Bruch- 
stücken wieder zusammengesetzt werden, eine mühsame Arbeit, 
an der sich neben anderen besonders erfolgreich Franz Studniczka 
beteiligte. Die älteren dieser Frauen verrieten deutlich ihre Ab- 
kunft von den Inseln. Die eine, pfahlrunde, mit einem Gesicht 
als ob sie wie Dikäopolis Tochter Sauerampfer gegessen hätte, 
war die nächste Verwandte der von Cheramyes geweihten Hera 295 

34 von Samos (S. 182). Die andre, mit roten Haaren und grünen 323 
Augen, heiter blickend (die »fröhliche Emma«), verleugnete nicht 

34 ihre Abkunft von dem balkenförmigen Weihgeschenke der Ni- 294 
kandre von Naxos (S. 118). Nach Chios, wo eine alte Schule 

34 von Bildhauern blühte, wiesen Frauen mit reicherer Gewandung, 324 
denen ähnlich, die auf Delos zum Vorschein gekommen waren 
(S. 118). Anderen fehlte ein gleich deutliches Ursprungszeugnis, 
aber so viel war klar: die fortgeschrittenere Plastik der ionischen 
Inseln hatte, vermutlich zur Zeit des Peisistratos, ihren Einzug 
in Athen gehalten, mit ihrer überfeinerten Rokokomanier die 



238 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

kräftigere altattische Art beiseite gedrängt und die attischen 
Künstler in ihre Schule genommen. Bald hatten die Schüler 

36 ihre Meister überflügelt; ein Werk wie die Frauenstatue Antenors 325 
vereinigt auf das glücklichste ionische Anmut mit attischer Würde 
und attischem Ernst Und als dann gegen Ende des Jahrhunderts 
auch dorische Einwirkungen vom Peloponnes her, wo inzwischen 
der Erzguß ausgebildet worden war, auf Attika sich geltend 
machten, da verfeinerte sich die ionisch-attische Plastik bis zu 
so anziehenden Gebilden wie dem an Francesco Francia erinnern- 

36 den Mädchenköpfchen vom Weihgeschenke des Euthydikos. Ein 342 
verlorenes Kapitel der Kunstgeschichte, der wichtigsten und reiz- 
vollsten eines, da es sich um die Vorstufen der großen attischen 
Kunst des 5. Jahrhunderts handelt, war dem Perserschutte der 
Akropolis abgewonnen. 

jener Bildhauer Antenor, der später, nach der Vertreibung 
der Tyrannen, in seiner Gruppe der Tyrannenmörder die Richtung 
der dorischen Erzplastik einschlug, war nach dem Zeugnis der 
Inschrift auf der Basis seiner Frauenstatue der Sohn eines Malers 
Eumares, der nach Plinius Angabe eine bedeutende Rolle in der 
Entwicklung der attischen Malerei gespielt hat Dieses Zu- 
sammentreffen mußte um so lebhafteres Interesse erwecken, als 
die Bemalung bei jenen Marmorbildern sehr stark hervortrat, 
wenn auch nicht in gleich hohem Grade wie bei der älteren 
Tuffplastik. Freilich lieferte die Beschränkung der Malerei auf 
gewisse Teile der Skulptur die schlagendste Widerlegung der 
alten Theorie, daß entweder nichts oder alles bemalt gewesen 
sein müsse (S. 45); aber die enge Verbindung beider Künste in 
der Antike ward doch von neuem anschaulich und machte das 
Wort Piatons lebendig, daß der Bildhauer wohl Form und Zeich- 
nung liefere, sein Werk aber doch erst durch den Hinzutritt der 
Malerei seine volle Wirkung erhalte. 

Die bessere Einsicht in die Bemalung der Skulptur war aber 
nicht der einzige Fortschritt, den die Ausgrabung der Akropolis 
unseren Kenntnissen der antiken Malerei brachte. Aus den Tiefen 
des Perserschuttes stiegen auch zahlreiche Proben älterer Ton- 
malerei, Tonplatten und Vasenscherben, hervor. Indem — bei 



Altattische Plastik. Vasenchronologie. Enneakrunos 239 

gehöriger Vorsicht in der Feststellung der Fundschichten und 
unter der Voraussetzung, daß alle diese zerbrochenen Werke von 
jeher auf der Burg ihren Platz gehabt haben — das Jahr 480 
für sie den letztmöglichen Zeitpunkt bezeichnete, gewann die 
Vasenchronologie einen Fixpunkt, dessen sie bisher entbehrt hatte. 
Es wird unten (Kap. XI) unsere Aufgabe sein die Konsequenzen 
dieser Erkenntnis näher darzulegen; hier genügt der Hinweis, 
daß unsere geschichtlichen Anschauungen eine völlige Revolution 
durchmachten und die ganze Geschichte der rotfigurigen Malerei 
um eine bis zwei Generationen hinaufgerückt, ihre Anfänge bis 
in die Zeit des Tyrannen Hippias, also vor 510, verlegt werden 
mußten. Leider steht die Veröffentlichung eines lange vorbe- 
reiteten Werkes, das erst das ganze so gewonnene neue Material 
vorlegen wird, noch immer aus. 

Die angeführten Proben können zur Genüge zeigen, wie 
reiche Ergebnisse die Aufdeckung der Akropolis zutage gefördert 
hat. Das Unternehmen kann sich in jeder Beziehung den Aus- 
grabungen von Olympia und Delphi an die Seite stellen, Athena 
hat ihren Platz würdig neben Zeus und ApoUon eingenommen. 
Um die Aufgabe ganz zu vollenden erübrigt es noch die Unter- 
suchung auch außen rings um die Burg durchzuführen. Die 
Südseite ist längst von den Schutthalden früherer Aufräumungen 
auf der Burg gereinigt und steht in alter Großartigkeit der Fels- 
gestaltung wieder da. An der Nordwestecke hat Kabbadias 
1896/97 den Spaten angesetzt und die Gegend um die Pans- 
grotte mit schönen neuen Ergebnissen freigelegt. Ohne Zweifel 
wird die Fortsetzung des Werkes längs den nördlichen »Langen 
Felsen« und an der Ostseite viele weitere Aufklärung bringen. 
Der westliche Abhang ist leider durch moderne Fahrstraßen und 
Anpflanzungen den Nachforschungen entzogen, die allein hier 
manche dunkle Punkte würden aufhellen können. Dafür hat 
Dörpfeld 1892/97 weiter unten am Fuße der Pnyx aus Mitteln 
des Archäologischen Instituts und privater Gönner eine große 
Brunnenanlage aus peisistratischer Zeit bloßgelegt, die durch einen 
langen Tunnel gespeist ward. Ist es die von Peisistratos in die 
neunröhrige Enneakrunos umgewandelte alte Kallirroe? Noch 



240 IX> Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

wogt der Streit, doch neigt sich die Entscheidung mehr und 
mehr auf Dörpfelds Seite. Völlig sicher ist der Nachweis eines 
großartigen Nutzbaues der Tyrannenzeit, vergleichbar der Wasser- 
leitung des Polykrates in Samos (S. 181) und dem großen 
»hundertsäuligenc Brunnenhause des Tyrannen Theagenes, dessen 
Überreste 1899 nach Dörpfelds Anweisung Richard Delbrück 
und Karl Gustav Vollmöller in Megara aufgedeckt haben. 



Auch außerhalb Athens haben die Nachforschungen nicht 
geruht. Außer der Archäologischen Gesellschaft haben auch die 
übrigen Archäologischen Schulen Athens sich an diesen Aufgaben 
beteiligt. Es würde ermüden alles Erreichte aufgezählt zu hören; 
einige Zeugnisse für die lebhafte Tätigkeit mögen genügen. Die 
Amerikaner haben 1896/1904 in Korinth (Rufus B. Richardson 
und Genossen), seit 1887 in Sikyon (M. L. Earle u. a.) um- 
fassende und erfolgreiche Nachforschungen angestellt und kürz- 
lich (1906) begonnen in Sparta das hochaltertümliche Heiligtum 
der Artemis Orthia, den Schauplatz grausamer Kultgebräuche, 
aufzudecken; bisher haben zahlreiche Weihgeschenke aller Art 
die Hauptausbeute geliefert Tief in die Vorzeit haben auch die 
Ausgrabungen geführt, die der Holländer Wilhelm Vollgraff 
1902/4 in Argos vorgenommen hat. Eine prähistorische Festung 
auf dem die Stadt im Norden überragenden Hügel Aspis, Fels- 
gräber mykenischer Zeit am gegenüberliegenden Rande der Burg 
Larisa, Reste einer darüber gebauten Stadt aus der Zeit des 
geometrischen Stils — das sind lauter neue Ausblicke in die 
Frühzeit der für die älteste griechische Geschichte so wichtigen 
Ebene. Die Engländer haben 1890/91 in Megalopolis (Emest 
A. Gardner und Genossen und der Architekt Robert Weir Schultz) 
mit gutem Erfolge gegraben. Die Theater bildeten bei den 
meisten dieser peloponnesischen Ausgrabungen einen Haupt- 
gegenstand der Untersuchung (vgl. S. 135); in Megalopolis kam 
hinter dem Theater das Thersilion zum Vorschein, ein säulen- 47o 
reicher Saal von kunstvollerer Anlage als der eleusinische Weihe- 
tempel (S. 132 f.). In Tegea stellte 1888/89 Victor Berard von 4i6 



Peloponnes 24 1 

der Französischen Schule die Stadtmauer, die Agora und andere 
wichtige Punkte der Stadtanlage fest, aber der berühmte Tempel 
der Athena Alea, das Meisterwerk des jungen Skopas, enthüllte 
wegen des verblendeten Widerstandes der Bevölkerung nur wider- 

57 willig und sparsam einige Proben seiner Skulpturen, immerhin 484 
genug um danach die Kunstart des Skopas genauer bestimmen 
zu können (s. Kap. XI). Seitdem sind diese Nachforschungen 
mit gutem Erfolge von der Französischen Schule wieder aufge- 
nommen worden. Im benachbarten Mantineia forschte 1887/88 
Gustave Fougeres; eines der glücklichsten und wichtigsten Er- 

56 gebnisse war der Fund dreier Platten von der Basis einer Gruppe 
des Praxiteles, die uns die Gewandmotive praxitelischer Kunst 
kennen lehrten. Fast noch überraschender war die Aufklärung, 
die uns 1889/90 B. Leonardos und P. Kabbadias Ausgrabungen 
in Lykosura, angeblich der ältesten Stadt des Menschenge- 
schlechtes, brachten. Für die Heiligtümer Lykosuras war haupt- 
sachlich der messenische Bildhauer Damophon tätig gewesen, den 
man mangels bestimmter Angaben allgemein nach scheinbaren 
Anzeichen in das 4. Jahrhundert gesetzt hatte. Jetzt ergab eben- 
sowohl die architektonische Beschaffenheit der Tempelreste wie 

74 der stilistische Charakter der Skulpturen, daß Damophon der 624/25 
Verfallzeit, etwa dem 2. Jahrhundert vor Christo, angehört hat. 
Eine andere Bereicherung lieferten 1900 Taucherarbeiter bei der 
kleinen Insel Antikythera am stürmereichen Kap Malea. In 
römischer Zeit war hier (nicht weit von der Stelle, wo Lord 
Elgins Schiff Mentor scheiterte, s. S. 29) ein Schiff mit einer 
Ladung marmorner und eherner Kunstwerke untergegangen. 
Stückweise wurden sie vom Grunde des Meeres emporgeholt, 
darunter eine Erzstatue schönen Stils, wenn auch unsicherer 472 
Deutung, die alsbald zum Prüfstein kunstgeschichtlicher Stil- 
bestimmung gemacht ward; davon wird später (Kap. XI) die 
Rede sein. 

Der Peloponnes hatte den Löwenanteil an diesen Unter- 
suchungen. Aber auch die für die bildende Kunst sonst wenig 
ergiebige Landschaft Aetolien ging nicht ganz leer aus. Der 
ätolische Bund hatte seinen Mittelpunkt in dem hoch im Innern 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchflologischer Entdeckungen. 15 



242 JX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

des Landes gelegenen Apollonheiligtum von Thermos. Unter 
Georgios Soteriädes Leitung ward 1897/99 der Tempel ausge- 264 
graben, ein hochaltertümlicher, eigenartiger Bau, in dem eine 
mittlere Säulenstellung nicht bloß die lange schmale Cella, son- 
dern auch die vordere und die hintere Vorhalle zweischiffig ge- 
staltete (vgl. S. 214). Wo stand in der zweischiff igen Cella das 
Götterbild? Bisher hatte man ein Götterpaar als Inhaber solcher 
zweischiff iger Tempel vermuten können; hier kam nur Apollon 
in Betracht So stellte auch dieser Fund eine neue Frage, die 
einstweilen noch unbeantwortet ist. Einen anderen Gewinn bot 
der Tempel durch ein paar bloß bemalte Metopen altertümlichen 28o 
Stils. Metopen kannte man bisher nur leer oder mit Relief ge- 
schmückt; wenn hier die bloße Malerei an der Stelle bemalter 
Reliefs auftrat, so war das ein neuer Beleg für die Gleichwertig- 
keit beider künstlerischer Ausdrucksweisen bei den Griechen. 
Das hatten schon die alten attischen Grabreliefs aus dem 6. Jahr- 
35 hundert gelehrt. Der bemalten Reliefstele des Aristion war die 322 
88 bloß bemalte Grabplatte des Lyseas an die Seite getreten; auf 321 
der letzteren war im Nebenfelde ein Reiter gemalt, auf der 
Aristionstele war das Nebenfeld für eine entsprechende bloße 
Malerei ausgespart worden, auf einer dritten ähnlichen Platte 
waren sowohl die Hauptfigur wie der Reiter im Nebenfelde in 
(einst bemaltem) Relief dargestellt. Das Relief bildete eben nach 
dem oben (S. 238) angeführten Worte Piatons nur die Grund- 
lage für die Malerei, die ihr die bestimmteren Umrisse und eine 
bescheidene Schattenwirkung gewährte. 



Von Griechenland wendet sich unser Überblick nach Italien. 
Unter dem beherrschenden Einflüsse Luigi Pigorinis haben sich 
etwa seit 1870 die jüngeren Archäologen Italiens fast ganz der 
prähistorischen Forschung ergeben. Diese steht aller Orten in 
Italien in hoher Blüte (vgl. S. 207). Dazu kommt der reiche 
und fruchtbare Anteil Italiens an den kretischen Untersuchungen 
(S. 223. 226 f.). So ist es gekommen, daß die Italiener die Sorge 
für ihre klassischen Kunstschätze nur in vereinzelten Fällen selbst 



Thermos. Italien 243 

in die Hand nehmen, meistens fremden Gelehrten überlassen. 
Ein Hauptanteil entfällt auf das Deutsche Archäologische Institut 
in Rom, dessen speziell archäologische Leitung 1887 Eugen 
Petersen als Nachfolger Wolfgang Helbigs übernahm. 

Während für die in Italien lebenden, vollends für die italie- 
nischen Gelehrten von jeher eine gewisse Beschränkung auf 
Italisches nahe gelegen hat, brachte Petersen von seinen klein- 
asiatischen Reisen (S. 185 ff.) und einem einjährigen athenischen 
Aufenthalt an der Spitze des dortigen Archäologischen Instituts 
einen weiteren Gesichtskreis mit und erkannte es zunächst als 
eine lange vernachlässigte wissenschaftliche Aufgabe den grie- 
chischen Spuren in Italien nachzugehen. Seit Frangois Lenor- 
mants flüchtiger Bereisung der Großgriechischen Küste (1880) 
hatte niemand wieder Unteritalien im Zusammenhang auf grie- 
chische Kunst untersucht. Petersen unterzog sich dieser Aufgabe 
und erkannte 1889 mit dem auf seinen Reisen geschärften Blick 
in Lokroi an der Südküste Calabriens die Reste eines ionischen 
Tempels, der demnächst unter Petersens Mitwirkung von Paolo 
Orsi (vgl. S. 223) ausgegraben ward. Ein ionischer Tempel war 
in Unteritalien, wo sonst die dorische Baukunst allein herrscht, 
ein Unikum, seine Aufdeckung um so erwünschter, als seine 
Formgebung sich als altertümlich erwies und daher geeignet war 269 
eine schwer empfundene Lücke in unserer Kenntnis des älteren 
ionischen Stils auszufüllen. Auch sonst bot der Tempel viel 
Eigentümliches, z. B. eine zweischiff ige Anlage und eine nach- 
trägliche Ergänzung des ursprünglichen Tempelhauses durch eine 
spätere Ringhalle, ebenso wie bei dem kurz vorher entdeckten 
athenischen Hekatompedon (S. 235 f.). 

Was hier in einem einzelnen Beispiele geglückt war, ver- 
folgten in den nächsten Jahren auf zwei Reisen (1892 und 93/94) 
in großem Zusammenhang Otto Puchstein und der Architekt 
Robert Koldewey. Obgleich ohne Ausgrabungen durchgeführt, 
hat ihre erneute Untersuchung sämtlicher Tempelruinen Unter- 
italiens und Siciliens doch sehr bedeutende Ergebnisse gehabt 
und die Kenntnis der altdorischen Baukunst des griechischen 
Westens erheblich vertieft. Einige Beispiele mögen das belegen. 

16* 



244 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

Bei Selinunt trat ein einigermaßen datierbares vordorisches Heilig- 
tum zutage, was einen durchgängig jüngeren Ansatz als bisher 
für die dorischen Bauten zur Folge hatte. An zwei sehr alten 
Tempeln, dem selinuntischen Tempel C (S. 44) und dem soge- 
nannten Cerestempel in Pästum, erwies sich der Giebel als an 
den Enden geknickt, eine bisher unbekannte Erscheinung aus der 
Zeit noch unsicheren Tastens. In Oirgenti ward den Atlasge- 255 
stalten ihr wahrscheinlicher Platz am Zeustempel ermittelt (S. 43 f.). 365 
Infolge genauer Beachtung der Altäre vor den Tempeln ward 
die zweischiffige sogenannte Basilika in Pästum mit ihrer neun- 250 
säuligen Front, die meistens als Stoa galt, mit Sicherheit eben 
durch ihren Altar als Tempel erkannt. Eine vielbesprochene 
10 Eigentümlichkeit gewisser dorischer Kapitelle, eine scharfe Ein- 252 
Ziehung des Säulenhalses dicht unter dem Echinos, ward als Be- 
sonderheit der achäischen Stadt Pästum nachgewiesen (vgl. Kap. XI). 
Eine erwünschte Erweiterung dieser großgriechischen Architektur- 
studien bildete der 1896 von H. Graillot aufgefundene, alsbald 
von Petersen genauer untersuchte Tempel in Conca bei Antium. 
Er lieferte den Nachweis, daß etwa um 500 in Latium ein 
Tempel nicht den italischen, sondern einen reingriechischen 
Grundriß haben konnte, und bestätigte dadurch in erwünschter 
Weise was wir sonst nur aus zerstreuten Nachrichten über grie- 
chische Kunsteinflüsse auf das Rom der beginnenden Republik 
erfahren, während die hergebrachte Auffassung das damalige 
Rom sich ganz im Bann etruskischer Kultur und Kunst zu 
denken pflegt 

Einer Entthronung Etruriens zugunsten des Griechentums 
galt auch eine andere Reihe von Studien Petersens. Es gelang 
ihm nachzuweisen, daß ein 1812 in Perugia gefundener, mit 
Reliefs geschmückter Erzwagen, der als ein Hauptstück altetrus- 237 
kischer Kunst angesehen ward, gar nicht etruskisch sondern ionisch 
sei, vermutlich aus einer der ionischen Kolonien Süditaliens 
stammend. Was aber von diesem einen Werke galt, das fand 
auch auf viele andere »etruskische« Werke Anwendung, z. B. auf 
den berühmten Erzleuchter in Cortona. Von der Chimäre in 
Arezzo stand es schon lange fest, daß sie trotz ihrer etruskischen 



Griechische Tempel. Ionische Erzwerke. Altitalische Tempel 245 

Inschrift ein griechisches Werk sei; vollends galt dies von der 
ausgezeichneten, unter dem Namen Idolino bekannten Jünglings- 426 
Statue aus Pesaro. Petersen dehnte dies Verdikt auch auf die 
berühmte kapitolinische Wölfin aus, die in der Tat keinen etrus- 340 
kischen Charakter trägt; da aber die sonstige mittelitalische Kunst 
in so früher Zeit kaum ein solches Werk schaffen konnte und 
Einzelheiten an ionischen Stil erinnern, so vermutete Petersen 
auch hier die Arbeit einer ionischen Fabrik, die etwa zu Anfang 
der Republik für Rom geschaffen worden sei, eine Parallele zu 
den gleichzeitigen athenischen Tyrannenmördern, insofern die 
Zwillinge unter der Wölfin als die Gründer Roms die Stadt im 
Gegensatz zu den Königen vertraten. So viel steht fest, daß 
heute mit mehr Kritik als früher das altionische Kunstgut von 
etruskischen Nachahmungen geschieden und so ein neuer Ein- 
blick in die ionische Kunst namentlich Süditaliens gewonnen 
wird. Ohne Zweifel ist beispielsweise das 1791 bei Nemi ge- 
fundene Marmorrelief mit der Ermordung Ägisths, jetzt in Kopen- 339 
hagen, ebenfalls ein echt altionisches Werk; das wird auch durch 
mancherlei Ähnlichkeiten mit den Friesen des siphnischen Schatz- 
hauses in Delphi (S. 145) bestätigt. 



Neben die griechischen Vorbilder italischer Kunst treten die 
selbständigen Schöpfungen Mittel Italiens. Der etruskische oder besser 
altitalische Tempel war uns bis vor kurzem nur aus der nicht 
ganz klaren Beschreibung Vitruvs bekannt, daher die Wieder- 
herstellungsversuche recht verschieden ausfielen. Allmählich hat 
es auch auf diesem Gebiete zu tagen begonnen. Schon 1865 
und wiederum 1875/76 wurden im Garten des Palazzo Caffa- 
relli zu Rom die Fundamente des kapitolinischen Juppitertempels 
aufgedeckt und vermessen, so daß man wenigstens von der An- 
lage im ganzen ein Bild erhielt; 1887 kamen in Alt-Falerii (Civitä 
Castellana) die Reste des alten dreiteiligen Tempels der Juno 711 
Curitis, wenn auch in sehr beschädigtem Zustande, zutage. Aber 
eine reichere Anschauung ward doch erst durch eine Anzahl von 
Tempelgrundrissen vermittelt, die in Marzabotto (1888/89, S. 154), 



246 1X> Cinzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

in Alatri (1889), in Florenz (1892) aufgedeckt wurden. Das Er- 712 
gebnis war das gleiche wie überall : an die Stelle der vitruvischen 
Regel trat eine viel größere Mannigfaltigkeit der wirklichen Grund- 
risse. Der Abschluß nach hinten durch eine feste Mauer, die weite 
Vorhalle zur Beobachtung der Himmelszeichen, die Schwelle der 
Cella oder der mittelsten der drei Gellen als geweihter Mittel- 
punkt des Ganzen, das waren immer wiederkehrende, weil im 
Ritus begründete Züge; im übrigen aber herrschte ziemlich große 
Verschiedenheit des Plans, z. B. auch darin, ob der Tempel auf 
ebenem Boden oder auf erhöhtem Podium stand, wo dann eine 
Treppe nur an der Vorderseite hinaufführte. Auch der Aufbau 
23 des Tempels ward durch Funde von Terrakottaverkleidungen des 715 
Holzgebälkes neu beleuchtet, die den fast überreichen Eindruck 
dieser Tonzieraten (Ton waren bildeten einen Lieblingszweig des 
etruskischen Kunsthandwerks) anschaulich machten (vgl. S. 45). 
In Luni bei Carrara war schon 1842 ein ganzes Giebelfeld mit 
großen Tonfiguren, allerdings erst aus römischer Zeit, zum Vor- 
schein gekommen, das aber erst 1885 von Luigi A. Milani ans 
Licht gezogen und in seiner Bedeutung erkannt ward. 

Neben der Erforschung der älteren Gestalt des italischen 
Tempels wendete sich das Studium auch dem lange vernach- 
lässigten Gebiete des allmählichen Überganges der italischen Bau- 
weise zur griechischen Formensprache zu, Luigi Caninas phan- 
tasievolle Arbeiten auf dem ganzen Gebiete römischer Baukunst 
hatten lange Zeit ein nicht ganz gerechtfertigtes Ansehen genossen. 
1836 hatte der gründliche Carlo Promis die Überreste von Alba 
Fucens im Gebiete der Äquer zum Gegenstand einer eingehen- 
deren Forschung gemacht. Neuerdings hat Richard Delbrück 
begonnen die Tempel Mittelitaliens zusammenhängend zu unter- 
suchen und an den Tempeln von Signia, Norba, Gabii den 756 
griechischen Einfluß auf die Tempelform, die Ausbildung der 
Gliederungen, den Übergang vom Holzbau zum Steinbau nach- 
gewiesen ; femer gezeigt, wie gegen den Schluß des hannibalischen 
Krieges die kleinasiatische Bauwelse des Hermogenes (S. 173 ff.) 
nach Rom verpflanzt ward, allerdings um in dem fremden Boden 
bald noch mehr zu vertrocknen. Längst bekannte Tempel, wie 



Die Tempel Mittelitaliens. Die Stadt Rom. Palatin 247 

24 der ionische der Mater Matuta (sogenannte Fortuna Virilis) in 755 

24 Rom oder der korinthische Rundtempel in Tivoli traten erst so 

24 in ihren rechten Zusammenhang; der Tempel zu Cori im Volsker- 758 

gebirge, durch seine Lage bestechend, offenbarte die traurige 

Dürre, zu der der dorische Stil in Italien zusammenschrumpfte, 

um bald völlig dem »tuscanischen« Stile Platz zu machen.' 



In der Stadt Rom bewirkte der Übergang der stillen Papst- 
residenz in die Hauptstadt des Königreichs Italien eine Umge- 
staltung, wie sie seit den Tagen Sixtus V. nicht mehr erlebt 
worden war. Die Topographie des alten Rom ward durch eine 
Menge stets auftauchender neuer Tatsachen aufgehellt und fand 
an Ridolfo Lanciani, Henri Jordan und Christian Hülsen, einem 
der Sekretäre des Deutschen Archäologischen Instituts, ihre eifrigen 
und erfolgreichen Bearbeiter. Die Menge neuer Straßen und 
neuer Bauten förderten überall Reste alter Bauwerke oder Skulp- 
turen zutage, und das neue städtische Museum auf dem Kapitol 
reichte bald nicht aus für die unaufhörlich zuströmenden Schätze. 
Neben den Zufallsfunden gingen aber auch zielbewußte Aus- 
grabungen einher. 

Auf dem Palatin wurden die von Napoleon III. begonnenen 824 
Arbeiten (S. 106 f.) fortgesetzt und über beinahe die ganze Fläche 
des Berges ausgedehnt, so daß das Bild dieses schon gegen Ende 
der Republik vornehmen Stadtteils in seiner Benutzung für die 
ausgedehnten Palastbauten der weltbeherrschenden Kaiser immer 
deutlicher heraustrat. Der Palast des Augustus, aus älteren Auf- 
nahmen bekannt, ist, wenn auch freilich wohl nur im späteren 
Umbau, großenteils unter der Villa Mills verborgen; jetzt hat 
auch deren Stunde geschlagen. Wird der antiquarische Gewinn 
die Einbuße der poetischen Zypressen aufwiegen? Dieselbe Frage 
läßt sich auch anderswo aufwerfen. Die langjährigen Arbeiten 
auf dem Forum haben viele wichtige Punkte der römischen 
Topographie und Altertümer aufgehellt und haben Lichtstrahlen 
in die graue Urzeit der Stadt fallen lassen, aber der einst so 
schöne Campo vaccino ist in eine häßliche Grube voller Minier- 



248 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

arbeit, voller Gräben und Erdhaufen verwandelt worden, für 
deren unerfreulichen Anblick es schwer fällt in dem vielberufenen 
lapis niger über dem Romulusgrabe, in den Resten des Vesta- 
heiligtums oder des Augustustempels vollen Ersatz zu finden. 
Wirklich gewonnen hat der Eindruck des Titusbogens, da erst 
durch jene Ausgrabungen der hohe Sattel der Velia, auf dem der 
Bogen liegt, zu seiner ganzen Wirkung kommt; das Denkmal 
der Eroberung Jerusalems thront jetzt, vom Forum gesehen, in 
stolzer Höhe. 

Zu den wertvollsten archäologischen Gaben der Stadtum- 
wälzung gehört jenes Haus aus augustischer Zeit, das 1878 an- 
läßlich der Tiberregulierung im Garten der berühmten Farn es i na 
zum Vorschein gekommen ist. Seine wohlerhaltenen Wandmale- 
reien zeigen den »zweiten Stil« (S. 157) in einer Mannigfaltigkeit 
der Durchbildung, in einem Reichtum und Geschmack, daß gegen- 
über der pompejanischen Landstadt hier, wie bei den palatinischen 
96 Wandmalereien (S, 106 f.), die hauptstädtische Vornehmheit zu 56i 
95 vollem Ausdruck kommt Vollends bieten die Stuckdekorationen 
der Decken in ihrem geistreichen, leicht andeutenden Stil, fern von 
aller Schablonenarbeit, eine der schönsten Leistungen dekorativer 
Kunst aus der ganzen Antike. Diese Schätze, dem Erdboden 
an einer auch von der neueren Kunst geweihten Stätte abge- 
wonnen, gehören zu dem vornehmsten Besitze des neugebildeten 
Museo nazionale in den Thermen Diocietians. 

Das Thermenmuseum birgt auch noch sonst viele der schönsten 
Einzelfunde der letzten Jahrzehnte. Bei der trostlosen Ver- 
wüstung der Villa Ludovisi und ihrer Umwandlung in eine Gruppe 
öder Mietskasernen fand sich wenigstens 1887 eines der an- 
ziehendsten Bildwerke, das je dem römischen Boden entstiegen 
39 ist, eine marmorne Thronlehne mit der Darstellung der dem 343 
Meere entsteigenden Aphrodite, die von den Nymphen links und 
rechts sorgsam empfangen wird, ein Meisterwerk griechischer 
Plastik aus dem Übergange zur reifen Kunst. Mit der ganzen 
Sammlung Ludovisi, der gehaltreichsten Privatsammlung des 
päpstlichen Rom, hat das kostbare Stück im Thermenmuseum 
seinen Platz gefunden. Ebenda im Oberstock begrüßt den Be- 



Famesina. Einzelfunde. Ära Pacis. Kaiserreliefs 249 

Sucher die vornehme, dem Vestakloster am Forum entstammende 
Vestalin, das Urbild einer adligen Äbtissin (gefunden 1883); 827 
ferner einige Erzstatuen, darunter der 1884 an der Via Nazionale 
gefundene wüste Faustkämpfer, der mit zerschlagener Nase, ver- 683 
schwollenen Ohren, zerkratzten Armen, aber mit ungeminderter 
Brutalität dasitzt, ein ebenso vortrefflich ausgeführtes, wie für den 
späteren Zeitgeschmack charakteristisches Werk, neben dem ein 

66 in Olympia gefundener Siegerkopf von Erz, obschon ebenfalls 545 
von unschönen Formen, fast wie der Vertreter eines vornehmeren 
Geschlechtes erscheint. 

Außer den neuen Funden ward auch den zum Teil alt- 
bekannten Bildwerken der Kaiserzeit erneute Beachtung geschenkt. 
Die römische Kunst war lange Zeit von der Archäologie sehr 
stiefmütterlich behandelt worden; die Menge und Bedeutung der 
immer neu auftauchenden griechischen Werke hatten die römischen 
ganz in den Hintergrund gedrängt. Zuerst wies 1879/81 Friedrich 

8 von Duhn eine Anzahl zerstreuter Monumentalreliefs als Bestand- 793 
teile der Ära Pacis nach, die der Senat zu Ehren des Kaisers 
Augustus nach dessen Befriedung des ganzen Reiches im Jahre 1 3 
V. Chr. gelobt, viertehalb Jahre später der Friedensgöttin geweiht 
hatte. Diese Forschung nahm 1894 Eugen Petersen auf und 795/98 
vermochte Form und Umfang des Altargeheges, Verteilung und 
Deutung seines Schmuckes genauer festzustellen. Die Ära Pacis, 
mit der echt römischen Feierlichkeit ihres Frieses und ihrem 
engen Anschluß an die Wirklichkeit, erwarb sich schnell ihren 
Rang als hervorragendes Beispiel augusteischer Skulptur und als 
charakteristische Parallele zu dem Friese des Parthenon als dem 
bezeichnenden Vertreter des perikleischen Athen (vgl. Kap. XI). 
Hier war etwas ganz Neues gewonnen, aber wie stand es 
denn mit der genaueren Kenntnis der vermeintlich wohlbekannten 
offiziellen Bildwerke der Kaiserzeit? 1890 nahm Edmond Courbaud 
die 1872 von Adolf Philippi begonnene Forschung wieder auf. 
Aber auch hier blieb noch das Wichtigste zu tun. Franz Wick- 

82 hoffs Analyse der Reliefs des Titusbogens (1895) und ver- 827 
wandter Kunstwerke ließ einen tieferen Blick in die Kunstart der 
f lavischen Kaiserzeit tun, wenn auch eine Überschätzung der. 



250 IX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

römischen Skulptur zu Ungunsten der hellenistischen dem Werte 
der überaus anregenden Arbeit Abbruch tat. Konrad Cichorius 
Ausgabe der Reliefs der Trajanssäule (1896/1900) bahnte erst 838 
den Weg zu eingehender historischer und archäologischer Be- 
handlung dieses bisher auch künstlerisch weit unter Gebühr ge- 
schätzten Werkes. Die photographische Aufnahme und teilweise 
85 Abformung der Marcussäule, auf Kosten des deutschen Kaisers 852 
1895 unter Leitung Petersens, Alfred v. Domaszewskis und des 
Architekten Guglielmo Calderini ausgeführt, gab auch hier wissen- 
schaftlicher Betrachtung zuerst eine feste Basis. Einerseits die 
ethnographisch lehrreiche Darstellung der Marcomannen und der 
anderen Gegner Marcaureis, andrerseits die Umwandlung der 
trajanischen, vielfach poetischen Geschichtserzählung in einen 
trockenen Chronikstil traten erst jetzt in volles Licht. Weiter 
schied Petersen am Konstantinsbogen die trajanischen Bestand- 
teile, die Rundreliefs, zuerst deutlich von den oblongen Platten 833 
aus Marcaureis Zeit und gab dadurch einen weiteren wichtigen (849) 
Beitrag zur Kenntnis der Kaiserkunst. In dem Münchener Posei- 769 
donfriese, den Heinrich Brunn 1876 nicht abgeneigt gewesen 
war Skopas selbst zuzuschreiben, Joh. Overbeck und andere aber 
mit besserem Rechte der hellenistischen Kunst zugewiesen hatten, 
erkannte 1896 Adolf Furtwängler Teile eines großen Altars, 770 
dessen Vorderseite, ein römisches Staatsopfer darstellend, im 
Louvre aufbewahrt wird; er wies das Werk einem um die 
Zeit der Schlacht von Actium von Gnäus Domitius Ahenobarbus 
errichteten Neptuntempel zu, an den schon Brunn als Ursprungsort 
gedacht hatte. Den 1872 auf dem Forum gefundenen großen 
Reliefschranken mit Darstellungen des Forums und trajanischer 
Regierungshandlungen wies Petersen 1898 ihren ursprünglichen 
Platz als Geländer der Rednerbühne an. Genug, unsere Kenntnis 
der historischen Skulptur der Kaiserzeit ward völlig von neuem 
auf eigene Füße gestellt. Die Architektur dieser Zeit, ihre weit- 
aus bedeutendste Leistung, harrt dagegen noch erneuter frucht- 
barer Erforschung; nur an einzelnen Stellen hat diese bisher 
eingesetzt. 



Kaiserreliefs. Pompeji. Silberfunde 251 

In Pompeji gingen die Arbeiten in der früher geschilderten 
Richtung (S. 153 ff.) weiter fort. Ein Stück der alten Stadt nach dem 
anderen ward aufgedeckt. Öffentliche Gebäude, wie die sogenannten 
Centralthermen (1877) oder der ganz zerstörte Tempel der Stadtgöttin 
Venus (1898), traten selten ans Licht. Unter den zahlreichen 
100 Privathäusem erregte das 1894/95 aufgedeckte Haus der Vettier 822 
durch seinen ebenso reichen (man zählt 188 Bilder!) wie wohl- 
erhaltenen malerischen Schmuck allgemeines und berechtigtes 
Aufsehen; verdientermaßen hat man es möglichst im ursprüng- 
lichen Zustande belassen und geschützt. Das gleiche Verfahren 
ist seitdem bei der Casa degli Amorini dorati mit ihrer reichen 
Ausstattung an Kunstsachen aller Art angewandt worden; goldene 
Amoretten hinter Spiegelglas haben dem Hause den Namen ge- 
geben. Ein anderer Fund, der etwas Neues bot, war die Ent- 
deckung eines Landsitzes mit Wirtschaftsbetrieb in der Umgegend 
Pompejis, in Boscoreale; er ward 1894/96 unter A. Pasquis 
Leitung ausgegraben. Natürlich war hier alles verschieden von 
der städtischen Villa des Diomedes (S. 18); zum erstenmale tat 
man einen Einblick in die Einrichtung einer villa rustica. Neuer- 
dings tauchte auch die Hoffnung auf, die längst aufgegebene 
Ausgrabung von Herculaneum (S. 8 f.) wieder aufzunehmen. 
Charles Waldstein entwarf einen Plan dies große Werk durch 
internationale Subskription durchzuführen und bemühte sich darum 
mit großem Eifer. Die italienische Regierung stellte sich je nach 
den rasch wechselnden Ministerien bald ablehnend bald günstig 
zu diesen Plänen, bis das stolze Italia farä da se siegte. Man 
wird also in Geduld abwarten müssen, ob unsere Nachkommen 
einmal auch diese Schwesterstadt Pompejis dem Lichte zurück- 
gegeben sehen werden. 

Den Besitzern jenes Landsitzes von Boscoreale war es bei 
der großen Katastrophe, die mit der benachbarten Stadt Pompeji 
auch ihre Villa unter dem Aschenregen verschüttete, nicht ge- 
glückt ihr stattliches Silbergerät, das sie bereits zusammen- 
gerafft hatten, zu retten. Es fand sich noch fast vollständig bei- 
sammen, um dem italienischen Ausfuhrverbote zum Trotz alsbald 
den Weg nach Paris in die Hände des Barons Edmond de 



252 JX. Einzelentdeckungen in den klassischen Ländern 

Rothschild zu finden, der den größten Teil (zwei besonders 
interessante Becher behielt er zurück) dem Louvre schenkte. Es 
war ein prächtiger Schatz, gemischt aus hellenistischen und 
römischen Arbeiten. Der schnell berühmt gewordene Becher 
mit einer Art Totentanz griechischer Dichter und Philosophen 639 
kann kaum anderswo als in Alexandrien entstanden sein; ein 
Henkelbecher mit intimen Schilderungen aus dem Leben der 638 
Störche weist auf ein Land hin, wo Störche nisten, vermutlich 
Kleinasien; eine prunkvolle Schale mit dem Medaillon der Alexan- 
dreia oder Afrika ist zweifellos einem alexandrinischen Original 
entnommen. Andererseits lassen Humpen mit historischen Szenen 
aus dem Leben der Kaiser Augustus und Tiberius oder Schalen 
mit römischen Bildnisbüsten keinen Zweifel an ihrem römischen 
Ursprung aufkommen. Somit ward auch auf diesem Gebiete 
die Scheidung hellenistischen (nicht bloß alexandrinischen) und 
römischen Gutes der Wissenschaft als Aufgabe gestellt, eine 
Scheidung, die sich auch auf gewisse marmorne Reliefbilder 
malerischen Charakters erstreckte. Neuerdings neigt sich für die 

80 erhaltenen Exemplare dieser Gattung die Ansicht der Gelehrten 791/92 
römischem, in den besten Stücken augusteischem Ursprünge zu, 
womit freilich die — für manche Stücke unzweifelhaften — Vor- 

76 bilder aus hellenistischer Kunst noch nicht abgetan sind. Man 620 
denkt unwillkürlich an das Verhältnis der römischen Poesie in 
der Kaiserzeit zu ihren hellenistischen Mustern. 

Der Silberfund von Boscoreale war nicht der erste seiner 
Art. Schon im Jahre 1830 war in der Normandie, zu Berthouville 
bei Bernay, der Silberschatz eines Mercurtempels zum Vorschein 
gekommen, der sich jetzt im Münzkabinett der Pariser Bibliothek 
befindet Er gehört wohl etwas jüngerer Zeit an als der Schatz 
von Boscoreale und legt von dem prunkvollen aber minder reinen 
Geschmacke der späteren Kaiserzeit auch auf diesem Gebiete 
Zeugnis ab. Nach längerer Zeit folgte 1858 der Fund des 
silbernen Ordensschmuckes (Phalerä) eines römischen Offiziers, 
der bei Lauersfort, unweit Xanten, dem Rhein abgewonnen 
ward; neun silberne Medaillons, mit Darstellungen versehen, die 
vor allem den Geehrten vor bösem Zauber bewahren sollten, 



Silberfunde 253 

waren ein so vollständiger Schmuck der Brust, daß man nach 
»höheren Klassen« oder weiteren Dekorationen nicht auszublicken 
brauchte. Künstlerisch wertvoller ist der 1868 auf einem Exer- 
zierplatze bei Hildesheim entdeckte Silberschatz, der in der 
Hauptsache der ersten Kaiserzeit angehört und vermutlich das 
Tafelgeschirr eines römischen Generals, wenn auch, nicht gerade 
des Varus, gebildet hat. Er ist im Berliner Museum mit großer 
Sorgfalt und günstigem Erfolge wiederhergestellt worden. Im 
ganzen dem Funde von Boscoreale nahestehend, in einzelnen 
Stücken (z. B. dem großen Mischkruge und der Athenaschale) 64i 
ihm überlegen, regt er die gleichen Fragen an wie jener. Daß 
im kaiserlichen Rom das Gewerbe der Silberschmiede noch eifrig 
geübt worden ist, läßt sich nach allem nicht bezweifeln. Es 
scheint demnach, daß Plinius Wort, die Kunst der Silberschmiede 
und Ziseleure sei erloschen, sich mehr auf die Erfindungsgabe 
als auf die technische Fertigkeit bezieht. 

Die letzten Beispiele führen uns durch ihre Fundstätten be- 
reits über die Grenzen Italiens hinaus und leiten über zu den 
Außenländern, die wir im nächsten Kapitel durchwandern wollen. 



EINZELENTDECKUNGEN IN DEN 
AUSSENLÄNDERN 



ei den weitzerstreuten Gebieten, die die beiden klas- 
sischen Länder von allen Seiten umgaben, handelt es 
sich um ganz verschiedene Gesichtspunkte, je nachdem 
diese Gebiete selbst die Heimat altüberlieferter Kunstübung sind 
oder ihre Anregungen von griechischer oder römischer Seite er- 
halten haben. Selbstverständlich fällt der Osten im ganzen unter 
ersteren, der Westen und Norden unter letzteren Gesichtspunkt. 



In Ägypten lag die wissenschaftliche Forschung seit der 
Mitte des Jahrhunderts infolge des überwiegenden politischen Ein- 
flusses Frankreichs wesentlich in französischen Händen. Auguste 
Mariette, weniger ein tiefer Forscher als ein glücklicher Entdecker, 
ließ eine große Reihe von Tempeln, in Edfu, Dendera, Karnak, 648149 
Der el Bahri, freilegen, lauter Bauten des Neuen Reiches oder der si 

84 

Ptolemäer- und Kaiserzeit. Auch Abydos verdankte ihm seine 94/95 
Ausgrabung. Von besonderer Bedeutung war gleich zu Anfang 
von Mariettes Tätigkeit die binnen vier Jahren (1851/55) durch- 
geführte Befreiung des Serapeums bei Memphis von seiner tiefen 
Sanddecke; leider ist es heute wieder tief unter dem Sande ver- 
schwunden und harrt seiner gründlicheren Freilegung durch die 
1905 von der ägyptischen Regierung begonnenen Ausgrabungen 
bei Sakkara. Das Hauptheiligtum selbst des späteren Hauptgottes 
Ägyptens, mit seinen Apisgräbern und allerlei Skulpturschmuck, 
trat damals zutage; an einem Gange wiesen zwei Kapellen neben- 653 



Ägypten. Altes Reich 255 

einander, die eine ägyptischen, die andere griechischen Stils, recht 
handgreiflich auf den zwiespältigen Charakter der Ptolemäerzeit 
hin. In ganz andere Regionen führte der Inhalt der benachbarten 
Gräber, deren Aufdeckung Mariette als Direktor des von ihm in 
Bulak begründeten, später nach Gise verlegten, jetzt in Kairo 
selbst eingerichteten Museums ausführte. Man braucht nur die 
3 Statue des kauernden Schreibers im Louvre zu nennen, um an 53 
die außerordentliche Entdeckung zu erinnern, daß schon im Alten 
Reich, in der fünften Dynastie, eine so lebensvolle Kunst bestanden 
habe. Es war ein ungeahnter neuer Ausblick in die Frühzeit 
ägyptischer Kunst, der sich da eröffnete, über die konventionelle 
Gebundenheit der späteren, meist an die Architektur gefesselten 
Plastik hinaus auf eine wohl schon stilvolle und an das Gesetz 
der »Frontalität« gebundene, aber innerlich freiere, äußerlich selb- 
ständigere, auf schärfster Beobachtung beruhende und die Technik 
wunderbar beherrschende Skulptur aus der Mitte des 3. Jahr- 
tausends! Und der Schreiber blieb ja keine vereinzelte Erschei- 
3 nung; ihn sollte demnächst der »Dorfschulze« an Popularität noch 54 
3 übertreffen, und ein ganzes Heer lebensvoller Genrefiguren, in Be- 56/57 
schäftigungen des häuslichen Lebens begriffen, trat ihnen zur Seite. 
Auf Mariette folgte als Leiter der ägyptischen Altertümer- 
verwaltung 1881 Gaston Camille Maspero, der die historische 
Seite der ägyptologischen Forschung betonte und mit archäolo- 
gischen Studien den Gelehrten anderer Nationen voranging. Neben 
den großen Pyramiden von Gise gewannen durch die unter 
seiner Leitung durchgeführten Arbeiten die kleineren und etwas 
späteren von Sakkara an Interesse, Bauten der fünften und sechsten 
Dynastie. In ihrem Inneren kamen lange religiöse Texte in der 
alten Sprache zum Vorschein, die einen tiefen Einblick in die 
Religion der Pyramidenzeit gestatteten. Aus ihnen ward auch 
zum erstenmale die älteste Periode der ägyptischen Sprache be- 
kannt und damit erst die Grundlage für eine ägyptische Gram- 
matik gewonnen, wie sie besonders von Adolf Erman festgestellt 
worden ist. 

Ein weiterer Fortschritt bestand auch auf diesem Gebiet 
in der vervollkommneten Methode der Ausgrabungen. Seitens 



256 X. Einzelentdeckungen in den Außenländern 

der ägyptischen Regierung wurden unter französischer Leitung 
die großen Tempel in Medinet Habu, Luksor, Karnak völlig frei- 76 
gelegt und teilweise wiederhergestellt. Neben die Franzosen traten 
bald im Wetteifer andere Nationen, zuerst die in Ägypten mehr 
und mehr politisch interessierten Engländer, denen sich die Ameri- 
kaner anschlössen, später auch die Deutschen. Der 1882 ge- 
gründete Egypt Exploration Fand und die seit 1902 in Ägypten 
tätige Deutsche Orientgesellschaft wirken dort stätig durch gründ- 
liche Untersuchung hervorragender Ruinenstätten. Auf Kosten 
der ersteren ist beispielsweise in Der el Bahri, wo Ed. Naville 84 
schon 1894/6 den großen Terrassentempel der Hatschepsowet 
aufgedeckt hatte, 1903/7 von demselben der älteste thebische 
Tempel aus dem Schutte wiedergewonnen, der Totentempel eines 
Königs Mentuhotep (um 2100); es ist ein an den Fels gelehnter 
Terrassenbau, dessen Höhe einst eine Pyramide schmückte, eine 
letzte, seltsam ineinander geschobene Abart der alten Pyramiden- 
anlagen. Durch seine energische Inangriffnahme immer neuer 
Ausgrabungen zeichnete sich besonders Flinders Petrie aus Wool- 
wich aus, der sich zuerst an den Altertümern seiner britischen 
Heimat geübt hatte und dann seit 1880 den ganzen Eifer des 
Autodidakten auf die Aufgaben in Ägypten übertrug, mit gleicher 
Begeisterung aber mit viel wissenschaftlicherem Sinn als Schlie- 
mann. Nach kurzen Untersuchungen an den Pyramiden machte 
er sich, entsprechend der oben (Kap. VII) geschilderten Richtung 
auf klassischem Gebiete, zuerst daran ganze Städte aufzudecken. 
In kurzen Zwischenräumen erschienen seine frisch geschriebenen 
Berichte, die immer den Ausgrabungen auf dem Fuße folgten. 
Von Naukratis (1884/86), der für den ältesten griechischen Ver- 
kehr mit dem Nillande besonders wichtigen Niederlassung, war 
schon oben die Rede (S. 231). Dann deckte er 1889 bei Illahun 
eine Pyramidenstadt des mittleren Reiches auf, die nicht nur über 
die Wohnverhältnisse der Ägypter Aufschluß gab, sondern bei 7i 
einer Wiederaufnahme der Grabungen im Jahre 1899 durch 
Papyrusfunde die genaue, astronomisch festgelegte Datierung des 
Mittleren Reiches ermöglichte. Hier tauchten auch die ersten 
»mykenischen« Scherben in Ägypten auf, die 1895 bei einer 



Ausgrabungen in Ägypten. Tell-el-Amama. Pyramiden 257 

weiteren Grabung Petries in Massen, wenn auch aus einer um 
500 Jahre jüngeren Periode, gefunden wurden. Es handelte sich 
um Tell-el-Amarna, die Residenz des Reformkönigs Echnaton 
oder Amenophis IV. Ein für das konventionelle Ägypten uner- 
hörter Realismus bezeichnete die Bilder des ketzerischen Königs, go/91 
der nicht den Sonnengott Re, sondern den feurigen Sonnenball 
selbst mit seinen Strahlen anbetete. Die Landschaften und Tier- 93 
Szenen auf dem Gipsestrich seiner Paläste bezeugten, so schien 
es, die Kraft fremder, »ägäischer« Kultureinflüsse auf das damalige 
Ägypten (S. 220 f.); eine Ansicht, die freilich neuerdings bei den 
Ägyptologen Zweifeln begegnet. Schon früher (1887) war das 
Tontafelarchiv dieser Residenz gefunden worden und hatte über- 
raschende Einblicke in die diplomatische, in Keilschrift geführte 
Korrespondenz der beiden Großmächte Ägypten und Babylonien 
im 14. Jahrhundert v. Chr. tun lassen. Neuerdings (seit 1895) 
erwirbt sich der Architekt Ludwig Borchardt durch seine gründ- 
lichen und methodischen Ausgrabungen besondere Verdienste. 
1899/1901 hat er für das Berliner Museum und mit liberaler 
Unterstützung W. v. Bissings das von einem Obelisken bekrönte 
Heiligtum des Sonnengottes Re bei Abu Gurab aufgedeckt, dessen 46 
reicher Reliefschmuck geeignet war die frühere Ansicht von der 
Schmucklosigkeit der Tempel des Alten Reiches zu widerlegen. 
Ferner verdanken wir Borchardt infolge der Ausgrabungen, die 
er 1902/4 für die Deutsche Orientgesellschaft in Abusir ausführte, 
eine tiefere Einsicht in die Geschichte des Pyramidenbaues und 45 
in die ganzen Anlagen, von denen die Pyramide selbst nur den 
Abschluß bildet: ein Torbau am Ufer des Nils während seiner 
Überschwemmung führt zu einem ansteigenden bedeckten Gange, 
dieser zum Grabtempel, hinter dem sich die Pyramide aufbaut. 
In gleicher Richtung haben die Franzosen in Abu Roasch, die 
Amerikaner in Gise den Grabtempeln der Pyramiden nachge- 
forscht. Auch die Säulenformen Ägyptens haben durch Borchardt 47/49 
eine klärende Behandlung erfahren, und die oben (S. 255) ge- 
nannten Freilegungen der großen Tempel Thebens haben es ihm 
ermöglicht die verwickelte Baugeschichte des Hauptteiles dieser 
Riesenanlage zu ermitteln (1905). 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 17 



258 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

Besonders reich sind auch die Ergebnisse der Untersuchungen 
von Königsgräbem des Mittleren Reiches, bisher weniger in archi- 
tektonischer Beziehung als durch die kostbaren Beigaben der 
Bestatteten. Besonders berühmt ist J. de Morgans überreicher 
Fund in den Gräbern der Prinzessinnen in Dahschur; prächtige 
Materialien und eine unvergleichliche Technik vereinigen sich in 64 
diesen Musterschöpfungen ägyptischen Kunsthandwerks. Andere 
kaum minder schöne Werke der Kleinkunst haben die Königs- 
gräber des Neuen Reiches von Biban el muluk geliefert, deren 
Untersuchung in den letzten Jahren durch die Freigebigkeit des 
Amerikaners Theo. Davis durchgeführt wird. Die Trockenheit 
des ägyptischen Bodens sichert auch Werken wie dem hölzernen 
Mobiliar und Geräte vollkommene Erhaltung. Derselbe Umstand, og f. 
verbunden mit den vorzüglichen Konservierungsmethoden der 
alten Ägypter, hat es auch zuwege gebracht, daß die Leichen 
einiger bedeutenden Könige des Neuen Reiches noch so wohl- 
erhalten zum Vorschein gekommen sind, daß wir ihre Züge 
dadurch treuer als aus Statuen oder anderen Bildern wiederge- 
winnen können. 

Das letzte Stadium der Erforschung Ägyptens hat hier, wie 
anderswo, die bisherigen Grenzen unseres Wissens rückwärts 
überschritten und Blicke in die Zeit der ersten mit dem Könige 
Menes beginnenden Dynastien, ja darüber hinaus in die Frühzeit 
der ägyptischen Kultur eröffnet. Seit etwa zehn Jahren sind 
namentlich E. Amelineau (Abydos), J. de Morgan (Nagada), 
Flinders Petrie (Abydos) und J. E. Quibell (Kom-el-achmar) in 
dieser Richtung tätig gewesen. 1897 trat in Nagada ein von 
Borchardt erkanntes Grab aus der Zeit des Königs Menes (seit 35(36 
3400) zutage, von späteren Grabanlagen abweichend, aber für ihre 
Entstehung belehrend. Wandmalereien in Kom-el-achmar (Hiera- so 
konpolis) und die Dekoration der in den jetzt zahlreich aufge- 
deckten prähistorischen Nekropolen gefundenen Töpfe machten 
eine Kinderkunst, die Elfenbeinstatuette eines greisen Königs einen 34 
scharf beobachtenden Naturalismus anschaulich. In den Reliefs 
auf den großen Schminkpaletten der ältesten Könige traten die 
Vorläufer der Reliefkunst des Alten Reiches zutage. Hie und da 



Königsgräber. Ägyptische Frühzeit und Spätzeit 259 

haben die alten Ägypter, indem sie in späteren Zeiten älteren 
Besitz der Tempel beiseite schafften, uns Nachlebenden uner- 
wartete Einblicke in die Vorzeit vermittelt. So fand Quibell 1 897 
im Tempel von Kom-el-achmar neben einer Anzahl ausrangierter 
Werke aus der Zeit der ersten Dynastie die in Kupfer getriebene 
lebensgroße Statue des Königs Pepy aus der 6. Dynastie, und 52 
Legrain geriet 1904 beim Tempel von Kamak auf eine Grube 
voll Hunderter von Statuen, die in ptolemäischer Zeit dort be- 
seitigt worden waren. Durch alle diese Funde ältester und alter 
Zeit wird, ebenso wie dies von den griechischen Kunstanfängen 
gilt, die schwierige Frage nach den Ursprüngen der ägyptischen 
Kunst, nach dem Alter der festen Typik, die für die Kunst 
Ägyptens so charakteristisch ist, neu angeregt und ihrer Lösung 
allmählich zugeführt. 

Neben dem alten Ägypten ist auch die ptolemäisch-römische 
Periode nicht ganz leer ausgegangen. Der ungeahnten Bereiche- 
rung, die der Geschichte der späteren Verfassung und Verwaltung 
Ägyptens aus zahllosen Papyrusfunden zuteil geworden ist, kann 
hier nur ebenso flüchtig gedacht werden wie des Gewinnes, den 
unsere Kenntnis griechischer Literatur (z. B. Bakchylides, Menan- 
dros, Aristoteles Schrift vom Staate der Athener) aus gleicher 
Quelle geschöpft hat. Auf künstlerischem Gebiet erregten großes 
Aufsehen die zuerst 1887 im Fajum in größerer Menge zum 
100 Vorschein gekommenen Bildnisse, auf dünne Holzplatten gemalt, xn 
die ursprünglich (gleich den ägyptischen und mykenischen Gold- 
masken, S. 216) die Gesichter der Mumien bedeckt hatten. Zuerst 
in die Ptolemäerzeit, ja sogar in die Nähe des Hofes versetzt, 
sind die hochinteressanten, wenn auch künstlerisch sehr verschieden 
zu bewertenden Bildnisse bald (vielleicht mit einzelnen Ausnahmen) 
als Erzeugnisse der römischen Zeit festgestellt worden. Außer 
ihrem Interesse für die Kenntnis der Porträtkunst haben die Täfel- 
chen auch über die Technik der Temperamalerei und der Enkau- 
stik und ihre gelegentliche Verbindung Licht verbreitet. — Andere 
Bemühungen richteten sich auf die Bereicherung unseres Materials 
für die hellenistisch -alexandrinische Kunst, ein Gebiet, dessen 
Bearbeitung namentlich Theodor Schreiber unternommen hat. 

17* 



260 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

Während die Ägyptologen ausschließlich oder vorwiegend die 
älteren Zeiten des selbständigen Ägyptens berücksichtigen, bleibt 
für die Kenntnis Alexandriens als des Mittelpunktes des »alexan- 
drinischen« Zeitalters noch so sehr alles zu tun, daß noch vor 
einigen Jahrzehnten die Existenz einer alexandrinischen Kunst 
ganz in Frage gestellt zu werden pflegte. Leider haben Aus- 
grabungen, die 1898/99 und 1900/1 unter Schreibers Leitung 
auf Kosten Ernst Sieglins in Alexandrien vorgenommen worden 
sind, nicht ganz den gehofften Erfolg gehabt. Für das gesamte 
Forschungsgebiet ward durch Giuseppe Botti im Alexandriner 
Museum ein fester Mittelpunkt geschaffen. Neben der Rettung 
vieler einzelner Stücke ist ihm die Erhaltung eines griechisch- 
römischen Grabes in Kom-esch-schukäfa (1900) von sehr kompli- 
zierter mehrstöckiger Anlage zu verdanken. Gegenüber der scharfen 
Trennung von einheimischen und griechischen Kunstelementen 
in der Ptolemäerzeit (S. 254 f.) erblicken wir hier in der Kaiserzeit 
einen Inhalt und Form beherrschenden Synkretismus, wie er der 
Spätzeit Ägyptens überhaupt eigen ist. Das rasch anwachsende 
Museum in Alexandrien, das in E. Breccia einen eifrigen und 
geschulten Direktor erhalten hat, wird hoffentlich mehr und mehr 
die Aufgabe erfüllen die zersplitterten Kunstreste des hellenistisch- 
römischen Alexandriens und seiner Umgebung zu sammeln und 
zu retten. Wie sorglos vielfach damit umgegangen wird, kann 
das Schicksal eines hallenartigen Heiligtums aus der ersten Ptole- 654 
mäerzeit zeigen, das der Admiral Kallikrates der als Aphrodite 
vergötterten Gemahlin Ptolemäos IL, Arsinoe, dicht bei der Haupt- 
stadt über dem Meeresstrande errichtet hatte. 1865 vom be- 
deckenden Sande befreit und flüchtig vermessen, ist es heutzutage 
schon wieder, so weit die Steine nicht als Baumaterial geraubt 
worden sind, unter einer Sanddecke begraben. 

Erst ganz kürzlich ist es möglich geworden auch das schwer 
zugängliche und durch den Fanatismus der Bewohner versperrte 
Hochland Ab essin iens in den Bereich der Forschung zu ziehen. 
Die zwischen Deutschland und dem Negus Menelik angeknüpften 
Beziehungen und die Liberalität Kaiser Wilhelms hatten 1906 
eine Expedition zur Folge, die aus dem Orientalisten Enno Litt- 



Ägyptische Frühzeit und Spätzeit. Abessinien. Babylonien 261 

mann und den Architekten D. Krencker und Th. von Lüpke 
bestand. In Aksum (unweit Adua), der Hauptstadt des alten aksumi- 
tischen Reiches, dessen Blüte in die ersten vier oder fünf Jahr- 
hunderte nach Christus fällt, waren außer Resten von Tempeln 
und Palästen besonders die zu Ehren der Götter errichteten 
»Königsstühle« und eine Anzahl mächtiger monolither Stelen Gegen- 
stand der Forschung. Letztere, an Höhe mit den Obelisken wett- 
eifernd, bilden mit ihren Stockwerken und Balkenköpfen eine alte 
Holzarchitektur nach und sind deshalb besonders merkwürdig, 
weil sich keinerlei Beziehung zur Kunst des benachbarten Nil- 
landes zeigt. Man vermutet südarabische Einflüsse; in Einzel- 
heiten scheint sich auch hellenistische Einwirkung zu verraten. 



Wenn früher der Kultur Ägyptens ein erheblicher Alters- 
vorrang vor der Kultur Mesopotamiens zugesprochen ward, 
so ist diese Anschauung neuerdings stark ins Schwanken geraten. 
Auch am Tigris und Euphrat haben, wie überall, Funde und 
Ausgrabungen Perspektiven in bisher unzugängliche Zeitfernen 
eröffnet. Während die oben (S. 85 ff.) geschilderten assyrischen 
Entdeckungen am mittleren Tigris nicht über das 9. Jahrhundert 
zurückgereicht hatten, ward jetzt das Feld der Untersuchungen 
vorwiegend südlicher nach Babylonien verlegt, wo die beiden 
Flüsse sich näher rücken, um sich endlich miteinander zu ver- 
einigen. Hier gelang es viel weiter zurück in die Urzeit zu 
dringen. 

Babylonien war schon öfter das Ziel wissenschaftlicher 
Reisen gewesen. Besonders hatten sich seit der Mitte des Jahr- 
hunderts der Geologe W. Kenneth Loftus (1849/52 und 1853/55) 
und der englische Vizekonsul J. E. Taylor (1853/55) um unsere 
Kenntnis des unteren Flußgebiets verdient gemacht. Ein Wand- 113 
stück in Warka mit teppichartigem Muster und die Reste einer 
Stufenpyramide in Mugheir ließen uns den ersten Blick in die 
altbabylonische Baukunst und Dekorationsweise werfen. Bedeut- 
samer aber waren die Ergebnisse, die der französische Vizekonsul 
Ernest de Sarzec bei jahrelangem Aufenthalt in jenen Gegenden 



262 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

gewann. Seine Ausgrabungen in Telloh (1877/78 und 80/81) io8|9 
lieferten in den Statuen des Gaufürsten Gudea und einer Anzahl 
von Reliefs, die das Museum im Louvre bereichert haben, Zeug- 
nisse einer Kunst, welche scharfe Beobachtung mit technischer 
Meisterschaft gegenüber hartem Stoffe verband und in einzelnen 
Punkten ein freieres Empfinden als die ganze spätere mesopota- 
mische Kunst bekundete. Und doch müssen diese Werke nach 
den sicheren Ergebnissen neuerer Funde etwa um 2600 angesetzt 
werden, sind also ungefähr gleichzeitig mit dem Beginn der Kunst 
des Alten Reiches in Ägypten. Daß indessen auch die Kunst 
von Telloh nicht einen ersten Anfang bezeichnete, sondern Vor- 
läufer voraussetzte, konnte nach der dort bereits erstiegenen Stufe 
technischer Vollendung nicht zweifelhaft sein. Etwas später als 
de Sarzec traten die Amerikaner auf den Plan und gruben 
1888/1900 unter Peters, Haynes, Hilprechts, Fishers Leitung in 
Nippur. Große Bauten traten hier ans Licht, Stufenpyramiden 
(Ziggurat) und Tempel wie »das Haus Bels«; dazu kam in Abu 
Habba der Sonnentempel, den das Türkische Museum unter Leitung 
von Pater Scheil und Bedri Bey ausgraben ließ. Auch an be- 
deutenden Werken der Kleinkunst fehlte es nicht; erzgegossene 
Stier- und Ziegenköpfe vervollständigten das Bild der schon in iii 
Telloh zutage getretenen uralten Plastik. Für Mesopotamien be- 
deutete dies alles einen Rückblick in eine sehr durchgebildete 
Vorzeit, ebenso wie für die griechischen Länder die Erschließung 
der ägäischen Kultur. 

Neben diese Einzelstätten sumerischer und semitischer Kunst 
(letztere herrscht namentlich im nördlichen Babylonien schon früh) 
trat Babylon, die Hauptstadt des um 2200 durch Hammurabi lu 
vereinigten Reiches. Die Ruinen Babels bei Hilleh, auch des 
»Turms von Babel«, den man in Birs-Nimrud (Borsippa) suchte, 
hatten schon früh die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und 
wurden öfter (z. B. von Layard, Rawlinson, Rassam) besucht 
und beschrieben, während Jules Oppert 1851/54 im Verein mit 
Fresnel und dem Architekten Felix Thomas sie zum Gegenstand 
einer umfassenden Erforschung machte. Aber zu einer wirklichen 
Ausgrabung in größerem Stil kam es nicht und die transportier- 



Telloh. Nippur und Fara. Babylon 263 

baren Ergebnisse der letzten Expedition versanken im Flusse. So 
konnte Georges Perrot 1884 schreiben: »Es gibt in der Ebene 
mehr als einen Hügel, wo noch nie ein einziger Spatenstich getan 
worden ist, und doch entspricht sicherlich jede dieser Anhöhen 
irgend einem Bauwerk von mehr oder weniger hohem Alter, 
einer Gruppe von Häusern, einem Stück Mauer. Es wäre eine 
edle Aufgabe, die drei oder vier großen Ruinen, die sich auf 
der Stätte von Babylon finden, bis auf den Grund auszugraben 
und ihre ganze Umgebung sorgfältig zu untersuchen. Ein solches 
Unternehmen würde langwierig und kostspielig sein, aber es 
würde unsere dürftige Kenntnis vom alten Chaldäa mächtig er- 
weitem; es würde sicherlich der Regierung, die die Kosten über- 
nähme, zur Ehre gereichen, noch mehr aber der archäologischen 
Wissenschaft, die diese Aufgabe methodisch durchzuführen ver- 
stünde, großen Nutzen bringen«. Diese lohnende Aufgabe hat 
die 1898 gegründete Deutsche Orient-Gesellschaft in Angriff ge- 
nommen, indem sie zugleich die Preußische Regierung bewog 
den größten Teil der Kosten zu übernehmen und der General- 
verwaltung der Preußischen Museen zur Verfügung zu stellen; 
auch der Kaiser lieh seine Unterstützung. Mit glücklicher Wahl 
betraute die Gesellschaft den Architekten Robert Koldewey mit 
der Ausgrabung; ihm stehen Andrä, Nöldeke, Jordan und andere 
zur Seite. Aus dem großen Umfang der alten Riesenstadt ward zum 
Beginn die Haupthügelgruppe »El Kasr« (das Schloß) auserlesen und 
1899 der Spaten angesetzt. Es ist nicht Altbabylon, sondern das 
Babylon Nebukadnezars aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, 
das hier freigelegt wird. Da ist zuerst sein doppeltes Schloß 
mit Hof, ziegelgeschmücktem Saal und zahllosen Gemächern (die ns 
Todesstätte Alexanders des Großen); sodann östlich davon der 
Tempel der Ninmach und das gewaltige, mit Reliefs bedeckte 
Torgebäude der Göttin Istar; durch dieses führt die gepflasterte 
Prozessionsstraße, deren Einschließungsmauern mit prächtigen 
Löwen in glasierten Ziegelsteinen geschmückt waren; den Ziel- in 
punkt bildete endlich Esagila, das große Heiligtum des Stadt- 
gottes Marduk. Die gefundenen Überreste zeigen große Ähnlich- 
keit mit denen der assyrischen Residenzen (S. 85 ff.), deren 



264 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

spätesten sie zeitlich nahe stehen, übertreffen sie aber teilweise, 
namentlich in den Darstellungen auf bunt emaillierten Ziegeln, 
an Feinheit und Kraft. Die Tempel boten zunächst gegenüber 
den Palästen Assyriens etwas Neues. Neben Babylon sind auch 
andere Örtlichkeiten des umgebenden Landes, z. B. Fara und 
Abu Hatab, von der Deutschen Orient-Gesellschaft in die Unter- 
suchung einbezogen worden; sehr altertümliche Zylinder mit 
überraschenden Darstellungen boten ein besonderes Interesse. 

Im Jahre 1903 wurden die Ausgrabungen auch flußaufwärts 
nach Assyrien übertragen. Südlich von Nimrud überragt den 
Tigris auf seinem rechten Ufer der steile Ruinenhügel von Kalat 
Schergät, die Stelle der ältesten Hauptstadt Assyriens, Assur. 
Schon Layard (S. 86 f.) hatte den Hügel angegraben und eine 
sitzende Statue aus schwarzem Basalt zutage gefördert, dann aber 
das Unternehmen als aussichtslos aufgegeben. Nunmehr hat 
Andrä hier eine große Anzahl von Baulichkeiten aus der Zeit 
Asumasirpals (9. Jahrh.) aufgedeckt: die Mauern mit dem ge- 
waltigen Stadttor, ferner Paläste, Tempel und Ziggurat; dazu aus 
etwas jüngerer Zeit (7. Jahrh.) zum erstenmale assyrische Privat- 
häuser in einem besonderen Stadtviertel. Weiter hat Andrä auch 
in ältere Schichten vordringen können, zum Beispiel eine Staden- 
mauer unten am Tigris aus dem 14. Jahrhundert aufgefunden. 
Vor allem aber ist das Hauptheiligtum Assyriens, der Tempel 
des Nationalgottes Assur, zum Vorschein gekommen; seine voll- 
ständige Freilegung steht zu erwarten. Neuerdings hat sich auch 
außerhalb des Stadtgebietes ein Tempel gefunden, der ebenso 
durch seine abweichende Gestalt wie durch die beim Bau außer 
dem Lehm mitverwendeten Steine bemerkenswert ist Assur hat 
femer noch mehrere Statuen geliefert, die bekanntlich in der 
assyrischen Kunst selten vorkommen. Endlich sind als Neben- 
gewinn bedeutende Bauten und Kunstwerke aus der Partherzeit 
zum Vorschein gekommen. 

Weitab westlich vom Tigris, halbwegs zwischen Marasch 
am oberen Euphrat und Alexandrette am Meerbusen von Issos, 
aber noch im Bereich assyrischer Kultureinflüsse, liegt der Ruinen- 
hügel von Sendschirli. Hier hat das Berliner »Orientkomitee«, 



Assur. Sendschirli. Palästina 265 

eine Privatgesellschaft, wiederholt (1888, 1890/91, 1894) graben 
lassen, zuerst unter Humanns und Felix von Luschans, sodann 
unter v. Luschans Leitung mit Beihilfe Robert Koldeweys. Ein 
befestigter Burghügel liegt inmitten eines von kreisförmiger Doppel- 
mauer umzogenen Stadtgebietes. Mehrfache Palastanlagen von 
verschiedenem Alter, aus dem 9. und 8. Jahrhundert, haben sich 
erhalten. Sie zeigen im wesentlichen den auch von Assyrien her 
bekannten Charakter solcher Bauten in ihrer einfachsten Gestalt: 
zwischen Türmen eine Vorhalle mit zwei Säulen (das »hettitische 
Chilani«), dahinter der große quergelagerte Hauptraum, mit Neben- 
räumen seitlich und im Hintergrunde. Dies ist auch im ganzen 
die Gestalt der Tore, mit Vorhof und Innenhof zwischen Türmen. 
Reliefs von ziemlich unbeholfener Kunst, die teils ins Berliner 
Museum, teils nach Konstantinopel gelangt sind, schmückten die 
unterste Quaderreihe. Die Säulen wurden, wie öfters in Assyrien 
und in der romanischen Kunst, von Löwen oder Sphinxen auf 
ihrem Rücken getragen. Hettitische und assyrische Einflüsse 
scheinen sich in Sendschirli zu begegnen; eine Reliefstele Asar- 
haddons (von 671) weist auf die assyrische Herrschaft hin. 

Etwa um die gleiche Zeit mit den Ausgrabungen in Send- 
schirli begann man auch in Palästina den Spuren älterer Kultur 
nachzuforschen. Der unermüdliche W. Flinders Petrie setzte 
zuerst 1890 in Tell-el-Hesy, der idumäischen Stadt Lachisch (öst- 
lich von Gaza), den Spaten an, wo eine 20 Meter hohe Schutt- 
schicht die Unterscheidung von vier Perioden (einer prähisto- 
rischen, einer vorisraelitischen mit mancherlei fremden Einflüssen, 
einer israelitischen und einer hellenistischen) hauptsächlich mit 
Hilfe der Tongefäße festzustellen erlaubte. In Judäa, zwischen 
Jerusalem und dem Meer, untersuchte 1902/5 R. A. Stewart 
Macalister im Auftrage des englischen Egypt explomtion fand 
den Ruinenhügel von Geser (Gazara), während weiter nördlich 
am Westrande der Ebene Esdraelon, Nazareth gegenüber, E. Sei- 
lin 1902/4 mit Hilfe österreichischer Gönner den Tell-Taannek 
und G. Schumacher 1903/5 für den Deutschen Palästina- Verein 
mit Unterstützung des Kaisers Tell-el-Mutesellim (Megiddo) gründ- 
lich ausgruben. Alle diese und andere kleinere Untersuchungen 



266 X- Einzelentdeckungen in den Außenländem 

brachten das Ergebnis, daß durch ganz Palästina wesentlich gleiche 
Kulturverhältnisse bis in die Urzeit zurück herrschten. Sie er- 
schlossen einen Einblick in die kanaanitische (vorisraelitische) Zeit, 
die im Süden des Landes mehr ägyptische, im Norden mehr 
ägäische und hettitische Einflüsse aufwies, mit kyklopischen Mauern, 
starken Torbauten, Kultplätzen; in Megiddo fand sich ein unter- 
irdischer Raum gleich denen in Mykenä (S. 31) nach dem System 
überkragender Schichten gewölbt. Die israelitische Zeit war durch 
Altäre (in Tell-Taannek kam ein relief geschmückter Rauchaltar 
mit einem Widderhorn, dem »Hörn des Altares«, zum Vorschein), 
durch Opfersäulen, durch Privathäuser vertreten; in Geser trat 
ein Palast aus der Makkabäerzeit hinzu. Die spätere, hellenistisch 
beeinflußte Zeit hat sonst den spärlichsten Gewinn davongetragen. 
Auf dem Gebiete der Kleinkunst boten Tonwaren, Siegelsteine 
(z. B. ein Siegel Jerobeams in Megiddo), Siegelzylinder, in Tell- 
Taannek ein kleines Archiv von Tonplatten in Keilschrift, mannig- 
fache Aufklärung. Die letzte bedeutende Ausgrabung betrifft 
Jericho, wo eben jetzt Sellin seine Nachforschungen begonnen 
hat. Da hier alle Spuren israelitischer oder späterer Besiedelung 
fehlen, ist Aussicht vorhanden ein besonders deutliches Bild rein 
kanaanitischer Kultur zu gewinnen. 



Östlich über dem babylonischen Tieflande erhebt sich stufen- 
förmig die persische Provinz Susiana, die jetzt auch erforscht 
ward. Persien war schon seit dem 18. Jahrhundert, wo Karsten 
Niebuhr 1765 seine berühmte Entdeckungsreise dorthin ausgeführt 
hatte, oft besucht worden, zum Beispiel 1817/20 von Ker Porter, 
1840/41 von Charles Texier, dem Architekten Pascal Coste und 
dem Maler Eugene Flandin. Diese Reisen hatten besonders den 
beiden altberühmten Ruinenstätten der Provinz Persis, oberhalb 
des persischen Meerbusens, gegolten, Pasargadä und dem jüngeren 
Persepolis; hier hatte auch 1878 F. Stolze seine photographischen 
Aufnahmen und F. C. Andreas seine genauen Beobachtungen 
gemacht In Pasargadä sind es die Denkmäler aus Kyros Zeit, 
6 das auf Stufen aufgebaute »Grab der Mutter Salomons«, in dem 172 



Palästina. Persien. Susa 267 

Arrians Beschreibung das Grab jenes großen Königs erkennen 
läßt, und die turmförmigen Gebäude, in denen manche Grab- ni 
türme, andere wohl mit besserem Rechte Bauten des Feuerdienstes 
erblicken. In Persepolis ist die von Dareios begründete, von 
seinen Nachfolgern erweiterte, mit Reliefs bekleidete Terrasse be- 174/75 
rühmt, mit ihren säulenreichen Palästen und Empfangshallen, den 
gepriesenen »Tschihilminar« (vierzig Säulen), unter denen der 
Hundertsäulensaal Artaxerxes II. hervorragte. Dazu die gewaltigen 
Felsengräber der Könige bei Nakschi Rustem. Auch die 1837 173 
von H. C. Rawlinson mit großer Mühe abgeschriebene und ent- 
zifferte Inschrift von Behistan mit dem Bericht über Dareios 
Regierung verdient Erwähnung. 

Während diese Residenzen der Perserkönige in ihrem alten 
Erblande der Wissenschaft längst vertraut waren, blieb es Marcel 
Dieulafoy und seiner Gattin Jane vorbehalten, 1885/6 die schon 
von Loftus besuchten Schutthügel der berühmtesten Perserresi- 
denz, Susa, genauer zu untersuchen und reiche Ausbeute in das 
Louvremuseum zu schaffen. Das Hauptergebnis war der Palast 
des Artaxerxes Mnemon, in dem 387 die Gesandtschaft desAntal- 
kidas empfangen und der »Königsfriede« geschlossen ward, der 
ganz Kleinasien wieder dem Perserjoche überlieferte. Damals 
erblickten die Gesandten die Wände des Thronsaales mit jenen 
Reihen der lanzentragenden »Unsterblichen« bedeckt, deren Über- in 
reste uns heute im Louvre mit Staunen erfüllen; aus emaillierten 
Ziegeln von maßvoller Farbenstimmung zusammengefügt, machen 
sie einen überaus feierlichen Eindruck. Ähnlich gebildete Tier- 
friese zeigen noch gehaltenere Töne. In der Technik und in der 
Ornamentik tritt ebenso deutlich assyrische Überlieferung, wie in 
den lebensgroßen Lanzenträgern ein nationales Element hervor. 
Ein großes Stierkapitell ist von bedeutender Wirkung. Diese 
Ausgrabungen haben das in Persepolis gewonnene Bild persischer 
Architektur durch die Anschauung der Wanddekoration wesent- 
lich bereichert. 

Seit 1897 sind die Arbeiten in Susa unter Leitung J. de 
Morgans wieder aufgenommen worden. Das augenfälligste Er- 
gebnis sind die zahlreichen Reste altbabylonischer Kunst, Reliefs 



268 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

und Tonfiguren. Der vornehmste Platz darunter gebührt der zwei 
Meter hohen Siegesstele des altbabylonischen Herrschers Naram- 112 
Sin (zu Anfang des dritten Jahrtausends), die einst als Beutestück 
von Sippar nach Susa verbracht worden ist; ihre kraftvollen Relief- 
darstellungen bilden den vorzüglichsten Beleg für eine vollaus- 
gereifte babylonische Kunstübung in so alter Zeit. Auch an 
Vasen und Vasenscherben sind ausgiebige Funde gemacht worden ; 
es berührt eigentümlich, wenn neben hochaltertümlichen Stücken 
eine Anzahl anderer Scherben, mit griechischen Malereien des 
5. Jahrhunderts bedeckt, von dem griechischen Handelsverkehr 
bis zur fernen Residenz des Perserkönigs Zeugnis ablegen. Da 
Frankreich im Jahre 1900 vom Schah von Persien das Monopol 
für Ausgrabungen in der Susiana erworben hat, lassen sich noch 
weitere schöne Ergebnisse erhoffen. 



Andere Ausgrabungen führen an das Gestade des mittel- 
ländischen Meeres, seine Inseln und ßeine Umländer. Was hier 
unsere Aufmerksamkeit fesselt, sind hauptsächlich Gräber. 

Die Insel Kypros war zuerst 1845 in archäologischem 
Interesse von Ludwig Roß besucht worden, doch hatte er nur eine 
ziemlich magere Ausbeute eingeheimst (S. 88). Der erste energische 
Untersucher war der General Luigi Palma di Cesnola, der von 
1867/76 als amerikanischer Konsul in Larnaka lebte und mit 
rastlosem, wenn auch ziemlich dilettantischem Eifer die Insel kreuz 
und quer durchstreifte, viele Tausende von Gräbern öffnete und 
so die stattliche Sammlung zusammenbrachte, die jetzt größten- 
teils das Metropolitan Museum in New York füllt. Andere sind 
ihm in den achtziger Jahren, nachdem England von der Insel 
Besitz ergriffen hatte, gefolgt, so Max Ohnefalsch-Richter, seit 
1888 auch die Englische Schule in Athen. So sind die altbe- 
rühmten Plätze von Kition Amathus Kurion Paphos Marion längs 
der Südküste, von Golgoi und Idalion im Innern durchstöbert, 
und es ist eine außerordentlich große, aber im ganzen recht ein- 
förmige Masse von Denkmälern den Gräbern und Tempeln ent- 
stiegen. Zuerst die Zeugnisse jener Zeit, da Kypros der Misch- 14s 



Susa. Kypros 269 

kessel ägyptischer und babylonisch-assyrischer Einwirkungen war 
und die Phöniker den Verkehr beherrschten. Sodann die Mengen 
kyprischer Tonwaren von eigentümlichem Stil der Ornamentik. i49f. 
Dann trat das allmähliche Überwiegen griechischer Einflüsse und 
des griechischen Teiles der sehr gemischten Bevölkerung ein. 
Darunter sind aber nur selten Werke, die anderen griechischen 
Schöpfungen gleichstehen, wie das Relief von Golgoi mit Hera- 
kles und Oeryon oder der Sarkophag von Amathus mit einem 154 
Wagenfriese; meist sind es mehr oder weniger steife, immer 
mehr erstarrende Figuren (allein in Golgoi fand Cesnola ungefähr 152/53 
800 Stück, vollständig oder zerbrochen), Belege einer provinziellen 
unlebendigen Kunstübung. Mit Recht hat Newton einmal auf 
die abgelegene, dem großen Strom hellenischen Lebens entrückte 
Lage der Insel hingewiesen, die diese einförmige und traurige 
Verkümmerung griechischer Kunstformen und das Festhalten an 
veralteten archaischen Manieren erklärt. Das steht in vollem 
Einklänge mit der seit Längs Entdeckung einer zweisprachigen 
Inschrift in Idalion (um 1870) durch die gleichzeitigen Be- 
mühungen vieler Gelehrter festgestellten Tatsache, daß die Kyprier 
noch im 4. Jahrhundert sich für ihren griechischen Dialekt nicht 
der griechischen Buchstabenschrift, sondern einer altmodischen 
und unvollkommenen Silbenschrift bedienten. Es war ein übler 
Einfall, wenn Cesnola, um einen verdienten Gelehrten irrezuführen, 
von einer Reihe unterirdischer gewölbter Kammern in Kurion 
fabelte, wo die Schätze eines Heiligtums wohlgeordnet unter dem 
bedeckenden Sande aufgefunden worden seien, in der ersten 
Kammer der feine Goldschmuck, in der zweiten die Silbersachen, 
weiter die alabasternen, die ehernen usw. Lag dem schlechten 
Scherze die Einsicht zugrunde, daß die kyprischen Schätze einiger 
phantastischer Nachhilfe bedurften um lebendiges Interesse zu 
erregen? 

Unerwartet ergiebig erwies sich der schmale gegenüber- 
liegende Kästenstreifen, der einst von den Phon i kern bewohnt 
war. Freilich weniger an Denkmälern altphönikischer Zeit; die 
von Napoleon III. veranlaßte Reise Ernest Renans (1860) und 
eine spätere von Charles Simon Clermont-Ganneau (1881) ver- 



270 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

mochten das geringe Urteil von der selbständigen Kunst der 
alten Phöniker nur wenig zu heben. Eine große und schöne 
Überraschung bot dagegen die 1887 in Saida(Sidon) durch Zufall 
erfolgte Entdeckung einer umfangreichen Fürstengruft, die in 
mehreren Stockwerken und vielen Kammern eine Anzahl von 
Sarkophagen sidonischer Herrscher aus dem 5. und 4. Jahrhundert 
barg. Auch sie geben einen Beleg für die geringe eigene Leistungs- 
fähigkeit der phönikischen Skulptur, insofern sie samt und sonders 
aus Kleinasien und Griechenland eingeführt oder wenigstens von 
griechischen Künstlern gearbeitet worden sind. Die Marmor- 
sarkophage bieten einen förmlichen Überblick über die Kunst- 
entwickelung jener Jahrhunderte. Da sind zuerst griechische Nach- 

6,2 bildungen jener ägyptischen Sargform, die sich dem menschlichen 
Körper anschmiegt und den Kopf in strengen Zügen ausbildet; 
dann der »Sarg des Satrapen« mit Schilderungen aus dem Leben 
des Fürsten in dem leicht abgewandelten Stile perikleischer Zeit; 

54 dann der »lykische Sarkophag«, in der wohlbekannten Formen- 
sprache der lykischen Denkmäler aus der Zeit des peloponne- 
sischen Krieges ausgeführt und sicher in Lykien gearbeitet Diese 
Sarkophage gehören noch alle in das 5. Jahrhundert Deutliche 
Einwirkung praxitelischer Kunstweise verrät dagegen der schnell 

56 berühmt gewordene »Sarkophag der Klagefrauen«, schönge- 515 
wandeter Frauen die das ionisch ausgebildete Grabmal ihres Herrn 
" klagend umstehen; man denkt an den griechischen Harem Stra- 
tons L von Sidon (gest 361). An das Ende des 4. Jahrhunderts 
verweist uns endlich das vielbewunderte Prachtstück des ganzen 
64 f. Fundes, der »Alexandersarkophag«, mit seinem wohlerhaltenen ix 
Farbenschmuck, der besser als irgend etwas anderes die feingestimmte 
Harmonie bemalter Plastik zu veranschaulichen vermag. Seine ebenso 
schön komponierten wie ausgeführten Reliefs zeigen uns die für diese 
Gegenden entscheidende Schlacht bei Issos (333), die Löwenjagd 
eines persisch gekleideten Fürsten und andere Szenen; sie scheinen 
auf Abdalonymos, den von Alexander nach jener Schlacht eingesetz- 
ten König von Sidon aus altsidonischem Fürstenhause, hinzuweisen. 
Um dieses Sarkophages willen reist heutzutage der Kunst- 
freund, nicht bloß der Archäologe, nach Konstantinopel; denn 



Sidon. Museum in Konstantinopel. Petra 271 

dorthin ist der ganze Fund verbracht worden. Welcher Wechsel 
der Zeiten! Ehemals zerstörte der bilderscheue Islam was er irgend 
von figürlichen Kunstwerken erreichen konnte; Konstantinopel, 
die kunsterfüllte Residenz der byzantinischen Kaiser, war seit der 
Verwüstung durch die Franken im Jahre 1 204 und der Einnahme 
durch die Türken (1453) eine der an antiken Kunstwerken ärmsten 
Städte. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts entstand eine 
kleine Sammlung in der ehrwürdigen Irenenkirche und ihrem 
umgitterten Vorhofe, aber die allmählich sich mehrenden Antiken 
machten hier neben der großen Waffensammlung nur eine kümmer- 
liche Figur. Wenn heute der Tschinili-Kiosk (Porzellan-Pavillon) 
des Serai und das daneben errichtete Museum zu den vornehmsten 
Antikenmuseen Europas gehören, so ist dies das ausschließliche 
Verdienst Hamdy-Beys, eines in Paris ausgebildeten Türken, der 
dem Kunststudium einen Platz im türkischen Unterricht erobert 
hat, nebst seinem Bruder Halil Edhem-Bey die Antiken im weiten 
türkischen Reich beaufsichtigt und sie, so weit sie nicht besser 
an ihren Fundplätzen belassen werden, aus ihren oft unsicheren 
Schlupfwinkeln nach Konstantinopel schafft. Das neue Museum 
ward 1881 gegründet; im Laufe weniger Jahre füllten sich seine 
hellen Räume mit ansehnlichen Antiken, bis es im Jahre 1887 
durch die Erwerbung jenes sidonischen Grabfundes, den Hamdy- 
Bey sogleich für Konstantinopel sicherte, sich auf eine Stufe 
emporschwang, von welcher aus sein Glanz weit über die ganze 
gebildete Welt erstrahlt. Die große Ausdehnung des türkischen 
Reiches und unsere dürftige Kenntnis von den Kunsterzeugnissen 
seiner entlegeneren Provinzen verleihen dem Museum im Tschinili- 
Kiosk auch abgesehen von den Glanzstücken durch die Mannig- 
faltigkeit seines Inhalts einen besonderen Wert. — 

Nach dieser Abschweifung, zu der Sidon den Anlaß gab, 
wenden wir uns von hier aus südwärts in das Land der Edomiter, 
zu der Gräberstadt Petra. Seit Johann Ludwig Burckhardt 1 8 1 2 
zum erstenmal die wunderbare Hauptstadt Edoms und der Nabatäer 
mit ihren engen Schluchten und steilen Felswänden besucht und 
beschrieben hatte, war sie das Ziel zahlreicher Reisender geworden, 
des Grafen Leon de Laborde (1827), David Roberts (1839), des 



272 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

Herzogs von Luynes (1864), des Photographen Edward L. Wil- 
son (1882); die Ansicht des »Schatzhauses« (Chazne) war selbst 889 
in populäre Bücher übergegangen. Aber erst der längere Aufent- 
halt Rudolf Ernst Brünnows und Alfred von Domaszewskis 
(1897/98) hat uns ein vollständiges Bild der Örtlichkeit und ihrer 
Überreste verschafft. Mit Ausnahme des Chazne, das kein Grab 
sondern ein Isistempel des 2. Jahrhunderts ist, und des »Pharao- 
schlosses«, ebenfalls eines Tempels, liegt fast das ganze Interesse 
heutzutage in den Gräbern, deren allmähliche Formentwickelung 
sich deutlich verfolgen läßt: wir sehen, wie das altnabatäische 
Grab in Gestalt eines verjüngten Turmes allmählich und in immer 667 
steigendem Maße mit hellenistischen Formelementen versetzt wird 
oder hellenistische Gräber neben sich aufkommen sieht, bis schließ- 
lich in der römischen Kaiserzeit jene breiten, mehrstöckigen, 
schmucküberladenen Prunkfassaden sich protzig entwickeln, deren 
reichstes Beispiel eben in dem Tempel El Chazne vorliegt. 

Ein anderes Prunkgrab eigentümlicher Art überragt den 
oberen Euphrat nördlich von Samosata, auf dem etwa 2200 Meter 
hohen Nemrud-Dagh. Es ward 1881 von dem Ingenieur Karl 
Sester entdeckt, im folgenden Jahre von ihm und Otto Puchstein 
im Auftrage der Berliner Akademie untersucht. 1883 ward es 
sodann das Ziel zweier Expeditionen, im Mai von Hamdy-Bey, 
im Juni, wiederum im Auftrage der Berliner Akademie, von Karl 
Humann und Otto Puchstein. Auf der stolzen, weithin sichtbaren 
Höhe hatte sich um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahr- 
hunderts König Antiochos I. von Kommagene ein prunkendes 
Grabmal errichtet; auf der Spitze des Berges war ein mächtiger 
Tumulus aufgeschüttet und im Osten wie im Westen eine große 
Opferterrasse hergestellt worden. Hören wir Humann, nachdem 
er die Höhe erklommen hatte: 

»Der erste Eindruck war ein wahrhaft überwältigender. Wie ein 
Berg auf dem Berge erhob sich auf dem höchsten Felsgipfel der Grab- 
hügel, an sich noch 40 Meter über der Terrasse, die wir erstiegen 
hatten, emporragend. Ihm den Rücken wendend saßen da auf erhöhter 
Felsenbank die Riesengebilde von fünf Gottheiten, von denen nur eins 
ganz unversehrt geblieben war. Dann schweifte der Blick unwillkürlich 
in die Feme. Wenn das Meer im wütendsten Orkan, während eine 



Petra. Nemrud Dagh. Gräber bei Sardes 273 

querkommende Dünung die grausigen Wellenberge zu schwindelnder 
Höhe auftürmt und wieder wild durcheinander würfelt, plötzlich erstarrte, 
so würde es im kleinen ein Bild dessen geben, was sich uns im Osten, 
Norden und Westen, so weit der Blick reichte, und im Süden auf 
einige Meilen Entfernung darbot. Die weißen Schaumkämme der Wellen 
sind hier die schneeglänzenden Qrate des Tauros. Wohl mögen die 
Täler und Schluchten sich in fortlaufenden, wenn auch gewundenen 
Linien durchziehen, uns erschien es als ein wildes Durcheinander, aus 
dem sich, gleichsam Ruhepunkte für das Auge, nur hier und dort ein 
massiger Gebirgsstock hoch emporhob. Nach Süden senkte sich das 
Felsenmeer; zuweilen blitzte der Spiegel des Euphrat herauf, und drüben 
verlor sich der Horizont in unabsehbare Weite, tief hinein nach Meso- 
potamien.« 

Jene fünf Oötter, zum Teil Mischgötter wie der Zeus-Ormuzd 672 
in der Mitte, lauter aus großen Blöcken aufgemauerte Kolossal- 
gestalten, schlössen mit Adlern, Löwen und großen Reliefplatten 
den Altarplatz nach hinten ab. Jederseits dienten andere Relief- 673 
platten mit den Ahnen des Königs als Umgrenzung, links mit 
Alexander dem Großen und Seleukos L, rechts mit Dareios be- 
ginnend. So prunkte der halbbarbarische Kleinfürst mit zugleich 
makedonisch -syrischer und persischer Abkunft, ein Zerrbild der 
hellenistischen Könige, großartig in der prunkenden Anlage seines 
Grabes, aber barbarisch in der künstlerischen Ausgestaltung, die 
kaum noch einen Hauch hellenistischen Geistes verrät. Andere 
kommagenische Gräber, ebenfalls groß, aber doch hinter dem 
Nemrud-Dagh zurückstehend, sind über das Land zerstreut; auch 
sie wurden von Humann und Puchstein untersucht. 

Das späte Königsgrab in Kommagene ruft die alte lydische 
Nekropole bei Sardes ins Gedächtnis. Wenn von dem unab- 
lässig abbröckelnden Burgfelsen der Königsstadt des Krösos der 
Blick nach Norden schweift, so gewahrt er jenseits des Flusses 
Hermos und seiner fruchtbaren aber wenig angebauten Ebene 
eine lange niedrige Erhebung mit »tausend Hügeln« (Bin-tepe), 
dahinter den stillen See Koloe. Es ist ein ergreifender Anblick, 
wie die große Stadt der Lebenden einst durch den breiten Fluß 
von der Stadt der Toten am acherusischen See geschieden ward. 
Jene tausend Hügel sind die aufgeschütteten Grabhügel der ly- 
dischen Könige und Großen, an ihrem Ostende überragt von 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 18 



274 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

dem mächtigen Grabhügel des Königs Alyattes, der noch jetzt 
70 Meter hoch ist Wie viele Geheimnisse mögen die Hügel 
noch bergen! Allerdings sind die Nachgrabungen, die der preußische 
Generalkonsul Spiegelthal 1854 in dem Hügel des Alyattes und 159 
1882 der englische Konsul George Dennis in einem anderen 
Hügel angestellt hat, nicht allzu lohnend gewesen, da die Gräber 
sich als bereits ausgeraubt ergaben. Vielleicht würden unschein- 
bare Hügel bessere Ausbeute gewähren. 

Ähnliche Grabhügel sind weit über Lydien und Phrygien 
verbreitet und mehrfach untersucht worden. Zuletzt haben 1900 
die Brüder Gustav und Alfred Körte auf Kosten Friedrich Alfred 
Krupps die Nekropole der alten Hauptstadt Phrygiens, Gordion, 
des Schauplatzes von Alexanders des Großen populärster Tat, 
zum Ziel genommen und fünf ihrer Hügelgräber ausgegraben; 
auf den größten Hügel, vermutlich das Grab des Königs Midas 
(um 700), mußte verzichtet werden. Jene Hügel umspannen etwa 
anderthalb Jahrhunderte (rund 700 — 550) und gewähren einen 
belehrenden Einblick in die niedrige Kulturstufe des phrygischen 
Bauern- und Hirtenvolkes, zu dessen beliebtesten Lebensmitteln 
Bier und Butter gehörten, dessen einzige nachweisbare Kunstübung 
in der Töpferei bestand. Die ältesten Spuren reichen allerdings 
bis hoch ins 2. Jahrtausend hinauf; dann läßt sich kyprischer 
Einfluß nachweisen, bis mit dem 6. Jahrhundert griechische Ware 
ihren Einzug hält, nicht bloß von den benachbarten ionischen 
Küstenstädten her, sondern sogar aus Korinth und Athen. Es 
war keine geringe Überraschung, als eines der Hügelgräber eine 
Schale aus derselben frühattischen Fabrik lieferte, aus der die 
berühmte Frangoisvase (S. 66) stammt; einige rotfigurige Scherben 
lassen den Handelsverkehr mit Attika sogar bis an das Ende des 
6. Jahrhunderts verfolgen (vergl. S. 239). Auch von dem ziem- 
lich bescheidenen Tempel, in dem einst Alexander den Knoten 
der Wagenstränge zerhieb, haben sich Überbleibsel der Tonbe- 
kleidung der Fassade gefunden. Diese sind in doppelter Weise 
wichtig, indem sie einmal Alfred Körtes früher gegebenen Nachweis, 
daß die ähnlich gestalteten und verzierten Felsfassaden Phrygiens 
nicht Gräber sondern Heiligtümer seien, zu bestätigen scheinen 



Gordion. Hauran 275 

und ferner die zuerst von Ramsay gegebene Zurückführung dieser 
geometrischen Verzierung auf ursprünglichen Kachelbelag tatsäch- 
lich als richtig erweisen. 



Von den alten Nekropolen Lydiens und Phrygiens kehren 
wir noch einmal nach Syrien zurück zu den letzten Jahrhun- 
derten des Altertums. Während die hellenistische Zeit hier allzu 
wenig Spuren hinterlassen hat und diese, wie z. B. in Antiocheia, 
noch der Wünschelrute harren, die sie wieder ans Tageslicht 
zaubern soll, sind vielfache Denkmäler jener Blüte vorhanden, die 
das römische Kaiserreich seit Trajan hier wie in Kleinasien neu- 
geweckt hat. Eine Gruppe großartiger Stadtruinen liegt östlich 
vom Jordan, im Hauran und südlich davon, offen da. Sie ist 
von Guillaume Rey (1857/58), Ernest Renan (1860), Melchior 
de Vogüe (1861/62), dem Herzog von Luynes (1864), neuerdings 
von zwei amerikanischen Expeditionen, der einen unter Howard 
Crosby Butler (1899), der zweiten unter Butler und Enno Litt- 
mann (1904), besucht und beschrieben worden. Die späten kahlen 
Steinbauten des Hauran, wie aus Bauklötzen zusammengesetzt, aber 
für die Entwickelung des Gewölbebaues sehr wichtig, sind uns 
durch de Vogüe einigermaßen bekannt geworden; im südlichen 
Hauran haben sich durch Butler und Genossen auch nabatäische 
Bauten und Ornamente feststellen lassen. Aber die prächtigen 
Überreste blühender Städte, wie Bostra Gerasa Philadelphia, sind 
auch jetzt noch lange nicht gründlich genug untersucht worden; 
dazu würde es der Ausgrabungen bedürfen. Und doch ist es 
höchste Zeit; denn mit der Eisenbahn, die jetzt diese Gegend 
durchzieht, und angesichts der neuen baulustigen tscherkessischen 
Ansiedler steigt auch der Wert der alten Ruinen als Baumaterial, 
und was über das rasche Verschwinden der Bauwerke kund wird, 
klingt im höchsten Grade bedrohlich. Behördlicher Schutz, auch 
wenn er angeordnet wird, besagt natürlich in diesen abgelegenen 
Gegenden nichts; daher sollte wenigstens wissenschaftliche For- 
schung, ehe es zu spät wird, retten was zu retten ist. Eine inter- 
essante Einzelheit bietet die von der zweiten amerikanischen Ex- 

18* 



276 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

pedition untersuchte sog. Burg des Hyrkanos (Arak el Emir), 
östlich vom Jordan, etwa Jericho gegenüber, belegen. Kyklopische 
Mauern umgeben einen großen Bezirk; das Hauptgebäude, wahr- 
scheinlich ein Tempel aus dem zweiten Jahrhundert, weist eine 
Mischung griechischen und orientalischen Stiles auf; ein kolossaler 
Löwenfries ragt darunter hervor. 

Günstiger als im Hauran ist das Geschick von Baalbek- 
Heliopolis, obschon auch hier die Eisenbahn, die Freundin der 
Menschen aber die Feindin der Bauten, nahe gerückt ist. Auf 
den ersten Entdecker Richard Wood (S. 10) waren gegen Ende 
des 18. Jahrhunderts L. Fr. Cassas, 1827 Leon de Laborde und 
andere gefolgt, aber eine Aufräumung und gründliche Untersuchung 
der berühmten Tempelruinen ward erst 1899/1904 auf Anlaß 
und Kosten des deutschen Kaisers, nachdem Robert Koldewey 
eine Voruntersuchung gemacht hatte, von Otto Puchstein und 
den Architekten Bruno Schulz und Daniel Krencker vorgenommen. 
Der gewaltige Tempel des hoch angesehenen Zeus von Helio- sss 
polis, dessen sechs aufrecht stehende Säulen heute den Eindruck 
Baalbeks bestimmen, ist namentlich in der kunstreichen Anlage 
seiner Vorhöfe erst jetzt genauer erkannt und dadurch seine Ähn- 
lichkeit mit Herodes Jehovahtempel in Jerusalem ans Licht gestellt 
worden. An dem kleineren Tempel hat namentlich die altsyrische 
Anlage eines erhöhten Chors (vgl. S. 114) mit einer Krypte, die 
für die Geschichte des christlichen Kirchenbaues von Bedeutung 
ist, helleres Licht erhalten. Der aus populären Büchern besonders 
bekannte kleine Rundtempel mit seinem seltsam geschwungenen ssim 
Gebälk hat durch die Aufdeckung seines Podiums mit einer Treppe 
ein ganz neues Aussehen bekommen. So hat die Untersuchung 
geleistet, was ohne große Ausgrabungen zu leisten war; man 
möchte wünschen, daß der Schwesterstadt Palmyra in der Wüste 
einmal die gleiche Gunst widerführe. In dem nordsyrischen 
Berglande, östlich von Aleppo, haben die Amerikaner (S. 275) 
1904 mehrere Tempel, zum Teil in Kirchen verwandelt, und 
datierbare Privathäuser (207/8. 308) gefunden. 

Baalbek, Palmyra und die Städte des Ostjordanlandes bilden 
eine zusammengehörige Gruppe von Bauganzen, die ebenso durch 



Baalbek. Orient und Rom 277 

viele Besonderheiten ihrer Gesamtanlage und ihrer einzelnen Bau- 
werke wie durch den reichen Barockstil ihrer Dekoration ein 886 
Sondergepräge trägt. Zusammen mit den Städtebauten Kleinasiens 
(S. 1 74 ff.) zeugen die syrischen Städte von der hohen Blüte der 
Friedenszeit unter den römischen Kaisern, die im 2. Jahrhundert 
ihren Gipfel erreichte, aber auch noch weit in das 3. Jahrhundert 
hinein sich fortsetzte. Dies ist jedoch nicht der einzige Gesichts- 
punkt, unter dem jene östliche Baugruppe unser Interesse erregt. 
An sie knüpft sich die wichtigere Frage nach dem Verhältnisse 
dieser Kunst zu der in der Reichshauptstadt Rom. Ist Rom, wie 
die Einen behaupten, auch hier der Tonangeber und ist der 
syrische Baustil nur ein Teil der »Reichskunst«, die man von der 
Hauptstadt aus über das ganze weite römische Reich herrschend 
glaubt? Oder ist es — eine Ansicht, die namentlich Josef Strzy- 
gowski lebhaft vertritt — die alte künstlerische Kraft des Orients, 
die sich hier regt und die diesen Bauten ihr besonderes Gepräge 
und ihre besondere Bedeutung verleiht? »Orient oder Rom?«, 
so lautet das Kriegsgeschrei. Dem Fernerstehenden, der von dem 
zerstreuten und zerstückten Material keine eigene Kenntnis hat, 
kommt es nicht zu, in einem Streite, in welchem auf beiden Seiten 
hochangesehene Forscher kämpfen, den Schiedsrichter spielen zu 
wollen, besonders da das fast vollständige Fehlen von Kunst- 
überbleibseln des syrischen Hellenismus, die die Brücke zwischen 
den altorientalischen Künsten und den späteren syrisch -klein- 
asiatischen Werken schlagen würden, das Urteil erschwert. Aber 
die Frage gehört ohne allen Zweifel zu den einschneidendsten 
der Kunstgeschichte; ihre Bedeutung erstreckt sich weit über das 
Gebiet der antiken Kunst hinaus, ja sie hat sogar besonderes Ge- 
wicht für die Geschichte der christlichen Kunst, für die auf die 
Frage »Orient oder Rom?« die Antwort vielleicht »Orient und 
Rom« lauten dürfte. 



Viel früher als Syrien sind die westlichen Strecken der Nord- 
küste des Mittelmeeres, die alten römischen Provinzen Mauretanien 
und Numidien, der Wissenschaft erschlossen worden. Mit der 



278 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

Eroberung Algeriens durch die Franzosen in den dreißiger 
Jahren tat sich allmählich eines der ruinenreichsten Länder auf, 
das ebenfalls wie der Osten im 2. und 3. Jahrhundert eine hohe 
Blüte erlebt hat. Bisher waren nur selten Reisende, wie Thomas 
Shaw (1720/32), in diese unsicheren Gegenden eingedrungen; 
jetzt sorgte die französische Regierung für eine umfassende wissen- 
schaftliche Erkundung des mühsam erworbenen Landes, wenn 
diese auch nur selten von bedeutenderen Ausgrabungen begleitet 
war. Eine besondere Anerkennung verdienen die französischen 
Offiziere, die sich den Resten der römischen Vergangenheit mit 
lebhaftem Interesse zuwandten und namentlich auf der Jagd nach 
Inschriften viele Texte vor dem Untergang gerettet haben. Denn 
in einem so weiten und schwachbevölkerten, stets von den Be- 
duinen durchstreiften Gebiete konnte zunächst für die Erhaltung 
der Ruinen und für die Sicherung des Gefundenen wenig getan 
werden, und oft geschah es, daß die kleinen Lokalmuseen nach 
wenigen Jahren von ihrem ehemaligen Bestände einen erheblichen, 
bisweilen den wichtigsten Teil eingebüßt hatten. Erst nachdem 
der Besitz Algeriens vollständig gesichert und die Ruhe herge- 
steHt, vollends nachdem 1881 auch Tunis, die ältere Provinz 
Africa, in die französische Verwaltung einbezogen worden war, 
konnte auch die archäologische Erforschung neu geordnet werden. 
Dies ist in musterhafter Weise geschehen: wissenschaftliche Männer 
wie Rene Cagnat, Paul Gauckler, Stephan Gsell, Pater Delattre 
(um nur diese zu nennen) haben sich hier unvergängliche Ver- 
dienste erworben. Die Ausgrabungen sind wohlgeordnet, und 
Ergebnisse wie die Aufdeckung von Timgad (Thamugadi), dem 
afrikanischen Pompeji, mit seinen langen Straßenzügen, seinem 
Forum, seinem alles überragenden Trajansbogen , oder die Frei- stö 
legung eines römischen Lagers in Lambäsis, haben die Bemühun- 
gen glänzend belohnt Verfallenes wird erhalten oder schonsam 
wiederhergestellt. Ganz erstaunlich ist die Masse der Römerbauten 
aller Art. Am seltensten sind Tempel, dagegen sind Amphitheater 87? 
und Theater, Wasserleitungen und Wasserschlösser (Nymphäen), 
Bäder und Gräber in Menge vorhanden. Die Zahl der Ehren- 
bögen reicht an 70; sie sind sozusagen die solideren Vorläufer 



Nordafrika. Spanien 279 

der später üblichen Lobreden auf die Kaiser. Mit den Bauten, 
die meistens einen ziemlich nüchternen, ornamentalem Schmuck 
abholden Charakter tragen, sind vielfach Mosaiken verbunden, 
ein überhaupt in der Römerzeit sehr beliebter Schmuck, der sich 
aber kaum irgendwo so verbreitet findet wie in Afrika; in einer 
einzigen Villa bei Uthina sind nicht weniger als 67 zum Vor- 
schein gekommen. Die Skulptur erhebt sich selten über das 
Durchschnittsmaß römischer Arbeiten. Eine um so willkommnere 
Ausnahme bilden die in Cherchel (Cirta) gefundenen Überreste 
der Sammlung, die König Juba II. (der als Geißel in Rom auf- 
gewachsen war und sich dort zu einem bedeutenden Kunstge- 
lehrten ausgebildet hatte) in jener seiner Residenz angelegt hatte, dar- 
unter vortreffliche Kopien älterer griechischer Meisterwerke, besser 
als die gewöhnlichen Nachbildungen der römischen Werkstätten. 

Der künstlerische Charakter der afrikanischen Provinzen ist, 
unbeschadet mancher Sonderzüge, fast ganz römisch. Selten öffnet 
sich ein spärlicher Ausblick in die ältere Kunst des punischen 
Afrika, und wo das einmal der Fall ist, sehen wir diese unter 
dem deutlichen Einflüsse griechischer Kunst. So in dem numi- 
dischen Königsgrabe Medracen, dessen derbe dorische Halbsäulen 
an die älteren Tempel der Südküste Siciliens erinnern; so auch 
in dem 1902 in Karthago gefundenen Sarge einer Frau, deren 
bei der Auffindung in vollen Farben prangendes Abbild aus dem 
4. Jahrhundert die nur leicht provinziell gefärbten Züge eines 
feinen griechischen Archaismus trägt. 

Ähnliche Verhältnisse scheinen auch in dem noch wenig 
erforschten punischen Spanien bestanden zu haben. Hier sind 
ebenfalls Denkmäler einheimischen Stiles selten. Die seit 1830 
beim Cerro de los Santos unweit Montealegre (Provinz Albacete) 
zum Vorschein gekommenen Bildwerke, die 1872 mit viel ge- 
fälschter Ware vermengt in das Madrider Museum gelangt sind, 
offenbarten zuerst den Mischcharakter einer einheimischen Kunst- 
übung, welche teils von phönikischen teils von altgriechischen 
Einflüssen bestimmt ward. Aber viel deutlicher und viel feiner 
sprach sich dieser Mischstil in einer reizvollen Frauenbüste aus, 
die 1897 in Elche (Ilici), unweit Alicante, gefunden ward und 



280 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

durch Pierre Paris Vermittelung alsbald ihren Weg in den Louvre 
fand; dort bildet sie den Glanzpunkt eines spanischen Kabinetts. 
Eingeklemmt in einen barbarisch verkünstelten Kopfschmuck, 
dessen Hauptstück zwei ungeheure seitliche Räder bilden, und 
mit kunstvoll ausgearbeitetem Goldschmuck beladen, läßt das 
Gesicht doch anmutige Züge durchblicken, die etwas von dem 
Reize der besten ionisch-attischen Mädchen von der athenischen 
Akropolis (S. 237 f.) besitzen. 



Kleinasien, Syrien und das nördliche Afrika haben uns zur 
römischen Provinzialkunst hinübergeführt, die wir noch längs 
der nördlichen Grenzen des Reiches verfolgen müssen. Deutsch- 
land und die Donauländer besaßen keine nennenswerte eigene 
Kunst mit Ausnahme der dem Zuge der Alpen folgenden mittel- 
europäischen Hallstattkunst (S. 206 f.); Britannien lieferte wohl 
das kostbare Zinn, hatte sonst aber nicht einmal so viel zu bieten 
wie Germanien. Anders Gallien, wo neben der keltischen La- 
Tene-Kunst (S. 207) die Phokäerstadt Massalia (Marseille) eine 
Pflanzstätte griechischer Bildung gewesen war und diese Rolle 
auch noch beibehielt, als ihre politische Bedeutung durch Cäsar 
vernichtet worden war. Die Menge hervorragender Ruinen, an 
denen die Provence so reich ist, stammt allerdings aus nach- 

27 cäsarischer Zeit, so einige der hervorragendsten, wie das Julierdenk- 782 
mal bei St. Remy (dessen besondere kunstgeschichtliche Bedeutung 
26 f. Heinrich Brunn 1869 zuerst betonte), die Malson carree in Nimes, 78o 
der in der Nähe belegene Pont du Gard Agrippas, der Ehren- 

27 bogen des Tiberius in Orange aus der ersten Kaiserzeit. Natur- 783 
lieh hat dieses »Italien in Frankreich« schon früh die Aufmerk- 
samkeit auf sich gezogen, teils in den umfassenden Werken Aubin 
Louis Millins (1807 ff.) und des Grafen Alexandre de Laborde 
(1816/17), teils in einer stattlichen Reihe von Sonderpublikationen, 
aber es fehlt noch an einer gründlichen, heutigen Ansprüchen 
genügenden Untersuchung der ganzen antiken Provence, welche 
ebenso alle einzelnen Erscheinungen mit wissenschaftlicher Ge- 
nauigkeit erforschte und feststellte, wie den großen Zusammen- 



Spanien. Gallien. Frankreich 281 

hängen, vor allem der Scheidung des rein Römischen und der 
griechischen Nachwirkungen, nachspürte. ' Letztere sind, obwohl * 
grade in ihnen der besondere Wert der Provence in der alten 
Kulturgeschichte besteht, noch allzuwenig verfolgt worden. Erst 
wenn dies ausgiebiger geschehen ist, wird sich auch über eine 
wichtige, neuerdings von Georg Löschcke aufgeworfene Frage 
mit größerer Sicherheit urteilen lassen, ob nämlich längs Rhone 
und Saone bis zur Mosel, d. h. längs der von der Natur vorge- 
zeichneten Straße des alten Bemsteinhandels von Norddeutschland 
nach Marseille, ein besonderer Strom griechisch angehauchter 
Kultur und Kunst sich hingezogen habe, dessen Einfluß beispiels- 
weise noch in dem Secundinierdenkmal zu Igel und in den 865 
1877/78 zu Neumagen bei Trier gefundenen Reliefs spürbar sei. 866 
Eine 1906 in Mainz in unzähligen Bruchstücken zum Vorschein 
gekommene und sachkundig wieder zusammengestückte Relief- sto: 
Säule aus neronischer Zeit scheint durch ihre Oötterzusammen- 
stellungen auf Massilia zurückzuweisen. So viel ist sicher, daß 
die bezeichnete Straße die Hauptstraße antiker Kultur in Gallien 
gewesen ist, der gegenüber die sonstigen Fundstätten antiker 
Kunstwerke mehr wie vereinzelte Oasen erscheinen. Nun ist 
ganz Frankreich mit einem Netz antiquarischer Vereine überzogen, 
die eifrig den provinzialen und lokalen Altertümern nachspüren; 
die vornehmste und wissenschaftlichste dieser Gesellschaften ist 
die schon 1804 gegründete Pariser Societe des antiquaires de 
France. Aber merkwürdig: während in dem Museum zu Saint- 
Germain durch A. Bertrand und S. Reinach ein ausgezeichnetes 
Zentralmuseum gallischer Altertümer geschaffen worden ist, fehlt 
es in dem sonst so gern zentralisierenden Frankreich anscheinend 
an einer Instanz, von wo aus die zersplitterten Lokalvereine wissen- 
schaftlich beeinflußt und zu einer, wenn auch getrennten, so 
doch gemeinsamen, ein gleiches Ziel anstrebenden Arbeit ange- 
halten würden. Seit in Frankreich statt der alten Fakultäten wirk- 
liche Universitäten eingerichtet und mit Lehrstühlen für Archäologie 
ausgestattet worden sind, kann es ja an den wissenschaftlichen 
Kräften, auf die eine solche Organisation sich stützen müßte, 
nirgend mehr fehlen. 



282 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

Britannien ist von der "römischen Kultur nur flüchtig be- 
' rührt worden. Außer den nördlichen Schutzwällen kommen nur ge- 
legentliche Funde von Badanlagen, von Mosaiken oder dergleichen 
in Betracht, die nichts Besonderes, Britannien Eigentümliches an 
sich haben. Unter diesen Umständen haben die archäologischen 
oder antiquarischen Gesellschaften des Inselreiches wenig Gelegenheit 
zu reger Tätigkeit auf dem Gebiete römisch-britannischer Kunst. 

In Deutschland herrscht, wie in Frankreich, in zahllosen, 
meist den Staaten oder Provinzen entsprechenden Vereinen ein 
reger Betrieb antiquarischer Lokalforschung. Natürlich haben die 
Rheinlande mit ihren vielen römischen Resten, zumal mit den 
stolzen Überbleibseln römischer Kaiserpracht in und um Trier sti 
den Vorrang. In Wiesbaden hatte schon seit 1827 ein nassaui- 
scher Verein eine stille Tätigkeit begonnen; bedeutender entwickelte 
sich der 1841 in Bonn auf Ludwig Urlichs Betrieb gegründete 
»Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande«, dem hier und 
da bald andere Vereine folgten. Lange Zeit bildete das Jahrbuch 
des Bonner Vereins den Hauptsammelpunkt auch über die Rhein- 
lande hinaus, bis ihm 1882 Felix Hettners »Westdeutsche Zeit- 
schrift« zur Seite trat. Daneben entstanden überall Provinzial- 
und Lokalmuseen, teilweise von erheblicher Bedeutung, keines 
bedeutender als das zu Trier. Von den Vereinen gingen auch, 
vielfach mit öffentlicher Unterstützung, Ausgrabungen aus. Die 
alten Römerstädte an der Mosel und am Rhein, Trier, Andernachi 
Bonn, Köln, Neuß usw., wurden untersucht, Villen verschiedener 
Art aufgedeckt (am berühmtesten sind die in Nennig unweit 
Luxemburg durch ihre Mosaiken, die in Wasserbillig durch ihre 
Porträthermen geworden), überhaupt eine sehr rege Tätigkeit ent- 
faltet. Aber noch immer harrt beispielsweise eine Aufgabe, wie 
die genaue Aufnahme des großen Igler Grabdenkmals, dessen 865 
Reliefs schon Goethes Aufmerksamkeit fesselten, ihrer Lösung; 
noch immer haben die Neumagener Reliefs keine angemessene 866 
Veröffentlichung gefunden; die in der alten Belgica zutage ge- 
tretenen »Gigantensäulen« bedürften, damit schwierige daran ge- 87o 
knüpfte Fragen sicherer beantwortet werden könnten, einer zu- 
sammenfassenden Publikation. 



Britannien. Zentralisation der deutschen Ausgrabungen 283 

Auch hier hat sich die Zersphtterung der Mittel und der 
Vereine übel geltend gemacht. Einen Versuch zur Zentralisierung 
der Funde stellte Ludwig Lindenschmits 1852 gegründetes »Rö- 
misch-germanisches Zentralmuseum« in Mainz dar, in dem alle 
Arten einschlägiger Altertümer sei es in Originalen gesammelt 
sei es in Nachbildungen und Rekonstruktionen hergestellt werden. 
Aber in großem Maßstabe ward ein Vorgehen viribus unitis erst 
durch das von Theodor Mommsen angeregte Unternehmen des 
Deutschen Reiches, den germanischen Grenzwall oder »Pfahlgraben« 
(Limes) zu untersuchen, ins Werk gesetzt. Seit 1892 ist mehr 
als zehn Jahre lang unter Teilnahme zahlreicher Gelehrter die 
große Aufgabe vom Rhein bis an die Donau durchgeführt worden; 
nach manchen Irrwegen ist man zur Klarheit über die nicht überall 
gleichförmige Anlage, über die Bedeutung und die Geschichte 
des Limes gelangt. So wichtig die so gewonnene Kenntnis nun 
aber auch für die Altertümer, für die Kunde vom antiken Be- 
festigungswesen, für die Geschichte der Beziehungen zwischen 
Rom und seinen germanischen Nachbarn ist, so hat das ganze 
Unternehmen doch für die künstlerische Seite der Archäologie 
nur verhältnismäßig geringes Interesse, ebenso wie die unter 
Napoleon III. vorgenommenen antiquarisch überaus lehrreichen 
Untersuchungen von Alesia und Bibracte oder die neuerdings von 
A. Schulten auf Kosten der preußischen Regierung angegriffene 
Erforschung Numantias. Daher ist es auch vom künstlerischen 
Standpunkt aus weniger als vom antiquarischen bedauernswert, 
wenn ein wichtiges Monument wie die Saalburg wissenschaft- 
licher Forschung durch Restauration entzogen wird. Archäologisch 
erheblich sind besonders die kleineren Fundgegenstände, nament- 
lich, wie so oft, die Tongefäße, deren künstlerische Entwickelung 
von griechischen und gallischen Anfängen an durch die letzten 
Zeiten der Republik, die Zeiten Augusts, der flavischen Kaiser 
usw. sich aus den Funden am Limes und an anderen Orten, 
besonders den Rheinlanden, hat wiedergewinnen lassen. Damit 
hat ein bedeutsames Stück des römischen Kunsthandwerks Licht 
erhalten, und zugleich ist für Ausgrabungen ein wichtiges chrono- 
logisches Merkmal gewonnen worden. Das hat sich zum Bei- 



284 X' Einzelentdeckungen in den Außenländem 

spiel bei den Ausgrabungen in Haltern bewährt, zu denen die 
westfälische Altertumskommission sich mit dem Archäologischen 
Institute verbunden hat. Da wo die Lippe in alter Zeit schiffbar 
zu werden begann, zwei Tagereisen von dem römischen Legions- 
lager Castra Vetera (Xanten), werden seit 1899 ein Uferkastell, 
eine Hafenanlage und ein großes befestigtes Lager bloßgelegt, 
ohne daß ein einziger Stein gefunden worden wäre; nur aus der 
verschiedenen Beschaffenheit des Erdbodens läßt sich die ziem- 
lich verwickelte Anlage wiedergewinnen und entwirren. Da aber 
sämtliche Fundgegenstände, vor allem Münzen und Tongefäße, auf 
die augustische Zeit hinweisen, nichts aus späterer Zeit zum Vor- 
schein gekommen ist, so läßt sich mit voller Sicherheit sagen, 
daß diese Anlage aus der Zeit des Augustus stammt und daß 
der Platz auch schon in dieser Zeit aufgegeben worden oder zu- 
grunde gegangen ist: Umstände, die auf das aus Tacitus und 
anderen bekannte Aliso passen und daher die Vermutung be- 
gründen helfen, daß dies »Kastell an der Lippe«, wie Tacitus 
sich ausdrückt, eben Aliso sei. Indessen ist 1905 in einem 
römischen Kastell bei Oberaden, weiter lippeaufwärts, aber P/g 
Kilometer vom Flusse entfernt, ein Konkurrent erstanden, der in 
der benachbarten Mark Elsey einen Anklang an den Namen Aliso 
für sich geltend machen kann. Ist dies Aliso? und das Kastell 
bei Haltern etwa das davon zu trennende »Kastell an der Lippe«? 
Erst von weiteren Nachgrabungen wird man eine Lösung dieser 
Fragen hoffen dürfen. 

Das Limesunternehmen hatte aber, indem es den Nutzen 
einer Zusammenfassung zerstreuter Kräfte handgreiflich gemacht 
hatte, die weitere Folge, daß es 1901 auf Löschckes und Conzes 
Betrieb die Gründung einer Abteilung des Deutschen Archäo- 
logischen Instituts für römisch-germanische Forschung hervorrief. 
So viel Verdienstliches auch die einzelnen Vereine geleistet haben, 
sie entbehrten doch des Zusammenhanges, und manche von ihnen 
litten unter der Enge des wissenschaftlichen Horizonts, die Lokal- 
vereinen so leicht eigen ist. Das Zusammenwirken mehrerer 
Nachbarvereine in Haltern bildete eine Ausnahme; zu ähnlichen 
Zwecken hatten sich 1 899 die südwestdeutschen Vereine zusammen- 



Zentralisation der deutschen Ausgrabungen. Österreich 285 

geschlossen. Nunmehr ist von Reichswegen eine Zentralstelle 
geschaffen worden, die allen Vereinen von der niederländischen 
bis an die österreichische Grenze mit Rat und, wo es erforderlich 
scheint, mit persönlicher oder pekuniärer Hilfeleistung beistehen 
soll; ohne die Selbständigkeit der bestehenden Organisationen 
anzutasten, ist die Möglichkeit zu gemeinsamer Wirksamkeit, zum 
vereinten Schlagen bei getrenntem Marschieren, gegeben. In den 
Fachkreisen war man sich darüber einig, daß ein solcher wissen- 
schaftlicher Mittelpunkt am besten mit dem Mainzer Zentralmuseum, 
dem das Reich ebenfalls erhebliche Mittel gewährt, vereinigt würde; 
auf diese Weise hätte sich von selbst eine hohe Schule für Aus- 
grabungstechnik, Museumsverwaltung, wissenschaftliche Unter- 
suchung ergeben. Leider haben mangelnde Einsicht und Rück- 
sichten anderer Ordnung die Vereinigung verhindert, so daß nun 
die beiden Nachbarstädte Mainz und Frankfurt sich in die Aufgabe 
teilen müssen. 

In Österreich hat von jeher, trotz der Verschiedenheit der 
Länder, eine größere Konzentration der archäologischen Studien 
geherrscht. Schon in der 1853 gegründeten »Zentralkommission 
zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmäler« hatten diese 
ein bescheidenes Plätzchen. 1876 schufen Alexander Conze und 
Otto Hirschfeld in dem Archäologisch -epigraphischen Seminar 
der Wiener Universität eine Schule, in deren »Mitteilungen« ein 
Organ für die wissenschaftliche Erforschung der römischen Ver- 
gangenheit der österreichischen Lande gegeben ward. 1898 fand 
diese Bewegung ihren Abschluß in der Gründung des Öster- 
reichischen Archäologischen Instituts, das unter Otto Benndorfs ziel- 
bewußter Leitung ebenso Reisen und Ausgrabungen (S. 189 ff.) wie 
wissenschaftliche Verarbeitung des archäologischen Materials ins 
Werk setzt. Um nur zwei Beispiele der archäologischen Tätigkeit 
zu nennen, so werden unweit Wiens seit 1877 höchst erfolgreiche 
Ausgrabungen veranstaltet, um die alte Römerfeste Carnuntum 
wiederzugewinnen; andererseits werden seit Jahren die weit zer- 
streuten Überbleibsel der denkmälerreichen Kolonie Aquileja, der 
wichtigsten Mittelstation für den Verkehr Italiens mit dem Nord- 
osten, gesammelt und bearbeitet. Museen bilden sich überall und 



286 X. Einzelentdeckungen in den Außenländem 

geben eine Anschauung des künstlerischen Charakters der einzelnen 
Bezirke, bieten auch den Ergebnissen der Ausgrabungen ein sicheres 
Unterkommen. 

Österreichs wissenschaftlicher Einfluß erstreckt sich auch über 
die Grenzen des Kaiserreiches hinaus, namentlich entlang der 
Donau. Aus solchem Zusammenwirken ist die Untersuchung 
eines großen Monuments in der Dobrudscha, Adamklissi, her- 
vorgegangen, das schon 1837 von Helmuth von Moltke beachtet, 
1882/90 auf Kosten der rumänischen Regierung unter Leitung 
Gregor G. Tocilescos bloßgelegt und unter Mitwirkung Benndorfs 
und George Niemanns bearbeitet ward. Ein runder Turm nach 
Art des Grabmals der Cäcilia Metella, oben von einem Metopen- 
fries umsäumt; darüber ein sechsseitiger Sockel mit einer sehr 
trümmerhaften Inschrift Trajans vom Jahre 109; darauf ein Tro- 
päum — so war das Denkmal beschaffen, um den ein Streit 
entbrannte, gleich den erbittertsten die die Ilias schildert. Der 
nächste Gedanke richtete sich auf trajanischen Ursprung; ihm trat 
aber die Zurückführung bis in den Beginn der Kaiserzeit, un- 
mittelbar nach der Schlacht bei Actium, entgegen; ja auch für 
die Zeit Konstantins ließ sich eine leise Stimme vernehmen. Der 
Streit kann wohl als zugunsten der ersten Annahme entschieden 
gelten, sei es daß hier die Stelle einer großen Niederlage der 
Römer durch die Daker unter Domitian war (87, gegen 4000 
Mann fielen), sei es daß Trajan selbst im ersten Dakerkriege hier 
einen Erfolg errungen hatte. Auf alle Fälle errichtete Trajan nach 
endlich erfolgter Bezwingung der Daker (107) an dieser Stelle 
dem »rächenden Mars« sein großes Tropäum, von dem die Be- 
wohner der benachbarten Ortschaft den Namen Traianenses Tro- 
paeenses erhielten. 

Die Möglichkeit eines solchen Streites beruhte, wenn auch 
nicht allein, so doch zum Teil auf dem barbarischen Stil der 
Reliefs in den Metopen. Sie führten mit besonderer Eindringlich- 
keit die Tatsache vor Augen, wie anders als in der Hauptstadt 
sich die Bildkunst im fernen Barbarenlande unter ungeübten oder 
anders gewöhnten Händen entwickelt hat. Dafür braucht man 
freilich nicht erst bis zur öden Dobrudscha zu gehen; schon der 



Adamklissi 287 

Augustusbogen in Susa, an der Alpenstraße über den Mont Cenis 
errichtet, lehrt dasselbe, und die Reliefs eines in Paris gefundenen 
Altars aus Kaiser Tiberius Zeit könnte man beinahe für romanisch 
halten. Herrscht auch vielerorten, z. B. an der rheinischen Militär- 
grenze, ein gewisser gemeinrömischer Charakter in den Bildwerken, 
so lassen sich doch auch lokale Verschiedenheiten nicht verkennen. 
Hier harren der archäologischen Forschung noch dankbare Auf- 
gaben. Was von den historischen Denkmälern der Kaiserzeit in 
der Hauptstadt Rom bemerkt ward (S. 249 f.), das gilt in noch viel 
höherem Grade von der bisher allzu stiefmütterlich behandelten 
Provinzialkunst. Und doch hat sie, namentlich in den Gegenden, 
wo einst Römer saßen oder wohin Roms Einfluß reichte, be- 
sonderen Anspruch auf Interesse, weil es sich dabei um die Vor- 
bedingungen der eigenen Heimatskunst handelt Der übliche 
scharfe Schnitt zwischen Altertum und Mittelalter ist unnatürlich. 
Wie sich die klassische Archäologie mit der prähistorischen For- 
schung in Fühlung gesetzt hat, so muß sie auch der altchristlichen 
und mittelalterlichen Kunstforschung die Hand reichen, damit auch 
hier die großen durchgehenden Zusammenhänge sich klarer her- 
ausstellen. An Rufern zum neuen Streit der Geister fehlt es ja 
nicht; dem neuen Jahrhundert ist hier ein weites Feld großzügiger 
Forschung eröffnet. 



XI 

ENTDECKUNGEN UND WISSENSCHAFT 




nser Rundgang ist beendet. Wir sind der »Archäologie 
des Spatens« während eines Jahrhunderts in dem ganzen 
Umkreise der antiken Welt nachgegangen. Ihre Ein- 
wirkungen auf die archäologische Wissenschaft sind an den ein- 
zelnen Punkten oftmals berührt worden, jetzt gilt es noch einmal 
allgemeiner die Frage zu beantworten: Wie haben alle die Aus- 
grabungen und Entdeckungen die Archäologie der klassischen 
Kunst (denn nur von dieser soll jetzt die Rede sein) beeinflußt, 
gefördert, umgewandelt? 

Zwei Perioden ließen sich deutlich unterscheiden. In den 
ersten Jahrzehnten handelte es sich fast ausschließlich um zufällige 
Entdeckungen, die uns einige Ecksteine der Kunstgeschichte aus 
dem 6. und 5. Jahrhundert kennen lehrten: Sicilien, Ägina, Athen, 
Bassä, Lykien, die bemalten Vasen. Planvoller wurden in den 
vierziger Jahren die Ausgrabungen in Ägypten und in Assyrien 
angegriffen, die zugleich den Gesichtskreis über die klassischen 
Länder hinaus erweiterten. Der Erste, der diese planvollere Weise 
auf griechisches Gebiet übertrug, war Newton, in den fünfziger 
Jahren. Ihm verdanken wir die Bereicherung unserer Anschauung 
mit wichtigen Werken zumal des 4. Jahrhunderts; im Mittelpunkt 
stand das Mausoleum. Mit den sechziger Jahren begann dann 
eine straffere Organisation der Unternehmungen, der sich später 
eine festere Technik wahrhaft erhaltender und wiederaufbauender 
Grabetätigkeit gesellte. Größere Aufgaben wurden gestellt, an- 
gegriffen, gelöst. Rückwärts wie vorwärts ward die Kunst weiter 
verfolgt, hier durch die Wiederentdeckung des Hellenismus, die 



Die ältere Archäologie 289 

auch auf die schon länger bekannte römische Kunst neues Licht 
warf, dort durch das Eindringen in die Fernen griechischer und 
vorgriechischer Frühzeit, das zu weiteren Ausblicken in die all- 
gemeinen Verhältnisse früheuropäischer Kunstübung führte. 

Diese beiden Perioden finden wir auch in dem Betriebe der 
archäologischen Wissenschaft wieder. Wir müssen dabei Kunst- 
geschichte und Kunsterklärung unterscheiden. 

In der Kunstgeschichte herrschte bis in die zwanziger 
Jahre Winckelmanns Auctorität unbestritten. Einzelnes war wohl 
von Friedrich Thiersch oder von Alois Hirt zu neuern und zu 
bessern gesucht, aber es drang wenig durch. Noch 1817 be- 
mühte sich Goethes Freund Heinrich Meyer die Elgin Marbles 
als ziemlich unerheblich neben dem »phidiasschen« Koloß von 
Monte Cavallo hinzustellen und gönnte ihnen erst 1824, viel- 
leicht durch den Enthusiasmus seines großen Freundes (S. 42 f.) 
angesteckt, etwas wärmere Anerkennung. Es lag eben damals 
noch so fern zu den eigentlichen Quellen hinaufzusteigen; man 
begnügte sich mit den dürftigen Literaturzeiignissen, mit den 
römischen Kopien und mit Winckelmanns darauf beruhendem 
Qeschichtsbau. 

Für die Kunsterklärung bot Viscontis gefällige, elegante, 
aber selten in die Tiefe dringende Behandlungsweise das all- 
gemein befolgte Muster; sie beherrschte die Wissenschaft und half 
den Geschmack für die Antike im großen Publikum verbreiten. 
Zoegas tiefgründige, aber spezifisch nordische Art fand wenig 
Anklang. Obgleich Zoega in der Religionsgeschichte mystischen 
Spekulationen nicht abhold war, bewährte er in den eigentlich 
archäologischen Fragen eine nüchterne, rein sachliche Methode 
der' Erklärung, die unmöglich in einer Zeit Gnade finden konnte, 
wo Creuzers nebeliger mythologischer Synkretismus die roman- 
tisch gestimmten Kreise beherrschte. Auch Gerhard entwickelte 
sich unter dem Einflüsse Creuzers und bildete sich früh ein System 
mythologischer Kunsterklärung aus, das als Fachwerk bequem sein 
mochte, dem man aber am wenigsten Voraussetzungslosigkeit nach- 
rühmen konnte. Anders Zoegas Schüler Welcker, der vor allem 
die bildende Kunst in die engste Beziehung zur Poesie setzte. 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. IQ 



290 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

Friedrich Gottlieb Welcker und Karl Otfried Müller sind die 
Archäologen, die am deutlichsten, sowohl als einflußreiche Lehrer 
wie als wirksame Schriftsteller, die lebendige Einwirkung der neu 
zutage getretenen Funde an sich erfuhren und so der Archäologie 
mit dem neuen Material auch neue Ziele wiesen. Für Müller 
war die Beschäftigung mit der griechischen Kunst nur ein Teil 
des Studiums der gesamten griechischen Geistesentwickelung, in 
deren Erforschung und Darstellung er seine Lebensaufgabe erkannte. 
Aber sein Handbuch der Archäologie (1830) mit dem zugehörigen 
Bilderatlas, aus den Bedürfnissen des Unterrichts hervorgegangen, 
stand auf dem neuen Boden. In einer Zeit entstanden, wo die 
Überfülle der Spezialforschung noch nicht den Überblick über 
das Ganze unmöglich machte, und aus der Masse des alten 
und des neugewonnenen Stoffes mit glücklich leichter Hand das 
Wichtigste auslesend, hat das Buch die Schulung mehrerer Gene- 
rationen besorgt, obschon grade die kunstgeschichtlichen Abschnitte 
hinter anderen zurückstehen; begreiflicherweise sind diese heute 
am meisten veraltet Auch Welcker lebte im Ganzen des Griechen- 
tums; Religion, Poesie und Kunst waren für ihn untrennbar ver- 
bunden und er empfand sozusagen wie ein Grieche. Er hatte 
nicht bloß durch ein Fenster in einen Raum des großen Baues 
hineingeschaut, sondern ihm war jeder Winkel vertraut, und jeder 
Winkel war ihm nur ein Abbild des Ganzen. Wärmeren Sinn 
für Kunst und Dichtung, als Müller besaß, verband Welcker mit 
einem feinen, manchmal wohl etwas zu feinem Sinn für das Indi- 
viduelle. Daher wurden ihm die einzelnen Dichter und Künstler 
zu Sondergestalten im großen Strome der Entwickelung, und bei 
der poetischen, intuitiven Richtung seines Geistes schuf er Ge- 
stalten, welche, wenn sie sich auch nicht immer als ganz ähnlich 
erwiesen haben, doch stets von griechischem Herzblut durchströmt 
waren. So traten ihm die Bildwerke vom Parthenon, der Sopho- 
kles, der lysippische Apoxyomenos, als er sie zuerst schaute, als 
lebendige Individuen, die er längst aus der Ferne gekannt, ent- 
gegen, und welche Bedeutung für ihn neben dem gelehrten 
Studium die Anschauung hatte, das bewies er durch die Gründung 
des ersten akademischen Abgußmuseums, der Bonner Musteranstalt 



Müller. Welcker. Jahn 291 

Hochbedeutend für den Betrieb der Archäologie waren die 
großen Vasenfunde der zwanziger und dreißiger Jahre (S. 60 ff.). 
Neue Schätze mythischer Szenen, reicher als man irgend hatte 
ahnen können, stiegen ans Licht und heischten Würdigung und 
Erklärung. So trat zunächst der Inhalt des Bilderschmuckes der 
Vasen ganz in den Vordergrund und die Wissenschaft ging für 
einige Zeit fast ganz in Exegese auf. Diese von den Willkür- 
lichkeiten methodelosen Ratens und mehr oder weniger geist- 
reichen Tüfteins befreit und auf feste Füße gestellt zu haben ist 
das Verdienst Otto Jahns. Er war von der Philologie ausge- 
gangen und übertrug, ein Schüler Lachmanns und Böckhs, die 
philologische Methode auf die archäologische Exegese. In der 
Verbindung der künstlerischen und der literarischen Quellen war 
ihm dabei, wenn auch mit minder strenger Kritik, Raoul-Rochette 
vorangegangen. Im Konfliktfalle trat bei Jahn noch leicht die 
der Philologie analoge Behandlung in den Vordergrund vor der 
rein künstlerischen Betrachtungsweise und deren besonderen Be- 
dingungen. Dafür förderte die Übersicht über die Gesamt- 
entwickelung, die Jahn ebenso wie Müller und Welcker im Auge 
hatte, auch historische Gesichtspunkte zutage, wie den bis dahin 
übersehenen, daß in der bildenden Kunst der Griechen ebenso 
wie in ihrer Poesie, ihrer Philosophie, ihrer Architektur die 
Stammesunterschiede von entscheidendem Einflüsse gewesen seien 
(1846); oder den Nachweis, daß der späteren griechischen Kunst 
ebenso wie der hellenistischen Poesie das Genre geläufig gewesen 
sei, eine Erkenntnis die damals (1848) noch manchem Zweifel 
begegnete. Heute ist es uns ja kaum begreiflich, daß dergleichen 
je hatte verkannt werden können. 

Eins aber fehlte doch noch dieser ganzen älteren Betrach- 
tungsweise, für die Jahn nur als Beispiel dienen soll: die volle 
Verschmelzung der schriftlichen und der neueröffneten künstle- 
rischen Quellen; meistens flössen noch beide Bäche nebeneinander 
her und vereinigten nur selten ihre Gewässer. So behielt bei- 
spielsweise Johannes O verbeck in seiner vielbenutzten »Geschichte 
der griechischen Plastik« durch vier Auflagen hindurch (1857/94) 
die Scheidung beider Quellen bei und gab z. B. die Würdigung 

19* 



292 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

des Phidias getrennt von der Analyse der Parthenonskulpturen. 
Selbst Heinrich Brunn, dessen »Geschichte der griechischen 
Künstler« (1853/59) einen großen Fortschritt bezeichnete, be- 
schränkte sich damals noch fast ganz auf die von ihm kritisch 
gesichtete literarische Überlieferung und zog die Kunstwerke nur 
71 heran, wo Originalwerke bestimmter Künstler, wie der Laokoon, 694 
75 der »borghesische Fechter«, die »Apotheose Homers«, erhalten 69o 
sind. Daß übrigens Brunn zunächst einmal die überlieferte Ge- 
schichte der Künstler kritisch zu prüfen sich bemühte, war me- 
thodisch durchaus richtig; es ist nicht Brunns Schuld, wenn es 
lange gedauert hat, bis in den zahlreichen »Geschichten der 
griechischen Plastik« der Weg von der Künstlergeschichte zur 
Kunstgeschichte eingeschlagen ward. Und doch drängten die 
unaufhörlichen neuen Funde namenloser Werke, die oftmals die 
mit bestimmten Künstlernamen belegbaren an Wert weit über- 
trafen, gebieterisch in diese Richtung. 



Der seitdem eingetretene Wechsel der Anschauung und der 
Behandlung beruht in erster Linie auf den Ergebnissen jener 
großen Unternehmungen, die sich in dem letzten Drittel des Jahr- 
hunderts Schlag auf Schlag gefolgt sind, die unsern Gesichtskreis 
räumlich und zeitlich erweitert, mit neuen Kenntnissen auch immer 
neue Probleme gebracht, dabei aber die Methoden der Ausgrabung, 
der Erkenntnis und der Verwertung bereichert und gekräftigt 
haben. Aber damit ist doch nicht alles gesagt; es kommen noch 
andere wesentlich mitwirkende Bedingungen in Betracht. 

Die äußerlichste dieser Bedingungen ist die außerordent- 
liche Reiseerleichterung, die unsere Ära der Eisenbahnen und 
Dampfschiffe geschaffen hat. Das antike Wort, daß eine Reise 
nach Korinth nicht jedermanns Sache sei, hat, wörtlich genommen, 
längst seine Geltung eingebüßt. Heute ist dafür gesorgt, daß 
wir, wie es Plinius von den Bildnissen berühmter Männer in 
Varros Porträtwerk (imagines) rühmte, »allgegenwärtig wie die 
Götter« sein können. Ein längerer Aufenthalt im Süden gehört 
für unsere Archäologen zu den selbstverständlichen und verhält- 



Neue Ziele. Reiseerleichterungen. Universitätsunterricht 293 

nismäßig leicht erreichbaren Dingen; aber auch wenn es für 
einzelne Arbeiten, ja für bloße Einzelfragen, das Material zu 
sammeln oder zu vergleichen gilt, ist das Aufsuchen der Mu- 
seen, die fast überall dem Forscher liberal geöffnet sind, heute 
unendlich viel leichter als vor einem halben Jahrhundert. So 
gebieten wir heute nicht bloß über ein ganz anderes Ma- 
terial, sondern auch über eine viel größere Leichtigkeit seiner 
Benutzung. 

Auch die wissenschaftlichen Anstalten haben sich stark 
geändert. Vor fünfzig Jahren gab es in Deutschland noch lange 
nicht an allen Universitäten Lehrstühle für Archäologie, in 
Österreich nur in Wien, in Frankreich nur in Paris, in Italien 
und England meines Wissens nirgendwo. Heutzutage fehlt nicht 
leicht einer europäischen Universität ein Lehrstuhl mit dem zu- 
gehörigen »Laboratorium«, dem Abgußmuseum. Das Bonner 
Museum war das erste, das, von Welcker mit dem Beistande des 
Freiherrn von Stein gegründet, planmäßig für die Zwecke des 
akademischen Unterrichts eingerichtet ward. »Diese Stiftung«, 
bemerkte Welcker 1827, »scheint so zeitgemäß, daß sie vermutlich 
nach und nach auf den meisten andern Universitäten Nachfolge 
finden wird.« Die Voraussage ist eingetroffen, zuerst in Deutsch- 
land, allmählich auch mehr oder weniger allgemein in allen 
anderen Staaten, in denen die Archäologie gepflegt wird. So 
mangelhaft auch der Notbehelf der Abgüsse ist, so weit auch der 
kalte undurchsichtige Gips hinter dem Marmor und Erz zurück- 
steht, so groß ist der Vorzug, nicht, wie in den eigentlichen 
Antikensammlungen, auf eine willkürliche Vereinigung meistens 
durch den Zufall zusammengeführter Stücke beschränkt zu sein, 
sondern den ganzen Verlauf der antiken Plastik in planvoller 
Auswahl sich anschaulich machen zu können. Auch lassen sich 
in Abgüssen viel leichter als an den Originalen gewisse für die 
wissenschaftliche Benutzung und für den künstlerischen Genuß 
gleich wichtige Operationen durchführen, z. B. Entfernung falscher 
Ergänzungen und bessere Ergänzung auf Grund methodischer 
Benutzung sicherer Anhaltspunkte, Bronzierung von Abgüssen 
nach Erzbildern oder nach Marmorstatuen, die von Erzoriginalen 



294 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

kopiert sind. Freilich hat man auch mit einem Übelstande zu 
kämpfen: es ist nicht ganz leicht die wichtigsten und bezeich- 
nendsten Abgüsse zu beschaffen. Es bedürfte einer mit großen 
Mitteln ausgerüsteten Zentralanstalt, die unter wissenschaftlicher 
Leitung die Herstellung der bedeutendsten Abgüsse nach be- 
stimmtem Plan in die Hand nähme. Oder, wenn die Last für 
die Schultern einer einzigen Anstalt zu groß sein sollte, ließe 
sich an eine Vereinigung verschiedener Anstalten denken (wie 
das neuerdings für die großen Akademieunternehmungen ein- 
geführt worden ist); z. B. könnten Formereien in Berlin, London, 
Paris, Rom, Athen, München zu einem solchen Bunde sich zu- 
sammenschließen und eine Teilung der Aufgaben, natürlich unter 
Leitung eines wissenschaftlichen Ausschusses, vornehmen. Aber 
das sind Zukunftsträume; schon jetzt läßt sich eine Auswahl des 
Wichtigsten beschaffen, wie — von Staatsmuseen wie in Berlin 
und Dresden abgesehen — die Universitätssammlungen in Bonn, 
München, Straßburg, Leipzig, Cambridge, Lyon, Rom beweisen. 
An diese Sammlungen knüpfen die zuerst von Otto Jahn in den 
akademischen Unterricht eingeführten Übungen an; hier wird 
der Student in der schweren Kunst des Sehens geübt und lernt 
die Grundsätze der Kritik und Hermeneutik selbst anwenden. 
Der Student, der sich während seiner Studienzeit ein solches 
Museum wirklich zu eigen gemacht hat, ist mit dem nötigen 
Rüstzeuge versehen um draußen im Reiche der Originale mit 
eigener Forschung die Wissenschaft zu fördern, vollends wenn 
mit dem Abgußmuseum, wie beispielsweise in Bonn und Würz- 
burg, auch eine den Lehrzwecken angepaßte Sammlung von 
Originalstücken verbunden ist; anderswo, wie in Berlin und 
München, lassen sich sogar größere Sammlungen von Originalen 
mit heranziehen. 

Zu den heimischen Universitäten gesellen sich dann die 
auswärtigen Beobachtungs- und Arbeitsplätze, die Institute oder 
archäologischen Schulen. Fast zwanzig Jahre stand das Archäo- 
logische Institut in Rom (S. 59) allein, dann trat die Französische 
Schule in Athen (S. 52) hinzu, die freilich der eigentlich archäo- 
logischen Arbeit noch längere Zeit fern blieb. Heutzutage blühen 



Abgußmuseen. Archäologische Institute. Photographie 295 

allein in Athen neben der französischen Anstalt, die neuerdings 
auch fremden Gelehrten gastliche Aufnahme bietet, ein deutsches 
Institut, eine amerikanische, eine englische Schule, denen seit 
kurzem noch eine österreichische Station zur Seite geht. Ähnlich 
ist es in Rom, das freilich, gemäß der größeren archäologischen 
Bedeutung Griechenlands, mehr und mehr an die zweite Stelle 
rückt. Alle diese Anstalten widmen sich neben anderen Aufgaben 
der Weiterbildung der ihnen mit immer besserer Vorbildung zu- 
gewiesenen oder freiwillig sich anschließenden Zöglinge; diese 
werden durch Vorträge, durch Führungen, durch gemeinsame 
Reisen in die Kenntnis der antiken Stätten und Kunstwerke ein- 
geführt und werden mit größerer oder geringerer Selbständigkeit 
bei den Ausgrabungen verwandt. Welch andere Schulung gegen- 
über den früheren Zeiten! 

Eine gar nicht hoch genug zu schätzende Förderung hat 
ferner den Kunststudien die Entwickelung der Photographie 
gebracht. Vor fünfzig Jahren kannte man Photographien nach 
Antiken fast nur in Italien, hauptsächlich in Rom; heute gibt es 
nicht nur fast kein größeres Museum ohne photographische 
Publikation, sondern auch von zerstreuten Antiken ist es meistens 
nicht allzu schwer Photographien zu beschaffen, und ein photo- 
graphischer Apparat gehört zu der unentbehrlichen Ausrüstung 
eines archäologischen Reisenden. Photographien, mit oder ohne 
Skioptikon, spielen im archäologischen Unterricht ihre bedeutende 
Rolle; Brunn -Bruckmanns von Paul Arndt fortgesetzte »Denk- 
mäler griechischer und römischer Skulptur« sind für Vorlesungen 
ebenso unentbehrlich, wie die von Arndt und Amelung heraus- 
gegebenen »Photographischen Einzelaufnahmen antiker Skulp- 
turen« für den Forscher auf dem Gebiet antiker Plastik. Die 
künstlerisch ja nicht grade durchweg erfreulichen phototypischen 
und autotypischen Vervielfältigungsverfahren ermöglichen einen 
solchen Reichtum und eine solche Zuverlässigkeit der Illustration 
archäologischer Werke, strengwissenschaftlicher wie populärer, 
daß diese teils eine authentische Kenntnis antiker Kunstwerke in 
die weitesten Kreise zu tragen vermag, teils an die Stelle toter 
oder mißverständlicher Beschreibung die lebendige Anschauung 



296 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

setzt Selbst die Kataloge der Sammlungen folgen, seit Berlin 
1891 das Beispiel gegeben, wenn auch zögernd, dieser Spur. 

Es ist aber keineswegs bloß die Menge neuer Anschauung, 
was wir der Photographie verdanken, sondern fast noch mehr 
kommt die Art der Wiedergabe in Betracht. Die Kupferwerke 
älterer Zeit trugen, desto mehr je weiter die Stiche ausgeführt 
waren, das Stilgepräge ihrer Zeit oder des Stechers; selten er- 
reichten sie einen so hohen Grad stilgetreuer Wiedergabe, wie 
der erste Band der Speämens of anclent Sculpture, die Ancient 
Marbles des Britischen Museums oder die besten Tafeln in 
Bouillons Musee des Antiques. So beschränkte man sich denn 
auf bloße Umrisse, die auch, sorgfältig gemacht, für Werke 
zweiten Ranges mit mehr inhaltlichem Interesse, wie in Zoegas 
Bassirilievi , ausreichten, aber auf Statuen und Büsten höheren 
stilistischen Charakters angewandt, wie in Pirolis Musee Napoleon 
oder in Müller-Österleys »Denkmälern der alten Kunst«, doch nur 
den Wert allgemeiner Erinnerungszeichen in Anspruch nehmen 
konnten. Wie sehr auch hier die Eigenart des Zeichners oder 
Stechers mitsprach, zeigen beispielsweise Stackeibergs elegante 
Blätter in seinen »Gräbern der Hellenen«. Dem gegenüber er- 
weist die Photographie, trotz gewisser ihr anhaftender Mängel 
der Verkürzung und trotz ihrer Abhängigkeit von der oftmals 
ungünstigen Beleuchtung der einzelnen Objekte, eine unendlich 
viel größere Treue und eine ebenso viel größere Bestimmtheit 
in der Wiedergabe aller stilistischen Feinheiten des Originals, 
seiner technischen Besonderheiten, seiner malerischen Wirkung. 
So haben wir mit Hilfe der Photographie neu sehen gelernt, 
und es ist nicht zum geringsten Teile das Werk der Photographie, 
wenn die ganze moderne Archäologie die entschiedene Wendung 
zur stilistischen Analyse und Würdigung genommen hat. Ein- 
zelne, wie Heinrich Brunn und Karl Friederichs, hatten auch 
ohne die Photographie bereits diesen Weg beschritten; daß er 
aber zur großen Heerstraße der modernen Archäologie geworden 
ist, das rührt doch zum großen Teil von unserer Gewöhnung 
photographischen Sehens her und von der durch die Photo- 
graphie gebotenen Möglichkeit, auch ohne die Originale selbst 



Photographie. Neuere Kunstgeschichte 297 

vor Augen zu haben, doch ihren stilistischen Charakter und ihre 
Verwandtschaft mit anderen bekannten Werken sicher erkennen 
zu können. 

Der Einfluß der Photographie ist der Archäologie gemein 
mit der neueren Kunstgeschichte. Diese ist als Wissenschaft 
jünger als die Archäologie und hat, ebenso wie die neuere Ge- 
schichtschreibung, in den ersten Stadien ihrer Entwickelung, wo 
neue und alte Kunst noch nicht so scharf gesondert zu werden 
pflegten, manches von der älteren Schwester gelernt. Aber schon 
früh zeigte sich auch ihre besondere Art. Blicken wir nur auf 
Deutschland, so mögen Rumohrs »Italienische Forschungen« 
(1827/31) und Gayes »Carteggio inedito dl artistU (1839/40) 
als der Beginn wissenschaftlicher Behandlung der neueren Kunst- 
geschichte bezeichnet werden; in jenen ist stilistische Betrachtung 
ein Hauptelement geschichtlicher Würdigung, in diesem werden 
die Schätze der Archive in musterhafter Weise der Kunstgeschichte 
dienstbar gemacht. Nach beiden Seiten gebietet die neuere Kunst- 
geschichte über ein unendlich reicheres und zuverlässigeres Material 
als die Archäologie; bei der großen Zerstreuung der Kunstwerke, 
vor allem der Gemälde, hätte sie aber doch zu ihrer Fertigkeit 
stilistischer Analyse kaum ohne die Hilfe der Photographie kommen 
können, durch deren Vermittelung der Berg zum Propheten sich 
bemüht wo dem Propheten der Weg zum Berge versperrt ist. 
Der rein künstlerische Gesichtspunkt hat die neuere Kunstgeschichte, 
die nicht den Weg durch die Philologie durchgemacht hat, von 
Anfang an stärker beherrscht und dadurch vielleicht die Sub- 
jektivität des Urteils gefördert, aber auch die Ausbildung gewisser 
Bestimmungsmethoden hervorgerufen, die wir am kürzesten mit 
dem Namen Morellis bezeichnen. So hat die neuere Kunstge- 
schichte desto stärkeren Einfluß auf die Archäologie gewonnen, 
je bewußter auch diese den stilistischen, künstlerischen Gesichts- 
punkt in den Vordergrund zu rücken sich bestrebte. 



Unter solchen Einflüssen hat sich der Wandel in der wissen- 
schaftlichen Anschauung und Behandlung innerhalb der Archäo- 



298 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

logie vollzogen. Im Laufe der Entdeckungen kamen immer von 
neuem Einzelwerke oder Gruppen von Kunstwerken zum Vor- 
schein, die an literarischen oder urkundlichen Zeugnissen keinen 
oder nur schwanken Anhalt fanden und in dem wesentlich aus 
Plinius und Pausanias Angaben gezimmerten Fachwerke nicht 
untergebracht werden konnten. Sie verlangten also selbständige 
Beurteilung und Vergleichung mit schon bekannten und bestimmten 
Werken, um ihren Platz angewiesen zu erhalten, gelegentlich auch 
wohl um an dem überkommenen Fach werk zu rütteln und eine 
neue Einteilung oder einen neuen Anbau des Gerüstes zu ver- 
anlassen. Der Art war Brunns Aufstellung einer besonderen 
nordgriechischen Kunst, die an der literarisch überlieferten Tätig- 
keit eines Telephanes in Thessalien zur Zeit der Perserkriege nur 
einen schwachen Anhalt hatte, dafür aber in dem eigenartigen 
»pastosen« Stil einer Anzahl aus Nordgriechenland stammender 
Reliefs eine Stütze fand. Die Zweifel, denen diese Annahme 
namentlich in ihrer Verbindung mit Päonios als angeblichem 
Künstler des olympischen Ostgiebels (S. 123 f.) begegnete, ver- 
stummten mehr und mehr, seit Brunn selbst diese Denkmäler- 
gruppe an die ionische Skulptur Kleinasiens anschloß; freilich 
beruhte auch deren Existenz nicht sowohl auf literarischen Zeug- 
nissen als auf stilistischen und allgemein geschichtlichen Er- 
wägungen. 

So kam es unter dem Drucke der neuen, noch der Etikette 
entbehrenden Funde mehr und mehr dahin, daß das alte philo- 
logische Moment zurück und die stilistische Analyse an die 
erste Stelle trat Der Führer dieser Bewegung war Heinrich 
Brunn. Sein Einfluß war um so größer, als er einer der eigen- 
ständigsten Forscher und der eindrucksvollsten Lehrer war. Alles 
spitzte sich, wie in der modernen Ästhetik, auf die Erkenntnis 
der Kunst formen zu; die Kunstgeschichte verfolgte nur noch 
die Entwickelung der künstlerischen Form. Das war die natür- 
liche Folge der stilistischen Analyse als der neuen leitenden 
Forschungsmethode. Heutzutage zweifelt niemand an der Berech- 
tigung der Bewegung im ganzen; man kommt vielleicht schon 
in den Geruch der Ketzerei, wenn man gegen ihre Alleinberech- 



stilistische Analyse 299 

tigung leise Bedenken äußert. Es ist ja eine bekannte Tatsache, 
daß eine neue Richtung am unduldsamsten gegen die zunächst 
vorhergegangene ist. So ist es denn ja auch nur natürlich, wenn 
die reifgewordene Stilarchäologie auf die philologisierende Periode 
der Archäologie geringschätzig zurückblickt. Nur die Kunstwerke 
haben noch mitzusprechen, der überlieferte Notizenkram ist nichts 
wert, hält überdies vor der höheren Kritik vielfach nicht stand. 
Die so sprechen, bedenken nicht, daß sie daran sind den Ast 
abzusägen, auf dem sie sitzen. Hätten wir die Schriftzeugnisse 
nicht, wie würden wir uns dann wohl auf bloß stilistische Urteile 
hin den Verlauf der Kunstgeschichte aufbauen? Man vergleiche 
nur einmal die wohltuende Sicherheit, mit der wir auf Grund 

50 zweier deutlicher literarischer Zeugnisse den Diskobol Myrons 377/78 
kennen und als feste Grundlage benutzen, mit der vielfachen 
Unsicherheit, die herrscht, sobald eine Zurückführung bloß auf 
stilistische Analyse sich gründet. Stilurteil ist eben seiner Natur 
nach subjektiv und schwankt je nach der Auffassung des Ein- 
zelnen, bisweilen sogar bei diesem nach der Zeit und dem je- 
weiligen Stande seiner Erkenntnis. Man denke an die Verschieden- 
heit der Ansichten über die Zugehörigkeit der olympischen 

41 Giebelgruppen (S. 124 f.). Oder man wolle erwägen, daß kein 356/59 
Geringerer als Brunn den Münchner Diomedes aus stilistischen 
Gründen dem 4. Jahrhundert zuweisen wollte, während Löschcke 
Studniczka Furtwängler ihn, gewiß mit Recht, für ein Werk des 
5. Jahrhunderts erklären. Kalkmann, ein höchst subtiler Kenner 
namentlich der Proportionen, brachte es fertig die herrliche Jüng- 

60 lingsfigur von Subiaco im römischen Thermenmuseum, ein Meister- 
werk flüssigen Stils aus der Zeit des Praxiteles, aus stilistischen 
Gründen als eine archaische Statue, ungefähr aus der Zeit der 
Perserkriege, »nachzuweisen«! Um den fälschlich sogenannten 
38,9 Omphalosapollon streiten sich der Rheginer Pythagoras (Wald- 374 
stein), der vermutliche Böoter Kaiamis (Conze, Furtwängler u. a.) 
und der Korinthier Kallimachos (Schreiber). Wer denkt dabei 
nicht an das mit Virtuosität geübte Taufen und Wiedertaufen 
moderner Gemälde, das bei so viel günstigerer Lage der Dinge, 
bei so viel zahlreicheren sicher beglaubigten Originalwerken, 



300 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

dennoch auch nicht immer zu übereinstimmenden Urteilen über 
den Urheber führt? Jeder Kritiker hält eben leicht seinen jeweiligen 
Glauben für den alleinseligmachenden. 

Einen besonderen Weg hat Adolf Furtwängler einge- 
schlagen um eine Konkordanz zwischen den schriftlichen Zeug- 
nissen und den erhaltenen Bildwerken herzustellen. Nach ihm »ist 
uns in den römischen Kopien diejenige Auswahl aus den Meister- 
werken der klassischen Epoche erhalten, die antiker Geschmack und 
Kennerschaft in den Zeiten feinster Bildung getroffen hat. Es 
ist die Auswahl des Besten und Berühmtesten, das man im Alter- 
tum besaß. Unter diesen Kopien haben wir die von den 
Schriftstellern erwähnten Meisterwerke zu suchen, die 
Statuen, die Epoche machten, die bahnbrechend wirkten«. Unter 
der Voraussetzung, daß der erhaltene Kopien vorrat sich auf die 
von Plinius und Pausanias genannten Künstler müsse verteilen 
lassen, gelingt es ihm denn auch nicht bloß großen Meistern ein 
reicheres Werk zuzuweisen, sodern sogar so schattenhafte, nur 
gelegentlich erwähnte Künstler wie Telephanes von Phokäa und 
den Kaiamisschüler Praxias mit bedeutenden Statuen, wie dem 
42. 43 ludovisischen Hermes und der Athena Albani, zu beschenken. Von 430 
50 Myron kennen wir mit Sicherheit zwei Statuen, den Diskobol und 377,78 
den Marsyas; auf dem Wege Morellischer Einzelbeobachtung sucht 379 
Furtwängler eine Reihe anderer Werke für ihn zu gewinnen, die 
zum Teil, wie der Perseus, einen ganz abweichenden Typus zeigen, 
zum Teil ein zwar anscheinend reicheres aber auch viel mehr 
verschwimmendes, mit dem sicheren Ausgangspunkte kaum noch 
vereinbares Bild gewähren. Bei Kallimachos vereinigen sich die 
verschiedensten Züge zu einer ungreifbaren Persönlichkeit; bei 
Euphranor gelingt es überhaupt kaum einen festen Fuß auf den 
Boden zu setzen. Aber über Einzelheiten läßt sich ja streiten 
(obschon manche der von Furtwängler geschaffenen Künstlerbilder 
bereits vielfach als feste Besitztümer der Kunstgeschichte gelten); 
der Ausgangspunkt selbst scheint mir irrig, daß Plinius aus 
einigen sekundären Quellen zusammengestoppelte Kunstgeschichte 
oder die von Pausanias in seinem Reisehandbuch für Griechen- 
land angeführten Kunstwerke ohne weiteres als übereinstimmend 



A. Furtwängler. Vorzüge stilistischer Analyse 301 

mit der uns noch erhaltenen Auswahl antiker Statuen angenommen 
werden. Wer sagt denn, daß der Geschmack der Römer am 
Ende der Republik und am Anfange der Kaiserzeit, d. h. der 
Zeit, aus der ein großer Teil unserer Kopien stammt, mit den 
Quellen jener Schriftsteller sich deckte? Wie viele uns unerfind- 
liche Momente des Geschmackes, der Mode, bestimmender Ein- 
flüsse können da mitgespielt haben? So scheint mir das Fundament 
von Furtwänglers Statuentaufen zu wanken und das Unsichere 
seiner Bestimmungen das Sichere oder Wahrscheinliche weit zu 
überwiegen. Kaum eine einzige seiner zahllosen Zuteilungen 
dürfte den gleichen Grad von Sicherheit besitzen wie die schöne 
Wiedererkennung der lemnischen Athena des Phidias, von der 387 
unten (S. 311 ff.) noch die Rede sein wird. 

Lassen wir aber die Bedenken beiseite, die sich notwendig 
gegen jede Stilkritik als wenigstens teilweise subjektiv erheben 
werden, so wäre es andrerseits töricht zu leugnen, daß die Kunst- 
geschichte dadurch ein ganz neues Gesicht bekommen hat. Statt 
eines vermeintlich festen, weil auf die schriftliche Überlieferung 
gegründeten Gerüstes, das aber kaum mehr als ein dürftiges 
Lattengerüst war, haben wir einen formen- und farbenreichen 
Bau gewonnen, der wohl im Laufe der Zeiten noch manchen 
Umbau und Anbau, noch manchen veränderten Anstrich nötig 
machen wird, der aber doch in seinen Hauptlinien für sicher 
gegründet wird gelten können. Den Gestalten der Künstler, die 
früher als bleiche Schatten im Hades der schriftlichen Über- 
lieferung umherirrten, ist aus den Gruben der suchenden und 
grabenden Archäologen Blut in die Adern geflossen und sie 
reden zu uns in der Sprache lebendiger Wesen. Wir wollen 
versuchen uns den Fortschritt an einer Reihe von Beispielen an- 
schaulich zu machen. 



Den augenfälligsten Gewinn hat die griechische Skulptur 
davongetragen. Es war nicht gar viel was das 18. Jahrhundert 
von bestimmten Werken bestimmter Künstler kannte. Abgesehen 
71 f. vom Laokoon, vom farnesischen Stier und ähnlichen Werken 694|9j 



302 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

55 erkannte beispielsweise Winckelmann den praxitelischen Eidechsen- 503 

55 töter, Visconti die knidische Aphrodite desselben Künstlers, den sos 

Ganymedes des Leochares, den betenden Knaben des Boedas, 519 

547 
50 die Tyche des Eutychides, Carlo Fea 1783 den Diskoswerfer 549 

Myrons. Es dauerte lange ehe die Reihe sich verlängerte. Wohl ' 

der bedeutendste Fund war es, als 1821 Antonio Nibby in dem 

70 berühmten »sterbenden Fechter«, den Byrons unsterbliche Verse 677 
als den in der Arena gefallenen dakischen Gladiator feierten, an 
den Zügen und Haaren, an der Halskette und dem Schilde die 
Nachbildung eines jener Galater erkannte, die nach einer Nach- 
richt des Plinius in Pergamon dargesteUt worden waren um die 
Siege des Attalos und Eumenes über die gefährlichen Nachbarn 
zu verewigen. Mit dieser Deutung war zugleich die der ludo- 

70 visischen Galliergruppe gleicher Kunstart und gleichen Marmors, 678 
die jetzt den Stolz des Thermenmuseums bildet, gegeben. So 
war die pergamenische Kunst neben die durch den Laokoon und 
den Stier vertretene rhodische getreten und damit für lange dem 
Abschnitt von der »hellenistischen« Kunst (dieser Ausdruck ward 
freilich erst 1833 von Johann Gustav Droysen geprägt) sein In- 
halt gegeben. 

Erst um die Mitte des Jahrhunderts traten neue Entdeckungen 
und Zuweisungen ein, die sich nun rasch mehrten. Es war 
charakteristisch für den damaligen Stand unserer wirklichen Kenntnis 

63 der Hauptkünstler, daß, als 1849 der Apoxyomenos im Trastevere 536 
entdeckt ward, man zweifeln konnte, ob der polykletische oder 
der lysippische Schaber gemeint sei. Das Richtige drang freilich 
bald durch (ob Emil Braun es zuerst gefunden, oder wer sonst, 
steht nicht fest), und der Apoxyomenos ward zum Eckstein unserer 
Anschauung von dem großen Kunstreformator Lysippos. Wenige 
Jahre später (1853) erkannte Otto Jahn die Erinnerung an ein 
anderes lysippisches Werk, den Kairos, in der Abbildung eines 
angeblichen Mosaiks, das sich später als ein frühmittelalterliches 
Relief herausgestellt hat. Schon 1850 hatte Jahn aus der Menge 

52 der erhaltenen Amazonenstatuen die drei »ephesischen« Typen 386 

420 

ausgeschieden, deren Zuweisung an die großen Künstler Polyklet, 431 
Phidias und Kresilas seitdem mit oft schwankendem Urteil immer 



Ältere Wiedererkennungen. Myron. Tyrannenmörder. Phidias 303 

wieder versucht wird; 1850 waren die Kunstcharaktere der drei 
JMeister noch zu unbestimmt um einen solchen Versuch mit 
Aussicht auf Erfolg anstellen zu können. 

In den fünfziger Jahren begannen dann jene Zuteilungen, 
die vorzugsweise auf stilistischen Beobachtungen beruhen. 1853 
erkannte Heinrich Brunn in einem kürzlich im lateranischen 

50 Museum aufgestellten bärtigen Satyr, obschon er mit Kastagnetten 379 
tanzend ergänzt worden war, den Marsyas Myrons, wie er über 
die von Athena weggeworfenen Flöten in lebhaftes Staunen aus- 
gebrochen ist. Eine Angabe des Plinius, eine athenische Münze 
und ein damals verschollenes athenisches Relief stützten die Ver- 
mutung, die Brunn fünf Jahre später durch genaue stilistische 
Analyse zu voller Sicherheit erhob. So ist Myron der Künstler, 
der uns durch seinen Diskobol und seinen Marsyas zuerst in 
seiner höchst eigentümlichen Besonderheit vertraut geworden ist. 
Schon 1 859 folgte Karl Friederichs schöne Entdeckung der Gruppe 

36 der »Tyrannenmörder« in zwei Athletenstatuen des Neapler 347 
Museums, der erste Blick in die altertümliche Kunst. Auch hier 
dienten eine Münze und wiederum ein damals verschollenes Relief 
zur Grundlage des Beweises, der dann durch stilistische Betrach- 
tung verstärkt ward. Da es aber zwei Gruppen der Tyrannen- 
mörder gegeben hat, eine ältere von Antenor noch aus dem Ende 
des 6. Jahrhunderts und eine dreißig Jahre jüngere von Kritios 
und Nesiotes, so entstanden Zweifel, auf welche der beiden die 
erhaltenen Kopien zurückgingen, Zweifel, die sich allmählich 
immer mehr zugunsten der jüngeren Gruppe gelöst haben. Noch 
größeres Aufsehen machte der im gleichen Jahre 1859 in Athen 
erfolgte Fund einer unvollendeten Statuette, in der Charles Lenor- 
mant alsbald eine Kopie der Aihena Parthenos des Phidias 
erkannte. Oft hatte man sich bemüht auf Grund der vielen 
Nachrichten und vermutlicher Nachbildungen sich ein Bild des 
berühmten Meisterwerkes zu machen; man war auch der Wahr- 
heit ziemlich nahe gekommen; aber hier erst traten uns die ernste 
architektonische Haltung des Kolosses und die Verteilung seines 
vielen Beiwerkes in authentischer Gestalt entgegen, und alle 
weitere Forschung hatte ihren festen Halt gewonnen. Schon 



304 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

43 1865 konnte Alexander Conze durch eine Marmorkopie des 
Schildes, die Newton kürzlich aus den Kellern Lord Strangfords 
gerettet und in das Britische Museum geschafft hatte, eine Be- 
stätigung und Erweiterung bringen. Dazu lieferte 1880 Athen 

43 eine etwas größere Wiederholung der ganzen Figur; aus Peters- 392 
bürg veröffentlichte 1883 Gangolf Kieseritzky goldene Relief- 

43 nachbildungen des Kopfes mit seinem überreichen Schmuck, die 

43 eine längst bekannte Wiener Gemme des Aspasios als bestes 394 
Abbild des Kopfes zu Ehren brachten. Während so die Parthenos 
immer deutlicher in allen ihren Zügen herausgetreten ist, wie 
traurig sieht es da mit dem olympischen Zeus aus! Wir müssen 
Johannes Overbeck Dank wissen, daß er 1865/66 in ein paar 

43 hadrianischen Münzen den einzigen bildlichen Anhalt zur an- 405 
schaulichen Vergegenwärtigung nachwies; sonst sind wir nach 
wie vor fast ganz auf Pausanias Beschreibung angewiesen. Nichts 
kann deutlicher als der Vergleich dieser beiden Hauptwerke des 
Phidias den Fortschritt klar machen, den wir durch die Auffindung 
und Identifikation erhaltener Nachbildungen gemacht haben. 

Im Jahre 1 863 trat Friederichs mit dem überzeugenden Nach- 

52 weis hervor, daß Polyklets kanonische Jünglingsgestalt, der Speer- 430 
träger (Doryphöros), in einer Neapler Statue und ihren Repliken 
erhalten sei, ein Gedanke, in dem er sich mit Brunn begegnete. 
Die gediegene, wenn auch etwas einförmige Art des argivischen 
Meisters war damit deutlich bezeichnet, und so war es für Heibig 
eine einfache Sache, 1871 in einer ganz ähnlich gebauten und 

52 komponierten Statue des Britischen Museums, die Newton in 432 
Vaison erworben hatte (S. 97), den Diadumenos desselben Künst- 
lers wiederzuerkennen, obschon Brunn diesen lieber in einer 
erheblich abweichenden Statue von attischem Typus suchte. 1867 
deckte Brunn einen neuen Eckstein der Kunstgeschichte auf, indem 

55 er in Winckelmanns »Leukothea«, einem der schönsten Werke 482 
der Münchener Glyptothek, Eirene und Plutos, die Friedensgöttin 
mit dem kleinen Reichtumsgott auf dem Arme, erkannte, ein 
Werk von Praxiteles Vater, dem älteren Kephisodotos. Die 
Identifikation lag gewissermaßen in der Luft; nachdem Friederichs 
1859 die »kindernährende« Göttin als das Wesentliche der Gruppe 



Polyklet. Kephisodotos. Ägina. Attalosgruppe. Praxiteles 305 

erkannt hatte, waren fast gleichzeitig Stephan i Stark Urlichs O ver- 
beck auf den Gedanken an Kephisodots Werk gekommen, aber 
erst Brunn vermochte die Vermutung durch den Nachweis einer 
athenischen Münze des Münchener Kabinetts, auf der die Gruppe 
abgebildet und der kleine Plutos an seinem Füllhorn kenntlich 
war, zur Gewißheit zu erheben. Nachträglich stellten sich be- 
stätigende Repliken des Knaben ein. Die Gruppe Kephisodots 
stand nun vermittelnd zwischen der Tradition der phidiasschen 
Schule und den Werken von Kephisodots großem Sohne Praxi- 
teles. Um dieselbe Zeit lieferte Brunn einen wichtigen Beitrag 
zur bestimmteren Kenntnis der archaischen Kunst, indem er durch 

37 genaue Analyse in den beiden Giebelgruppen von Ägina zwei 350 a 
Stilstufen unterschied, eine ältere konservative im Westgiebel und 
eine jüngere im Ostgiebel, in der ein neuer lebendigerer Geist 
die starren Formen sprengt (S. 140). Endlich schloß Brunn die 
Reihe dieser glücklichen Entdeckungen 1870 mit dem schlagenden 

70 Nachweis, daß in einer Anzahl halblebensgroßer Statuen, die, 679 f. 
sämtlich aus einem römischen Funde von 1514 herrührend, über 
verschiedene Museen zerstreut waren, die Reste jener vier Gruppen 
erhalten seien, die König Attalos einst auf die athenische Burg 
gewidmet hatte. Von dem Giganten- und dem Amazonenkampf, 
von der marathonischen Schlacht und den Galatersiegen des 
Attalos, von allen hatten sich mehr oder weniger Figuren er- 
halten, die im Stil zu den schon bekannten pergamenischen 
Statuen völlig paßten. Der Nachweis war so einleuchtend, daß 677/78 
leise Zweifel, denen ein Mißverständnis eines von Pausanias ge- 
brauchten Ausdruckes zugrunde lag, bald verstummten. 

So weit bezogen sich fast alle Künstlerbenennungen auf alt- 
bekannte Werke. Mittlerweile waren wir aber in die Ära der 
neuen Entdeckungen eingetreten. Die Ausgrabungen in Olympia 

53 lieferten gleich zu Anfang (1875) die Nike des Päonios, zwei 457 

55 Jahre später den Hermes des Praxiteles. Von beiden und den 505 
Fragen, die sich an sie knüpften, war schon oben (S. 1 24. 1 27) die 
Rede; es verdient vielleicht erwähnt zu werden, daß Emil Braun 
einst geglaubt hatte den Bruder des Hermes, den belvederischen 
»Antinous«, an Polyklet anknüpfen zu dürfen, so stark überwog 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 20 



306 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

der Eindruck der schweren Formen des Oberkörpers. Um bei 
Praxiteles stehen zu bleiben, so entdeckte 1883 Gustave Fougeres 
in Mantineia die Basis einer Gruppe jenes Künstlers (S. 241), 

56 deren Musenreliefs uns deutlichere Aufschlüsse über die praxi- 513 
telischen Gewandmotive darboten; und 1887 erkannten Benndorf 
und Furtwängler ungefähr gleichzeitig in einem schönen locken- 

57 umwallten Jünglingskopf, der vor kurzem in Eleusis zum Vorschein 511 
gekommen war, den Unterweltsgott Eubuleus, den eben damals 
Georg Kaibel durch eine Inschrift als ein Werk des Praxiteles 
sicher gestellt hatte (S. 133). Ja Furtwängler glaubte 1893 in 
einem Aphroditekopfe zu Petworth noch ein weiteres Original- 
werk desselben Künstlers erkennen zu dürfen. 

Während die Künstlergestalt des Praxiteles schon früher nicht 
ganz schattenhaft gewesen war und nun immer klarer sich dar- 
stellte, war das Glück seinem älteren Genossen Skopas minder 
hold gewesen. Zwar hatte schon 1867 Newton an der östlichen 
Seite des Mausoleums, die Skopas zugeteilt gewesen war (S. 96), 

59 drei Friesplatten nebeneinander gefunden und Skopas zugesprochen, 501 
ohne dies jedoch durch genauere Analyse weiter zu begründen. 
Als dann 1882 Brunn in einer eindringenden Studie diese Stücke 
aus allgemeinen Gründen glaubte Skopas absprechen zu dürfen, 
folgten ihm manche. Und doch waren schon 1880 in Tegea Reste 

57 der Giebelgruppen von Skopas zutage getreten, aus denen Kab- 484 
badias und Treu dessen Charakter nachwiesen und deren Zu- 
sammengehörigkeit mit jenen Platten vom Mausoleum Treu mit 
Recht betonte. Auf solcher Grundlage gelang es dann L. R. 
Farnell (1886) und Botho Graf (1889) den Charakter des Skopas 
fester zu bestimmen und in einer Anzahl anderer Werke nach- 
zuweisen, so daß wir seine Art jetzt sicher kennen. Noch ganz 
neuerdings (1902) hat Georg Treu die Zahl seiner bekannten 

57 Werke um eine Nachbildung seiner berühmten rasenden Mänade 492 
bereichert 

Mit Skopas waren an der Ausschmückung des Mausoleums 
drei Künstler verbunden, dergestalt daß Leochares die Westseite, 
Timotheos und Bryaxis die Süd- und Nordseite zugeteilt erhalten 
hatte (S. 96). Von diesen Künstlern trat uns zuerst Timotheos 



Skopas. Timotheos. Bryaxis. Leochares. Pythios. Archermos 307 

nahe durch die Skulpturen des epidaurischen Asklepiostempels 

(S. 134), die Paul Foucart 1890 auf Grund der Baurechnungen 

53 Timotheos zuweisen konnte. Der feine Gewandstil dieser Werke 473 

veranlaßte Franz Winter 1894, dem Künstler auch eine oft wieder- 

58 holte Ledastatue zuzuschreiben; seine später in den palatinischen 
Tempel Augusts versetzte Artemis von ähnlichem Charakter er- 492 
kannte 1900 Walther Amelung in einem Relief wieder. Bryaxis 
erschien 1891 inschriftlich bezeugt auf einer athenischen Basis, 
deren dürftige Erfindung es begreiflich erscheinen lassen mochte, 
daß diesem Bildhauer , die ungünstigste Seite des Mausoleums, 
die nördliche, überwiesen worden war; allein die dort gefundene 

59 prachtvolle Statue eines persisch gekleideten Reiters, eines der 499 
schönsten Stücke unter den Skulpturen des Mausoleums, recht- 
fertigt den Ehrenplatz, den die antike Überlieferung Bryaxis zu- 
wies. Zweifelhafter ist sein Anspruch auf einige besonders schöne 
Friesplatten, deren weitaus hervorragendstes Stück von der Seite 

56 des Skopas stammt, oder auf den Sarkophag der Klagefrauen 515 

(S. 270). Ferner hat Winter 1892 an der Ähnlichkeit mit Leo- 
53 chares längst bekanntem Ganymedes (S. 302) diesem schwung- 519 

58 vollen Künstler auch den belvederischen Apollon zugewiesen, 520 
eine Vermutung, die fast ungeteilten Beifall gefunden hat. Endlich 
ward uns Pythios, der Baumeister und fünfte Bildhauer am 

59 Mausoleum, durch die Statuen des Mausolos und der Artemisia «s 
und die Reste ihres Viergespannes bekannt. 

Noch einige andere Identifikationen, die auf neueren Aus- 
grabungen beruhen, mögen genannt werden. Die hochaltertüm- 

34 liehe durch die Luft hüpfende Nike, die Theophile Homolle 1879 303 
in Delos entdeckte, gehörte zwar nicht, wie man zuerst glaubte, 
mit einer zugleich gefundenen Inschriftbasis des alten Archermos 
von Chios zusammen, führte uns aber doch in die Inkunabeln 
der Skulptur ein, wo dieser Künstler zuerst fliegende Gestalten 
in diesem Sprung- und Laufmotiv in der griechischen Kunst 
einbürgerte. Nicht lange, so schwirrte die Luft förmlich von 
ähnlichen springenden Flügelgestalten. — Auf der athenischen 

36 Burg kam 1886 die beste jener stehenden Frauengestalten (S. 238) 325 
zum Vorschein, die sich aus vielen Bruchstücken fast vollständig 

20* 



308 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

wiederherstellen ließ und mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer 
Künstlerinschrift Antenors verbunden ward. So lernten wir 
diesen Künstler der älteren Tyrannenmördergruppe (S. 303) aus 
einem Werke seiner Jugend kennen, wo er noch im Bann ionischer 
Schulung stand, aber bereits seine Lehrer weit übertraf. — Eine 
1884 zum Vorschein gekommene geringe Hermenbüste mit 

(62) dem Namen Piatons gab Winter 1890 Anlaß die Kunstart Sila- (480) 
nions, eines attischen Realisten, ins Licht zu stellen. — Einige 
Enttäuschung bereiteten 1889 Kabbadias Ausgrabungen in Lyko- 
sura, indem, wie schon oben (S. 241) bemerkt ward, der messe- 
nische Künstler Damophon, den man geglaubt hatte für einen 
Zeitgenossen des Skopas und des Praxiteles halten zu dürfen, 

74,2 bei dem Kennenlernen seiner Werke sich als ein wohl technisch 624125 
gewandter, sonst aber nicht eben erfreulicher Künstler der Spät- 
zeit, etwa des 2. Jahrhunderts, entpuppte. — Im Jahre 1891 
wurden dem Bette des Tiber bei Gelegenheit seiner Reinigung 
38, 8 zahllose Bruchstücke abgewonnen, aus denen sich der »Thermen- 376 
apollon« zusammensetzen ließ, ein Werk von noch leise alter- 
tümlichem Anflug, aber so wunderbarem Reiz, daß Eugen Petersens 
Zurückführung auf den jugendlichen Phidias vielfache Zustim- 
mung gefunden hat. — Weiter haben die Ausgrabungen zu 
Ephesos (S. 190) als feinstes statuarisches Ergebnis die schöne 
Erzstatue eines Schabers geliefert, dessen Ursprung im 4. Jahr- 471 
hundert von Anfang an keinem Zweifel unterliegen konnte. Nun 
ist in Ephesos früher eine Statuenbasis mit dem Künstlernamen 
des Da dal OS, eines Enkels Polyklets, gefunden worden; andrer- 
seits kennt Plinius einen Schaber des Dädalos. Aus diesen Prä- 
missen hat Friedrich Hauser 1902 geschlossen, daß das eben die 
gefundene Statue sei. Das hat auch insofern große Wahrschein- 
lichkeit, als die Statue allem Anschein nach die peloponnesische 
Plastik unter attischem Einflüsse zeigt, wie das für die späteren 
Generationen der Polykleteer an sich wahrscheinlich ist. An- 
scheinend gehört auch das Hauptstück des Fundes von Anti- 472 
kythera (S. 241) derselben Richtung an. — Endlich ergaben die 
Ausgrabungen in Pergamon im Jahre 1903 eine bärtige Herme, 371 
die durch ihre Inschrift, wie es scheint, als eine Kopie von AI- 



Antenor. Damophon. Dädalos. Alkamenes. Verdoppelungen 309 

kamen es »Hermes vor dem Tore«, d. h. von dem Hermes 
Propyläos der athenischen Akropolis, bezeichnet wird. Der Kopf, 
schon durch andere zum Teil bessere Wiederholungen als ein 
angesehenes Werk bekannt, zeigt altertümlich konventionelle 
Formen neben einzelnen lebendigeren Zügen. Genügen letztere, 
die überdies in den besseren Exemplaren fehlen, um in dem 
Meister den tüchtigsten Schüler und Fortsetzer des Phidias, von 
dem wir Werke ganz verschiedener, viel flüssigerer Kunstart 
nachweisen können, zu erkennen? Oder werden wir nicht viel- 
mehr einen älteren Alkamenes, auf den eine schwache Spur der 
Überlieferung führt, als den Urheber annehmen, ja vielleicht gar 
die Frage nach dem Urheber des olympischen Westgiebels 
(S. 123 f.) von neuem aufrollen? Wieder einmal ein Fund, der 
nicht lediglich eine Bereicherung, sondern auch ein neues Pro- 
blem bringt 

Diese Verdoppelung des Alkamenes steht nicht vereinzelt 
da. Bekanntlich findet sich bei den Griechen häufig in derselben 
Familie der gleiche Name, besonders führt der Enkel gern den 
Namen seines Großvaters. So ist es von vornherein nicht un- 
wahrscheinlich dieser Erscheinung auch bei den Künstlern zu 
begegnen, zumal da der Kunstbetrieb sich so oft innerhalb einer 
Familie von Glied auf Glied vererbte. In der Tat hören wir 
aus sicherer Überlieferung beispielsweise von zwei Bildhauern 
des Namens Polyklet, von zweien des Namens Kephisodotos, 
von zwei Malern Aristeides. Überall sind es Großvater und 
Enkel, mag auch die Verteilung der überlieferten Werke unter 
die beiden gleichnamigen Bewerber nicht immer leicht sein; ja 
bei Aristeides gilt der Streit noch immer nicht für ganz ge- 
schlichtet, ob der Großvater (wie ich für sicher halte) oder der 
Enkel der hervorragendere Meister, der berühmte »Aristeides von 
Theben« gewesen sei. Ein ähnlicher Zwist knüpft sich an den 
großen Namen Praxiteles. Daß es auch in späterer Zeit ge- 
ringere Bildhauer dieses Namens gegeben, stand freilich längst 
durch Inschriften fest; aber gewichtigen Zweifeln begegnete es, 
als Otto Benndorf 1871 mit einer für mich ganz überzeugenden 
Beweisführung dem berühmten Meister der demosthenischen Zeit 



310 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

einen älteren Praxiteles des fünften Jahrhunderts an die Seite 
stellte. Diesen bemühte man sich bald im Übereifer auf bloße 
Scheingründe hin bis in die kimonische Zeit zurückzudatieren, 
während eine ruhigere Betrachtung ihn den phidiasschen Nach- 
folgern um die Zeit des peloponnesischen Krieges zuweist; der 
Zeit nach kann er also füglich der Vater des älteren Kephiso- 
dotos (S. 304) und der Großvater seines gleichnamigen großen 
Enkels sein. Wie so oft hat der berühmtere Name in der Über- 
lieferung den minder berühmten in sich aufgesogen. Ein ver- 
meintlicher doppelter Dädalos, ein Sikyonier (S. 308) und ein 
jüngerer Bithynier, schwand aus der Liste der Homonymen, seit 
Theod. Reinach 1897 dem letzteren seinen echten bithynischen 
Namen Dödalses zurückgab. Aber ebenso überraschend wie 
überzeugend war jüngst (1906) der Nachweis von Emil Reisch, 
daß der eine Kaiamis, von dem es gar nicht hatte gelingen 
wollen ein einigermaßen deutliches Bild zu gewinnen, zwei ganz 
verschiedene Künstler gleichen Namens in sich schloß: den bisher 
allein angenommenen Künstler der kimonischen Zeit, dem die 
alte Kunstgeschichte seinen Platz unter den Vollendern des 
Archaismus anwies, und den viel bedeutenderen, Plinius allein 
bekannten, aber bisher gänzlich verkannten Zeitgenossen und Mit- 
arbeiter eines Skopas und Praxiteles. Auch hier wie so oft hat 
eine glücklich gewonnene Einsicht zugleich noch weiter Licht 
verbreitet. Es ward schon oben (S. 146) erwähnt, wie Kaiamis 
Schüler Praxias und Androsthenes, die man nicht abgeneigt war 
einem Mißverständnisse des Pausanias zur Last zu legen, jetzt 
ganz von selbst ihren überlieferten Platz bei der Ausschmückung 
des delphischen Tempels erhielten. 

Doch zurück zu der Wiedererkenntnis wichtiger Werke und 
ihrer Urheber! Daß auch die schon länger bekannten Werke, 
dem allgemeinen Zuge entsprechend, fortwährend auf ihren Ur- 
sprung hin befragt werden, dafür noch ein paar Beispiele. Vom 
ApoUon von Belvedere war bereits die Rede (S. 307). 1893 
habe ich versucht einige der pergamenischen Statuen auf Epi- 
gonos, einen Künstler, dessen inschriftlich bezeugte Bedeutung 
erst die Ausgrabungen in Pergamon gelehrt haben, zurückzuführen 



Kaiamis. Epigonos. Lemnische Athena 311 

70 und in dem sterbenden Gallier, der wie ein Held Roland seine 677 
Trompete neben sich liegen hat, den »hervorragenden« Trompeter 
jenes Meisters, von dem Plinius berichtet, wiederzuerkennen. In 
demselben Jahre hat Furtwängler die treffende Kombination über 
die lemnische Athena dargelegt, auf die schon oben (S. 301) 
hingewiesen ward. Von dieser Athena wissen wir aus alten 
Zeugnissen, daß sie besonders berühmt war, daß sie den Helm 
abgelegt hatte und daß der Umriß ihres Gesichtes, die Zartheit 
ihrer Wangen und ihre schöne Nase bewundert wurden. Nun 
hatten schon mehrere, besonders Otto Puchstein, den phidiasschen 
Charakter einer Statue erkannt, deren beide besten Kopien im 387 
Dresdener Museum stehen; Puchstein hatte auch schon an die 
unbehelmte Lemnierin erinnert. Beide Statuen haben, wie es bei 
größeren Statuen oft der Fall ist, besonders gearbeitete und ein- 
gesetzte Köpfe. Bei der einen ist der Kopf entschieden der 
Statue fremd, bei der anderen gehören Hals und Gesicht sicher 
ursprünglich zur Statue, während Hinterkopf und Helm moderne 
Ergänzung sind. Adam Flasch erkannte mit scharfem Blick, daß 
die echten Teile dieses Kopfes mit einem herrlichen Kopfe in 
Bologna übereinstimmen, einem Werke, in dessen Bewunderung 
alle einig waren, dessen Bedeutung aber sehr verschieden beurteilt 
ward: war es ein Jüngling? eine Amazone? eine Athena? Als 
nun Furtwängler einen Abguß dieses wiederum zum Einlassen 
in eine Statue hergerichteten Kopfes in die erste Dresdener Statue, 
deren falscher Kopf entfernt worden war, einfügte, paßten beide 
Teile so genau zusammen, daß an der ursprünglichen Zusammen- 
gehörigkeit kein Zweifel möglich war. Damit war also für jeden 
Unbefangenen der Beweis erbracht, daß hier eine antike Statue 
phidiasscher Art wiedergewonnen war; der helmlose Kopf wies 
auf die Lemnierin hin, und nur der sehr scharf seitwärts ge- 
richtete Blick schien noch einer Erklärung bedürftig. Auch diese 
ward von Furtwängler gegeben, indem er aus Gemmen, in denen 
ja oft berühmte Statuen ganz oder teilweise nachgebildet werden, 
nachwies, daß die Göttin auf ihren hohen Helm blickte, den sie 
in der etwas emporgebogenen Rechten hielt. Ein vortreffliches, 
noch etwas herbes Werk des Phidias aus der Zeit vor der Par- 



312 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

thenos war wiedergewonnen, und damit zugleich der einzige 
Kopf in wirklich würdiger Nachbildung, aus dem wir diese Seite 
des Meisters kennen lernen können. Endlich hat Studniczka 1902 
einen »Diomedes«torso des Palastes Valentinelli in Rom, von 
eigentümlich gewundener Haltung, mit einem Perseuskopf ver- 
einigt, den Furtwängler, meines Erachtens mit Unrecht (S. 300), 
auf den myronischen Perseus hatte zurückführen wollen. Nun 
hören wir, daß auch Myrons Zeitgenosse Pythagoras einen 
Perseus gebildet hat Es wäre sehr schön, wenn wir hier ein 
Werk wiedergewonnen hätten, welches uns endlich von diesem 
bedeutenden Meister eine lebendigere Vorstellung zu geben ver- 
möchte, als sie sich bisher aus einigen Gemmen und Münzen 
gewinnen ließ. Einen anderen Schritt auf dieser Bahn hat jüngst 
(1907) Fr. von Duhn getan, indem er aus den halb verloschenen 
Spuren der zugehörigen Inschrift den Schluß ziehen zu dürfen 
39 glaubt, daß der delphische Wagenlenker (S. 148) zu einem Vier- 363 
gespanne des Pythagoras gehört habe. 

Genug der Beispiele um zu zeigen, wie im letzten halben 
Jahrhundert durch stilistische Analyse im Verein mit neuen Ent- 
deckungen (sie brauchen nicht immer frisch aus der Erde ge- 
schöpft zu sein, sondern können auch im älteren Antikenbestande 
noch alltäglich gemacht werden) eine große Reihe von Künstlern 
erst lebendige, greifbare Gestalten geworden sind. Man empfindet 
diesen Gewinn besonders lebhaft, wenn man bedeutende Meister 
wie z. B. Euphranor vergleicht, denen noch nicht das gleiche 
Glück zuteil geworden ist und um deren Namen sich deshalb 
Hypothesen über Hypothesen lustig emporranken. Dafür sind 
wir aber neuerdings noch einen Schritt weiter gekommen, indem 
es gelungen ist bei einigen Künstlern oder Kunstwerken mit 
Hilfe neuer Entdeckungen verschiedene Stadien ihrer Ent- 
wickelung aufzuweisen. 

Der erste Schritt auf dieser Bahn ward am Parthenon getan. 

43 Wir wußten aus antikem Zeugnis, daß die Goldelfenbeinstatue 392/94 
von Phidias im Jahre 438 aufgestellt worden ist; damals muß 
also der Bau im wesentlichen fertig gewesen sein. Da ferner 

44 die Reliefs der Metopen nach sicheren Merkmalen nicht erst an 395 



Pythagoras. Stilunterschiede der Skulpturen am Parthenon 31 3 

Ort und Stelle gearbeitet, sondern die Metopen fertig versetzt 
worden sind, so stand deren Vollendung etwa bis zum Jahre 440 
fest; sie waren mithin der älteste Teil des plastischen Schmuckes, 
worauf auch ihr stilistischer Charakter hinwies. Wann aber der 
Bau begonnen worden und ob er 438 in allen Teilen vollendet 
gewesen, darüber tappten wir im Dunkeln, bis Ulrich Köhler (1879) 
und Georg Löschcke (1881) erkannten, daß die Bruchstücke einer 
über mehr als 14 Baujahre sich erstreckenden Bauinschrift den 
Parthenon betrafen. Hiernach war 447 das Anfangsjahr des 
Baues, der somit bis zur »Einweihung« nur neun Jahre in An- 
spruch genommen hat; weiter aber ergeben die Inschriftreste, daß 
noch bis 432, also unmittelbar vor dem Ausbruch des großen 
Krieges, am Parthenon fortgearbeitet worden ist. In diese letzten 
fünf Jahre fallen mit ziemlicher Sicherheit die auch in der Inschrift 

44/46 erwähnten Oiebelgruppen , vielleicht auch ganz oder großenteils 3991. 

46/47 der berühmte Fries, von dem sich sehr wahrscheinlich machen 396/98 
läßt, daß er erst an Ort und Stelle ausgeführt worden ist. Der 
Fries zeigt trotz sehr verschiedener ausführender Hände ziemlich 
durchgängig eine Stilstufe, welche über die der besten Metopen 
hinausgeht; die Giebelgruppen weisen bedeutende Unterschiede 
von unverkennbarer Herbheit bis zu höchster Vollendung, von fast 
akademischer Korrektheit bis zu individuellstem Lebensgefühl auf. 
Danach waren also die Metopen in den vierziger Jahren, der Fries 
etwa im Beginn der dreißiger Jahre entstanden, die Giebelgruppen 
vermutlich erst nach Phidias Tod oder Abgang von Athen (438, 
s. S. 125 f.) von seinen Schülern ausgeführt worden. Dies steht 
ziemlich fest; ist es aber deshalb gerechtfertigt, wie es doch all- 
gemein geschieht, alle gleichzeitigen Skulpturen an diesem Kanon 
zu messen und chronologisch zu bestimmen? Das mag von allen 
den Werken gelten, die dem phidiasschen Kreise nahe stehen 
und unter dem bestimmenden Einflüsse des Meisters und Schul- 
hauptes entstanden sind. Aber es hieße doch alle Erfahrung ver- 
leugnen, wenn man die ganze Kunst der Zeit, ja auch nur die 
ganze attische Kunst in diese chronologische Zwangsjacke stecken 
wollte. Wir machen uns nach den spärlichen Brocken brauchbarer 
Überlieferung leicht ein zu enges Bild von dem Reichtum und 



314 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

der Mannigfaltigkeit selbständiger Strömungen in einer künstlerisch 
so angeregten und tätigen Zeit; wir zwängen leicht den freien 
Gang der Geschichte in Formeln und weisen jeglicher Einzel- 
entwickelung einen ordnungsgemäßen Verlauf an, wo uns ein 
Blick in die Wirklichkeit zeigen kann, wie viel Irrationelles in 
jeder Entwickelung mit unterläuft, wie sie sich keineswegs 
Immer, nicht einmal in der Tätigkeit des einzelnen Künstlers, 
in gleichmäßigem Aufsteigen vom Unvollkommneren zum Voll- 
kommneren abspinnt. 

An ein paar einzelnen Künstlern können wir, so scheint es, 

36 eine Entwickelung verfolgen. Von Anten or, der aus ionischer 325 
Schulung später unter dorische Einflüsse geriet, war schon oben 
(S. 308) die Rede. Polyklet ward uns zuerst durch seinen 

52 Doryphöros in der Gestalt bekannt, die den Alten als die kano- 430 
nische Ausprägung seines Stiles galt. Da kamen in Olympia 
eine Anzahl von Basen mit Künstlerinschriften Polyklets zum 
Vorschein, die auf ihrer Oberfläche die Ansatzspuren von Erz- 
statuen enthielten und deren ehemalige Standweise zu erschließen 
gestatteten. Eine von ihnen wies die Fußspuren eines siegreichen 
Knaben auf, dessen Namen Kyniskos die Inschrift kundgab, in 
Übereinstimmung mit einer Nachricht bei Pausanias. Da sprach 
1892 Maxime Colligfnon die Vermutung aus, daß dieser Kyniskos 
uns in einer Knabenstatue polykletischen Charakters im Britischen 429 
Museum erhalten sein möchte, und Eugen Petersen bestätigte das 
alsbald durch die völlig gesicherte Beobachtung, daß die Füße 
der Londoner Statue (der linke mit ganzer Sohle auftretend, der 
rechte leise zurückgesetzt und nur auf dem Ballen ruhend) ganz 
genau auf die olympische Basis passen. Nun zeigt aber der 
Knabe eine anmutigere, weniger »quadrate« Bildung und Be- 
wegung als der Doryphöros und seine Genossen, was nicht allein 
in dem jugendlicheren Lebensalter, sondern auch in der Stilweise 
begründet ist. Man hätte also an eine fortgeschrittenere Stufe 
gegenüber dem Doryphöros denken können. Da war es denn 
überaus interessant, daß Carl Robert 1900 aus der Siegerliste 
eines in Ägypten neugefundenen Papyrus nachweisen konnte, daß 
der Sieg des Kyniskos in das Jahr 460, die Statue somit in den 



stilistische Entwickelung bei Antenor, Polyklet, Skopas 315 

Anfang der Künstlertätigkeit Polyklets fällt. Wir erblicken also 
vielmehr in ihr ein frühes, sozusagen jugendliches Stadium poly- 
kletischen Stils, von dem er erst allmählich zu seinen stämmigeren 
Normalproportionen und dem soldatischen Antreten seiner kano- 
nischen Jünglinge fortgeschritten ist Inzwischen hatte Furtwängler 
1 893 erkannt, daß zu dem Diadumenos, der sonst ganz den poly- 432 
kletischen Normalstil aufweist, ein Kopf (in Kassel) gehöre, den 
man nach Formen, Haarfülle, Ausdruck allgemein für attisch ge- 
halten hatte. Da wir nun durch Piaton wissen, daß der Künstler 
sich in den dreißiger Jahren eine Zeitlang in Athen aufgehalten 
hat, so ergab sich leicht eine spätere Periode Polyklets mit 
attischen Einflüssen (vgl. S. 138). Dieser Spätzeit gehört nach 
sicherer Kunde auch die Hera des argivischen Heräon (nach 423) 

52 an, deren Kopf, mit den Münzen von Argos übereinstimmend, 433 
nach vielem vergeblichen Suchen hin und her, vor kurzem (1901) 
Charles Waldstein in einem Kopfe des Britischen Museums glück- 434 
lieh wiedergefunden zu haben scheint 

Ähnlich wie mit Polyklet steht es mit Skopas (vgl. S. 306). 

57 Sicher lernten wir ihn zuerst 1 880 aus den Überresten der Giebel- 434 

gruppen von Tegea kennen, die, wie der ganze Tempel, in seine 

Jugend (nach 395) fallen und durchaus den Eindruck pelopon- 

nesischer Schulung hervorrufen; war doch auch sein Vater Aristan- 

dros trotz seiner parischen Herkunft für Sparta tätig gewesen. 

Als wir aber so seinen Stil hatten kennen lernen, traten andere 

57 Werke wie der vatikanische Meleagros, vielleicht auch der Herakles 489 

533 
Lansdowne, hinzu, die im Verein mit sicheren Nachrichten, die 

Skopas längere Tätigkeit in Attika bezeugen, auch bei ihm deut- 
liche attische Einflüsse klarstellten, obschon in den Proportionen 
noch polykletische Nachwirkung erkennbar bleibt Dieser »attische« 

57 Skopas tritt uns beispielsweise in dem packenden »Orabrelief 
57,8 vom Ilissos«, am schönsten in einem herrlichen weiblichen Kopfe 488 
von der Akropolis entgegen. Nach Attika gehört auch der später 
palatinische Apollon von Rhamnus, den W. Amelung 1900 in 490 
einer Statue zu Florenz wiedererkannt hat; des Künstlers Gewand- 491 
behandlung tritt uns darin entgegen. Endlich finden wir Skopas 

59 abgeklärt und seine Genossen weit überragend an seinen Reliefs 501 



316 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

vom Mausoleum wieder; er zeichnet sich durch Reichtum und 
Kühnheit der Motive wie durch Feinheit der Durchbildung aus. 
Diesen Gestalten reiht sich die erst jüngst wiedergefundene rasende 
Mänade an (S. 306), die den Alten als besonders treffendes Beispiel 492 
seiner erregten pathetischen Richtung galt 

Ganz neuerdings beginnen wir auch bei Lysippos Spuren 
einer allmählichen Entwickelung zu erkennen. Als das normale 
Beispiel seines nach allen Seiten ausgeprägten Stils gilt uns der 
63 seit 1849 bekannte Apoxyomenos. Wesentlich die gleichen 536 
stilistischen Eigentümlichkeiten weist der sitzende Ares der ludo- 534 
visischen Sammlung auf, der denn auch schon 1853 von Welcker 
dem lysippischen Kreise zugewiesen ward. Diese allgemein ge- 
teilte Ansicht geriet aber ins Schwanken, als Adam Flasch 1892 
an einem besseren Exemplare des Kopfes in München deutliche 
Anzeichen des mittlerweile bekannt gewordenen Skopasstiles er- 
kannte, und man war geneigt in der Statue trotz ihrem ausge- 
sprochen lysippischen Gesamtcharakter einen für Halikamass be- 
zeugten sitzenden Ares des Skopas wiederzufinden. Aber auch 
dies Rätsel löste sich 1899 infolge einer ebenso scharfsinnigen 
wie glücklichen Entdeckung Erich Preuners. Die delphischen 
Ausgrabungen hatten um 1897 eine Gruppe von Marmorstatuen 
einer thessalischen Fürstenfamilie ergeben, darunter eine Statue 
des Agias mit zugehöriger poetischer Siegerinschrift (S. 148). 532 
Nun konnte Preuner aus Papieren Stackeibergs nachweisen, daß 
dasselbe Epigramm sich einstmals auch auf einer Basis in der 
Heimat des Agias, Pharsalos, befunden habe, hier aber mit dem 
Zusatz, daß die Statue ein Werk Lysipps sei. Also war die 
wohlerhaltene delphische Statue die Kopie einer lysippischen, 
und zwar nachweislich aus seiner frühen Zeit (um 340). Sie zeigt 
aber neben Anzeichen des künftigen Lysippos in dem Stande und 
der Haltung des Körpers nicht bloß einen ziemlich schweren 
Oberkörper, der noch an polykletische Traditionen erinnern kann, 
sondern im Gesicht entschiedene Züge der Art des Skopas. Sollen 
wir deshalb mit Percy Gardner unsere ganze bisherige Anschau- 
ung von Lysippos aufgeben und den Apoxyomenos entthronen? 
Oder ist es nicht natürlicher zu schließen, daß Lysippos, der 



Lysippos. Chronologie der Malerei 317 

selber Polyklet und die Natur als seine Lehrmeister angegeben 
haben soll, in seiner Jugend auch von Skopas, dem bedeutendsten 
Künstler der vorhergehenden Generation, gelernt hat? allerdings 
um alle diese Einflüsse später zugunsten einer ganz neuen Stel- 
lung zur Natur fallen zu lassen. Von dieser Betrachtungsweise 
fällt auch Licht auf andere Werke, die ein ähnliches Übergangs- 
stadium verraten, wie den Herakles der Sammlung Lansdowne. 533 
Man kann doch auch unmöglich einem Künstler, dem man 
nicht weniger als 1500 Statuen zuschrieb, ein Verharren auf 
einem einzigen Standpunkte zumuten, am wenigsten einem so 
großen Meister wie Lysippos. 

Die angeführten Beispiele fortschreitender Erkenntnis, sämtlich 
den letzten Jahrzehnten entnommen, berechtigen zu der Hoffnung, 
daß bei fortgesetzten Funden und Beobachtungen auch die Ge- 
schichte der Entwlckelung der einzelnen Künstler immer mehr 
inneres Leben gewinnen wird — eine aussichtsvolle Aufgabe für 
das neue Jahrhundert! 



Es versteht sich von selbst, daß ähnliche Bestrebungen sich 
auch der Malerei angenommen haben. Sie konnten füglich nur 
bei der attischen Vasenmalerei ansetzen, der einzigen im Zusammen- 
hang erhaltenen Reihe griechischer Malereien. Hier stand die chrono- 
logische Abfolge, schwarzfigurig rotfigurig, im allgemeinen von 
vornherein fest (S. 63 f.), und wenn man auch durch einzelne 
Funde auf der Akropolis schon früh gelernt hatte, daß schon 
vor der persischen Eroberung (480) Vasen mit roten Figuren 
bemalt worden waren (S. 65), so datierte man doch in der 
Hauptsache diese Klasse von Kimon an bis durch das ganze 
4. Jahrhundert, wobei im Anschluß an eine Bezeichnung Winckel- 
manns ein »strenger« und ein »schöner« Stil unterschieden und 
auch chronologisch geschieden wurden. Auf die Namen der 
Vasenfabrikanten (|7coCy](7sv) und der Vasenmaler (sypa^jjsv) ward 
nicht allzuviel Gewicht gelegt; ich erinnere mich in den sechziger 
Jahren bei Fachgenossen Kopfschütteln erregt zu haben, als ich 
in kunstgeschichtlichen Vorlesungen den bedeutendsten oder 



318 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

charakteristischsten Vasenmalem ihren Platz in der Kunstentwicke- 
lung einräumte. 

Da erschien 1879 Kleins »Euphronios«. Hier wurden durch 
eingehende stilistische und gegenständliche Prüfung ihrer Werke 
eine Anzahl von Vasenmalern als künstlerische Individualitäten 
nachgewiesen, ihre Persönlichkeiten und ihre Arbeiten miteinander 
in Zusammenhang gebracht, eine Einzelentwickelung in diesem 
Kunstzweige aufgezeigt. Es war der erste helle Blick in den 
athenischen Kerameikos mit seinen großen Töpferwerkstätten, mit 
seinem Kultus schöner Knaben und Jünglinge, mit seinem zum Teil 
recht ausgelassenen Leben, wo Wein Weib und Gesang herrschten, 
mit dem Brotneide der Töpfer, von dem schon Hesiodos gesungen 
hat. Euthymides, ein etwas rückständiger, wenn auch strebsamer 
Maler, rühmt sich auf einem Gefäße diesmal so schön gemalt 
zu haben, wie es Euphronios niemals gelungen sei; auf einem 
anderen ruft er sich selbst ein »Bravo« zu; auf einem dritten 
trinkt eine Hetäre ihm zu. Man sieht, daß es an Reklame nicht 

88/89 fehlte. Klein unterschied zwei Stufen, den älteren »Kreis des 
Epiktetos«, der den Übergang vom schwarzfigurigen zum rot- 
figurigen Stil machte, und einen jüngeren Kreis, der sich im 
Gegensatze zu altmodischeren Meistern wie Euthymides haupt- 

88,89 sächlich um Euphronios scharte, bei dem acht erhaltene Werke 332/33 
den Nachweis einer allmählichen Entwickelung zu gestatten 
schienen. Unter seinen Schülern und Nachfolgern ragten Brygos, 
89 Hieron, Duris hervor. Diese Emanzipation der athenischen Ton- 334 
maierei setzte Klein der üblichen Datierung gemäß in die kimo- 
nische Zeit. 

Nun kam in den achtziger Jahren die Aufräumung der atheni- 
schen Burg (S. 234 ff.), und aus dem »Perserschutt«, das heißt also 
aus den der Perserzerstörung von 480 vorhergehenden Schichten, 
traten Scherben von Vasen des Euphronios, des Hieron usw. ans 
Licht; ja eine Marmorbasis nannte den »Töpfer Euphronios« als 
Stifter eines Weihgeschenkes, das er anscheinend als Zehnten seiner 
Einnahme dargebracht hatte. Es war also nötig, nicht bloß mit 
Euphronios, sondern auch mit dem wohl etwas jüngeren Hieron bis 
über die Perserzeit hinaufzurücken; ja wenn man die noch weiter 



Stellung der Malerei in der griechischen Kunst 319 

zurückliegenden Vorstufen in Betracht zog, blieb nichts übrig 
als die Anfänge dieser Bewegung noch in die Zeit des Tyrannen 
Hippias, also vor 510, zurückzuverlegen. So ward es auch ver- 
ständlich, daß die Namen der von den Malern um ihrer Schönheit 
willen gepriesenen Jünglinge so viele Anklänge an bekannte Per- 
sonen aus dem Kreise der Tyrannen darboten. Es entstand also 
eine bedeutende Rückwärtsbewegung in der ganzen Chronologie 
der Malerei, um etwa ein halbes Jahrhundert! 

Das war nun nicht etwa bloß eine Erkenntnis wie so viele, 
durch die ein beliebiges Datum etwas verrückt wird, ohne daß 
dieser Stein weitere Wellenkreise zöge. Die ersten Jahrzehnte 
der rotfigurigen Malerei bedeuten vielmehr nicht mehr und nicht 
minder als eine vollständige Emanzipation des attischen Kunst- 
geistes, seine Befreiung aus der Gebundenheit der archaischen 
Kunst in Zeichnung, Gegenständen und Komposition. Da uns 
nun dieselben Ausgrabungen auf der Akropolis auch die attische 
Plastik dieser Zeit genauer kennen lehrten (S. 236 ff.), so ergab 
eine Vergleichung, daß zwar auch in der Plastik etwas von dem 
gleichen Geiste sich spüren ließ, aber der neue Aufschwung sich 
doch viel freier und stärker in der Vasenmalerei regte. In der 
Vasenmalerei, das heißt im malerischen Kunsthandwerk; in wie 
viel höherem Grade wird das also in der für uns völlig ver- 
lorenen großen Malerei dieser Übergangszeit der Fall gewesen 
sein! Hier ließ es sich mit Händen greifen, daß die griechische 
Malerei der Plastik vorangegangen war — eine Wahrheit, die 
ich schon 1884 vor der Aufräumung der Akropolis, damals ziem- 
lich tauben Ohren, gepredigt habe. Oder war das etwa eine 
vereinzelte, also zufällige Erscheinung? Von Phidias hatte man 
schon seit Welckers Zeit (1838) immer lebhafter die Überzeugung 
gewonnen, daß er sehr stark von dem etwas älteren Maler Polygnot 
beeinflußt worden war. Ferner erlebte um die Zeit des pelo- 
ponnesischen Krieges die griechische Malerei durch den Über- 
gang von der Freskotechnik und der historischen Wandkompo- 
sition zur Temperamalerei mit Schatten und Licht und zu dem 
von der Architektur gelösten Staffeleibilde eine so durchgreifende 
Revolution, daß die schwerfälligere Plastik nur langsam folgen 



320 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

konnte. Daß vollends in der hellenistischen Periode alles von 
malerischen Gesichtspunkten beherrscht ward und auch die Skulptur 
anh'ng malerisch zu werden, ist nie bezweifelt worden, seit man 
sich überhaupt um die hellenistische Kunst gekümmert hat. Da 
endlich auch in den ältesten Zeiten die viel leichter zu hand- 
habende Malerei sich nachweislich rascher entwickelt hat als die 
mehr an den Stoff und an eine mühsamere Technik gefesselte 
Skulptur, so ergab sich von selbst die Einsicht, daß durch die 
ganze griechische Kunstgeschichte hindurch nicht die uns so viel 
geläufigere Plastik, sondern die Malerei die führende Kunst gewesen 
ist. Wie wird also das Bild der griechischen Kunst verzerrt, 
wenn man, wie es doch so oft geschieht, die Plastik nicht bloß 
von der Architektur sondern auch von der wegweisenden Malerei 
trennt und isoliert behandelt! 

Die Zurückdatierung der älteren, »strengen« Malerei in die 
Zeit vor den Perserkriegen zog selbstverständlich noch weitere 
Folgen nach sich. Auch die weiteren Entwickelungsstufen der 
Vasenmalerei mußten die Rückwärtsbewegung mitmachen. Unter 
ihnen schied Carl Robert 1882 eine besondere Klasse aus, meist 
90 größere figurenreiche Kompositionen, die sich über bewegtes 381/82 
Terrain mit auf- und absteigendem Grunde hinzogen; die Be- 
wegungen ebenso wie die Gesichtszüge der einzelnen Figuren 
strebten nach scharfer Charakteristik. Dies sind nun grade einzelne 
der Züge, die an den Gemälden Polygnots hervorgehoben werden. 
Somit fand Roberts Vermutung, daß jene Vasenbilder auf poly- 
gnotische Anregungen zurückgingen, fast ungeteilten Beifall; wie 
sie denn Robert als Anhalt dienten verloren gegangene Kom- 
positionen Polygnots, von denen wir nur mehr oder weniger aus- 
führliche Beschreibungen besitzen, bildlich wiederherzustellen, 
gleichsam um die Probe aufs Exempel zu machen. Polygnot war 
in Athen zur Zeit Kimons und in den Anfängen des Perikles tätig; 
somit war für das von seiner Weise abhängige Kunsthandwerk 
die Zeit gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts gegeben. Wenn 
dann aber die nächste Entwickelungsstufe der Vasenmalerei unver- 427 
kennbar den ruhig vornehmen Charakter der phidiasschen Kunst- 
weise trägt, so ist das vielleicht weniger, wie Franz Winter 1885 



Polygnotische und jüngere Vasen 321 

anzunehmen geneigt war, dem direkten Einfluß des Phidias zuzu- 
schreiben, als einer für uns nicht mehr sicher nachweislichen Stufe 
der großen Malerei, die sowohl auf die Skulptur wie auf das 
malerische Handwerk gewirkt hat. So wenigstens erklärt es sich 
am einfachsten, wenn beispielsweise zwei Metopen des Parthenon 
und ein feiner Krug dieser Periode die gleiche Komposition 
wiedergeben (Helena wie sie mit Aphrodites und Eros Beistand 
bei dem Bilde Athenas Schutz vor Menelaos Verfolgung sucht), 
die Vase aber eine Figur, Aphrodites Gefährtin Peitho, aus der 
Originalkomposition beibehalten hat, während in der Metope an 
ihrer Stelle ein gleichgültiger Begleiter des Menelaos auftritt. 

Auch die neue Tafelmalerei (S. 319 f.), deren Anfänge noch 
in die perikleische Zeit fallen, ruft bei den Vasenmalern Versuche 

91 hervor, es ihr in feinen farbigen Kompositionen auf weißem Grunde 423 
gleichzutun oder durch Heranziehen anderer Farben mehr Ab- 465 
wechselung in die Darstellung zu bringen. Dieser Versuch mußte 
freilich an den der Tonmalerei von selbst gesteckten Grenzen 
scheitern. Überdies ist es immer deutlicher geworden, wie das 
Scheitern des Zuges gegen Syrakus (413) die blühende Ausfuhr 
attischer Tonware nach Italien, die nach einer wahrscheinlichen 
Vermutung Furtwänglers durch die perikleische Kolonie Thurioi 
vermittelt worden war, zerstörte und damit dem athenischen 
Töpferquartiere sein bestes Absatzgebiet entzog. So trat denn 
anscheinend Tarent das Erbe Athens an und setzte die attische 
Tendenz auf mehrfarbige Malerei, wie sie beispielsweise eine 
schöne Vase des Britischen Museums mit dem Abenteuer von 

91,6 Peleus und Thetis aufweist, in etwas steifen und bunten Kom- 

92 Positionen fort, recht um nach horazischem Ausdruck den Unter- 524125 
schied zwischen attischem Geld und apulisch-lucanischen Rechen- 
pfennigen zu zeigen. 

So haben also auch auf diesem Gebiete neue Funde und 
schärfere Methode zu einer bedeutenden Verschiebung in der 
Geschichte der Malerei geführt. 



Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 21 



322 XL Entdeckungen und Wissenschaft 

In der Baukunst kann es sich nicht so sehr um stilistische 
Analyse handeln, als um schärfere Beobachtung und genaue 
Kenntnis der antiken Architektur, auch nach ihrer technischen 
Seite. So ist z. B. beobachtet worden, in welchen Zeiten in 
Athen der Akropoliskalkstein dem Porös vom Piräeus, dieser einer 
Breccia aus der Nähe Athens Platz gemacht hat (ebenso wie in 
der Skulptur Porös, hymettischer, parischer, pentelischer Marmor 
aufeinander gefolgt sind), woraus dann chronologische Schlüsse 
für erhaltene Bauten gezogen werden können. Selbst so neben- 
sächlich erscheinende Dinge wie die Form der Klammern, durch 
die die Quadern eines Baues miteinander verbunden werden, 
sind einem Wechsel der Zeiten unterworfen. Es läßt sich z. B. 
mit Hilfe der Klammerformen nachweisen, daß ein von Semper 
und anderen für hochaltertümlich gehaltener Bau auf Korfu 
(Kardäki, Cadacchio) erst der hellenistischen Zeit angehört. Aber 
das sind nur Hilfsmittel des Studiums; es wird sich lohnen an 
ein paar Beispielen zu zeigen, daß auch für wichtigere Fragen 
neue Funde neue Wege gewiesen haben. 

An den Ruinen von Troja und Tiryns hatte Dörpfeld die 
Beobachtung gemacht, daß die Mauern der Häuser nur zunächst is» 
über dem Boden aus Steinen, weiter aber aus Luftziegeln (un- 
gebrannten, bloß an der Luft getrockneten Lehmziegeln) bestanden 
hatten, denen, wie noch heutzutage in Griechenland, behufs größerer 
Festigkeit hölzerne Balken der Länge und der Quere nach ein- 
gefügt worden waren. Dieselbe Bauweise mußte auch für das 
alte olympische Heräon angenommen werden (S. 123). Hier war 25* 
über dem Fundament lediglich die unterste Schicht steinerner 
Quadern (Orthostaten) erhalten, während die ganze Mauer sich 
unter der Einwirkung der Regengüsse in einen Lehmbrei ver- 
wandelt und alles bedeckt hatte. Offenbar hatte die Quaderschicht 
die Erdnässe von der Lehmmauer abhalten sollen, die im übrigen 
durch einen Mörtelbewurf und durch weiten Dachvorsprung vor 
der Witterung geschützt war. An den vorspringenden Wandenden 
(Anten) traten noch die Spuren aufrechter hölzerner Balken her- 
vor, die das Ende der Lehmwand befestigen sollten. Nun wußten 
wir aus Pausanias, daß noch im 2. Jahrhundert nach Christus 



Bautechnisches. Dorische und ägäische Bauweise 323 

im Opisthodom des Heräon eine der beiden Säulen von Holz 
gewesen war; der Schluß lag also nicht fem, daß einst alle Säulen 
des Tempels hölzern gewesen seien, wie die Säulen bei Homer 
und die Säulen der »mykenischen« Bauten. Dieser Schluß fand iss 
eine Bestätigung in der Beobachtung, daß die erhaltenen steinernen 
Säulen der Ringhalle die allerverschiedensten Verhältnisse und 260 
Kapitelle aufwiesen, von den schwerfälligen, gedrungenen Formen 261 
des sechsten bis zu den schlanken, trockenen des vierten oder 
dritten Jahrhunderts. Sie waren also ganz allmählich an die Stelle 
älterer — offenbar der hölzernen — Säulen getreten, im ganzen am 
frühesten an den Wetterseiten, dabei aber doch so durcheinander, 
daß nicht selten eine ganz alte und eine ganz junge Säule un- 260 
mittelbar nebeneinander standen; ein schlagender Beweis, daß 
der Ersatz nicht abschnittweise, sondern je nach dem Bedürfnis 
im einzelnen Fall erfolgt war. Weiter hat sich von dem ganzen 
Gebälk des Tempels kein einziger Rest gefunden: wiederum ein 
deutliches Anzeichen, daß es bis zum Schluß lediglich aus Holz 
bestanden hatte und so zugrunde gegangen war. Nur vom Dach 
11 waren Ziegel und ein kolossaler Firstschmuck in gebranntem und 262163 
bemaltem Ton erhalten; ob sie zu dem ursprünglichen Bau oder 
zu einem Umbau gehört haben, wo das schräge Ziegeldach an 
die Stelle einer graden Balkendecke mit Lehmbewurf getreten 
wäre, das hängt von dem Alter des Tempels ab: eine Frage, deren 
Erörterung hier zu weit führen würde. 

Diese Darlegung Dörpfelds (1884) ließ ein klärendes Licht 
auf die Zusammenhänge zwischen dem dorischen Tempel und 
der Bauweise der ägäischen Zeit fallen. Besonderheiten des 

12,3 Steintempels, wie die an sich unmotivierte doppelte Höhe der 257 
untersten Quaderschicht gegenüber den oberen Wandquadern, 

1,3.7 wie die leicht vorspringende Pfeilerform der Anten, entpuppten 219 f. 

sich jetzt als stehengebliebene Überreste des alten Lehm- und 

Holzbaues. Die Säulen hatten allerdings beim Übergang vom 

Holz- zum Steinbau einen vollständigen Wechsel durchmachen 

müssen: die Verjüngung der Holzsäule nach unten (wie bei einem i85 

modernen Tisch- oder Stuhlbein) hatte bei der Steinsäule einer 
10 Verjüngung nach oben Platz gemacht. Aber im Kapitell ließ 223 

21* 



324 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

sich doch noch ein Zusammenhang finden: der gelegentlich 

g,7 ornamentierte Wulst des ägäischen Kapitells hatte sich in den ge- iss 
schwungenen Echinos des dorischen verwandelt, und die darunter 225 

10,6 befindliche Kehle war wenigstens in den beiden ältesten Tempeln 252 
von Pästum noch in Gestalt einer blattgeschmückten Einziehung 
unter dem Echinos erhalten. Der Zusammenhang dieser beiden 
Formen ward vollends klar, als Puchstein 1899 darauf hinwies, 
daß Poseidonia- Pästum eine achäische Gründung war und das 
einzige Beispiel dieser Kapitellform in Griechenland sich auf der 

10,5 alten achäischen Burg von Tiryns findet; offenbar handelt es sich 
also um eine achäische Tradition aus der alten Heroenzeii 

Dörpfelds Kombination über das Heräon hat nicht überall 
Beifall gefunden, scheint mir aber dennoch in der Hauptsache 
gegenüber den erhobenen Einwänden das Feld zu behaupten. 
Allgemeiner Zustimmung hat sich Dörpfelds Untersuchung über 
15 den ursprünglichen Plan der Propyläen auf der Akropolis zu 408 
erfreuen. Nachdem der mittelalterliche Turm 1876 gefallen (S. 233) 
und dadurch wichtige Aufschlüsse über den südlichen Flügel des 
Torbaues gewonnen worden waren, hatte Richard Bohn 1879/80 
den ganzen Bau neu aufgenommen, ohne daß doch über alle 
Punkte volle Klarheit geschaffen worden wäre. Die Anlage des 
südlichen Flügels mit einer gegen Westen aus der Flucht vor- 
springenden Säule und die Dachgestaltung der beiden Flügel blieb 
unklar; auf der Burgseite sind ferner an den Außenwänden des 
vorspringenden Mittelbaues, die durch eine Menge stehengelassener 

15,4 Versatzbossen als unfertig bezeichnet werden, gewisse Anzeichen 
(Löcher und vorspringende Blöcke) vorhanden, die in dem 
übrigen Bau keine Erklärung finden. Durch scharfe Unter- 
suchung und Kombination aller vorhandenen Anhaltspunkte, wie 
sie nur einem geschulten Architekten möglich war, gelangte 
Dörpfeld 1885 zu der Einsicht, daß Mnesikles den Propyläenbau 
viel größer geplant hatte, daß dann aber dazwischen getretene 
Hindemisse eine Verstümmelung des Baues herbeiführten. Der 
Torbau sollte ursprünglich die ganze Westseite der Burg, beider- 
seits bis an den Rand des steilen Felsens, absperren. Auf der 
Innenseite sollten zwei große zweischiffige Hallen den Mittelbau 



Geschichte des Propyläenbaues 325 

flankieren. Im Norden war die Halle auch ganz oder teilweise 
ausgeführt worden, im Süden dagegen war es nicht dazu ge- 
kommen, ohne Zweifel weil hier das Heiligtum der brauronischen 
Artemis im Wege stand; es hätte sich eine starke Verkleinerung 
gefallen lassen müssen. Ähnlich stand es auf der Außenseite. 
Der Nordflügel konnte plangemäß ausgeführt werden, wie er noch 
heute kühn über seinem hohen Unterbau thront; im Süden be- 

16 fand sich dagegen auf der vorspringenden Bastion ein Heiligtum 410 
der Athena Nike, der man etwa zwanzig Jahre früher beschlossen 
hatte hier einen Tempel und einen marmornen Altar zu errichten. 
Wurde der Plan des Mnesikles ausgeführt, so ward auch hier 
der so schon beschränkte Bezirk der siegspendenden Stadtgöttin 
dermaßen eingeengt, daß der beschlossene Tempelbau sich nicht 
hätte durchführen lassen. Also mußte Mnesikles auch hier seinen 
großartigen Plan beschneiden. Statt einer die ganze Breite der 
Bastion einnehmenden Halle, deren Südflügel dem Nordflügel 
entsprochen, aber in freier Säulenstellung sich gegen das Nike- 
heiligtum geöffnet hätte, mußte er sich begnügen einen Notbau 
zu errichten, der nach Norden, gegen den Aufgang hin, freilich 
gleich lang wie die gegenüberliegende Fassade des Nordflügels 
war, gegen Westen aber, um dem Altar und dem Tempel Platz 
zu lassen, so weit zurückweichen mußte, daß ein verkrüppelter 
Bau» entstand. Das war augenscheinlich keine Lösung, sondern 
ein leicht erkennbarer Notbehelf, der überdies zu einer unbe- 
quemen Gestaltung des Walmdaches (ihre deutlichen Spuren er- 
kannte Dörpfeld) nötigte. Es ist begreiflich, daß der Baumeister 
auf bessere Zeiten hoffte um einmal seinen ganzen Plan auszu- 
führen und wenigstens die Fundamente vollendete. Aber statt 
dessen brach der peloponnesische Krieg aus; der Bau ward ab- 
gebrochen, ohne daß auch nur jene Versatzbossen entfernt worden 
wären, ohne daß die Wände und der Fußboden ihre letzte Be- 
arbeitung erhalten hätten. Nach dem Kriege aber hatte Athen 
andere Sorgen. Im Süden blieb neben dem gestutzten Marmorbau 

15 des Mnesikles ein Rest der alten pelasgischen Mauer als Grenze 388 
zwischen der brauronischen Artemis und Athena Nike, als Ab- 
sperrung des Burgplateaus bestehen; so konnte es im Mittelalter 



326 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

als erwünschte Lücke den Weg zur Burg aufnehmen, auf dem 
die fränkischen Herren Athens und ihre türkischen Nachfolger 
die Burg betraten. Die Nordhalle im Innern der Burg aber, so 
weit sie etwa fertig geworden sein mag, ward niedergerissen, um 
später dem Kanzleigebäude der fränkischen Herzöge, denen die 
Propyläen als Schloß dienten, Platz zu machen. 

So greift Dörpfelds schöne Ermittelung unmittelbar in die 
Geschichte Athens ein und macht uns Vorgänge, die wir sonst 
nur in großen Zügen aus den Berichten der Historiker kennen, 
im einzelnen lebendig. Ähnliche Aufschlüsse verdanken wir Dörpfeld 
für den Parthenon und die verschiedenen Stadien seiner Vorge- 
schichte. Wenn er neuerdings auch die starken baulichen Absonder- 
lichkeiten des Erechtheion aus einem ursprünglich umfassenderen, 
später um fast die Hälfte gekürzten Bauplan zu erklären unter- 
nommen hat, so wäre es voreilig seine Zweifel auszusprechen, 
ehe eine vollständige Vorlage der Akten erfolgt ist. 

Den beiden griechischen Beispielen mögen sich zwei römische 
30 anschließen. Bis vor kurzem galt das Pantheon in Rom als 839 f. 
das Musterwerk augusteischer Baukunst. Steht doch die Inschrift 
des Erbauers Marcus Agrippa noch heute groß und breit über 
den Säulen der Vorhalle. Aber es blieben doch Bedenken be- 
stehen. Im Pantheon Agrippas hatten die Säulen im Inneren 
Kapitelle von syrakusischem Erz gehabt und marmorne Karyatiden 
von dem athenischen Bildhauer Diogenes getragen — von beiden 
erscheint keine Spur, und der Versuch ihr Verschwinden durch 
einen teilweisen Umbau zu erklären ist durch technische Unter- 
suchungen widerlegt worden. Ferner berichten uns sichere Zeug- 
nisse, daß Agrippas Bau zweimal durch Brand zerstört worden 
ist, das erstemal bei einer großen Feuersbrunst unter Titus im 
Jahre 80, sodann im Jahre 1 1 unter Trajan durch den Blitz — 
wie konnte ein Gebäude verbrennen, das nur aus Ziegeln, Marmor 
und Metall bestand? Ja wie konnte es, wenn man nämlich die 
Ausdrücke »verbrannt« oder »vernichtet« nicht ganz wörtlich 
nehmen wollte, auch nur durch Brand schwer beschädigt werden? 
Man verweilte nicht bei diesen Bedenken, sondern begnügte 
sich mit der ebenfalls erhaltenen Kunde, daß zuerst Domitian, 



Geschichte des Propyläenbaues. Das Pantheon hadrianisch 327 

dann Hadrian das Pantheon restauriert habe; da waren also wohl 
die vorgefallenen Schäden ausgebessert worden, und was da 
noch nicht befriedigend hergestellt war, dafür hatten spätere 
— ebenfalls bezeugte — Restaurationen unter Antoninus Pius 
und unter Septimius Severus gesorgt. So waren die Zweifel 
beschwichtigt: die noch erhaltene Rotonda galt nach wie vor als 
augusteischer Bau. 

Allein 1885 machte Heinrich Dressel darauf aufmerksam, 
daß man an verschiedenen Stellen des Rundbaues und der Vor- 
halle nach römischer Weise gestempelte Ziegel bemerken könne, 
die in die Zeit Trajans und Hadrians, sämtlich vor 126, gehörten 
(Ziegelstempel aus jener Zeit enthalten nämlich meistens bestimmte 
Daten oder allgemeine chronologische Merkmale). Die gleiche 
Beobachtung war schon im 18. Jahrhundert gemacht worden. 
Dressel schloß daraus, daß in hadrianischer Zeit der Rundbau 
verstärkt oder neu umkleidet worden sei, eine Annahme, die 
durch die anderweitig bekannte Innenkonstruktion der Mauer nicht 
grade empfohlen ward und das Vorkommen jener Stempel in 
der Vorhalle unerklärt ließ. In der Tat erwiesen genaue tech- 
nische Untersuchungen, die fast zu gleicher Zeit von zwei Archi- 
tekten, 1890 dem Österreicher Josef Dell und 1891/92 dem 
Franzosen Louis Chedanne, angestellt wurden, zwei Tatsachen: 
erstens daß der ganze Bau, Mauer und Kuppel, aus einem Gusse 
war und ein klug ersonnenes System von Pfeilern, Gurten und 
Entlastungsbögen durchgeführt zeigte; zweitens daß die hadriani- 
schen Ziegel in allen Teilen des Baues wiederkehren. Danach 
war also an dem hadrianischen Ursprung des erhaltenen Pantheon 
in seinem ganzen Kerne kein Zweifel mehr möglich — eine 
Tatsache von außerordentlicher Wichtigkeit für die Geschichte 
der römischen Baukunst. Was die augusteische Zeit an Glanz 
verlor, das wuchs der hadrianischen zu; die ganze Geschichte 
des Kuppelgewölbes mußte neu angegriffen werden. Die Inschrift 
Agrippas auf der Vorhalle entsprach der Sitte Hadrians, bei restau- 
rierten Gebäuden dem ursprünglichen Erbauer die alleinige Ehre 
zu lassen. Da es aber dem Schriftcharakter zufolge noch die 
ursprüngliche Inschrift war, die Hadrian wieder anbrachte, so war 



328 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

damit ein leiser Anhalt gegeben für die Form des Pantheons 
Agrippas: es hatte eine gradlinige Fassade. Wie aber sah es 
sonst aus? Hatte es die gewöhnliche oblonge Form der Tempel? 
Oder war es ein Rundbau wie der hadrianische, nur nicht mit 
einer Kuppel, sondern mit einem hölzernen, also verbrennbaren 
Zeltdache bedeckt? Die Untersuchungen Chedannes und einer 
italienischen Kommission unter der Leitung L. Beltramis (1892/93) 
haben leider kein ganz sicheres Ergebnis geliefert, doch scheint 
es, als ob auch Agrippas Pantheon bereits die runde Form ge- 
habt habe. 

Hat die augusteische Zeit auf das Pantheon verzichten müssen, 
so hat sie dafür die Ära Pacis gewonnen (S. 249). Es ist gar 
wenig was wir aus alten Zeugnissen über diesen Altar der au- 
gustischen Friedensgöttin erfahren. Die Literatur schweigt ganz 
davon, Augustus selbst aber erzählt in seinem inschriftlich er- 
haltenen Regierungsbericht (S. 101), daß der Senat im Jahre 13 
vor Christo beschlossen habe zum Dank für seine glückliche 
Rückkehr nach langer Abwesenheit diesen Altar zu errichten und 
ein Jahresopfer einzusetzen. Weitere Inschriften ergeben, daß 
der Altar am 4. Juli 13 gegründet und am 30. Januar 9 einge- 
weiht ward. Als Friedrich von Duhn 1879, von spärlichen Winken 
älterer Gelehrter abgesehen, zuerst die zersprengten großen Relief- 
80 platten des verschollenen Denkmals im Bilde zusammenstellte, 798 
glaubte er ein Monument von ungewöhnlicher Größe annehmen 
zu müssen, von dem ein großer Teil des Bildschmuckes verloren 
gegangen sei. Zu anderen Ergebnissen kam fünfzehn Jahre später 
Eugen Petersen, indem er die noch erhaltenen, aber bisher nicht 
beachteten Architekturreste des Altars heranzog, zusammen mit 
dem Architekten Viktor Rauscher prüfte und daraus schloß, daß 
das Denkmal weit geringere Ausdehnung gehabt habe. Der 
Altarhof war danach einst mit einer marmornen Mauer von etwa 
6 Meter Höhe umgeben; die Länge und Breite dieses Geheges 
ward auf 10,16 Meter berechnet. Im Innern bestand der Schmuck 794 
der Wand hauptsächlich aus fein gearbeiteten Kranzgehängen, 797 
80 außen aus einem Sockel ebenso schönen Rankenwerkes und darüber 796 
80 einem 1^/^ Meter hohen Friese, in dem sich von einem symboli- 795 



Ära Pacis 329 

sehen Mittelpunkt au! der Rückseite aus die kaiserliche Familie 
und der Senat in feierlicher Grandezza an Heiligtümern vorbei 
zum Eingang bewegte um hier dem Opfer am Altare der Friedens- 
göttin beizuwohnen. Das ganze Denkmal, wie Petersen es 1902 
restauriert vorlegte, war würdig den neuen Mittelpunkt der augustei- 
schen Kunstgeschichte zu bilden. 

Alle Bruchstücke, die teils im Cinquecento teils 1859 zum 
Vorschein gekommen waren, stammten aus einem einzigen Fund- 
orte: sie waren unter dem Palazzo Fiano am Corso aus der Tiefe 
des Bodens hervorgezogen worden. Das stolze Denkmal, dessen 
Überreste 1903 anläßlich des historischen Kongresses in Rom 
von A. Pasqui im Abguß zum Ganzen zusammengefügt wurden, 
schien wichtig genug um eine Nachgrabung an Ort und Stelle 
zu lohnen. Die italienische Regierung nahm sie im Winter 1903/4 
unter Pasquis Leitung und Petersens Mitwirkung in Angriff. Man 
mußte 6 Meter unter die jetzige Straßenhöhe und unter die 
Grundmauern der umgebenden Gebäude hinab graben, um im 
Dunkel der Schachte und im tiefen Grundwasser die Reste des 
Altargeheges aufzuspüren. Sie fanden sich aber, und di§ Seiten- 
länge der Mauer stimmte bis auf den Zentimeter mit Petersens 
Berechnungen überein! Die Eingangsseite dagegen war um etwa 
1,20 Meter breiter, aber nur weil die Tür, wohl um den Opfer- 
tieren und dem Zuge bequemeren Durchgang zu gewähren, um 
ebensoviel breiter sich herausstellte: ganz ungewöhnliche Verhält- 
nisse, die man ebensowenig hatte voraussehen können, als daß 
dem vorderen Eingang eine gleiche Öffnung an der Rückseite 
entsprach. Mußten nun auch hiernach einzelne Teile von Peter- 
sens Anordnung einer Änderung unterzogen werden, im ganzen 794/95 
bot doch seine Wiederherstellung des gesamten Denkmals einen 
glänzenden Beleg dafür, mit welchem Grade von Sicherheit vor- 
sichtige, methodische und scharfsinnige Kritik ins Schwarze treffen 
kann. Das Ergebnis aber war ein neues und wichtiges Blatt der 
Kunstgeschichte. 



330 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

Die vorgeführten Beispiele werden dem Leser einen Blick 
in den wissenschaftlichen Betrieb der Archäologie gewährt haben. 
Wie die Wissenschaft durch neue Gesichtspunkte und Methoden 
auf die Ausgrabungen, so haben diese auf die Förderung der 
Wissenschaft mächtig eingewirkt und einen völligen Wandel der 
Richtung bewirkt. Nicht sie allein; wie wir sahen, haben auch 
andere Faktoren ihren Anteil daran. Selbst die an zweite Stelle 
gedrängte Philologie hört nicht auf sich der Archäologie hilfreich 
zu erweisen. Vor allen Dingen die Epigraphik: was wüßten 
wir von der Ära Pacis ohne die Inschriften? Nichts, wir würden 
den Überresten ziemlich ratlos gegenüberstehen. Ob Boethos, der 

76 Schöpfer des »Gänsejungen«, wie die Handschriften des Pausanias 634 
wollen, aus Karchedon (Karthago) stammte, ob sein Name etwa, 
wie Schubart nicht unwahrscheinlich fand, nur eine griechische 
Übersetzung eines punischen Esra oder auch Bonith war, oder 
ob er, wie Otfried Müller vermutete, aus Kalchedon (Chalkedon) 
gebürtig war, darüber würden die Philologen vielleicht noch 
heute mit den Archäologen streiten, hätte nicht eine kürzlich in 
Rhodos gefundene Inschrift für Müller entschieden und zugleich 
dem Künstler seine Zeit innerhalb der hellenistischen Periode, 
im Anfange des 2. Jahrhunderts, angewiesen (S. 194). Welche 
erbitterten Kämpfe sind seit Winckelmann und Lessing über die 

VI Entstehungszeit der Laokoonsgruppe geführt, welche Ströme von 694 
Tinte über die einschlägige Pliniusstelle ausgegossen worden! 
Zuerst schwankte man zwischen dem dritten vorchristlichen und 
dem ersten nachchristlichen Jahrhundert Dann sollte die Gruppe 
jünger als der Gigantenaltar von Pergamon (etwa 180) sein, 
während andere beim 3. Jahrhundert stehen blieben. Dann ward 
auf Grund der Inschriften die Zeit um 100 v. Chr., dann nach 
Maßgabe rhodischer Inschriften die Mitte des 1 . Jahrhunderts an- 
genommen; zuletzt haben chronologisch sicher bestimmbare In- 
schriften die Bestätigung der letzten Ansicht gebracht und den 
vermeintlichen Gipfelpunkt hellenistischer Kunst an das Ende des 
Griechentums versetzt (S. 194). Eine 1905 in Tenos (S. 137) 
gefundene Sonnenuhr hat uns die inschriftliche Belehrung ge- 
bracht, daß ihr Stifter Andronikos von Kyrros, den wir schon 



Nutzen der Inschriften. Philologische Hilfe. Arbeitsteilung 33 1 

als Stifter des sogenannten Turms der Winde in Athen kannten, 
kein Syrer war, wie wir bisher glaubten, sondern daß vielmehr 
die makedonische Stadt Kyrros seine Heimat gewesen ist. Und 
nicht allein die Steininschriften, die ja in der Mitte zwischen 
literarischen und monumentalen Zeugnissen stehen, sondern auch 
die neuerdings in einer eigenen Kammer der Philologie installierte 
>Papyrologie«, die ihre Vorräte immer neu aus dem trockenen 
Sand Ägyptens bezieht, erweist der Kunstgeschichte erkleckliche 
Dienste. Wie lange hat doch der Ansatz Polyklets geschwankt, 
ehe die Siegerliste eines Papyrus aus Oxyrynchos ihm seine feste 
Stelle neben Phidias anwies (S. 314). 

Diese Hilfe und Kontrolle einer methodisch gefestigten Dis- 
ziplin, wie es Philologie und Epigraphik sind, erweisen sich als 
der Archäologie desto heilsamer und unentbehrlicher, je mehr bei 
der bloßen Stilbetrachtung, wie schon oben bemerkt ward (S. 298 f.), 
das subjektive Moment eine entscheidende Rolle spielt. Es ist 
noch nicht lange her, daß die moderne Umwertung aller Werte 
auch die Archäologie in den Fluß aller Dinge hineinzog und die 
antiken Statuen ihre Meister so rasch wechselten wie die Bilder 
unserer Galerien die ihrigen: so viel Köpfe, so viel Sinne. Es 
war ein notwendiges Entwickelungsstadium der entfesselten stili- 
stischen Analyse. Allmählich scheint größere Ruhe eingekehrt 
zu sein; an die Stelle des Hastens nach Neuem ist besonneneres 
Abwägen getreten, und auch manche »veraltete« Auffassung oder 
Zuteilung ist gleich dem Taucher aus dem großen Strudel wieder 
ans Licht emporgestiegen, während zahlreiche Eintagsgebilde im 
dunkeln Abgrunde hängen geblieben sind. Völlig festen Grund 
bietet schließlich nur ein unanfechtbares schriftliches Zeugnis. 

Die Masse der uns neugeschenkten Kunstwerke hat noch 
eine andere minder erfreuliche Folge gehabt. Die Fülle des 
Stoffes läßt sich von dem einzelnen Forscher nicht mehr bis in 
alle Einzelheiten der Funde und der Forschung verfolgen. Wie 
auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Betriebes ist auch 
in der Archäologie Arbeitsteilung eingetreten. Der Eine be- 
schränkt sich auf die Architektur oder gar nur einen Teil von 
ihr^ dem Anderen gilt nichts außer der Plastik; der Dritte fühlt 



332 XI. Entdeckungen und Wissenschaft 

sich befriedigt in den Schranken der rotfigurigen Vasenmalerei; 
ein Vierter glaubt die hellenistische oder die römische Kunst 
ignorieren zu dürfen. Gewiß ist eine Spezialisierung des Studiums 
nötig, um die Masse der neu auftauchenden Denkmäler und Fragen 
gründlich zu studieren, und nichts ist unerquicklicher als ein 
oberflächliches Bönhasentum, das ohne gründliche Kenntnis sich 
in solche Einzelfragen mischt. Aber immer sollen die Einzel- 
arbeiter sich bewußt bleiben, daß ihr Gebiet nur ein kleiner Aus- 
schnitt aus einem großen Ganzen ist; selbst die beliebten Ge- 
schichten der Plastik sind noch lange keine Kunstgeschichte. So 
nützlich, so unentbehrlich die Spezialforscher unzweifelhaft sind, 
doch sollte keiner das Schillersche Wort vergessen: 

Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes 
werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an. 

Ein Handbuch der Archäologie, wie es Karl Otfried Müller 1830 
entwerfen konnte, würde freilich heute kein Einzelner ungestraft 
unternehmen; vestigia terrenti Dazu bedarf es des Zusammen- 
wirkens vieler einzelner Forscher, aber es bedarf ebenso des 
Blickes aller Einzelnen auf das gemeinsame Gesamtziel, damit 
nicht eine Sammlung von Einzelkapiteln entstehe, sondern ein 
Geist durch das Ganze wehe und zum Ganzen strebe. 

Und noch ein Punkt verdient Erwägung. Während in älterer 
Zeit die Archäologie allzusehr in Kunsterklärung aufging, hat 
die Fülle kunsthistorisch wichtiger Denkmäler zu einer ebenso 
ausschließlichen Betonung des kunstgeschichtlichen Gesichts- 
punktes geführt. Das ist nur die entgegengesetzte Einseitigkeit 
In der Philologie hat sich mehr und mehr die Einsicht Bahn ge- 
brochen, daß das Verständnis der Schriftwerke, wie es eben die 
Auslegekunst, die Hermeneutik, bewirkt, zum Allernotwendigsten 
gehöre und die Literaturgeschichte nur auf einer solchen Grund- 
lage sicher ruhe. In der Archäologie ist es nicht anders. Wir 
brauchen nicht gerade einfach zu der alten, wesentlich philologischen 
Erklärungsweise, die das Bild am Maßstabe des Wortes prüfte, 
zurückzukehren. Auch das Kunstwerk redet seine eigene Sprache, 
die es zu verstehen und in der Erklärung zur Geltung zu bringen 
gilt. Es gibt nicht bloß eine geschriebene, sondern auch eine 



Einseitigkeiten 333 

bildliche Tradition, die ihren besonderen Gesetzen folgt Aber 
es erscheint mir nicht richtig — mag das auch sehr unmodern 
klingen — im Kunstwerk nur die Form, im Bilde nur die Farbe 
und die Linie zu beachten, den Inhalt für mehr oder weniger 
gleichgültig zu erklären. Am wenigsten darf das für antike 
Kunstwerke gelten. Schon der Maler Nikias wies darauf hin, daß 
auch der Gegenstand einen erheblichen Teil der Malerei aus- 
mache. Die antike Kunst kennt sowenig wie das antike Leben 
eine absolute Herrschaft der Form. Den Athenern galt erst der 
für vollkommen, der mit der Schönheit die innere Tüchtigkeit 
verband. Nicht anders ist es mit der griechischen Kunst. Daß 
Lysippos an formaler Vollendung das Letzte der griechischen 
Kunst bezeichne, kann man zugeben; dennoch steht Phidias höher, 
weil er reicheren und höheren Inhalt bietet, der sich ganz mit 
seiner Form deckt. Die Form ist aber nur die Hülle, die sich 
der Inhalt schafft: 

nichts ist drinnen, nichts ist draußen, 
denn was innen, das ist außen. 

Form und Inhalt sind untrennbar und eins; erst ihr Verhältnis 
zueinander bestimmt den Wert des Kunstwerkes und bildet den 
wahren Gegenstand der Forschung. 

Möchten die jungen Archäologen des neuen Jahrhunderts, 
denen das alte eine so reiche Erbschaft erworben und übergeben 
hat, diese unzeitgemäßen Betrachtungen und Mahnungen eines 
Veteranen nicht ganz unbeachtet lassen: unsere Wissenschaft, des 
bin ich gewiß, würde es ihnen danken. 



CHRONOLOGISCHE ÜBERSICHT 



1790 [Antiquities of Athens, Band II, 1787.] 

1792 [Massi, Indicazione antiq. del Museo Pio Clemenäno.] 

97 Vertrag von Tolentino: Auslieferung römischer Antiken an 
Frankreich. 

98/01 Bonapartes Zug nach Ägypten. 

99 Pompeji: Championnets Ausgrabungen. 

1800/3 Athen: Elgins Arbeiten. 

1801 London erhält die ägyptische Beute. 
„ Eröffnung des Mus^e Napoleon. 

01/2 Clarke, Dodwell, Gell, Leake in Griechenland. 

1802 Wilkins in Athen (Entasis). 

1804 Paris: Societe des antiquaires de France. 
„ Miliin bereist das südliche Frankreich. 

1805 London erwirbt die Sammlung Townley. 

05/6 Dodwell, Gell, Leake von neuem in Griechenland. 

1807 [Gell, Ithaca.] 

„ [Wilkins, Antiquities of Magna Graecia.] 

„ Pompeji: Arditis Ausgrabungsplan. 

08/15 Pompeji: Ausgrabungen unter Königin Caroline. 

1810 [Gell, Argalis.] 

„ Bröndsted, Cockerell, Foster, Haller, Koes, Linckh, Stackeiberg 
in Athen. Cockerell untersucht die Entasis der Säulen. 

1811 [Byron, Curse of Minerva.] 

„ Ägina: Giebelgruppen des Tempels. 

1812 Bassä: Fries. 

„ Burckhardt entdeckt Petra. 

„ Cockerell in Sicilien. 

„ Kronprinz Ludwig von Bayern erwirbt die Ägineten für München. 

12/13 Gell, Gandy, Bedford in Attika. 

1814 London erwirbt den Fries von Bassä. 

1815 [Visconti, Memoires sur des ouvrages de sculpture du Parthinon] 

1816 Das Britische Museum erwirbt die Elgin Marbles. 
„ [Antiquities of Athens, Band IV.] 

„ Rückgabe der Antiken aus dem Mus^e Napoleon. 

„ Stackeiberg in Rom. 

16/17 [Laborde, Monuments de la France.] 
17/20 Ker Porter in Vorderasien. 



Chronologische Übersicht 335 

1818 [Quatremere, Lettres ä M. Canova.] 

1819 [Dodwell, Class. and topogr. tour through Greece.] 

1820 Aphrodite von Melos. 

1821 Nibby erkennt die pergamenischen Galatergruppen. 
21/22 Die athenische Akropolis von Voutier beschossen. 

1822 Gerhard in Rom. 

22/23 Harris und Angell in Selinunt. 

1823 Panofka in Rom. Hyperboreisch-römische Gesellschaft. 
23/24 Hittorff in Sicilien. 

1824 Gerhard in Etrurien. 

1826 Die athenische Akropolis von Reschid Pascha beschossen. 

1827 Corneto: Wandgemälde. 

„ Laborde in Syrien und Arabia Petraea. 

1828 Luynes in Metapont. 
28/29 Vulci: Vasenfunde. 

28/30 Ägypten : italienische Expedition unter Rosellini u. Champollion. 

1829 Rom: Instituto di corrispondenza archeologica. 
„ Olympia: französische Ausgrabungen am Zeustempel. 

1830 Eroberung von Algerien begonnen. 
„ Berthouville bei Bernay: Silberfund. 

„ Krim: Dubrux öffnet den Kul Oba bei Kertsch. 

„ Eröffnung des Berliner Museums und der Münchner Glyptothek. 

„ [Antiquities of Athens, Supplement] 

30/32 Semper in Italien. 

1831 Pompeji: Mosaik der Alexanderschlacht. 
„ [Gerhard, Rapporto volcente.] 

1832 Thomsen scheidet Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit. 
33/36 Athen: Aufräumung der Burg unter Roß. 

33/37 Texier bereist Kleinasien. 

1834 [Dodwell, Views of Cyclopian remains.] 
34/42 [Serradifalco, Antichitä della Sicilia.] 

1835 Athen: Wiederaufrichtung des Tempels der Nike Apteros. 
35.37.43 Roß in Thera. 

1836 Cerveteri: Grab Reguhni-Galassi. 

„ Rawlinson entziffert die Inschrift von Behistan. 

1837 Athen: Pennethorne entdeckt die Curvaturen am Parthenon. 
„ Athen: Archäologische Gesellschaft. 

„ [Kramer, Styl und Herkunft der bemalten griech. Tongefäße.J 

1838 Fellows bereist Kleinasien. 

1839 Sophoklesstatue gefunden. 

39/40 Fellows bereist wiederum Lykien. 

1840 K. O. Müller in Delphi, stirbt in Athen. 

40/41 Coste und Flandin bereisen Persien. 



336 Chronologische Übersicht 

1841 Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande, 

„ Schönbom entdeckt das Heroon von Oiölbaschi. 

1842 Luni: Giebelgruppe von Tonfiguren. 

„ London erwirbt das Nereidendenkmal von Xanthos. 

43/44 Lykien: erneute Expedition unter Fellows. 

„ Roß in Rhodos (Künstlerinschriften). 

„ Lebas bereist Griechenland und Kleinasien. 

43/45 Ägypten: preußische Expedition unter Lepsius. 

43/46 Chorsabad von Botta ausgegraben. 

1844 Chiusi: Fran^oisvase. 

1845 Roß in Kypros. 

„ Falkener in Ephesos. 

45/47 Nimrud von Layard ausgegraben. 

„ Paccard in Athen. 

1846 Halikamass: Reliefs nach London geschafft. 
„ »Apollon« von Tenea gefunden. 

„ Erste Funde in Hallstatt. 

„ Boucher de Perthes beginnt seine prähistorischen Veröffent- 
lichungen. 

„ Athen: Ecole frangaise, 

46/47 Penrose in Athen. 

1847 Tetaz in Athen. 

1848 Rom: Odysseebilder von Via Graziosa. 

„ [Dennis, Cities and cemeteries of Etniria.] 

1849 Rom: Lysipps Apoxyomenos. 

„ Rom: De Rossi entdeckt die Calixtuskatakombe. 

49/51 Kujundschik von Layard und Rassam ausgegraben. 

49/52 Loftus in Babylonien. 

50/80 Mariette in Ägypten. 

1851 [Penrose, Investigation of the principles of Athenian architeäure.] 
51/54 Oppert, Fresnel und F. Thomas in Babylonien. 

51/55 Memphis: Mariette entdeckt das Serapeum. 

1852 Heräon bei Argos untersucht. 

„ Beginn der Ausgrabungen in Südrußland. 
52/53 Athen: Beule legt den Burgaufgang frei. 
52/59 Newton in der Levante. 

1853 Spratt entdeckt des Smintheion. 
Villanova: Nekropole. 
Erste Höhlenfunde in Südfrankreich. 
Brunn erkennt Myrons Marsyas. 
Jahn erkennt Lysipps Kairos. 
Wien: Centralkommission zur Erforschung und Erhaltung der 

Baudenkmäler. 



Chronologische Übersicht 337 

1853/55 Loftus und Taylor bereisen Babylonien. 

53/59 [Brunn, Geschichte der griechischen Künstler.] 

1854 Erste Pfahlbaufunde in der Schweiz. 

„ Sardes: Spiegelthal untersucht das Alyattesgrab. 

„ [Jahn, Einleitung zum Katalog der Münchner Vasensammlung.) 

55/60 Pompeji: Stabianer Thermen. 

56/57 Conze bereist die Inseln des thrakischen Meeres und Lesbos. 

1857 Vulci: grotta Frangois. 

„ Halikamass: Mausoleum von Newton aufgedeckt. 

57/58 Knidos und Branchiden: Newton. 

„ Rey bereist den Hauran. 

1858 Athen: Odeion des Herodes Atticus. 
„ Lauersfort: Phalerä. 

1859 Oppert untersucht Babylon. 

„ Eleusinisches Relief; Athenastatuette Lenormant. 

„ London erwirbt Vasen von Kameiros (Salzmann). 

59/62 Athen: Attaloshalle. 

1860 Renan bereist Phönicien. 

„ Kyrene: Smith und Porcher. 

„ {Boucher de Perthes, De V komme antediluvien.] 

60/75 Pompeji: Fiorelli leitet die Ausgrabungen. 

1861 Galatien und Bithynien: Perrot und Ouillaume. 
„ Makedonien: Heuzey und Daumet. 

61/62 Delphi: Foucart und Wescher. 

„ De Vogüe bereist den Hauran. 

61/69 Rom: Ausgrabungen auf dem Palatin. 

1862 Athen: Bötticher(Akropolis), Curtius (Pnyx) und Strack (Theater). 
„ Teos: Pullan entdeckt Friesplatten des Dionysostempels. 

„ Samos: Humann untersucht das Heräon. 

„ Alesia: Ausgrabungen auf Veranlassung Napoleons HI. 

62/63 Nikopol: Grabfunde. 

1863 Rom: Aug^stus von Prima Porta. 
„ Samothrake: Nike (Champoiseau). 

„ Friederichs erkennt Polyklets Doryphoros. 

„ [Kirchhoff, Studien zur Geschichte des griechischen Alphabets 
(chalkidische Vasen).] 

1864 Luynes bereist Syrien. 
„ Thasos: Miller. 

„ Brunn studiert das Julierdenkmal von St. Remy. 

„ Erste Funde in La Tene. 

1865 Cerveteri: altertümliche Vasengattung. 
„ Marzabotto: Nekropole. 

„ Rom: kapitolinischer Tempel. 

Michaelis, Ein Jahrhundert kunstarchäologischer Entdeckungen. 22 



338 Chronologische Übersicht 

1865 Alexandrien: HeiUgtum Arsinoes. 

1866 Stnintheion und Athenatempel in Priene: Pullan. 
66/96 Humann in Kleinasien. 

1867 Brunn erkennt Kephisodots Eirene. 
67/76 Kypros: Cesnola. 

1868 Schliemann bereist die homerischen Stätten. 
„ Hildesheim: Silberfund. 

„ (Schöne, Pompeianarum quaestionum specimen.] 

1869 Rom: Haus der Livia. 

69/74 Ephesos: Wood entdeckt das Artemision. 

1870 Athen: Gräberstraßen am Dipylon. 

„ Brunn erkennt die Statuen vom attalischen Weihgeschenk. 
„ [Conze, Zur Geschichte der Anfänge griechischer Kunst 
(geometrischer Stil).] 
70/74 Tanagra: Terrakottenfunde. 

1871 Athen: Dipylonvasen. 

„ Bologna: Friedhof an der Certosa. 

„ Troja: Schliemann. 

„ Curtius, Adler, Stark, Hirschfeld in Kleinasien. 

„ Das Archäologische Institut wird preußische Staatsanstalt. 

„ Heibig erkennt Polyklets Diadumenos. 

1872 Rom: Reliefschranken auf dem Forum. 
„ [Michaelis, Der Parthenon.] 

72/73 Rayet und A. Thomas im Mäandertal (Milet, Magnesia, Priene)» 

1873 Samothrake: österreichische Ausgrabungen. 
„ Delos: Lebegue untersucht die Felsgrotte. 

„ Mau erkennt die Stile der pompejanischen Wanddekoration. 
„ [Heibig, Untersuchungen über die campanische Wandmalerei 

(Hellenismus).] 
„ [Fiorelli, Relazione degli scavi di PompeL] 

1874 Mykenä: Schliemann. 

„ Teos: G. Hirschfeld untersucht die Ruinen. 

„ Das Archäologische Institut wird deutsche Reichsanstalt. 

„ Athen: Deutsches archäologisches Institut. 

74/78 Stolze in Persien. 

75/80 Olympia: deutsche Ausgrabungen. 

1875 Olympia: Päonios Nike. 

„ Samothrake: neue österreichische Ausgrabungen. 

75/76 Dodona: Monteyko und Karapanos. 

„ Rom: Tempel des kapitolinischen Juppiter. 

1876 Athen: Asklepieion. Südflügel der Propyläen (Turm abge- 

brochen). 
Delos von Homolle untersucht. 



Chronologische Übersicht 339 

1876 La Tene: Beginn der Ausgrabungen. 
77/94 Delos: französische Ausgrabungen. 

77/78.80/81 Telloh: de Sarzecs Ausgrabungen. 

1877 Olympia: Hermes des Praxiteles. 
„ Spata: »mykenische« Funde. 

„ [Nissen, Pompejanische Studien.] 

77/07 Camuntum: Ausgrabungen. 

1878 Troja: Schliemann zum zweiten Male. 
„ Knosos: Kalokairinos Ausgrabungen. 
„ Andreas in Persepolis. 

„ Rom: Haus in der Famesina. 
78/86 Pergamon: preußische Ausgrabungen. 

1879 Samos: Girard untersucht das Heräon. 

„ Delos: fliegende Nike (des Archermos?). 

„ London : Society for the promotion of Hellenic studies. 

„ [Klein, Euphronios.] 

79. 81 Duhn sammelt die Überbleibsel der augusteischen Ära Pacis. 

1880 Flinders Petrie beginnt seine Arbeiten in Ägypten. 
„ Delphi: HaussouUier. 

„ Orchomenos: Schliemann. 

„ Menidi: Kuppelgrab, 

„ Tegea: Überreste von Skopas Giebelgruppen. 

„ Fr. Lenormant bereist Unteritalien. 

80/82 Myrina: französische Ausgrabungen. 

1881 Maspero beginnt seine Tätigkeit in Ägypten. 
„ Clermont-Oanneau bereist Phönizien. 

„ Dörpfeld, Borrmann und Genossen studieren die farbigen 

architektonischen Terrakotten. 
„ Tunis unter französischem Protektorat. 
„ Konstantinopel: Museum im Tschinili-Kiosk. 
81/83 Assos: amerikanische Ausgrabungen. 
81.84.86.88 Ramsay bereist Lydien und Phrygien. 

81/03 Epidaurisches Hieron: griechische Ausgrabungen. 

1882 Karien und Lykien: österreichische Expedition (Giölbaschi). 
Sardes: Dennis öffnet einen Grabhügel. 
Klazomenä: die ersten bemalten Tonsarkophage. 
Samos: Wasserleitung des Eupalinos. 
Wilson besucht Petra. 

Alatri: Bassel untersucht die Wasserleitung. 
Robert erkennt eine Vasenklasse als polygnotisch. 
Athen : American school of classical studies. 
London: Egypt Exploration Fund. 

82/90 Eleusis: griechische Ausgrabungen. 

22* 



340 Chronologische Übersicht 

1882/90 Adamklissi: rumänische Ausgrabungen. 

82/03 [Perrot und Chipiez, Histoire de Vart antique.] 

1883 Nemrud Dagh: Humann und Puchstein. 
„ Rom: Tempel und Atrium der Vesta. 

„ [Milchhöfer, Anfänge der griechischen Kunst (Kreta).] 

1884 Kreta: Zeusgrotte am Ida, italienische Ausgrabung. 
„ Tiryns: SchHemann. 

„ Athen: Stamatäkes beginnt die Ausgrabung der Akropolis. 

„ Elateia: französische Ausgrabung. 

„ Rom: Erzstatue eines Faustkämpfers. 

„ [Wright: Empire of the Hittites.\ 

„ [Dörpfeld erläutert die älteste griechische Bauweise.] 

84/86 Naukratis: englische Ausgrabungen. 

84. 86/87 Oropos, Amphiaraeion: griechische Ausgrabung. 

1885 Susa: Dieulafoy. 

„ Pamphylien und Pisidien: Lanckoronski, Niemann, Petersen. 

„ Athen: British school. 

„ [Dörpfeld über die Propyläen.] 

85/86 Lesbos von Koldewey bereist (Messa). 

„ Ptoion: französische Ausgrabungen. 

85/91 Athen: Ausgrabungen auf der Akropolis unter Kabbadias 
Leitung. 

1886 Athen: Frauenstatue Antenors. 
„ Ägä: deutsche Untersuchung. 

86. 89. 95 Athen: dionysisches Theater (Dörpfeld). 

1887 Sidon: Fürstengräber (Alexandersarkophag). 

„ Hierapolis: Humann, Cichorius und Genossen. 

„ Tell-el-Amarna: Tontafelarchiv. 

„ Fajum: die ersten Mumienbildnisse. 

„ Delphi: Pomtow. 

„ Eleusis: Eubuleus. 

„ Rom: Thronlehne Ludovisi. 

„ Falerii: italienische Ausgrabung (Tempel). 

87/88 Athen: Eumeneshalle. 

„ Mantineia: französische Ausgrabungen (praxitelische Reliefs). 

„ Kabirion unweit Theben: deutsche Ausgrabung. 

1888 Daphnä in Ägypten: englische Ausgrabung (bunte Vasen). 
„ Sendschirli: erste deutsche Ausgrabung. 

„ Baphiö bei Sparta: griechische Ausgrabung (Goldbecher). 

„ [Schreiber, Wiener Brunnenreliefs (hellenistische Reliefbilder).] 

88/89 Tegea: französische Untersuchung. 

„ Marzabotto: italienische Ausgrabung (Stadtanlage). 

88/1900 Babylonien (Nippur): amerikanische Ausgrabung. 



Chronologische Übersicht 341 

1889 Illahun: englische Ausgrabung, 
„ Neandreia: Koldewey. 

„ Lokroi: italienische Ausgrabung (ionischer Tempel). 

„ Alatri: italienische Ausgrabung (Tempel). 

89/90 Sikyon: amerikanische Ausgrabung (Theater). 

„ Lykosura: griechische Ausgrabung (Damophon). 

1890 Tell-el-Hesy: Ausgrabung Fl. Petries. 
„ Troja: Schliemann zum drittenmal. 

„ Magnesia: Hiller v. Gärtringen (Theater). 

90/91 Sendschirli: neue deutsche Ausgrabungen. 

„ Megalopolis: britische Ausgrabung. 

90/93 Rom: Untersuchungen am Pantheon. 

1891 Delphi: Vertrag mit Frankreich. 

„ Rom: Apollonstatue aus dem Tiberbette. 

„ [Dörpfelds Arbeit über die Hypäthraltempel.] 

91/93 Magnesia: Ausgrabungen des Berliner Museums. 

1892 Collignon erkennt Polyklets Kyniskos. 

92/93 Heräon bei Argos: amerikanische Ausgrabungen. 

92/94 Sicilien und Unteritalien: Koldewey und Puchstein unter- 
suchen die Tempelruinen. 

92/97 Athen: deutsche Ausgrabungen an der Pnyx (Enneakrunos). 

92/1903 Erforschung des germanischen Limes. 

1893 [Furtwängler, Meisterwerke der griechischen Plastik.] 
„ Furtwängler erkennt Phidias lemnische Athena. 

93/94 Troja: Dörpfeld. 

93/1901 Delphi: französische Ausgrabungen. 

1894 Sendschirli: neue deutsche Ausgrabungen. 
„ Samos: Böhlau untersucht die Nekropole. 

„ Rom: Petersen rekonstruiert die Ära Pacis. 

„ [Reichel, Die homerischen Waffen.] 

94/95 A. Körte bereist Phrygien, 

„ Pompeji: Haus der Vettier. 

„ Boscoreale: villa rustica. 

94/96 Der el Bahri: Tempel der Hatschepsowet. 

1895 Tell-el-Amarna: englische Ausgrabungen (Amenophis IV). 
„ Borchardt beginnt seine Tätigkeit in Ägypten. 

„ Boscoreale: Silberfund. 

„ Rom: Markussäule photographiert. 

„ [Hartel und Wickhoff, Die Wiener Genesis.] 

95/96 Didymäon: französische Untersuchung. 

95/99 Priene: Ausgrabungen des Berliner Museums. 

1896 Conca: französische und italienische Ausgrabungen. 
96/97 Athen: Nordwestfuß der Akropolis (Pansgrotte). 



342 Chronologische Übersicht 

1896/1901 Thera: Hiller von Qärtringen. 

96/1907 Ephesos: österreichische Ausgrabungen. 

1897 Nagada: Menesgrab. 

„ Kom-el-achmar: Statuenfund. 

„ Susa: Beginn neuer französischer Ausgrabungen, 

„ Elche bei Alicante: Frauenkopf. 

97/98 Brünnow und v. Domaszewski bereisen die Provinz Arabia. 

97/99 Thermos: griechische Ausgrabungen. 

1898 Wien: Österreichisches archäologisches Institut, 
„ Berlin: Deutsche Orient-Gesellschaft. 

98/99 Alexandrien: deutsche Ausgrabungen. 

1899 Megara: deutsche Ausgrabung (Brunnenhaus). 
„ Syrien von Butler bereist. 

„ Preuner erkennt Lysipps Agias, 

99/1901 Abu Ourab, Heiligtum des Re: deutsche Ausgrabung. 

99/1904 Baalbek: deutsche Untersuchung. 

99/1907 Babylon: Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. 

„ Milet: Ausgrabungen des Berliner Museums. 

„ Haltern: Ausgrabung eines Kastells (Aliso?). 

1900 Gordion: A. und G. Körte. 

„ Alexandrien: Grab Kom-esch-schukafa, 

„ Antikythera: Bergung versunkener Erzstatuen. 

00/1 Alexandrien: deutsche Ausgrabungen. 

00/5 Knosos: Evans. 

00/7 Pergamon: neue deutsche Ausgrabungen. 

1901 Ägina: bayrische Ausgrabung am Tempel. 
„ Waldstein erkennt Polyklets Hera. 

„ Römisch -germanische Kommission des Archäologischen In- 
stituts. 

„ [Strzygowski, Rom oder Orient?] 

1902 Samos: griechische Ausgrabung am Heräon. 

„ Delos: Wiederaufnahme der französischen Ausgrabungen. 

„ Treu erkennt Skopas Mänade. 

„ [Petersen, Ära Pacis Augustae.] 

02. 04 Kos: deutsche Ausgrabung des Asklepieion. 

02/4 Abusir: Borchardt studiert die Pyramidenanlagen. 

„ Tell-Taannek: österreichische Ausgrabung. 

„ Lindos: dänische Grabungen auf der Burg. 

„ Argos: holländische Ausgrabungen. 

02/5 Geser: englische Ausgrabungen. 

1903 Pergamon: Herme des Hermes nach Alkamenes. 
„ [Delbrück: Drei Tempel am Forum Holitorium.] 

„ [Strzygowski, Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte.) 



Chronologische Übersicht 343 

1903/4 Rom: Ausgrabung nach der Ära Pacis. 
03/5 Megiddo: deutsche Ausgrabungen. 
03/7 Assur: Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. 

1904 Kamak: Fund alter Statuen. 

„ Syrien von Butler und Littmann bereist. 
„ Der el Bahri: Totentempel des Mentuhotep. 

1905 Oberaden: Fund eines römischen Kastells (Aliso?). 

1906 Abessinien: deutsche Expedition. 

1907 Jericho: österreichische Ausgrabung. 



REGISTER 



Aachen, Antiken 23. 

Abdalonymos 270. 

Abessinien 260 f. 

Abgußmuseen 290. 293 f. 

Abu Qurab 257. 

Abu Habba 262. 

Abu Hatab 264. 

Abu Roasch 257. 

Abu Simbel 82. 84. 

Abusir 257. 

Abydos 254. 258. 

Achäer 219. 221. 222. 227. Kapitell 
244. 324. 

Adalia 187. 

Adamklissi 286. 

FAdler 122. 128. 129. 160. 

Ägä 170. 

Ägäische Kultur 227. 

Agias 148. 316. 

Ägina 11. 31. 32 ff. 138 ff. 305. 

Ägisthosrelief 245. 

MAgrippa 326 ff. 

Ägypten 13 ff. 92 ff. 159. 245 ff . 
und >mykenische« Kunst 220 ff. 
226ff. 256 f. 

Aksum 261. 

Alatri 246. 

Alba Fucens 246. 

Albani, Sammlung 6. 7. 22. 24. 

Aldobrandini, Sammlung 6. Hoch- 
zeit 8. 



Aleksandropol 103. 

Alesia 207. 283. 

Alexandermosaik 65. 108. 157. 

Alexandersarkophag 270. 

Alexandrien 195. 260. 

Alexandros von Antiocheia 48 f. 

Algerien 278 f. 

Alinda 171. 

Aliso 284. 

Alkamenes 36. 123 f. 168. 308 f. 

Alyattesgrab 274. 

Amathus 268 f. 

Amazonenstatuen 302. 

EAmelineau 258. 

WAmelung 75. 125. 295. 307. 315. 

Amenophis IV. 84. 220. 221. 257. 

Amerika, Archäolog. Institut 171. 

Amphiaraeion 131. 151. 

Amyklä, Thron 66. 

Andernach 282. 

Andrä 263. 264. 

FC Andreas 266. 

Andronikos von Kyrros 330 f. 

Androsthenes 146, 310. 

S Angell 44. 

Ankyra 89. 101. 

Antenor 238. 303. 308. 314. 

Äntikythera 241. 308. 

>Antinous«, Vatikan 127. 305. 

Antiocheia 197. 275. 

Antiochos I. von Kommagene 272. 



Register 



345 



Apaturios 159. 

Aphäa 139. 

Aphrodite, Knidos 302. Medici 22. 

Melos 47 ff. 109. 175. Petworth 

305. Aphroditegeburt 248. 
»Apollon« 141. Belvedere 5. 7. 307. 

Omphalos 299. PtoTon 141. 

Rhamnus 315. Tenea51. Ther- 

menmuseum 308. 
Apoxyomenos 69. 109. 290. 302.316. 

Ephesos 308. 
Aquaiusha 222. 
Aquileja 285. 
Ära Pacis s. Rom. 
Arak el Emir 276. 
Arbeitsteilung 331. 
Archäolog. Institut 59 f. 74 ff. 77. 

110.121. 168.171. 243ff. 284. 294. 
Archermos 307. 
EArdaillon 119. 120. 
MArditi 19. 
Ares, Ludovisi 316. Kopf, München 

316. 
Arezzo, Chimäre 244. 
Argos 240. 

Ariadne, Belvedere 5. 
Aristandros 315. 
Aristeides 309. 
Arkesilasvase 230. 
P Arndt 76. 295. 
Arne 217. 
Arsinoe 114. 260. 
Artaxerxes II. 267. 
Artemis, Palatin 307. Versailles 21. 
Artemision, s. Ephesos. Magnesia 

173 ff. 
Arundel, Lord 9. 30. 
Asarhaddon 265. 
Aspasiosgemme 304. 
Aspendos 187 f. 198. 
Asses 89. 109. 171. 196, 
Asumasirpal 87. 264. 
Assur 264. 



Assyrien 85 ff. 264. 

Athen 10. 199. 201. 233 ff. Akro- 
polis 27 ff. 32. 49 ff. 106. 233 ff. 
307. 317 ff. (Erechtheion 29. 
49. 51 f. 326. Hekatompedon 
234. Niketempel 29. 50 ff. 325. 
Parthenon 28 ff. 32. 49. 51. 234. 
312 ff. 326, vgl. »Parthenon«. 
Pelasgikon 235. Propyläen 52. 
234. 324 ff.). Asklepieion 130. 
152. Attaloshalle 233. Dionysos- 
theater 106. 136. 233. Dipylon 
199. 201. Enneakrunos 239 f. 
Eumeneshalle 233. Pansgrotte 

239. Pnyx 106. »Theseion« 29. 
Turm der Winde 331. 

Athen, Amerikanische Schule 137 f. 

240. 295. Archäologische Ge- 
sellschaft 51. 130 ff. 143. 182. 
203ff. Britische Schule 100. 240. 
268. 295. Deutsches Archäolog. 
Institut 106. 118. 121 f. 130. 168. 
295. Französische Schule 52. 
111. 117 ff. 141 ff. 172. 241. 294. 
Österreichische Station 294. 

Athena, Albani 300. Lemnierin 31 1 f. 

Nike 50. 325. Parthenos 303 f. 

312. 
Athenatempel, Priene 180 f. 
Attalische Weihgeschenke 305. 
Atreusgrab 31. 215. 
Augustus, Bevilacqua 22. Prima- 

porta 106. 
Aurignac, Grotte 205. 
Äzanoi 89. 

Baalbek 10. 276 f. 
Babylon 262 ff. 
Babylonien 261 ff. 
FHBacon 171. 
Balestra 27. 
ABaltazzi 172. 
Baphiö 217. 



346 



Register 



Barberini, Sammlung 6. 

JJBarthelemy 14. 

Basilika 183. 197. 

Bassä 31. 34 ff. 41. 55. 

Baumaterialien 322. 

Bauperioden Pompejis 155 f. 

FBeaufort 90. 

FBedford 31. 180. 

Bedri Bey 262. 

Behistan 267. 

I Bekker 26. 

C Beiger 212. 

LBeltrami 328. 

Belvedere 5. 

Bemalung 43 f. 46. 236. 238. 242. 
270. Vgl. Polychromie. 

Benedict XIV. 7. 

Benghazi 92. 

Beni Hassan 83. 

OBenndorf 75. 113. 115. 133. 183 ff. 
189 ff. 285. 286. 306. 309. 

VBerard 240. 

Berlin, Museum 23. 161. 164. 175. 
253. 257. 265. 294. Ägyptisches 
Museum 85. Deutsche Orient- 
Gesellschaft 257. 263 f. Orient- 
komitee 264. 

Bemsteinstraße 281. 

Berthouville 252. 

A Bertrand 281. 

Betender Knabe 23. 302. 

E Beule 52. 

Biban-el-muluk 258. 

Bibliothek, Ephesos 190. Perga- 
mon 166. 

Bibracte 283. 

Biliotti 92. 

Birs-Nimrud 262. 

Wv Bissing 257. 

Blacas, Sammlung 98. 

CBlinkenberg 191. 

Blondel 234. 

ABlouet 49. 121. 



ABöckh 26. 192. 

Boedas 302. 

Boethos 194. 330. 

Boghasköi 89. 101 f. 

JBöhlau 231. 

RBohn 122. 164. 165. 170. 324. 

JFBoissonade 26. 

Bologna 207. 311. 

Bonn 282. Museum 290. 293. 294. 

Verein 282. 
Böotien, Vasen 232. 
LBorchardt 257. 258. 
Borghese, Sammlung 6. 23. 24. 
BBorghesi, Graf 76. 
RBorrmann 45. 129. 
Boscoreale 251 f. 
ABosio 78. 
Bostra 275. 
^PEBotta 85 f. 
GBotti 260. 
ABötticher 122. 
EBötticher 224. 
KBötticher 106. 108. 
JBouchet de Perthes 204. 
Braschi, Sammlung 22. 
E Braun 74. 302. 305. 
EBreccia 260. 
Brest 47. 
Britannien 282. 
Britisches Museum 17. 25. 36. 40 f. 

54. 86. 87. 88. 91. 93. 95. 96. 

97 ff. 99 f. 304. 314 f. 
EBrizio 154. 

POBröndstedt 32. 47. 55. 
Bronzezeit 203. 206. 
H Brunn 72. 74. 75. 76. 85. 110. 124. 

139. 140. 161. 223. 250. 280. 292. 

295. 296. 297. 303. 304 f. 306. 
Brunnenanlagen 181 f. 239 f. 279. 

Vgl. Nymphäen. 
REBrünnow 273. 
Brüssel, Sammlung 73. 
Bryaxis 96. 307. 



Register 



347 



Brygos 318. 

Budrum s. Halikamass. 

Bulak 255. 

CJBunsen 55. 59. 82. 83. 

JLBurckhardt 271. 

TBurgon 201. 

EBuraouf 111. 

KBursian 138. 

Busirisvase 230. 

HC Butler 275. 

Byron, Lord 32. 39. 302. 

Cäcilie, Heil. 78. 80. 

RCagnat 278. 

GCalderini 250. 

Callistus (Calixtus) 78. 

FCalvert 210. 

Cambridge, Abgußmuseum 294. 

Camillus 4. 

GP Campana 69 ff. 

Candellori, Sammlung 61. 

LCanina 246. 

Canino, Prinz von 60 ff. 

Canning s. Stratford. 

Canosa 60. 

ACanova 37. 40. 41. 

Caracallathermen, Mosaik 69. 

Cäretaner Vasen 70. 229 f. Vgl. 

Cerveteri. 
Carnuntum 285. 
Caroline von Neapel 17. 19 f. 
Carpi, Sammlung 5. 
JCarrey 10. 
LFCassas 276. 
Castellani, Sammlung 98. 
SCavallari 45. 
Cerro de los Santos 279. 
Cerveteri 58. 62. 68. 70. 229 f. 
Cesi, Sammlung 5. 
LPdiCesnola 268 f. 
Chaffaud 205. 
Chalkis 229. 
JChamonard 119. 



Championnet 18. 

Champoiseau 113. 115. 

J FChampollion 14. 82 f. 

RChandler 11. 

LChedanne 327 f. 

Chelles 204. 

Cheramyes, Hera 182. 237. 

Cherchel 279. 

Chigi, Sammlung 6. 

Chimäre, Arezzo 244. 

Chios 237. 

Chiusi 58. 66. 

Choiseul-Gouffier, Graf 28. 

Chorsabad 85 f. 

PChristie 205. 

Christliche Archäologie 77 ff. 

CCichorius 190. 250. 

Clarac, Graf 48. 

EDClarke 27. 31. 90. 

JTClarke 89. 171. 

GdeClaubry 129. 

Ap. Claudius Pulcher 133. 

Clemens XII. 7. 

Clemens XIV. 11. 

Meiere 170. 182. 

CSClermont-Ganneau 269. 

CRCockerell 32 ff. 43 f. 47. 139. 

Cola di Rienzi 4. 

MCollignon 75. 314. 

Conca 244. 

Consalvi, Kardinal 24. 

HConvert 120. 144. 

AConze 75. 76. 111 ff. 142. 160ff. 

200 ff. 284. 285. 299. 304. 
Cori 247. 

Cornelius, Heil. 79. 80. 
Corneto 58. 
Cortona, Leuchter 244. 
PCoste 266. 
ECourbaud 249. 
LCouve 119. 120. 144. 
FCreuzer 54 f. 289. 
Cromlech 203. 



348 



Register 



Cumä 70. 

ECurtius 106. 121. 122. 129. 156. 
160. 189. 

Dädalos 308. 310. 

Dahschur 258. 

Damasus 79. 80. 

Damophon 241. 308. 

JH Dannecker 42. 

Daphnä (Defenneh) 231. 

Dareios 267. 

PJHDaumet 102. 

ADaveluy 111. 

PDavid 47. 

Th Davis 258. 

JDawkins 10. 

FJDebacq 46. 

ALDelattre 278. 

JDelbet 101. 

R Delbrück 240. 246. 

JDell 327. 

Delos 113. 119 f. 149. 151 f. 197. 

198. 307. 
Delphi 142 ff. 150 f. 169. Lesche 147. 

Schatzhäuser 145. 245. Tempel 

146 f. 310. 
Demeter, Knidos 97. 
Demierre 119. 
HDemoulin 137. 
Dendera 15. 83. 254. 
G Dennis 98. 274. 
VDenon 15 ff. 22. 23. 24. 
Der el Bahn 254. 256. 
Desaix 14. 15. 
PDethier 96. 
Deutschland 282 ff. 
Diadumenos 315. Delos 120. 

Vaison 97 f. 304. 
Didymäon 36. 180f. Sitzbilder 97. 

100. 109. 118. 180. 
Mu.JDieulafoy 267. 
Dildtanti, Society 10. 11. 31. 

37. 99. 



Diomedes, München 299. Valenti- 

nelli 312. 
Dioskuren, Monte Cavallo 3. 
Dipylonstil 201 f. 229. 
Diskobol 300. 303. 
PPDobree 26. 
Dödalses 310. 
Dodona 129. 
EDodwell 31. 
Dolche, Mykenä 216. 219. 
Dolmen 203. 

AvDomaszewski 250. 272 
TLDonaldson 96. 129 f. 
O Donner 154. 
Dorfschulze 255. 

Dorischer und ägäischer Baustil 323. 
Domauszieher 4. 22. 
WDörpfeld 36. 45. 122. 129. 130 f. 

132. 136. 168. 192. 212 f. 224. 

233 ff. 239. 322 ff. 
Doryphoros 304. 314. 
G Doublet 119. 
HDragendorff 192. 
Dresden, Museum 6. 294. 311. 
H Dresse! 327. 
JQDroysen 302. 
JJDubois 49. 
PDubrux 103. 
FvDuhn 75. 249. 312. 328. 
FDümmler 222. 230. 
ADumont 118. 
JDumont d'Urville 47. 
Duris 318. 
FDürrbach 120. 
HDütschke 75. 

MLEarie 240. 

Echnaton s. Amenophis IV. 

Echohalle, Olympia 128. 

Edfu 16. 254. 

Egypt explorationfund 100.256.265. 

Ehrenbögen 278. 

Eirene und Plutos 304. 



Register 



349 



Eisenzeit 203. 206 ff. 

Elateia 141 f. 149. 

Elche 279. 

Elephantine 16. 

Eleusinisches Relief 132. 

Eleusis 31. 131 ff. 149 f. 306. 

Elgin, Lord 27 ff. 31. 37 ff. 

Englische Sammler 6. 9 f. 

Entasis 32. 

Entwickelungsstufen der Künstler 

312 ff. 
Ephesos 98 ff. 109. 156. 189 ff. 

198. 308. 
Epidauros, Hieron 134 ff. 152.307. 
Epigonos 310. 
Epigraphik 76 f. 330. 
Epiktetos 318. 
G Erbkam 83. 
Eretria 136. 
AErman 255. 
Esagila, Babylon 263. 
Este, 207. 
Este, Sammlung 5. 
Etrurien 57 ff. 60 ff. 66 ff. 244 ff. 
Eubuleus 133. 306. 
Eumares 238. 
Euphranos 300. 312. 
Euphronios 318. 
Euripides, Mantua 22. 
Eusebius, Heil. 80. 
Euthydikos 238. 
Euthymides 318. 
Eutychides 302. 
Exekias 68. 
AEvans 224 ff. 
PEvstratiädes 131. 
Eyries 205. 

EFabricius 165. 171. 
Fajumbildnisse 259. 
Falerii 245. 
EFalkener 189. 
Fara 264. 



LRFamell 306. 

Famese, Sammlung 5. 7. 98. 

Faustkämpfer 249. 

Fauvel 49. 

CFea 59. 302. 

Fedor 27. 

CFellows 90 ff. 93 f. 94. 100. 183. 

Feoli, Sammlung 61. 

Ferdinand von Neapel 20. 

Festplätze, Anlage 150 f. 

EFiechter 183. 

GFiorelli 153 ff. 

CSFisher 262. 

ENFlandin 86. 266. 

AFlasch 125. 311. 316. 

JFlaxman 40. 

Florenz 246. Sammlungen 4. 7. 
22. 66. 73. 

Fond de Gaume 205. 

J Fester 32. 34 ff. 47. 

PFoucart 119. 142. 143. 194. 307. 

GFougeres 119. 241. 306. 

AFran9ois 66 ff. 

Frangoisvase 66. 274. 

Frankfurt, Röm.-german. Kommis- 
sion 284 f. 

AWFranks 207. 

Frauensarkophag, Karthago 279. 

Frauenstatuen, Akropolis 237 f. 
307 f. Frauenkopf (Skopas) 315. 

CFredrich 182. 

FFresnel 262. 

OFrick 96. 

KFriederichs 75. 139. 296. 303. 304. 

Friedrich III., Kaiser 162. 

Friedrich Wilhelm IV. 59. 83. 

WFröhner 114. 

AFurtwängler 33. 75. 118. 122. 124. 
129. 133. 138 ff. 218. 250. 286. 
299. 300 f. 306. 311. 315. 321. 

Gabii 246. 
Galassi s. Regulini. 



350 



Register 



Galatien 101. 

Gallien 280 f. 

Oalliergruppen 6. 7. 22. 160. 302. 31 1 . 

JPGandy 31. 180. 

Qanymedes 302. 307. 

EAGardner 231. 240. 

PGardner 316. 

FC Gau 20. 

PGauckler 278. 

JGaye 297. 

Gazara 265. 

Geheimkulte 149 f. 

WGell 21. 31. 131. 180. 

Genf, Sammlung 73. 

Genre 172. 232 f. 255. 291. 

Genua 95. 96. 

Geometrischer Stil 200 ff. 207. 208 f. 
221. 

Gerasa 275. 

EGerhard 55 ff. 59 ff. 74. 75. 77. 
110. 289. 

Gerichtsgebräuche bei antiken Sta- 
tuen 3 f. 

St. Germain, Museum 281. 

»Germanicus« Louvre 21. 

Geser 265. 

Giebelgruppen 33. 123 ff. 146. 

Gigantenaltar, Pergamon 161 ff. 

Gigantensäulen 282. 

Giölbaschi 93. 184 f. 

PGirard 182. 

Girgenti 244. 

Gise 14. 15. 255. 257. 

Giustiniani, Sammlungen 6. 

Glavinaö 207. 

Gleichnamige Künstler 309 f. 

FGnaccarini 71. 

Goldgeräte 216 ff. 219. 

Goldkranz, Pergamon 169. 

Golgoi 268 f. 

Gordion 274. 

Gortyn 223. 

JWGoethe 9. 42. 65. 



Gozzadini, Graf 207. 

Gräber 90 f. 186. 188. 198 f. 

FGräber 129. 168. 

Grabreliefs 199. vom Ilissos 315. 

BGräf 306. 

PGräf 129. 

HGraillot 244. 

PGraindor 137. 

Gregor XVI. 68. 69. 78. 

Grimani, Sammlung 5. 

GGropius 34. 

SGsell 278. 

Gudea 262. 

EGuillaume 101. 

Gymnasien 128. 198. 

Hadrian 227. 

Hagia Triäda (Kreta) 226. 

FHalbherr 223. 226. 

Halikamass 94 ff. 96. 196. 306 f. 

Halil-Edhem-Bey 271. 

KHaller von Hallerstein 32 ff. 47. 

Hallstatt 206 f. 

Haltern 284. 

OHamdi-Bey 169. 271. 272. 

WHamilton 40. 54. 

WR Hamilton 27. 

C Hansen 50. 

»Harpyiendenkmal« 90 f. 109. 

WHarris 44. 

THarrison 27. 

Hatschepsowet 256. 

Hauran 275. 

AHauser 113. 

FHauser 308. 

Häuser 120. 153 ff. 167. 177. 198. 

214 f. 322. 
BHaussoullier 143. 180. 
AHauvette 119. 
RHawkins 93. 
BRHaydon 38 ff. 40. 41. 
JHHayne 262. 
BVHead 75. 100. 



Register 



351 



RHeberdey 189 f. 
G Hecht 136. 
Heiligtümer, Anlage 149. 
Hekatompedon 235 ff. 
WHelbig 75. 110. 154. 243. 304. 
Heliopolis s. Baalbek. 
Hellenismus 109 f. 115. 136. 165. 

170. 181. 193. 198 f. 302. 
WHenzen 77. 
Hera, Polyklet 315. 
Heräkleion (Candia) 226. 
Heräon, Argos 137 f. 149. Olympia 

123. 322 ff. Samos 182 f. 
Herakles, Lansdowne 315. 316. 
Herculaneum 8 f. 17. 20. 54. 110. 

251. 
O Hermann 26. 
Hermes, Ludovisi 300. Olympia 

49. 127. 128 f. 305. Propylaios 

168. 309. 
Hermogenes 173 f. 246. 
R Herzog 136. 
Hettiter 101. 
FHettner 282. 
LHeuzey 52. 102. 
HHeydemann 75. 
R Heyne 175. 

Hierapolis 190. 196. 197. 198. 199. 
Hieron, Vasenmaler 318. 
Hieron s. Epidauros. 
H Hildebrand 207. 
Hildesheim 253. 
Hilleh 262. 

FHiller von Gärtringen 174. 191 ff. 
HVHilprecht 262. 
Hippodamos 195 ff. 
G Hirschfeld 122. 160. 161. 173. 
O Hirschfeld 285. 
AHirt 56. 289. 
JJHittorff 45. 
Höhlenfunde 204. 
MHolleaux 141. 
Holz- und Steinbau 322 ff. 



Homerische Kunst 68. 88. 210 f. 

218 ff. 226. 
THomolle 118 ff. 143 ff. 307. 
E Hübner 75. 
C Hülsen 77. 247. 
J Hülsen 182. 
KHumann 160ff. 173 ff. 182. 189. 

190. 265. 272 f. 
AvHumboldt 83. 
Wv Humboldt 24. 55. 
Hünengräber 203. 
PHunt 28. 29. 

Hypäthraltempel 36. 116. 180. 
Hyperboreer, Römische 55 ff. 
Hyrkanos, Burg 276. 

»lason«, Louvre 21. 

Idalion 268. 269. 

Idolino 245. 

Igel 281. 282. 

Iktinos 36. 132. 

Illahun 256. 

Imbros 112. 

FInghirami 57. 

Innocenz X. 6^ 

Inselsteine 223. 

Ionische Kunst 88. 244 f. 298. 

Vasen 229 ff. 
Istar 263. 
Ittar 27. 

CJacobsen 194. 

OJahn 64. 67. 74. 75. 110. 229. 291. 

294. 302. 
AJarde 120. 
GJatta 75. 
Jericho 266. 
Jerusalem 276. 
Joachim von Neapel 19. 
Jordan 263. 
HJordan 247. 
Joseph von Neapel 19. 
Juba 11. 279. 



352 



Register 



WJudeich 190. 
Julius II. 5. 
Julius III. 5. 
LJulius 139. 
FJunius 7. 

PKabbadias 134 ff. 234 ff. 239. 241. 

306. 308. 
Kabirion 116. 150. 
GKaibel 306. 
Kairo 255. 
Kairos 302. 
Kalach 86. 

Kalamis 146. 299. 300. 
Kalat Schergat 264. 
E Kaiinka 189. 
AKalkmann 299. 
Kallikrates 260. 
Kallimachos 299. 300. 
M Kalokairinös 223. 
Kameiros 98. 231. 
Kanachos 180. 
Kaphthor 226. 
Kapitell, achäisch 244. 324. äolisch 

171. 
Kapitol s. Rom. 
Kapodistria, Graf 50. 
Kappadokien 101. 
KKarapänos 129 f. 
Kardäki (Cadacchio) 322. 
Karer 222. 

Kamak 254. 256. 259. 
Karthago 279. 
Kassel, Sammlung 23. Diadumenos- 

kopf 315. 
Katakomben, Rom 77 ff. 
GKawerau 128. 182. 235. 
Kefti 226. 

RKekule 75. 76. 124. 173. 175. 
O Kellermann 77. 
Kephisodotos 304 f. 309. 
Ker Porter 266. 
OKern 174. 



Kertsch 103 f. 

AKestner 55 f. 58. 59. 

H Kiepert 99. 185. 

GvKieseritzky 304. 

Kilikien 189. 

KFKinch 194. 

Kips 166. 

AKircher 6. 

AKirchhoff 124. 229. 

Kition 268. 

Klagefrauensarkophag 270. 307. 

Klammerformen 323. 

Klazomenä 230 f. 

WKlein 318. 

Kleinasien 11. 89 ff. 94 ff. 100 f. 
160 ff. 229 ff. 273 f. 

LvKlenze 50. 

H Knackfuß 178. 179. 

GvKnaffl 185. 

Knidos 96 f. 111. 195. Lesche in 
Delphi 147. Schatzhaus eben- 
da 145. 

RPKnight 37. 39. 40. 

Knochenzeichnungen 205. 

Knosos 223. 224 ff. 

WWKnowles 51. 

GKoes 32. 

U Köhler 222. 313. 

WKolbe 182. 

R Koldewey 1 71 f. 243 f. 263. 265. 276. 

Köln 282. 

Kolotes 124. 

Kom-el-achmar 84. 258 f. 

Kom-esch-schukafa 260. 

Konstantinopel 95. 96. 270 f. 

AKoraes 26. 

Korinth 31. 240. 

AKörte 274. 

G Körte 274. 

Kos 136 f. 152. 

Kragos 186. 

G Kramer 64. 

Kremna 188. 



Register 



353 



DKrencker 261. 276. 

Kresilas 302. 

Kreta 223 ff. 227. 242. 

Krim 103 ff. 

Kritios und Nesiotes 303. 

Krösos 99. 

FAKrupp 274. 

Kujundschik 85. 87 f. 

Kul Oba 103. 

Kultplätze, Anlage 149 ff. 

AKumanudes 216. 

Kunstgeschichte, neuere 297. 

Kurion 268 f. 

Kyniskos 314. 

Kypros 52. 88. 218. 268 f. 

Kypseloslade 66. 

Kyrene 98. 230. 

Kyrosgrab 266 f. 

Kyrros 330 f. 

AdeLaborde, Graf 280. 

LdeLaborde, Oraf 51. 271. 276. 

Lachisch 265. 

Lambäsis 278. 

K Lanckoronski, Graf 187 ff. 

H Lang 269. 

K Lange 139. 

RLanciani 247. 

Lansdowne, Herakles 275. 

Laokoon 5. 7. 194. 330. 

ELartet 204. 205. 

U Tene 207. 

Lauersfort 252. 

Laugerie Basse 205. 

AHLayard 86 f. 262. 264. 

WMLeake 30. 49. 129. 

PLebas 89. 

ALebegue 117. 

Leda 307. 

O Legrain 259. 

Lehmbau 322. 

Leipzig, Abgußmuseum 294. 

Lekatzas 129. 



Lemnierin 311 f. 

Lemnos 112. 

CLenormant 131. 303. 

FLenormant 131. 243. 

Leochares 96. 307. 

B Leonardos 131. 241. 

RLepsius 82 ff. 

Lesbos 112. 171. 

Lesche der Knidier, Delphi 147. 

»Leukothea«, München 304. 

Limes 283. 

LLindenschmit 283. 

Lindos 194. 

JLinkh 32 ff. 47. 

E Littmann 260 f. 275. 

WKLoftus 261. 267. 

Lokroi 243. 

London, s. Brit. Museum. 

AdeLongperier 88. 

QLöschcke 125. 218. 231. 281. 284. 

299. 313. 
Loubat, Herzog 120. 
Louvre s. Paris. 
Löwengrab, Knidos 97. 
Löwengruppe, Kapitol 4. 
ELöwy 185. 
JLubbock 204. 

Ludovisi, Sammlung 6. 23. 248. 
Ludwig 1. von Bayern 33. 39. 43. 
Luftziegel 123. 133. 322. 
Luitpold, Prinz Regent 318. 
Luksor 256. 
Luni 246. 
ThvLüpke 261. 
FvLuschan 265. 
TLusieri 27. 29. 

Luynes, Herzog 46. 59. 74. 272. 275. 
Lykien 90 ff. 183 ff. 199. Lykischer 

Sarkophag, Sidon 270. 
Lykosura 241. 308. 
Lyon, Abgußmuseum 294. 
Lysipp 69. 147. 148. 302. 316 f. 

333. 



Michaelis, Ein Jahrhundert kunsiarchäologischer Entdeckungen. 



23 



354 



Raster 



RAStMacalister 265. 
Madelaine 205. 
Madrid, Sammlung 6. 
Magnesia 136. 169f. 173ff. 175. 190. 
Mahmud Bey 195. 
Mainz, Juppitersaule 281 . Zentral- 
museum 283. 285. 
Makedonien 102. 
Malerei, Priorität 319 f. 
Mänade, Skopas 306. 316. 
Mantineia 136. 241. 306. 
Mantua, Sammlung 22. 
deMarcellus, Vicomte 47. 
GMarchi 78. 
Marduk 263. 
AMariette 254 f. 
Marion 268. 

Marktanlagen 20. 167. 171. 174. 197. 
Marsyas, Myron 300. 302. 
J Martha 75. 

Marzabotto 154. 207. 245. 
OCMaspero 255. 
Massalia 280 f. 
Mastabas 84. 
Mattei, Sammlungen 5. 
FMatz 75. 76. 
AMau 155 ff. 

Mausoleum 94 ff. 306 f. 316. 
LMayer 90. 
FMazois 20. 

Medici, Sammlung 5. 6. 7. 
Medinet Habu 256. 
Medracen 279. 

Megalithische Denkmäler 203. 
Megalopolis 136. 240. 
Megara 240. 
Megiddo 265 f. 
Meleagros, Vatikan 315. 
Melos 47 ff. 200. 
Memnonkolosse 16. 83. 
Memphis 83. 254. 
Menes 258. 
Menhir 203. 



Menidi 217. 

Mentor, Brigg 29. 30. 

Mentuhotep 256. 

Memeptah 222. 

S Mertens-Schaaffhausen 95. 

Messa 172. 174. 

Metapont 46. 

Mettemich, Fürst 112. 

H Meyer 289. 

GMicali 57. 

AMichaelis 75. 142. 184. 310. 319. 

LAMilani 246. 

AMilchhöfer 223 f. 

Milet 11. 97. 178 ff. 184. 197. 198. 

231. Vgl. EMdymäon. 
E Miller 102. 
ALMillin 56. 280. 
SMineyko 129 f. 
Minos 224 f. 
Miot 19. 
Mnesikles 324 f. 
Modena, Sammlung 22. 
JMohl 85. 
HvMoltke 286. 
ThMommsen 77. 283. 
Montalto, Sammlung 5. 
OMontelius 208. 
Morelli 297. 
J de Morgan 257. 267. 
GdeMortillet 204. 
Mosaike 279. 
Mugheir 261. 
KOMüller 64. 74. 110. 142. 290. 

330. 332. 
München, Abgußmuseum 294. 

Glyptothek 24. 33. 43. 51. 294. 

316. Sammlung 6. 
Musenreliefs, Mantineia 306. 
AMustoxydes 139. 
Mykenä 31. 107. 210 ff. 215 f. 224. 
»Mykenischerc Stil 216 ff. 219 ff. 
Myra 90. 186. 
Myrina 172. 



Register 



355 



Myron 299. 300. 302. 303. 312. 
Mysterienkulte 149 f. 
Mytilene 231. 

Nagada 258. 

Nakschi Rüstern 267. 

Napoleon I 13 ff. Musee Napoleon 
21 ff. 39. 

Napoleon 111. 101 f. 106. 195. 207. 
247. 269. 283. 

Naram-Sin 268. 

Naukratis 231. 256. 

ENaville 256. 

Naxos 118. 237. Sphinx in Del- 
phi 145. 

Neandreia 171. 

Neapel, Sammlungen 7. 

Nebi Junus 85. 

Nebukadnezar 263. 

Nemi 245. 

Nemrud-Dagh 272 f. 

Nennig 282. 

HPNenot 119. 120. 

Nereidendenkmal 91 f. 185. 

Neumagen 281. 282. 

Neuß 282. 

New York, Museum 268. 

CTNewton 95ff. 100. 106. 111. 112. 
160. 180. 220. 269. 288. 304. 306. 

ANibby 302. 

BQNiebuhr 25. 55. 

KNiebuhr 266. 

G Niemann 113. 184 ff. 187 ff. 286. 

Nikäa 197. 

Nikandre 118. 237. 

Nike, Archermos 118. 307. Päonios 
124. 128. 305. Samothrake 
113f. 115. 

Nikias 332. 

Nikopol 103. 

Nil, Vatikan 5. 24. 

Nimes 280. 

Nimrud 86 f. 



Ninive 85. 88. 

Ninmach 263. 

Niobe 5. Sipylon 101. 107. 

Niobidenrelief, Petersburg 71. 73. 

Nippur 262. 

H Nissen 155 f. 

FNoack 133. 

Nointel, Marquis 10. 

Nöldeke 263. 

Norba 246. 

Nordgriechischer Stil 102. 124. 298. 

Nuffar 228. 

Numantia 283. 

Nymphäen 179. 188. 278. 

NymphenreHef, Thasos 102. 

Nymphiö, Karabel 89. 101. : 

Obelisk, schwarzer, London 87. 

Oberaden 284. 

Odysseebilder 67 f. 157. 

M Ohnefalsch-Richter 268. 

Olympia 49 f. 121 ff. 149 ff. 299.; 

JOppert 262. 

Opramoas, Heroon 187. 

Orange 280. 

Orchomenos 210. 215. 

Orient und Rom 277. 

Oropos 131. 

POrsi 223. 243. 

Österreich 285 f. 

Ostia 70. 

Orvieto 58. 

JOverbeck 250. 291. 304. 305. 

Oxford, Sammlung 9. 

Oxyrynchos 314. 331. 

APaccard 51. 

Palafitte 206. 

Palästina 265 f. 

Palästina-Verein, deutscher 265. 

Palatitza 102. 

Palmyra 10. 276. 

Pamfili, Sammlung 6. 

23* 



356 



Register 



Pamphylien 187 f. 197. 

ThPanofka 55 f. 

Pantheon 326 ff. 

Päonios 123 ff. 125. 298. 305. 

Paphos 268. 

Papyrusfunde 259. 331. 

Paris, Cabinet des midailles 21. 252. 

Louvre 21 ff. 39. 48 f. 50. 73. 

86. 89. 102. 109. 172. 252. 267. 

280. Sammlungen 6. 21. Societi 

des Antiquaires 281. Tiberius- 

altar 287. 
P Paris 119. 142. 280. 
WPars 11. 
Parthenon, Skulpturen 28 ff. 37 ff. 

312 ff. 321. Vgl. Athen. 
Pasargadä 266. 
Paschalis I. 80. 
GPasparäkes 223. 
APasqui 251. 329. 
Pästum 9. 244. 324. 
RPaton 137. 
Paul III. 5. 

Pausanias31. 125 f. 146. 147. 300. 
Peiräeus 195. 
Peisistratos 239. 
Peleusvase, London 321. 
Pennelli 71. 
JPennethome 51. 
FC Penrose 51. 
Pepy 259. 
PPerdrizet 144. 
Pergamon 136. 156. 159. 160 ff. 

190. 195. 233. 302. 308. 
Perge 187. 
LPemier 226. 
O Perrot 52. 100. 120. 
Persepolis 267. 
Perserschutt 234. 
Perseus 300. 312. 
Persien 266 ff. 
Perugia, Erzwagen 244. 
JP Peters 262. 



Petersburg 73. 105. 

EPetersen 75. 185. 187 ff. 243. 244f. 

250. 308. 314. 328 f. 
Petra 271 f. 

FlPetrie 231. 256 f. 258. 265. 
Petworth 306. 
Pfahlbauten 205 f. 
Pflasterung 198. 
Pharis 217. 
Pharsalos 102. 316. 
Phästos 226. 
Phidias 30. 123. 125. 301. 302. 303. 

304. 311 f. 313. 319. 320 f. 333. 
Phigalia s. Bassä. 
Philä 16. 82. 83. 
Philadelphia 245. 
DPhilios 132. 
Philippeion, Olympia 128. 
APhilippi 249. 
Philis 102. 
Phineusschale 230. 
Phönizien 269. 
Photographie 113. 116. 295 f. 
EPiette 205. 
LPigorini 242. 
Pinara 185. 
Pisa 66. 
ThPiscatory 52. 
Pisidien 188. 197. 
KPittakes 51. 
Plus VI. 11. 
Pius IX. 72. 79. 
V Place 86. 

Piaton 238. 242. 315. Büste 308. 
Plinius 253. 300. 
RPococke 13. 
Poggio 2. 3. 
Polychromie d. Skulptur 44. 46. 50. 

236. 238. Vgl. Bemalung. 
Polygnot 108. 147. 185. 318. 320. 
Polyklet d. ä. 98. 120. 137 f. 302. 

304. 305. 309. 314 f. 316. 331. 

d. j. 135. 309. 



Register 



357 



SPomardi 31. 

Pompeji 17ff. 54. 65. 108. 110. 153ff. 

198. 251 f. 
HPomtow 143. 
Pont du Qard 280. 
EPontremoli 180. 
RSPoole 75. 100. 
EAPorcher 98. 
Pornacho 103. 104. 105. 
RPorson 26. 

Poseidonfries, München 250. 
EPottier 172. 
Pourtales, Sammlung 98. 
APrachow 139. 
Prag, Sammlung 6. 
Prähistorie 111. 202 ff. 242. 
Praxias 146. 300. 310. 
Praxiteles 127. 133. 241. 302. 305 f. 

309 f. 
EPreuner 148. 316. 
Priene 11. 98. 108. 169. 170. 175 ff. 

190. 195. 197. 
Prima Porta 106. 

Prokesch-Osten, Freiherr 51. 192. 
C Promis 246. 
Provence 280 f. 
Provinzialkunst 280 ff. 286 ff. 
Ptoion 141. 149. 
OPuchstein 164. 243 f. 272 f. 276. 

311. 324. 
RPPullan 96. 98. 172. 173. 175 f. 
K Purgold 122. 

Pyramiden 15. 83 f. 255. 256. 257. 
Pythagoras 299. 312. 
Pythios 307. 

ACQuatremere de Quincy 41 f. 
JEQuibell 258 f. 

Ramesseum 83. 84. 
WMRamsay 189. 275. 
AR Rangabe 138. 
ORaschdorff 165. 



Rassam 262. 

Rathaus 171. 179. 197. 

V Rauscher 328. 

GRawlinson 262. 

HCRawlinson 267. 

ORayet 174. 176. 178. 180. 

Re 257. 

Regulini 68. 107. 200. 

ARehm 182. 

W Reiche! 218. 

Reichskunst 277. 

SReinach 119. 170. 172. 281. 

Th Reinach 310. 

EReisch 146. 310. 

Reisen 292 f. 

Reliefbilder 252. 

St. Remy 280. 

E Renan 269. 275. 

NRevett 10. 117. 175. 180. 

QRey 275. 

Rhamnus 31. 

Rhodiapolis 187. 

Rhodos 52. 95. 98. 194. 195. 220. 
231. 

Rhökos und Theodoros 182. 

RBRichardson 240. 

AdeRidder 75. 

FundJRiepenhausen 108. 

Riesenstuben 203. 

K Ritter 184. 

Riviere, Marquis de la 47 f. 

C Robert 76. 103. 164. 314. 320. 

D Roberts 271. 

RRochette 89. 291. 

HvRohden 76. 

Rom 214 ff. — Columbarium Co- 
dini 70. Farnesina 248. Forum 
247 f. Juppitertempel, Kapitol 
245. Katakomben 77 ff. Konstan- 
tinsbogen 250. Marcussäule 250. 
Mater Matuta (>Fortunavirilis«) 
247. Neptuntempel 250. Neros 
Goldenes Haus 8. Palatin 106 f. 



358 



Register 



247; Haus d. Livia 107. 157. 
Prima Porta 106.Titusbogen249. 
Titusthermen 8. Trajanssäule 
250. — Ägyptisches 13. Ära 
Pacis 249. 328 ff. Caracallamo- 
saik 66. Flußgötter, Monte Ca- 
vallo 3. Forumreliefs 250. Marc- 
aurel 2. 3. Marforio 4. Odyssee- 
bilder 67. Pasquino 9. — Alter 
Antikenbesitz 2 ff. Museen 5 ff. 
68. 69 ff. 247. 248; Kapitol 5. 6. 
7. 22. 24; Vatikan 5. 11 f. 22. 
24; Abgußmuseum 294. — Vgl. 
Archäologisches Institut. 

PRosa 106. 

IRosellini 82. 

Rosette, Inschrift 16. 

LRoß 50 f. 52. 58. 121. 138. 139. 
192. 194. 268. 

QBdeRossi 77 ff. 

Ede Rothschild 176. 251. 

Ode Rothschild 176. 

KFvRumohr 297. 

Ruvo 60. 

Saalburg 283. 

Sagalassos 188. 

Saitaphames, Tiara 105. 

Sakkara 15. 254. 255. 

AvSalis 182. 

Salmanassar II. 87. 

A Salzmann 98. 231. 

Samos 11. 181 ff. 230. 231. 240. 

Samothrake 112. 113 ff. 149 f. 169. 

Sardanapal 88. 

Sardes 273 f. 

Sargon 85. 

EdeSarzec 261. 

Satrapensarkophag, Sidon 270. 

B Sauer 140. 

Säulen, ägyptisch 225. hölzern 215. 

225. 383 f. 
Säulenhalle 197. 



Sauroktonos 302. 

LSavignoni 226. 

Schachtgräber 216. 

Schaffhausen 205. 

O Scharf 91. 93. 

E Schaubert 50. 

P. Scheu 262. 

A Schiff 192. 

KFSchinkel 50. 

Schlangensäule 96. 146. 

HSchliemann 68. 162. 209 ff. 224. 

233. 
ASchönbom 183 f. 
RSchöne 75. 155 f. 161. 
HSchrader 164. 175 f. 237. 
TSchreiber 75. 259 f. 299. 
Schreiberstatue, Louvre 255. 
JHCSchubart 330. 
KSchuchhardt 165. 168. 
A Schulten 283. 
RW Schultz 240. 
B Schulz 276. 
G Schumacher 265. 
KSchütte 128. 
Selge 188. 

Selinunt 44 f. 46. 109. 244. 
E Seilin 265 f. 

GSemper 45. 108. 203. 322. 
Sendschirii 264 f. 
Serapeum, Memphis 254. 
Serradifalco, Herzog 46. 
KSester 272. 
TShaw 278. 

Sicherung der Ausgrabungen 169 f. 
Sicilien 43 ff. 243 f. 
Side 188. 
Sidon 270. 
Sidyma 186. 

Siegerkopf, Olympia 249. 
ESieglin 136. 260. 
Qv Siemens 179. 
Signia 246. 
Sikyon 136. 240. 



Register 



359 



Silanion 308. 

Silbergerät 251 f. 

Sillyon 187. 

Sinai 84. 

Siphnos, Schatzhaus in Delphi 145. 

Sippar 268. 

Sixtus II. 78. 80. 

Sixtus IV. 5. 

Skandinavien 203. 

Skarabäen 220. 

Skopas 96. 114. 241. 306. 315 f. 

Smintheion 98. 172. 

C Smith 100. 

RMSmith 98. 

Smyma 172. 

Society for the promotion of Hellenic 

Studies 100. 
ASogliano 75. 
Solutre 204. 

Sophokles, Lateran 68. 109. 290. 
TSophules 182. 
GSoteriädes 242. 
Spanien 279 f. 
Sparta 240. 
Spata 217. 219. 
Sphinx, Delphi 145. 
Spiegelthal 274. 
JSpon 10. 

TABSpratt 92. 172. 183. 
OiVlv Stackeiberg 32. 35 f. 47. 55 f. 

58. 59. 64. 139. 296. 316. 
Stadtanlagen 153 ff. 176. 194 ff. 256. 
BStäes 138. 
PStamatäkes 212. 234. 
B Stark 74. 305. 
Stein, Freiherr von 293. 
Steinarten, architektonische 322. 
Steinzeit 203 ff. 
LStephani 74. 75. 103. 305. 
W Stier 45. 

Stilanalyse 298 ff. 331. 
H Stiller 165. 
WJStillman 223. 



F Stolze 266. 

H Strack 106. 233. 

Strangford, Lord 304. 

Straßburg, Abgußmuseum 294. 

Stratford Canning 86. 94. Stratford 

de Redcliffe, Lord 95. 
Straton I. 270. 
JStrzygowski 277. 
J Stuart 10. 117. 

FStudniczka 185. 237. 299. 312. 
Subiaco, Jüngling 299. 
Südrußland 103 f. 
Sunion 11. 
Susa, Persien 267 f. 
Susa, Piemont 287. 
Syngros 128. 148. 
Syrien 275 ff. 

Tadius 157. 

Tafelmalerei 319. 321. 

Tanagra 232 f. 

Tänzerinnen, Delphi 146. 

Tarent 321. 

CTarral 49. 

JE Taylor 261. 

Tegea 240. 306. 315. 

Telephanes 298. 300. 

Tell-el-Amama 84. 220. 257. 

Tell-el-Hesy 265. 

Tell-el-Mutesellim 265. 

Tell-Taannek 265 f. 

Telloh 262. 

Tempel, altitalisch 245 f. 

La Tene 207 f. 

Tenea 51. 

Tenos 137. 

Teos 98. 173. 

Termessos 147. 

WTemite 20. 

Terracina 68. 

Terremare 180. 

JMTetaz 52. 

CTexier 89. 160. 173. 180. 266. 



360 



Register 



Thaingen 205. 

Thasos 102. 112. 

Theagenes 240. 

Theater 131. 135. 147. 167. 177. 178. 

179. 180. 191. 198. 233. 240. 278. 
Theben, Ägypten 15. 16. 83. 84. 

257. 
Thera 191 ff. 196. 
Therasia 193. 
Thermos 242. 

Thersilion, Megalopolis 240. 
FThiersch 24. 289. 
HThiersch 138. 
Tholos, Epidauros 134 f. 
A Thomas 175. 178. 180. 
F Thomas 86. 262. 
CJThomsen 203. 
AThorvaldsen 33, 60. 139. 
Thronlehne Ludovisi 248. 
Thurioi 195. 324. 
JThürmer 58. 
Tiberis, Louvre 5. 24. 
Timgad 278. 

Timotheos 96. 134. 306 f. 
Tiryns 31. 210 ff. 214 f. 224. 322. 
ATiteux 52. 
Tivoli 247. 
Tics 185. 
GQTocilesco 286. 
Tolentino, Vertrag 22. 
Tongefäße s. Vasen. 
Tonplatten, architektonisch 45. 246. 

274. 
Tonreliefs Campana 71. 73. 
Torlonia, Sammlung 71. 
Torso, Belvedere 5. 
AToumaire 144. 148. 
CTownley 41. 
PTremaux 187. 190. 
OTreu 122. 126. 129. 306. 
Hagia Triäda, Kreta 226. 
Trier 282. Museum 282. 
Troja 162. 210 ff. 213 ff. 322. 



CTsunias 213. 217. 
Tuffskulpturen, attisch 236. 
Tunis 278 f. 
Tunnel, Samos 181 f. 
Turin, Sammlung 22. 
Tyche von Antiocheia 302. 
Typhongiebel 236. 
Tyrannenmörder 238. 303. 

HN Ulrichs 52. 142. 305. 
Universitäten, archäolog. Lehrstühle 

293 f. 
»Unsterbliche«, Susa 267. 
LUrlichs 282. 305. 
Uthina 279. 

Vaison 97. 304. 

QValentinelli 75. 

Valle, Sammlung 5. 

Vasen 60 ff. 66. 193 f. 201 ff. 228 ff. 

238 f. 268. 269. 274. 283 f. 291. 

317 ff. 
Veji 58. 70. 
Veli Pascha 34 f. 

Venedig, Erzrosse 22. Sammlung 6. 
NdesVergers 66. 67. 
Verona, Sammlung 22. 
Vestalin 249. 

Vettierhaus, Pompeji 251. 
AVeyries 172. 
Villanova 207. 

Villa rustica, Boscoreale 251. 
EQVisconti 12. 22. 23. 24. 39 f. 56. 

289. 302. 
PE Visconti 72. 
MdeVogüe 275. 
W Vollgraf 240. 
KG Vollmöller 240. 
Volterra 66. 
Vulci 60 ff. 67. 

Wadi Haifa 82. 
Wagenlenker, Delphi 148. 312. 



Register 



361 



E Wagner 136. 139. 

M Wagner 34. 36. 

C Waldstein 138. 251. 299. 315. 

Warka 261. 

Wasserbillig 282. 

RWeil 122. 

FQWelcker 43. 74. 108. 110. 289 f. 

293. 316. 319. 
Wellington, Herzog 24. 
KWescher 142. 
GWheler 10. 
F Wickhoff 249. 

TWiegand 175 ff. 178 ff. 181. 236. 
Wien, Archäolog. Institut 189. 285. 

Sammlungen 23. 185. 
Wiesbaden, Verein 282. 
F Wieseler 74. 
WWilberg 175. 190. 192. 
Wilhelm I. 182. 

Wilhelm II. 250. 260. 263. 265. 276. 
WWilkins 30. 32. 43. 
JWilpert 81. 
PWilski 192. 
ELWilson 272. 
jJWinckelmann 7 ff. 11 f. 13. 24. 

121. 289. 302. 



HWinckler 101. 

FWinter 76. 199. 307. 308. 320. 

FAWolf 26. 

Wölfin, Kapitol 4. 245. 

P Wolters 75. 192. 

JTWood 99. 189. 

RWood 10. 276. 

JJAWorsaae 205. 

RWorsley 27. 

WWright 101. 

Würzburg, iVluseum 294. 

Xanthos 91 ff. 181. Vgl. Harpyien- 

denkmal. Nereidendenkmal. 
Xenophantos 104. 

WZahn 20. 
LZanth 45. 

Zeusgrotte, Kreta 223. 
Zeustempel, Olympia 123 ff. Zeus- 
statue 304. 
EZiebarth 182. 
Ziegelstempel 387. 
Ziggurat 262. 264. 
GZoega 13 f. 56. 289. 296. 



Vergleichung der am rechten Rande dieses Buches 
angeführten Abbildungen 

der achten Auflage von Springer- Michaelis Handbuch der Kunstgeschichte 
des Altertums mit denen der siebenten und der sechsten Auflage 



8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


1 


1 


— 


47 


40 


23 


100 








159 


153 


114 


4 


4 


— 


48 


41 


{41) 


108 


105 


79 


160 


154 


115 


5 


(5) 


— 


49 


42 


{42) 


109 


106 


80 


161 


155 


116 


6 


6 


— 


52 


44 


— 


111 


108 




162 


(156) 


{117) 


7 


8 


— 


53 


45 


25 


112 


— 


— 


165 


(159) 


{120) 


8 


— 


— 


54 


46 


26 


118 


109 


78 


166 


(161) 


{122) 


9 


(7) 


— 


56 


48 


28 


114 


110 


— 


167 


(164) 


{125) 


10 


— 


— 


57 


49 


29 


117 


114 


— 


168 


162 


123 


U 


— 





64 


(57) 


{37) 


118 


115 


— 


169 


163 


124 


12 


9 


— 


66 


59 


39 


121 


117 


82 


171 


165 


— 


13 


10 


— 


67 


60 


40 


130 


(128) 


{92) 


172 


(166) 


{126) 


14 


11 


— 


71 


65 


44 


131 


126 


90 


173 


(170) 


{130) 


15 


12 


— 


73 


67 


46 


132 


127 


91 


174 


(169) 


{129) 


18 


15 


1 


74 


68 


— 


138 




— 


175 


(168) 


{128) 


19 


16 


4 


76 


80 


56 


184 


(129) 


{93) 


179 


172 


— 


23 


20 


6 


77 


82 


58 


135 


130 


{94) 


180 


— 


— 


24 


— 




81 


(75) 


{53) 


136 


(131) 


{95) 


181 


181 


.._ 


25 


21 


— 


82 


77 


— 


138 


133 


97 


182 


(182) 


— 


30 


23 


— 


83 


78 


54 


139 


134 


{98) 


183 


184 


— 


84 


(28) 


m 


84 


79 


55 


140 


135 


99 


184 


185 


^._ 


85 


29 


13 


88 


83 


59 


148 


(142) 


{105) 


185 


186 


141 


86 


30 


14 


90 


85 


61 


149 


148 


106 


188 


(194) 


{142) 


87 


31 


15 


91 


(86) 


{62) 


150 


144 


107 


189 


173 


132 


41 


35 


19 


93 


87 


63 


152 


146 


109 


191 


175 


134 


48 


(37) 


m) 


94 


88 


64 


153 


147 


110 


193 


177 


136 


45 


— 


— 


95 


(89) 


{68) 


154 


(148) 


{111) 


194 


178 


137 


46 


39 


— 


99 


93 


— 


155 


149 


— 


195 


179 


— 



Vergleichung der Abbildungen 



363 



8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


196 


180 


— 


259 


250 


185 


311 


271 


278 


359 


333 


353 


197 


188 


148 


260 


251 


186 


312 


272 


— 


363 


337 


354 


198 


— 


— 


261 


252 


187 


314 


274 


— 


364 


338 


{207) 


199 


190 


— 


262 


253 


188 


315 


275 


[279) 


365 


339 


{208) 


200 


— 


— 


263 


— 


— 


316 


277 


{281) 


866 


340 


361 


201 


187 


— 


264 


254 


— 


317 


278 


— 


369 


343 


368 


202 


— 


— 


265 


255 


196 


319 


297 


283 


371 


— 


— 


203 


191 


138 


267 


257 


200 


320 


298 


284\6 


374 


350 


371 


204 


192 


139 


268 


258 


201 


321 


299 


— 


376 


352 


372 


206 


(193) 


{140) 


269 


259 


202 


322 


(300) 


{337) 


377 


353 


366 


208 


— 


— 


270 


— 


— 


323 


301 


— 


378 


354 


367 


210 


200 


146 


272 


260/2 


— 


324 


— 


— 


879 


355 


368 


211 


(201) 


(U7) 


273 


263 


— 


325 


(302) 


{333) 


381 


346 


— 


212 


202 


150 


274 


276 


— 


327 


307 


— 


382 


347 


— 


213 


208 


151 


275 


264 


278 


328 


308 


— 


385 


357 


513 


214 


(204) 


(149) 


276 


265 


— 


329 


— 


— 


886 


360 


379 


215 


205 


152 


277 


266 


276 


331 


(306) 


{203} 


887 


(361) 


{380} 


216 


206 


— 


278 


267 


— 


332 


309 


— 


388 


362 


209 


217 


207 


153 


279 


268 


— 


333 


310 


— 


389 


363 


210 


218 


208 


154 


280 


— 


— 


334 


311 


288 


390 


(364) 


{214) 


219 


209 


155 


282 


— 


— 


335 


312 


289 


892 


366 


384 


220 


210 


156 


283 


— 


— 


339 


314 


341 


393 


367 


— 


223 


212 


158 


284 


— 


— 


340 


315 


342 


394 


368 


385 


225 


214 


160 


285 


273 


280 


341 


(319) 


{340) 


395 


(369) 


{387) 


230 


221 


168 


287 


280 


322 


342 


320 


334 


896 


370 


394 


233 


(224) 


{171) 


288 


281 


326 


343 


313 


362 


397 


(371) 


— 


237 


227 


174 


289 


282 


321 


346 


(322) 


{345) 


898 


372 


395 


239 


231 


178 


290 


283 


324 


347 


324|5 


348 


399 


373 


388 


241 


232 


179 


291 


284 


325 


349 


326 


346 


400 


374 


389 


242 


233 


180 


292 


286 


327 


350 


— 


— 


401 


375 


390 


243 


234 


181 


294 


— 


— 


350 a 


— 


— 


402 


376 


391 


248 


239 


190 


295 


— 


— 


351 


— 


— 


404 


378 


393 


249 


240 


— 


296 


288 


329 


351a 


— 


— 


405 


(379) 


{381) 


260 


241 


194 


297 


289 


332 


352 


827 


204 


408 


382 


212 


251 


242 


— 


303 


294 


330 


353 


328 


205 


410 


384 


{213) 


252 


243 


U93) 


305 


— 


— 


354 


329 


349 


416 


(388) 


{222) 


253 


244 


195 


306 : 


— 


— 


355 


— 


— 


420 


(392) 


{408) 


255 


246 


— 


307 j 


— 


— 


356 


330 


350 


422 


393 


409 


256 


247 


191 


308 ! 


303 


— 


357 


831 


351 


423 


394 


396 


257 


248 


— 


809 \ 


(304) 


{338) 


358 


332 


352 


426 


397 


407 



364 



Vergleichung der Abbildungen 



8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


427 


398 


294 


505 


462 


430 


597 


(540) 


{253) 


689 


615 


507 


428 


399 


395 


508 


465 


{433) 


598 


541/2 


254/5 


698 


616 


508 


429 


400 


373 


509 


466 


434 


599 


543 


256 


694 


617 


509 


430 


401 


374 


511 


468 


436 


600 


544 


257 


696 


619 


— 


431 


402 


376 


518 


— 


— 


601 


545 


258 


697 


620 


— 


432 


403 


375 


515 


471 


438 


602 


546 


259 


699 


621 


— 


438 


404 


377 


516 


472 


439 


603 


547 


260 


700 


622 


— 


434 


405 


— 


518 


482 


447 


606 


552 


264 


701 


623 


— 


436 


407 


220 


519 


(476) 


{440) 


607 


553 




711 


633 


532 


437 


408 


221 


520 


477 


441 


613 


559 


271 


712 


634 


530 


441 


412 


{218) 


621 


478 


442 


614 


560 


272 


718 


640 


537 


448 


423 


230 


524 


— 


— 


616 


562 


311 


719 


641 


538 


450 


— 


— 


525 


430 


300 


620 


568 


484 


721 


643 


— 


452 


417 


398 


527 


— 


— 


621 


571 


— 


722 


644 


540 


455 


— 


— 


628 


484 


269 


624 


— 


— 


725 


— 




456 


419 


4112 


529 


(450) 


{227) 


625 


— 


— 


726 


(647) 


[543) 


457 


(420) 


{414) 


530 


451 


— 


634 


581 


494 


727 


648 


544 


458 


422 


415 


532 


485 


— 


638 


587 


504 


728 


(649) 


{545) 


459 


424 


416 


533 


444 


420 


639 


589 


483 


729 


(660) 


{546) 


465 


429 


— 


534 


486 


423 


640 


588 


505 


731 


(652) 


{548) 


467 


441 


226 


536 


487 


450 


641 


590 


{515) 


732 


653 


549 


468 


440 


224 


546 


496 


459 


648 


99 


73 


736 


426 


297 


469 


442 


223 


547 


498 


462 


649 


100 


74 


787 


657 


553 


470 


— 


— 


549 


500 


464 


650 


102 


76 


740 


660 


556 


471 


432 


— 


550 


(501) 


{46S) 


653 


527 


242 


746 


(666) 


{561) 


472 


433 


— 


551 


— 


— 


654 


526 


241 


755 


675 


574 


478 


439 


418 


555 


605 


461 


657 


596 


488 


756 


— 


— 


480 


473 


443 


556 


— 


— 


658 


597 


489 


758 


677 


573 


482 


438 


417 


557 


506 


470 


663 


600 


485 


759 


678 


568 


484 


(443) 


{419) 


559 


508 


306 


667 


— 


— 


760 


(679) 


(570) 


488 


445 


— 


561 


510 


304 


672 


689 


— . 


761 


680 


571 


489 


446 


421 


572 


519 


233 


673 


690 


— 


763 


682 


577 


490 


— 


— 


577 


523 


238 


677 


604 


495 


764 


683 


— 


491 


— 


— 


580 


— 


— 


678 


— 


— 


765 


(681) 


{576) 


492 


448 


— 


581 


— 


— 


679 




— 


769 


(686) 


{598) 


496 


— 


— 


584 


530 


2U 


680 


(605) 


(496) 


770 


— 


— 


498 


(455) 


— 


590 


533 


247 


683 


608 


499 


778 


— 


— 


499 


456 


424 


591 


534 


248 


684 


609 


— 


780 


— 


— 


501 


458 


426 


594 


537 


251 


685 


610 


500 


781 


697 


589 


508 


460 


428 


596 


549 


262 


686 


611 


501 


782 


(698) 


{590) 



Vergleichung der Abbildungen 



365 



8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


8 


7 


6 


783 


699 


591 


812 


(722) 


{609) 


852 


749 


637 


886 


774 




786 


703 


594 


816 


— 


— 


853 


750 


643 


887 


(775) 


{631) 


791 


— 


— 


817 


725 


611 


855 


753 


629 


888 


— 


— 


792 


569 


476 


819 


(726) 


{610) 


857 


755 


642 


889 


(776) 


{632) 


794 
795 
796 
797 


(707) 
(706) 
708 


599 


820 

822 
823 

824 


727 
728 
730 


613 
612 


864 
865 
866 
870 


762 

(763) 

764 


{649) 


ni 

IV 
V 


Tafeln 

II 

IV 


II 
V 


798 


709 


600 


827 


729 


623 


870 a 


— 


— 


TI 


III 


IV 


802 


712 


602 


833 


735 


624 


871 


— 


— 


TU 


V 




804 


— 


— 


838 


739 


— 


876 


771 


— 


IX 


VI 


YI 


808 


717 


606 


839 


(740) 


{616) 


877 


772 


— 


X 


VII 


— 


809 


718 


607 


840 


741 


617 


878 


101 


75 


XI 


IX 


{VII) 


8U 


720 


— 


849 


746 


633 


885 


773 


— 


XII 


(VIII) 


{VIII) 



S. 256 Z. 4 V. u. lies: der Grabungen durch Borchardt im Jahre 1899 



Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG 



Bergner, Heinrich, Handbuch der bürgerlichen Kunst- 
altertümer in Deutschland. 2 Bände. VIII, 644 S. Lex.- 8". 
Mit 790 Abb. Geh. M. 18. — , in 2 Leinenbänden M. 20. — . 

Bode, Wilhelm, Rembrandt und seine Zeitgenossen. Cha- 
rakterbilder der großen Meister der holländischen und 
vlämischen Malerschule im 17. Jahrhundert. Zweite, ver- 
mehrte Auflage. VII, 294 Seiten 8**. Geh. M. 6. — , gebd. 
in Leinen M. 7.50, in Halbfranz M. 9. — . 

Burckhardt, Jacob, Der Cicerone. Eine Anleitung zum 
Genuß der Kunstwerke Italiens. Neunte, verbesserte und 
vermehrte Auflage, unter Mitwirkung von Fachgenossen 
bearbeitet von W. Bode und C. v. Fabriczy. I. Antike 
Kunst. VIII, 216 Seiten. IL Mittelalter und neuere Zeit. 
III, 966, VIII, 164 Seiten 8". In vier Bände gebd. M. 16.50. 

— — Neudruck der ersten Auflage. Mit einem Nachruf 
für Jacob Burckhardt von W. Bode. XXVII, im S. 8". 
3 Bände. Geh. M. 12.—, gebd. M. 16.—. 

— Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. 
Zehnte Auflage von Ludwig Geiger. 2 Bde. XXXII, 397, 
XI, 441 S. 8». Geh. 10.50, in zwei Leinenbdn. M. 12.50, 
in zwei Halbfranzbdn. M. 14.50. 

— Die Zeit Constantins des Großen. Dritte, vom Verfasser 
selbst besorgte Auflage. IX, 484 Seiten 8"*. Geh. M. 6. — , 
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Engelmann, Richard, Pompeji. Zweite, durchgesehene 
Auflage. III, 105 Seiten 8^ Mit 144 Abb. Kart. M. 3.—. 

FÖIzer, Elvira, Die Hydria. Ein Beitrag zur griechischen 
Vasenkunde. VIII, 1 20 Seiten 8*. Mit 20 Lichtdrucktafeln. 
Geh. M. 4.—. 

Franz Pascha, Kairo. Mit einem Anhang: Die Altertümer des 
ägyptischen Museums, von Fr. W. v. Bi&sing. V, 160 S. 8'. 
Mit 128 Abbildungen. Kart. M. 4.—. 

Graevenitz, G. von, Deutsche in Rom. Skizzen und Studien 
aus elf Jahrhunderten. XII, 307 Seiten gr.-8*'. Mit 100 Abb. 
und 2 Plänen von Rom. Geh. M. 8. — , gebd. M. 9. — . 



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